Black is (more than) OK

Tal Memorial vor dem ersten Ruhetag

Autor: Thomas Richter

 

Überall gibt es Berichte zum Tal Memorial, was kann ich dem hinzufügen? Nicht etwa tiefgreifende Analysen, denn dafür fehlt mir sowohl die Zeit als auch die Spielstärke (und Houdinis Meinung zu bestimmten Stellungen kann der Leser ja auch selbständig herausfinden). Stattdessen ein paar allgemeine Eindrücke und zwischendrin eine Info, die meines Wissens auf Deutsch oder Englisch bisher nirgendwo im Internet steht.

 

Drei Runden sind bisher gespielt, aber ich tue zunächst mal als ob das Turnier noch nicht begonnen hat (Tag minus eins). Wer sind die/meine Favoriten für den Turniersieg? Carlsen, natürlich Carlsen – aber für mich ist er nicht der haushohe oder einzige Favorit. Da wären auf jeden Fall Kramnik, Karjakin und Caruana, die alle bereits bewiesen haben, dass sie in _manchen_ (wenn auch nicht in allen) Superturnieren mit ihm mithalten können. Vielleicht auch noch Nakamura, wobei der bisher nur ein Superturnier gewonnen hat (Wijk aan Zee 2011) und ansonsten zwar öfters vorne mit dabei war, aber etwa genauso oft 50% oder z.T. deutlich weniger holte. Natürlich ist er ein hochinteressanter Spieler – mit Licht aber eben auch mit Schatten. Anand (Foto)? Wenn er die Form und Motivation aus ebenfalls Wijk aan Zee, diesmal meine ich 2013, wieder findet, muss man auch mit ihm rechnen. Wenn nicht, dann eher nicht. Dann wäre da auch noch Mamedyarov, der das Turnier auch schon einmal (geteilt) gewonnen hat.

Turnierseite
Partien Blitz
Ergebnisse Blitz
2012
2011
2010
2009
2008

 

Und wer ist "Favorit" für den letzten Platz? Nach Elo Andreikin, aber dem traue ich in seinem ersten internationalen Superturnier mehr zu. Immerhin konnte er in einem nationalen Superturnier, der russischen Meisterschaft, gut mithalten und den Schnellschach-Tiebreak sogar gewinnen. Nun bekommt er auch Einladungen auf hohem Niveau, die nächste ist bereits Dortmund. Tendenziell sage ich Gelfand – der versteht unheimlich viel vom Schach, kann das am Brett aber nicht immer beweisen mit (auf Topniveau) mehr Schatten als Licht. Aber es gibt noch zwei Spieler bei denen es mal sehr gut und mal gar nicht läuft: Morozevich und (wiederum) Nakamura.

 

Dann Tag Null mit dem Blitzturnier. Auf die Partien gehe ich nicht ein, hier nur der im Vorbericht von Raymund Stolze bereits erwähnte Endstand: Nakamura 7/9, Anand 6.5/9, Kramnik 5.5/9, Gelfand und Carlsen 4.5/9, Andreikin und Mamedyarov 4/9, Karjakin 3.5/9, Morozevich 3/9, Caruana 2.5/9. Der Endstand im Hauptturnier mit klassischer Bedenkzeit wird vermutlich anders aussehen – zumindest für Karjakin und/oder Caruana, vielleicht auch für Nakamura und einige andere Spieler. Neben ein bisschen Preisgeld (immerhin vierstellig) entschied das Blitzturnier über Startnummern und damit Farbverteilung im Hauptturnier – die Teilnehmer konnten sich diese, in der Reihenfolge des Zieleinlaufs, aussuchen. Zur allgemeinen Überraschung wählte Kramnik Nummer 7 und hat damit fünfmal Schwarz und nur viermal Weiss. Grund waren die Tiebreak-Regeln: bei Gleichstand ist "more games with black" nämlich erstes Kriterium (dann mehr Siege, direkter Vergleich und Sonneborn-Berger). Das entscheidet im Fall des Falles nicht nur über die Trophäe sondern beeinflusst auch das Preisgeld – wenn zwei geteilt Erster werden bekommt der "Sieger" 30,000 Euros und der Zweite nur 20,000 Euros (ähnlich mit kleineren Unterschieden für alle anderen Plätze). Colin McGourty hat mir das auf Anfrage freundlicherweise aus dem Russischen übersetzt – "im Westen" wurde diese Frage meines Wissens zwar mitunter gestellt aber nie beantwortet.

