Eher Kolumne als früher Vorbericht

 

NormNavara+Girialerweise schreibe ich Vorberichte erst einige Tage vor Turnierbeginn – auch diesmal gibt es dann noch einen relativ „konventionellen“, während dieser eher unkonventionell wird. Aber da „fast alle“ bereits einen ersten Vorbericht zu Tata Steel hatten, darf der Schachticker nicht fehlen. Wie immer (zumindest versuche ich es) setze ich eigene Akzente, schon mit dem Titel – die „Konkurrenz“ erwähnt zunächst ein bis zwei andere Spieler. Aber dass Carlsen mitspielt, hat aus zwei Gründen wenig Überraschungs- und damit aus meiner Sicht auch nicht so viel Nachrichtenwert: 1) Es ist allgemein üblich (Ausnahmen bestätigen die Regel), den Vorjahressieger wiederum einzuladen. 2) Alle wollen Carlsen, also kann er sich seine Turniere aussuchen und seine finanziellen Wünsche nach oben anpassen.

 

Daneben wird auch Wei Yi erwähnt, der – so steht „überall“ – letztes Jahr die B-Gruppe dominierte. Stimmt aber nicht ganz, es war bis zum Schluss ein Rennen zwischen ihm und David Navara – ich begrüsse es, dass die Veranstalter auch den Tschechen für die A-Gruppe einladen, auch wenn ihm am Ende ein halber Punkt fehlte. Das Titelfoto fand ich auf der Turnierseite 2015 – warum ich gerade dieses auswähle passt nicht mehr in den Teaser, nur noch die bereits bekannten Teilnehmer der A-Gruppe, nach aktueller Elo sortiert: Carlsen, Caruana, Giri, Ding Liren, So, Karjakin, Adams, Mamedyarov, Navara, Wei Yi, Hou Yifan, van Wely. Da fehlen noch zwei, von denen einer bereits ziemlich sicher feststeht (siehe unten). Die Teilnehmer der B-Gruppe kennen momentan nur Insider.

 

Warum gerade dieses Titelfoto? Zwei Gründe: 1) So habe ich Navara bei Tata Steel 2015 vor allem erlebt – bei der Analyse im Pressebereich. Ob das nächstes Mal auch so ist, wird sich herausstellen: Der Gegner muss ja auch Interesse an einer gemeinsamen Analyse haben. Es wird wohl etwas anders ablaufen: letztes Mal hatte Navara bei der Analyse die Initiative, und die Gegner(innen) hörten vor allem zu – mitbekommen habe ich die Analysen mit Anne Haast, Bart Michiels und Valentina Gunina (aber die beiden sprachen Russisch, was ich nicht verstehe). 2016 haben Navaras Gegner fast durchgehend Elo über 2700 – ich wage eine Prognose: 10/13 sind nicht drin für ihn. 2) Im Hintergrund steht Anish Giri, ebenfalls gut gekleidet, ebenfalls ein Glücksfall für Reporter (und zwar alle, nicht nur norwegische), und er wird im weiteren Bericht eine Rolle spielen:

 

Tata Steel hat die offizielle Pressekonferenz so terminiert, dass Giri im Lande war und nicht etwa in Skopje oder Bilbao oder Reykjavik oder London oder Katar. Also sass er mit am Tisch und äusserte sich zu allen 12 Teilnehmern, damit auch zu sich selbst – aber dafür habe ich noch eine andere ausführlichere Quelle. Zunächst redete Theo Henrar, Chairman Directors Tata Steel Niederlande, das gehört auch dazu. Dann nannte Turnierdirektor Jeroen van den Berg nach und nach die oben bereits erwähnten Namen, und Giri kommentierte diese jeweils. Ich will nur drei herausgreifen. Zu Loek van Wely, Dauergast im Turnier: „Seine Elozahl ist momentan im Keller [Elo 2632 bedeutet Weltranglistenplatz 136], also ist er sicher wütend und gerade in Wijk aan Zee besonders motiviert. Er ist eine Garantie für interessante Partien und scharfe Bemerkungen hinterher.“ (Das – scharfe Bemerkungen nach der Partie – haben Giri und van Wely gemeinsam). Zu Mamedyarov und Adams: „Ich bin ihnen in Wijk aan Zee noch nie begegnet und freue mich über neue Gesichter.“ Das stimmt was Mamedyarov betrifft, letzter Auftritt in Wijk aan Zee 2008, aber 2009 spielte neben Michael Adams unter anderem auch der 14-jährige russische FM Anish Giri – allerdings in der C-Gruppe, da wurde er immerhin geteilt Zweiter hinter dem knapp ein Jahr älteren Wesley So. Ich weiss aber auch nicht mehr, wem ich (1982) im Alter von 14 Jahren begegnet bin.

