Gedanken zu der „Anerkennung“ des Schachsports in der Politik von JULIA KIRST (Foto)

 

Zugegebenermaßen, die obige Frage ist sinnlos. Wenn Schach Denksport ist, muss es automatisch auch Sport sein, da das Wort „Sport“ in „Denksport“ Julia_Kirst

steckt. Warum dann dieser Artikel? Weil das Bundesministerium des Inneren [BMI] Schach nur als Denksport, aber nicht als Sport, ansieht und unserer Sportart deshalb die Förderung streichen möchte. Immerhin 135 000 € pro Jahr, für uns Schachspieler sehr viel.

 

Laut BMI ist Schach keine förderungsberechtigte Sportart, da es keine „eigenmotorische Aktivität“ gäbe. Der DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund) hingegen ist der Meinung, dass Schach weiter gefördert werden sollte. Im Grunde genommen ist aber der DOSB „Schuld“ an der Diskussion. Am 7. Dezember 2013 wurde von ihm eine neue Fördersystematik verabschiedet. Darin heißt es: „Die Ausübung einer Sportart muss durch eine eigene, sportartbestimmende motorische Aktivität des Sportlers gekennzeichnet sein, die nicht überwiegend in der Bewältigung technischen motorgetriebenes Geräts besteht. Diese eigenmotorische Aktivität liegt insbesondere nicht vor bei Denksport-, Geschicklichkeits- und Glücksspielen, Bastel-, Funk-, Computer- und Modellbautätigkeiten.“ Dieser Passus steht jedoch schon länger in den Richtlinien des DOSB, erst jetzt wurde er seitens des BMI gegen den Schachsport ausgelegt. Wer sich über mögliche Gründe informieren möchte, dem sei der Artikel Schach in Deutschland nur noch „Denksport“? von Arno Nickel in der August-Ausgabe der Zeitschrift SCHACH  ans Herz gelegt [Seiten 66-70].
 

 

Vielleicht hat Schach doch eigenmotorische Aktivitäten? Etwa das Ziehen der Figuren und das Drücken der Uhr? Diese Argumentation wurde seitens des DSB versucht. Ich finde: Das ist sinnlos, Schach hat nun einmal keine eigenmotorische Aktivität. Wir sollten unser tolles Spiel nicht mit solchen albernen Diskussionen lächerlich machen.

 

Was nun, kampflos aufgeben? Nein, lieber nach besseren Möglichkeiten suchen! Fakt ist, Schach ist ein Denksport, daran kann auch das BMI nichts ändern. In Norwegen, dem Land unseres Weltmeisters Carlsen, gibt es einen Denksportbund mit Spielen wie Schach, Go und Backgammon. Schach ist nicht Mitglied im Sportbund, der Denksportbund wird jedoch nicht ausgegrenzt. Im Gegenteil, er wird akzeptiert. Magnus Carlsen wurde 2013 zum Sportler des Jahres in Norwegen gewählt.

 

Hierzulande habe ich das Gefühl, dass wir Schachspieler uns zu schade sind, mit Spielern von Go oder Backgammon auf einer Stufe zu stehen. Warum? Go und Backgammon haben einige Ähnlichkeiten mit Schach und zählen ja deswegen auch zu den Denksportarten. Wir Schachspieler sollten uns nicht so wie andere Menschen verhalten und andere Sportarten und Spiele grundlos ausschließen. In Norwegen funktioniert es bestens. Außerdem sind wir einfach nicht in der Position, um arrogant zu sein …

 

Es ist einfach wichtig, unseren Sport besser in den Medien zu präsentieren. Mit Sportarten, die ein gewisses Standing haben, würde das BMI nicht so umgehen … Deshalb sollten wir unsere Vorteile für jedermann erkenntlich machen.

