Nikolaus bringt den Hallerinnen sechs Punkte

Vizemeister besiegt Zuhause Titelverteidiger OSG Baden-Baden und sorgt für Spannung in der Bundesliga – Ein Bericht von Dr. THOMAS MARSCHNER, SCHWÄBISCH HALL

 

Spielsaal Foto: Thilo Gubler

Spielsaal Foto: Thilo Gubler

Eigentlich wollte ich morgen meinen Artikel über das Nikolaus-Wochenende der Frauen-Bundesliga veröffentlichen. Heute war ich nämlich zu einer wunderschönen Aufführung von „Der Schneekönigin“ der Ballettschule-Balancé aus Erkner bei Berlin, in der meine älteste von vier Engeltöchtern Kimi-Luana eine Schneeflocke tanzen durfte. Aber diese Planung hat der Pressechef des SK Schwäbisch Hall völlig durcheinander gebracht. Gut so, kann ich sagen! Von Dr. Thomas Marschner, dem Pressechef der Haller, erwartete mich Zuhause bereits sein Text-Bildbericht. Und so habe ich ihn halt zumindest mit den beiden entscheidenden Partien vom historischen 3,5:2,5-Sieg des letztjährigen Vizemeisters gegen Titelverteidiger OSG Baden-Baden ergänzt. Das nennt man dann wohl Teamwork …

 

Drei Siege bringen Schwäbisch Hall weit nach vorne auf Platz 2 in der Frauen-Bundesliga. Am Samstag [5. Dezember] konnte Meister Baden Baden sensationell mit 3,5:2,5 geschlagen werden, tags gab es ein 4:2 gegen die SF Deizisau und am Sonntag folgte ein standesgemäßes 5,5:0,5 gegen Aufsteiger Karlsruher SF.

 

Den Auftakt machte am Freitagabend die Partie gegen Reisepartner Deizisau, die vom 5. Spieltag vorgezogen worden war. Es war ein hartes Stück Arbeit, und etwas Glück war auch dabei, dass am Ende ein 4:2 Sieg feststand.

 

Deizisau lief fast in Bestbesetzung auf, und es entwickelte sich der erwartete harte Kampf. Die ersten Entscheidungen fielen kurz vor der Zeitkontrolle, Deimante Daulyte gewann für Hall und Ekaterina Atalik übersah ein Matt und verlor. Danach endete die Partie von Alina Kaschlinskaja remis, damit lautete der Zwischenstand 1,5:1,5. Nino Batsiashvili wurde in der Eröffnung von ihrer Gegnerin Cristina-Adela Foisor überrascht und verbrauchte für die ersten zehn Züge mehr als zwei Drittel ihrer Bedenkzeit. Durch präzises Spiel schaffte sie es, eine Angriffsstellung aufzubauen und Material zu gewinnen, das am Ende zum Sieg reichte.

 

Karina Ambartsumova[links] gegen Mara Jelica – diese Partie entschied den Kampf

 

Die Entscheidung zum Haller Sieg schaffte Karina Ambartsumova an Brett 6 in einer dramatischen Partie. Sie stand von Anfang an schwer unter Druck, aber ihre Gegnerin Mara Jelica fand den durchaus möglichen Gewinn nicht und wurde am Ende selber mattgesetzt.

 

Für zusätzliche Spannung sorgte in dieser Partie der Ausfall der Schachuhr, als beide Spielerinnen in hochgradiger Zeitnot nur noch wenige Minuten für die letzten zehn Züge hatten.


Irina Bulmaga und Zoya Schleining [rechts] nach ihrer Partie

 

Am Ende spielte noch Irina Bulmaga gegen die deutsche Nationalspielerin Zoya Schleining. Beide waren erst vor zwei Wochen bei der Team-Europameisterschaft in Reykjavik aufeinandergetroffen. Damals hatte Irina einen wichtigen Punkt zum Sieg Rumäniens gegen die deutsche Nationalmannschaft geholt.. Nach hartem Kampf endete die Partie diesmal nach fast fünf Stunden remis, was den 4:2-Endstand besiegelt.

 

Dann kam es am Samstagnachmittag zum Gipfeltreffen Vizemeister gegen Titelverteidiger. Der OSG Baden-Baden lief in der mehr oder weniger erwarteten Besetzung auf und war insgesamt an allen Brettern nominell leicht überlegen. An Brett 1 spielte die Weltranglistensiebte und ältere der Musitschuk-Schwestern Anna, an Brett 2 Exweltmeisterin Antonaeta Stefanowa. Weltmeisterin Maria Musitschuk war verhindert – sie spielt aktuell bei der Offen Ukrainischen Meisterschaft „partielos“, da ihre Begegnungen nicht veröffentlich werden, um sie vor ihrer WM Rivalin Hou Yifan geheim zu halten, Alexandra Kostenjuk ist kürzlich in die USA gereist, und Viktorija Cmilyte setzt aktuell als litauische Parlamentsabgeordnete andere Prioritäten als Schach.