 

Wer wird Nummer 13 und 14 im Teilnehmerfeld? Ein Platz geht an den besten „schlechten“ (d.h. Elo unter 2750) Spieler der ACP Tour 2015 – da hat Evgeny Tomashevsky deutlich die besten Karten: So, Caruana und Karjakin sind bereits eingeladen, Vachier-Lagrave ist verhindert (s.u.), ohnehin haben diese vier Elo über 2750. Ich dachte, dass Tomashevsky sich eventuell mit einem guten Ergebnis bei der Mannschafts-EM noch „disqualifizieren“ kann, da auch er dann Elo über 2750 hätte, aber Elo-Stichtag ist offenbar der 1. Januar 2015. Also zu mindestens 90% wohl Tomashevsky, und zu 99% ein Russe, denn die nächsten Kandidaten wären Jakovenko und Inarkiev. Die Regeln der ACP Tour kann ich nicht kurz und knapp erklären, bzw. nur grob: es hilft, wenn man viel spielt, aber man muss auch gut spielen – Tomashevsky gewann dieses Jahr zwei Superturniere, den Grand Prix in Tiflis und die russische Meisterschaft (Jakovenko wurde bei zwei GP-Turnieren alleiniger Zweiter und geteilt Erster bis Dritter). In Frage kommen nur ACP Premium-Mitglieder – daher haben z.B. Giri, Carlsen und Topalov in dieser Liste null Punkte. Nummer 14 – ich vermute eher nicht, dass sie noch einen sehr bekannten Namen geheim halten. Wenn ich mich richtig erinnere, wurden (für) 2014 und 2015 jeweils Spieler der „zweiten Kategorie“ erst spät genannt – 2014 Harikrishna (schliesslich ist Tata Steel eine weltweit, aber besonders in Indien aktive Firma), 2015 Jobava. Harikrishna wird es nicht, siehe nächster Absatz. Vielleicht warten sie noch ab, ob Eljanov sein Weltcup-Ergebnis bei der Mannschafts-EM annähernd bestätigen kann?

 

Nun ein bisschen niederländische Presseschau: Die Tageszeitung De Volkskrant hatte letzte Woche gleich zwei Artikel über Schach. Der erste steht für alle im Internet – Titel „Tata schmückt sich mit Magnus Carlsen“, Untertitel dann „Mörderische Konkurrenz um die weltbesten Schachspieler“. Kernaussage ist, dass Tata Steel die finanzielle Konkurrenz von Gibraltar und inzwischen Katar Open stets mehr fürchten muss. Tata Steel UND Gibraltar geht nächstes Jahr gar nicht, da Wijk aan Zee eine Woche später beginnt als bisher üblich. Katar und Wijk aan Zee ginge, aber einige Spieler brauchen oder wollen vielleicht im Januar eine Pause, wenn sie Ende Dezember spielen. In Gibraltar spielen nächstes Jahr mit Anand, Nakamura und Vachier-Lagrave mindestens drei potentielle Wijk-Teilnehmer, was die A-Gruppe betrifft, ausserdem u.a. Harikrishna, noch einige Inder und auch diverse Kandidaten für Tata Steel B. Über Geld wird generell nicht geredet – auch Jeroen van den Berg wollte nur verraten, dass Carlsen „teuer“ ist (fors prijskaartje). Einen Hinweis lieferte Aronian im Interview mit chess-news.ru, zur letzten Grand Prix Serie sagte er „Ich empfand es als recht beleidigend, in einem Turnier mitzuspielen bei dem der erste Preis die Hälfte meines damaligen Startgelds für praktisch jedes andere Turnier war“  – auf Nachfrage sagte er, dass er seine finanziellen Ansprüche seither nicht reduziert hat. Erster Preis bei der GP-Serie 2014/2015 waren 20.000 Euro. Carlsen will und, siehe Einleitung, bekommt vermutlich mehr als Aronian.

 