 

Die Leichtathletik steht im Moment mehr in den Medien als sonst. Leider sind die Gründe dafür nicht allzu positiv. Bei den Deutschen Leichtathletikmeisterschaften in Ulm am letzten Juli-Wochenende  gewann im Weitsprung Markus Rehm. Sein rechter Unterschenkel ist amputiert, er springt mit einer Prothese. Nun die große Diskussion: Hat er mit einer Feder in der Prothese einen entscheidenden Vorteil beim Absprung? Schnell wurden biomechanische Untersuchungen vom DLV (Deutscher Leichtathletikverband) veranlasst, um zu überprüfen, ob Rehms Sieg rechtens ist. Schließlich ging es um die Nominierung für die EM, die vom 12. bis 17. August in Zürich 2014 stattfindet. Darf Markus Rehm für Deutschland starten? Der DLV entschied: Nein, die Prothese verschafft ihm einen Vorteil beim Absprung. Der Sportler akzeptierte die Entscheidung, hält jedoch dagegen: Er hat beim Anlauf einen Nachteil und ist im Anlauf wegen der Prothese langsamer als nichtbehinderte Sportler. Rehm hat von sich aus ein Gutachten in Auftrag gegeben, das diese Frage klären soll.

 

Letztendlich gibt es nur Verlierer. Markus Rehm, der sich bestmöglich vorbereitet hat für die Deutschen Leichtathletikmeisterschaften und sich das Großereignis EM erkämpft hat und nun doch nicht starten darf wegen einer oberflächlichen Untersuchung. Der Weitsprung wegen der negativen Presse. Und der DLV, der sich dem Thema Inklusion eher hätte stellen müssen und solche biomechanischen Untersuchungen zeitiger und gründlicher hätte durchführen müssen.

 

Sie werden sich jetzt fragen: „Was hat das mit dem Thema zu tun?“ Wir Schachspieler sollten öfter mal über den Tellerrand hinaus schauen und unsere Vorteile betonen. Ja genau, Inklusion, unser großer Vorteil! Was die Leichtathletik gerade erst anfängt, haben wir Schachsportler schon längst geschafft: Inklusion. Wenn behinderte und nichtbehinderte Menschen miteinander Schach spielen, geht es nicht darum, wer hatte den und den Vorteil, sondern wer hat warum besser gespielt. Was die Politik sich als Ziel gesetzt hat, leben wir, beispielsweise in diesen Tagen bei der gerade stattfindenden Schacholympiade in Tromsø. Behinderte und Nichtbehinderte spielen im sportlichen Wettkampf gemeinsam Schach, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres. Jeweils drei Frauen- und Männerteams mit behinderten Menschen sind am den Start: IPCA (körperlich Behinderte), IBCA (Blinde) und ICCD (Gehörlose). IPCA, IBCA und ICCD sind auch Verbände, die eigene Schachturniere ausrichten. Jedoch können Mitglieder dieser Verbände auch problemlos an Schachturnieren des DSB teilnehmen.

 

Vielleicht sollte die Politik uns Denksportler als große Vorbilder hinstellen. So nach dem Motto: Was wollt ihr denn, Inklusion ist doch nicht so schwer! Würde sie das tun, wären uns 135 000 € im Jahr sicher …

 

Inklusion in Schulen ist ja auch so ein Thema. Realisierbar, ja oder nein? Auf jeden Fall wäre Schach in Schulen als Unterrichtsfach ein guter Anfang, um Kinder zur Toleranz gegenüber Behinderten zu erziehen.

 

Das sind ganz schön viele Forderungen, die natürlich alle nicht auf einmal erfüllt werden. Wer weiß, ob überhaupt? Für den Anfang reicht es, wenn die Politiker einfach mal lesen: Denksport ist Sport. Ansonsten ergibt die deutsche Sprache keinen Sinn.

 

Dass Inklusion mittels Schach in Deutschland möglich ist, beweist eindrucksvoll  die Schacholympiade in Tromsø. Auch deutsche behinderte Teilnehmer sind übrigens an dem „weltweit viertgrößtem Sportereignis“ laut chess24 mit über 170 Nationen dabei. Für die Blinden startet der deutsche Vizeweltmeister Oliver Müller von Werder Bremen an Brett 5. Bei den Gehörlosen haben sich  für die Männer Reza Mohammad Ghadimi vom SK Doppelbauer Kiel [ebenfalls an Brett 5] und für die Frauen Annegret Mucha vom SV Jenapharm Jena an Brett 2 qualifiziert!

 

Jetzt liegt es an uns Schachspielern und Schachsportlern, medienwirksam für unsere Anerkennung zu kämpfen.

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