 

Zum Turnier selbst: Bereits in der ersten Runde zeigte sich, dass Ergebnisse aus dem Blitzturnier beschränkt haltbar sind – denn Nakamura, Anand und Kramnik hatten hinterher genauso viel oder wenig klassische Punkte wie vorher. Die beiden ersten Runden zeigten, dass der Weissvorteil am Brett sehr relativ bis nicht vorhanden ist. Egal was die Weisspieler versuchten, Haupt- oder Nebenvarianten, (fast) niemand erreichte zählbaren Vorteil und einige standen schnell schlechter. Es gab dann auch vier Schwarzsiege und nur einen Weissieg. Ausgerechnet Kramnik, der Anlass für diese Bemerkung ist, hielt sich nicht an die Spielregeln. Zunächst verlor er, gegen Carlsen, als Einziger mit Schwarz – das war aber eher unnötig und hatte kaum mit der Eröffnung zu tun. Tags darauf hielt er sich an das Drehbuch und verlor mit Weiss gegen Nakamura, allerdings stand er da zunächst klar besser bis gewonnen. Laut Svidler im russischen Livekommentar (das haben andere übersetzt) ist das der erste 0/2 Fehlstart in Kramniks langer Karriere – Nakamura hätte sich über diese rote Laterne nicht beschweren können, wie er in der Pressekonferenz selbst zugab.Am zweiten Tag stimmt übrigens nicht ganz dass Weiss aus der Eröffnung gar nichts erreichte. Andreikin stand gegen Anand zumindest "schön", hatte aber dafür drei Bauern geopfert. Nachdem er deren vier zurück gewann, war das Turmendspiel remis – laut Engine-Orakel ein korrektes Ergebnis der Partie. Und Morozevich hatte in der Caro Kann Vorstossvariante klaren Vorteil gegen Mamedyarov, konnte den aber nicht verwerten.

 

Nach diesen zwei Runden stand das Konzept für meinen Bericht, und dann halten sich die Spieler nicht mehr an das Drehbuch. Kramnik demonstrierte immerhin, dass Schwarz mitunter OK ist: im Blitztempo spielte er seine Vorbereitung (davon gehe ich aus) im Nimzo-Inder gegen Mamedyarov, erst ab dem 22. Zug überlegte er, ob er dem Dauerschach ausweichen kann, und dann wurde es doch remis. Für beide wohl akzeptabel: Mamedyarov ist (ich greife voraus) weiterhin geteilter Erster, und Kramnik hat zumindest nicht lang rochiert. Gelfand-Andreikin endete auch früh mit Zugwiederholung, und dann kam Nakamura mit einem "sauberen" Weissieg gegen Karjakin. Mit "sauber" meine ich, dass auf den ersten Blick unklar ist was Schwarz falsch machte. Ich spiele selbst seit Jahrzehnten Grünfeld und weiss, dass der weisse d-Bauer gefährlich werden kann, wenn man ihn nicht stabil blockiert. Karjakin hat mit dieser Eröffnung relativ wenig Erfahrung, vielleicht wollte er Nakamura überraschen und dann kam die Gegen-Überraschung 5.Ld2. Anand gewann auch mit Weiss gegen Morozevich, das lag aber wohl daran, dass Moro in einem geschlossenen Spanier nach der Zeitkontrolle zu viel riskierte. Nur Carlsen-Caruana 0-1 lief nach Drehbuch.