 

Alina Kaschlinskaja [rechts] und Antoaneta Stefanowa vor ihrer Partie.

 

Die Eröffnungen aller Partien deuteten auf einen spannenden Verlauf der Begegnung hin, und die Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Alina Kaschlinskaja hatte schon beim Mittagessen mit dem Wort „Attack!“ angekündigt, auf Angriff zu spielen und ließ den Worten Taten folgen. Schon früh öffnete sie gegen die moderne Verteidigung von Stefanova die h-Linie und massierte ihre Schwerfiguren dort. Die Meinung der Zuschauer variierte von „das kann nicht gehen“ bis zu „das schlägt durch“. Am Ende schlug der Angriff tatsächlich durch. Alina brachte ein spektakuläres Springeropfer, das keiner der Zuschauer auf der Rechnung hatte, und jagte den schwarzen König von g8 nach c5. Einen Zug vor dem Matt gab Stefanowa auf.

Doch sehen Sie selbst die tolle Partie der Europameisterschafts-Dritten

 

Kaschlinskaja, A. [2477] – Stefanowa, A. [2522]

Brett 2, Frauen-Bundesliga, Runde 3, 5. Dezember 2015
Moderne Verteidigung [B06]  

1.d4 g6 2.e4 Lg7 3.Sf3 c6 4.c4 d5 5.e5 Sh6 6.Sc3 0–0 7.h4 Lg4 8.h5 Sf5 [8…Lxh5? verbietet sich wegen 9.Lxh6! Lxh6 10.g4] 9.cxd5 cxd5 10.hxg6

 

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Tauschgeschäfte – wie nun schlagen. Der Partiezug von Schwarz öffnet Schwarz die h-Linie, wo ganz schnell die Entscheidung fallen wird. Richtig ist 10…fxg6, und die Exweltmeisterin hat nichts zu befürchten. 10…hxg6 11.Dd3 Lxf3 12.Dxf3 e6? [12…Db6 ist der Computerzug, der Schwarz Ausgleich verspricht.] 13.Dh3 f6 14.g4 Alles läuft für Alina wie geschmiert … 14…Sxd4 15.Ld3 f5 16.Sb5! [Da haben wir das erwähnte Springeropfer von Alina.]Sxb5? [16…Sbc6 wäre zu versuchen!] 17.Dh7+ Kf7 18.gxf5 exf5 19.Lh6 Tg8 20.e6+ Kxe6 21.Lxg7 Sd6 Antoaneta hat zwar immer noch zwei Bauern mehr, aber ihr König sitzt in der Falle! 22.Th6 De8 [22…Te8 verspricht auch keine Rettung mehr.] 23.Txg6+ Kd7+ 24.Le5+ Kc6 [Mein treuer Freund Deep Fritz 11 zeigt ein Matt in 2 an.] 25.Txd6+? [25.Tc1+ Kb6 26.Dc7# – Alina sieht es nicht!] 25…Kc5 26.Tc1+ , und nun will sich die Exweltmeisterin ein Matt in vier Zügen nicht mehr zeigen lassen und gibt auf! [1–0]

 

Für den Ausgleich sorgte postwendend Anna Musitschuk, die nach dem Remis im Vorjahr dieses Jahr gegen Nino Batsiashvili das bessere Ende für sich hatte, auch diese Partie wurde über die offene h-Linie entschieden. Danach endeten die Partien von Ekaterina Atalik gegen Ekaterina Kowalewskaja und von Karina Ambartsumova gegen Elena Sedina remis, beide ebenfalls nach äußerst spannendem Verlauf.

 

Atalik und Kowalewskaja hatten ein hochkompliziertes damenloses Mittelspiel auf dem Brett, in dem zwischenzeitlich fast alle Leichtfiguren entweder hingen oder durch Springergabeln bedroht waren. Am Ende hatte Atalik eine Qualität gegen zwei Bauern, zu dem Zeitpunkt war der Remisschluss klar, keiner konnte mehr auf Gewinn spielen.

 

Karina stieß gegen einen Winawer-Franzosen ihren h-Bauern einfach mal bis h7 vor, dort blieb er auch bis zum Partieende stehen. Ihre Gegnerin hatte dafür die besseren Felder für ihre Leichtfiguren. Nach kompliziertem Verlauf endete die Partie in einem Schwerfigurenendspiel durch Zugwiederholung. Karina hätte vielleicht weiterspielen können, wollte dies aber wegen ihres unsicher stehenden Königs und zweier gegnerischen Freibauern auf dem Damenflügel nicht riskieren.