Den zweiten Artikel, ein langes Interview mit Giri, können nur Abonnenten im Internet lesen. Daher fasse ich ihn nur zusammen mit den Worten „ein echter Giri von vorne bis hinten“ und bringe ein paar Zitate: „Viele Spieler sagen, dass ich nicht ambitioniert bin. Das stimmt nicht, aber eine meiner Stärken ist, dass ich Stellungen objektiv beurteilen kann.“ „Sie [Karpov, Carlsen und Anand] sind während der Partie kreativ, aber bekommen Ideen von ihren Sekundanten. Selber arbeiten sie nicht. Sie testen alles in der Praxis, aber Eröffnungsvarianten entwickeln sie nicht.“ „Die Fussball-Matches in Wijk aan Zee sind berüchtigt. Nein, ich mache da nie mit, lieber eine sichere Strandwanderung. Fussball gegen Carlsen überlasse ich Loek van Wely. Loek braucht etwas anderes als Schach, um sich mit Carlsen zu messen.“ Danach die Anekdote zu Carlsen, der einen 80-jährigen Schiedsrichter aus Aserbaidschan beim Fussball foulte. „Früher war ich ein Spieler mit einer guten Bilanz gegen Carlsen. Nun bin ich ein top10-Spieler, meine Fortschritte sind deutlich. Schachtechnisch habe ich genug Qualität, auf einigen Gebieten bin ich deutlich besser als Carlsen. Natürlich ist er der Beste von allen, aber ist er deshalb Favorit in einer Partie gegen mich?“ Der Titel dieses Artikels ist etwas seltsam: „Ich muss mehr an Siege denken“. Das passt zwar zu gängigen Klischees über Giri (wie oft mit wahrem Kern), aber dieses „Giri-Zitat“ steht dann nirgendwo im Artikel. Autor ist übrigens nicht IM Gert Ligterink, sondern Robèrt Misset – allgemeiner Sportreporter mit Schwerpunkten Tennis, Volleyball, Hockey und Fussball.

 

Noch ein Absatz bevor es zum Schluss ganz subjektiv wird: „Tata Steel on Tour“ gibt es auch nächstes Mal – eine Runde im Science Center NEMO in Amsterdam, und eine im Eisenbahnmuseum in Utrecht. Wie 2014 und 2015 einmal eher modern (Universität Eindhoven bzw. Gebäudekomplex „De Rotterdam“ in, ja genau, Rotterdam) und einmal eher historisch (Reichsmuseum Amsterdam, und auch 2015 in Den Haag war ein Museumbesuch Teil des Programms). Das Eisenbahnmuseum in Utrecht kenne ich (noch) nicht, laut Homepage ist es offenbar auch eher historisch statt sich vor allem Hochgeschwindigkeitszügen zu widmen – auch wenn der hiesige FYRA vielleicht schon demnächst im Museum landet, aber ich schweife ab.

 

Zum Schluss: Oft (auch von Giri in der Pressekonferenz) wurde gesagt, dass es zwei Sorten Superturniere gibt – mit Carlsen oder ohne Carlsen. Da ich sowohl 2014 (ohne Carlsen) als auch 2015 (mit Carlsen) Reporter war, kann ich das aus verschiedenen Blickwinkeln beurteilen. Rein schachlich, was jeder beurteilen kann: Auch ohne Carlsen gibt es interessante Partien, das kann es also nicht sein. Als Reporter: In beiden Jahren gab es Spieler, die selten bis nie im Pressebereich erschienen – zum Teil wohl, weil das Turnier nicht wunschgemäss verlief (gemeint sind nicht Gelfand 2014 oder Jobava 2015). 2015 gab es einen Spieler, der im Turnierverlauf fast nur mit dem norwegischen Fernsehen redete. Zum Schluss gab Carlsen dann, da er knapp gewonnen hatte, eine lustlos-merkwürdige Pressekonferenz. Daher stammt das Titelfoto von chess24 – der Grund, warum Carlsen am Ende der Pressekonferenz doch noch lächelte, steht exklusiv beim Schachticker. Eines sollte ich allerdings auch erwähnen, nicht nur pro forma oder der Vollständigkeit halber: Carlsen-Sekundant Peter Heine Nielsen war auch mir gegenüber offen und auskunftsfreudig.

Natürlich gibt es gute Gründe, Carlsen wieder einzuladen – mal abgesehen davon, dass es selbstverständlich ist, da er 2015 gewann. Tata Steel verspricht sich davon mehr Medienaufmerksamkeit, auch von internationalen Massenmedien (nationale haben ja auch Giri). Allerdings empfinde ich den Rummel um ihn mal wieder bzw. immer noch als übertrieben – und möglicherweise (im ersten Zeitungsartikel zumindest angedeutet) geht es auf Kosten anderer Spieler. Ganz persönlich-egoistisch: Drei Weltklassespielern würde ich gerne noch persönlich begegnen, und zwar Anand, Kramnik und Svidler – das klappt 2015 in Wijk aan Zee nicht. Für Anand müsste ich nach Gibraltar reisen, für Svidler zum Kandidatenturnier nach Moskau, und für Kramnik wohl nach Dortmund (das mache ich vielleicht tatsächlich, aber so weit vorausplanen kann ich nicht). Diverse andere traf ich 2014 und/oder 2015 in Wijk aan Zee, neben den drei erwähnten fehlt u.a. einer mit derzeit Elo knapp über 2800, aber der steht nicht oben auf meiner Liste.

 

Mit oder ohne Carlsen, es wird sicher wieder ein interessantes Turnier. Im Januar gibt es dann eine „richtige“ Vorschau und ein paar Berichte im Laufe des Turniers.

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