 

Vor einigen Diagrammen noch der Zwischenstand: Gelfand, Caruana, Mamedyarov und Nakamura 2/3, Andreikin, Anand, Carlsen 1.5/3, Morozevich, Karjakin 1/3, Kramnik 0.5/3. Natürlich ist noch nichts entschieden (nur Kramnik wird wohl eher 50% anstreben als den Turniersieg). Letztes Jahr ging es im Turnier drunter und drüber, bevor Carlsen am Ende einen halben Punkt Vorsprung hatte. Zum zweiten Ruhetag melde ich mich wieder.

 

Und nun ein paar Stellungen. Natürlich muss ich auf die Partie Carlsen-Kramnik eingehen, die hinterher recht unterschiedlich kommentiert wurde. Das bunte Treiben begann schon im zweiten Zug (1.d4 Sf6 2.Lg5!?). Viel erreichte Carlsen damit nicht, immerhin (und das war wohl Sinn der Sache) ungewöhnliche Stellungsbilder abseits allzu bekannter bzw. langer Theorie. Nach seinem 42. Zug stand es so:

 

1

 

Kramnik hatte also einen Bauern weniger – dieses Opfer war vielleicht nicht notwendig, aber angesichts des starken d-Freibauern sollte die Stellung sich immer noch im Gleichgewicht oder zumindest in der Remisbreite befinden. Nun geschah 42.-h4+?! 43.Kxh4 Txf2 44.Kg3 Tf6? 45.Txf6 Kxf6. Der 42. Zug war zwar prinzipiell (bei Materialnachteil sollte man Bauern tauschen, bei materiellem Vorteil Figuren), aber hier konkret wohl doch dubios. Und warum tauschte er freiwillig die Türme? Wenn er sofort noch –Le4 spielen könnte wäre das Remis unterschriftsreif, da Weiss nach anschliessend –Lxg2 nur den falschen Randbauern behält. Aber das kann Carlsen verhindern, und das Läuferendspiel ist dann gewonnen: den d-Bauern bekommt er, und dann muss er nur noch ein bisschen aufpassen.

 

Zur Partie schrieb Chessbase auf Deutsch (etwas umformuliert): " Carlsen gewann in seinem typischen Stil. … Im Endspiel hatte er dank einer Bauernschwäche des Schwarzen leichten Vorteil. Diesen Vorteil baute Carlsen im weiteren Verlauf der Partie geduldig aus und auch der Endspielvirtuose Kramnik war diesem permanenten Druck schließlich nicht gewachsen. Kramnik verlor erst einen Bauern und nach der Abwicklung in ein reines Läuferendspiel am Ende auch die Partie." Hmm, Kramnik hatte einen Bauern geopfert (nicht etwa verloren) und selber ins Läuferendspiel abgewickelt – an dem Tag war er kein Endspielvirtuose. Näher am Kern des Pudels ist wohl der – eindeutig unabhängig verfasste – englische Chessbase-Text: "Carlsen profitierte von einigen merkwürdigen Entscheidungen Kramniks im Endspiel." Und noch drastischer – das können sie mitunter – schrieb Whychess: "Es ist sinnlos, den Sieg des Herausforderers über den Ex-Weltmeister im Detail zu analysieren, da letzterer Opfer einer Halluzination wurde."

 

Ich habe die Angewohnheit, bei Kommentaren zu Partien die Namen der Spieler weitgehend auszublenden oder zu ignorieren. Was würde man sagen, wenn das nicht Carlsen-Kramnik gewesen wäre, sondern z.B. Gelfand-Svidler oder Fridman-Meier? Auch Lob für den Sieger, oder eher Tadel für den Verlierer??

 

Bei den vier Führenden nach drei Runden (Carlsen ist nicht darunter, warum sehen wir gleich) konzentriere ich mich auf Caruana, da er sich komplett ans Drehbuch hielt: Schwarz gewinnt, Weiss verliert.

