Noch ein Bericht zum Basler Schachfestival

Durch die deutsch-niederländische Brille betrachtet

 

 

Das Basler Schachfestival habe ich mit besonderem Interesse verfolgt, auch im Vergleich zu parallelen und etwa vergleichbaren offenen Turnieren wie Hastings und Rilton Cup. Warum? Eine Reihe Landsleute waren mit dabei – oft auch an den live übertragenen ersten vier Brettern. Damit meine ich sowohl Deutsche als auch Niederländer. Es sei gestattet, auch Letztere etwas ausführlicher zu erwähnen – zumal sie auch für deutsche Bundesligavereine spielen: Benjamin Bok für Katernberg, Jorden Van Foreest für Emsdetten (da ist er Teamkollege u.a. seines älteren und international bekannteren Landsmanns Anish Giri). Mit dabei waren auch noch GMs aus Ungarn, Venezuela und der Schweiz sowie eine Bulgarin. Ich nenne nur diejenigen, die entweder vor oder während dem Turnier besonders auffielen oder auch beide Male.

 

Die fünf punktgleichen, aber nach Wertung relativ deutlich voneinander getrennten Sieger nannte Kollege Raymund Stolze bereits, ich nenne noch ein paar mehr Namen: GM Naiditsch, IM Donchenko, GM Iturrizaga, IM Dann, GM Pavlovic alle 5.5/7, IM Svane, GM Bok, GM Pelletier, IM Graf, GM Hort 5, IM Van Foreest, GM Rapport und noch sechs Spieler 4.5, Wertungsbeste mit 4/7 WGM Djingarova. Den Serben Pavlovic hatte ich noch nicht indirekt erwähnt – er hat sich erst ganz zum Schluss nach vorne durchgearbeitet. Ich werde nun einige Spieler individuell besprechen – die drei deutschen Sieger hatten eines gemeinsam: in einer Partie hatten sie Glück, wohl das Glück des Tüchtigen – vielleicht etwas unfair, dazu Diagramme zu setzen, aber das wird mal wieder ein etwas anderer Turnierbericht.

Es bietet sich traditionell an, das Weihnachtsopen in Zürich mit dem Neujahrsopen in Basel zu kombinieren. Das taten dann auch eine Reihe Spieler, andere spielten zuvor zwischen den Jahren in Groningen.  Zwei waren zweimal erfolgreich – gemeint sind natürlich Arkadij Naiditsch und Alexander Donchenko. Und nun „Einzelkritik“ bzw. individuelles Lob, der Reihe nach. Generell beginne ich mit Runde 4, da die ersten drei Runden für die meisten Favoriten eher Aufgalopp waren.

 

Arkadij Naiditsch hatte in Zürich seine Favoritenrolle bestätigt und war auch in Basel ganz vorne, da nur nach Wertung. In Runde 4 traf er auf Rasmus Svane, das erste einer Reihe interessanter bis leicht pikanter Duelle im Turnier. Naiditsch gewann tief im Endspiel, zu dieser Partie kann man drei Dinge sagen die alle irgendwie stimmen: 1) Naiditsch zeigte starken Siegeswillen (ohne dabei viel zu riskieren), 2) am Ende hat halt der bessere und/oder erfahrenere Spieler gewonnen, 3) die Niederlage war aus Svanes Sicht unnötig. In der nächsten Runde bekam er mit Jorden Van Foreest den nächsten jugendlichen Gegner, und die Partie hat er sich wohl anders vorgestellt denn nach 41 Zügen stand es so, wobei Van Foreest (nicht etwa Naiditsch) Weiss hatte:

Van Foreest - Naiditsch

 

Weiss hat – nach Komplikationen in einem Najdorf-Sizilianer – drei (3) Mehrbauern. Die sind etwas entwertet, einer fiel relativ forciert, dennoch sollte Weiss das sicher auf die Dauer „irgendwie“ gewinnen aber scheiterte in der, wie man so schön sagt, „technischen Phase“ – Remis nach 73 Zügen. Offenbar marschierte er etwas zu überhastet mit dem (verbliebenen) c-Freibauern. Glück des Tüchtigen für Naiditsch? War das der bisher prominenteste Gegner des 15-jährigen Jorden Van Foreest? Das dachte ich zunächst, aber beim  Pokerstar Open im Oktober 2014 auf der Isle of Man spielte er bereits gegen Michael Adams (und verlor), zuvor hatte er gegen einen ehemaligen Weltklassespieler (Nigel Short) remisiert. In Runde 6 gab es das Favoritenduell Naiditsch-Rapport: Remis nach 15 Zügen – das war die zweite Partie einer Doppelrunde, und beide (zu Rapport s.u.) machten bereits in der ersten Partie Überstunden. Tags darauf spielte Naiditsch mit Schwarz gegen den überraschend stark aufspielenden IM Matthias Dann (Schachfreunde Berlin). Und wieder wurde es Remis, nach nun wieder (Zufall oder Absicht von Naiditsch?) 73 Zügen. Naiditsch hatte zuvor einiges versucht und im 30. Zug eine taktische Chance ausgelassen.

 

Nun will der Leser (jedenfalls ein Leser) wissen, wie ich Naiditschs Turnier insgesamt beurteile. Ich sage mal „routinierte Leistung ohne besonders zu glänzen“. Zuvor glänzte er – zumindest was das Ergebnis, 6.5/7, betrifft – in Zürich. Da hatte er relatives „Turnierglück“: seine von der Papierform her gefährlichsten Rivalen Richard Rapport, Eduardo Iturrizaga und Georg Meier liessen bereits früh im Turnier Federn und konnten daher Naiditsch nicht am Spitzenbrett besuchen (und eventuell vertreiben). Kein Vorwurf an Naiditsch, dafür konnte er ja nichts. Nur in den letzten beiden Runden spielte er gegen GMs: ein (offenbar nicht dokumentiertes) Remis gegen Christian Bauer und ein, sagen wir mal, sehr geduldiger Arbeitssieg in 107 Zügen gegen Kiril Georgiev. Das Preisgeld hat Naiditsch sicher gerne mitgenommen, die insgesamt 9,5 Elopunkte auch. Es bietet sich an, den Doppelsieger (Zürich + Basel) 2014/2015 mit dem Doppelsieger 2013/2014 Radek Wojtaszek zu vergleichen. Der Pole erzielte 6/7 und 6,5/7 und war damit insgesamt etwas besser. Dabei hatte er zusammen acht grossmeisterliche Gegner, Naiditsch immerhin drei. Die gewonnenen 22 Elopunkte hat Wojtaszek dann im B-Turnier in Wijk aan Zee fast komplett wieder eingestellt – nicht immer sind aller guten Dinge drei, jedenfalls nicht drei Turniere direkt hintereinander. Soweit mir bekannt, sitzt Naiditsch erst Anfang Februar wieder am Brett in Baden-Baden – das wird dann eher eine Standortbestimmung.

 

Alexander Donchenko konnte seine Glanzleistung aus Groningen nicht wiederholen – dafür muss er sich wahrlich nicht schämen: auch Caruana hat sein Ergebnis aus St. Louis hinterher nicht ganz bestátigt, das schafft man nicht in jedem Turnier und vielleicht gar nur einmal im Schachleben. In Basel hielt er mit Weiss eine zeitweise etwas schlechtere Stellung gegen Rapport doch ziemlich problemlos Remis. Danach traf er mit Benjamin Bok einen alten Bekannten aus Groningen. Damals gewann er, nun hatte er wieder Schwarz, spielte statt Najdorf Caro-Kann und stand zwischendurch bedenklich – aber Bok begnügte sich in Zeitnot mit einer Zugwiederholung. Der nächste Gegner, der ungarische IM Bela Toth, war vermeintlich(!) leichter. Aber dann kam Donchenko aus zunächst besserer Stellung heraus ein Bauer abhanden, und als er den zurück holte musste er (falls er sah was er angerichtet hatte) eine Schrecksekunde oder einige Minuten überstehen, so stand es nach 49.Lxa6? :

 

Donchenko-Toth

 

49.-Df3! und Weiss ist ziemlich mausetot. Stattdessen tauschte Toth die Damen, womit er zwar wiederum (auf e5) einen Bauern gewann aber nicht die Partie. Die Partie der Schlussrunde gegen Van Foreest hatte Kollege Raymund Stolze bereits. Da spielte Donchenko wie oft in Groningen: er schnappte sich einen Bauern (der Gegner dachte wohl, dieser sei vergiftet) und verwertete dann seinen Materialvorteil. Insgesamt waren 5,5/7, TPR 2655, eine „moralische“ GM-Norm – diese zählt nicht, da nur sieben Runden gespielt wurden. Nächster Versuch ist Gibraltar, übernächster (wenn nötig) laut Dortmunder Vereinshomepage offenbar „Dänemark“ (Politiken Cup?).

 

Dann (sic) Matthias Dann, der erst ab der fünften Runde auffiel – mit einem Sieg gegen den insgesamt etwas schwächelnden GM Pelletier. Ein Sizilianer (strukturell wurde es quasi ein Franzose) mit heterogenen Rochaden: zunächst war Schwarz (Pelletier) scheinbar schneller mit seinem Königsangriff, aber Dann hielt den Laden zusammen. Pelletier opferte einen Bauern für offene Linien am Damenflügel und hatte dadurch im Endspiel einen Bauern weniger, später deren zwei. Da die weissen Freibauern verbunden waren, meisterte Dann die technische Phase souverän bzw. recht problemlos. Danach bekam auch er eine vermeintlich leichtere Gegnerin, war aber wohl vorgewarnt. Die Bulgarin WGM Emilia Djingarova (Elo 2235. mit 37 weder alt noch jung) hatte jedenfalls zuvor vielleicht das Turnier ihres Lebens gespielt: Siege gegen zwei IMs (ein Opfer war Felix Graf) und remis gegen Pelletier. Leider sind, zumindest momentan, nur die Partien der Liveübertragung verfügbar. Aus der Eröffnung heraus stand sie klar besser, dann war ein naheliegender Turmzug nicht der beste und der Vorteil war dahin. Später landete sie in einem Damenendspiel mit Minusbauer, das dennoch sehr remislich war. Und dann diese Stellung:

 

Djingarova-Dann

 

Nach 68.Kh1! hätte Schwarz vielleicht mit 68.-Dxg3 (was sonst im Gewinnsinne?) 69.Dxf7+! (den muss sie noch finden) Remis akzeptiert, stattdessen 68.Kh3?? Df5+! 69.Dxf5 gxf5 70.Kg2 Kf6 71.Kf3 Ke5 72.Ke3 f4+! 73.gxf4+ Kf5 74.Kf3 f6! usw. (die Ausrufezeichen sind vielleicht übertrieben, da es jeweils aus der Rubrik „was sonst im Gewinnsinne?“ stammt). Sie spielte das Bauernendspiel noch (fast) bis zum bitteren Ende, aber es war natürlich hoffnungslos. Tags darauf verlor sie dann nochmals gegen Benjamin Bok, der so noch relativ weit oben landete. Die Schlussrunde Dann-Naiditsch hatte ich bereits erwähnt.

 

Bevor ich noch einen Niederländer erwähne, zum Turnier-Mitfavoriten Richard Rapport. Er spielte, wie immer, spektakulär-kreativ, und das funktioniert nicht immer – diesmal ging die wichtige Schlussrunde daneben. Die Partie gegen Donchenko und das Partiechen gegen Naiditsch hatten wir bereits. In Runde 5 gegen Iturrizaga war es spannend, zumal sich frühzeitig beiderseitige Zeitnot anbahnte [Iturrizaga hat da einschlägige Erfahrungen: 2009 hatte ich in Wijk aan Zee, C-Gruppe gegen Hillarp Persson, live miterlebt wie er ohne Inkrement 4 Minuten für 26 Züge hatte, später 21 Sekunden für 20 Züge. Die Zeitkontrolle schaffte er mit einer Sekunde auf der Uhr, die Stellung war allerdings hinüber]. Rapport stand klar besser und vergab dann im 39. Zug (tja, Zeitnot) fast seinen ganzen Vorteil. Er behielt ein Damenendspiel mit Mehrbauer, aber das kann man oft nur mit etwas gegnerischer Hilfe gewinnen (s.o.). Iturrizaga hielt stand, nach 93 Zügen war das Remis offiziell. In der Schlussrunde spielte Rapport gegen den Serben Pavlovic flott 4.g4 und erlitt später Schiffbruch (0-1 nach 21 Zügen), u.a. weil der Gegner das nette Qualitätsopfer 17.-Txh3! fand. So wurde Pavlovic, der gleich zu Anfang eine Null gegen eine klar schwächere Gegnerin einstecken musste, noch geteilter Erster. Mein Urteil zu Rapport? Wer wagt gewinnt – manchmal, manchmal verliert man eben auch.

 

Jorden Van Foreest begann extrem stark, bei ihm muss ich (da er als 13. der Setzliste schon früher starke Gegner zugelost bekam) in Runde 3 beginnen. Da bekam er den ersten von nacheinander vier GMs und gewann mit Schwarz gegen den Bulgaren Delchev (Vierter der Setzliste, aber mit insgesamt für derlei Verhältnisse schwachem Turnier): Weiss spuckte in leicht schlechterer Stellung einen Bauern und verlor dann langsam aber sicher im Endspiel. In Runde 4 besiegte er seinen „alten“ (19 Lenze) Landsmann Benjamin Bok mit einem langfristigen Qualitätsopfer. Danach der Beinahe-Sieg gegen Naiditsch, und dann war doch Schluss: recht glatte Niederlage gegen Iturrizaga aus unkonventioneller Stellung heraus (das kann neben Rapport auch Iturrizaga) und die bereits erwähnte Null gegen Donchenko. Dennoch gewann er 12 Elopunkte und erzielte wohl, wie Donchenko, eine ungültige GM-Norm.

 

Ich hatte Van Foreest in Maastricht gesprochen und empfand ihn als sehr sympatisch, nüchtern, selbstbewusst (aber nicht hochnäsig, arrogant oder Starallüren) – ein typischer Groninger (das ist, wie so vieles, natürlich ein Klischee). Wenn wir schon beim Limburg Open sind: Gerade heute klingelte es bei mir im Postfach – Organisator Rene Coenjaerts weist darauf hin, dass man sich seit 1. Januar für Pfingsten 2015 anmelden kann (und wie immer freuen sie sich über deutsche Teilnehmer).

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