 

Am ersten Tag hatte er Schwarz gegen Anand, so stand es nach dem 16. Zug des aktuellen Weltmeisters:

 

2

 

Caruana wollte schon (ein-bis) zweimal einen Bauern opfern. Erst deutete er den Marshall-Angriff an, Anand wich aus. Dann spielte er doch (8.h3 Lb7 9.d3) 9.-d5, aber wieder liess Anand den e-Bauern leben. Beim dritten Mal muss er nun zugreifen: 16.-Scb4!? 17.Txa5 Sxc2 18.Dxc2 usw. . Mit seinem Läuferpaar und der entstandenen weissen Schwäche auf d3 hat Schwarz genug Kompensation, wobei Caruana nach eigener Aussage zunächst nur Ausgleich anstrebte. Aber später gewann er das Material mit Zinsen zurück und letztendlich die Partie.

 

Tags darauf hatte Caruana Weiss gegen den bekannten Theoretiker Gelfand. In einer bekannten, allerdings momentan nicht mehr top-aktuellen Najdorf-Variante spielte er die ersten 26 Züge (der 26. Zug war eine dubiose Neuerung) im Blitztempo, während Gelfand bereits einige Zeit investiert hatte. Nur wenig später stand es so:

 

3

 

Hier war 32.Dxb4 Pflicht, auch wenn der Bauer etwas vergiftet ist. Nach stattdessen 32.Lf2? Se2! (32.-d3+ war auch nicht schlecht) überfielen die schwarzen Figuren trotz bereits reduzierten Materials den weissen König wie Heuschrecken. Gelfand konnte sogar verkraften, dass er kurz danach ein forciertes Matt übersah, und gewann dennoch im 41. Zug.

Dann das C&C Duell Carlsen-Caruana. Wird das "demnächst" auch ein WM-Match, oder haben z.B. K wie Karjakin oder mittelfristig G wie Giri was dagegen? Diesmal konnte Caruana sich durchsetzen und ans Drehbuch halten, da sein bekannter Gegner mithalf. Wiederum ist der erste kritische Moment nach dem 16. Zug, diesmal nach beiderseits 16 Zügen:

 

4

 

Carlsen hat aus der Eröffnung nichts erreicht, muss ja auch nicht unbedingt sein. Aber warum bitte hier 17.Sc5? Sxc5 18.dxc5 Txc5 19.b4 Tb5, hatte er etwa den letzten schwarzen Zug nicht auf der Rechnung? Ein Bauer ist ein Bauer, und die weisse Kompensation dubios bis nicht vorhanden. Er rettete sich in ein Turmendspiel mit Minusbauer, das "eigentlich" remis war. Aber dann wurde er doch mit seinen eigenen Waffen geschlagen, wobei er nochmal ein bisschen helfen musste:

5

 

49.Tf8? (49.Tb8, und wie macht Schwarz Fortschritte?) 49.-Txh4 50.Txf7+ Kg6 51.Tf6+ Kxg5 und ab hier wissen Tablebases Bescheid, Schwarz gewinnt! Chessbase (auf deutsch) bezeichnet erst den nächsten Zug 52.Txb6 als Verlustzug und meint, dass 52.Tf5+ remis hält, kennen sie etwa nicht diesen Link (sehr nützlich für Kommentatoren): http://www.k4it.de/?topic=egtb&lang=en ? Trivial war es nicht, im weiteren Verlauf musste Caruana viermal den einzigen Gewinnzug spielen und noch einmal einen von zwei Gewinnzügen finden, aber diese Aufgabe löste er, nach Caruanas 62. Zug gab Carlsen auf.

Das war übrigens dieses Jahr bereits das dritte Mal, dass Carlsen ein schlechteres aber theoretisch remises Turmendspiel verlor (davor im Kandidatenturnier gegen Ivanchuk und in Norwegen gegen Wang Hao) – auch er ist nicht immer ein Endspielvirtuoso!