 

Entscheidend war die Partie von Irina Bulmaga, die mit Schwarz gegen die ehemalige deutsche Nationalspielerin Ketino Kachiani-Gersinska spielte. Die Partie bot faszinierende Stellungsbilder unter anderem mit einem völlig eingebauten weißen Läufer auf a1 und der schwarzen Aufstellung Da8/Lb7. In Zeitnot verlor erst einmal Irina in komplizierter, aber wohl ausgeglichener Stellung den Faden und hatte zwischenzeitlich 3 (!) Bauern weniger, allerdings jede Menge Drohungen. In beiderseitiger Zeitnot war die Stellung kaum zu beurteilen. Zunächst gewann Irina ihre Bauern zurück, dann ließ ihre Gegnerin die Chance aus, eine Qualität und damit wahrscheinlich die Partie zu gewinnen. Kurz nach dem 40. Zug kippte die Partie vollends. Irina konnte in ein Endspiel mit 2 Leichtfiguren gegen einen Turm abwickeln, das sie wenig später durch einen einfachen taktischen Trick in gegnerischer Zeitnot gewann.

Die Tragödie für Weiß ereignete sich nach dem 51. Zug von Schwarz [51… h6-h5+]

 

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52.Kf3? [52.Kg3 Ld6 53.Kf3, und die Schlacht ist noch längst nicht entschieden. Der Textzug gibt Schwarz allerdings die Chance für einen taktischen Schlag – Achtung, Gabel!] 52…Lxg5 53.Txe6 [53.f5 gxf5 54.Tb4 Kg7 verlängert lediglich Ketinos Aufenthalt auf der Intensivstation – mehr aber auch nicht …] 53…fxe6 54.fxg5 Ke7, und Weiß gibt auf! [0–1]

 


Momentaufnahme von der alles entscheidende Partie Ketino Kachiani-Gersinska–Irina Bulmaga [rechts] – da ist der Ausgang noch offen …

 

Dies war tatsächlich die Entscheidung, da Deimante Daulyte am Brett 5 als Letzte in einem todremisen Turm/Läuferendspiel stand – sie hatte vorher eher besser gestanden, im Endspiel war aber nichts mehr los, obwohl die für Schottland startende Ketevan Arakhamia-Grant lange versuchte, die Partie doch noch zu gewinnen, um den 3:3-Ausgleichstreffer zu erzielen.. Am Ende musste sie in das Remis zum Überraschungssieg der Hallerinnen einwilligen, die sich nach der Niederlage in der Runde 2 gegen die Schachmiezen aus Rodewisch wieder im Meisterrennen zurückgemeldet haben.

Der Parallelkampf zwischen Deizisau und Karlsruhe war ebenfalls sehr spannend, am Ende setzte sich der Favorit aus Deizisau knapp mit 3,5:2,5 durch, nachdem die Karlsruherinnen lange durch Bergit Brendels Sieg gegen Natalie Straub, die ein Matt übersah, geführt hatten. Yuliya Naiditsch – das ist Arkadijs „bessere Hälfte“ – schaffte nach fünf Stunden den entscheidenden Sieg gegen Jessica Schmidt.

 

Am Sonntag traf Schwäbisch Hall dann auf Karlsruhe, Baden-Baden spielte gegen Deizisau. Dabei gab es für die Haller einen glatten 5,5:0,5-Erfolg. Gegen den Neuling war übrigens vor noch nicht einmal zwei Jahren durch ein 3:3 am letzten Spieltag der Bundesliga-Aufstieg gesichert worden.

 

Nach zwei Stunden sah es noch nicht nach einem so deutlichen Erfolg aus, alle Partien waren in etwa ausgeglichen. Dann fiel die Entscheidung innerhalb kurzer Zeit in der Zeitnotphase, als nacheinander Alina Kaschlinskaja [sie war mit ihrer Partie nicht ganz zufrieden, obwohl der nachträglich befragte Computer die Einschätzung keineswegs teilte, dass sie schlecht stand], Deimante Daulyte [sie knackte Bergit Brendels Stonewall] und Irina Bulmaga [sie zeigte, wie man mit Läuferpaar gegen einen Isolani spielt] gewinnen konnten.

 

Kurz danach legte Ekaterina Atalik nach zum 4:0, als die eigentlich ausgeglichene Stellung in Zeitnot innerhalb weniger Züge bei ihrer Gegnerin auseinander fiel. Die Partie von Karina Ambartsumova gegen Paula Wiesner endete remis. in einem c3-Sizilianer war die ganze Partie über überhaupt nichts los, ganz im Gegensatz zu Karinas Partien am Freitag und Samstag. Die Karlsruher Nachwuchsspielerin hatte damit ein prima Wochenende mit zwei Remispartien gegen deutlich stärkere Konkurrenz.

 

Nino Batsiahvili musste schließlich noch lang kämpfen, um ihre Partie gegen Dr. Gundula Heinatz zu gewinnen. Die Karlsruherin hatte einen Bauern für eine aktive Stellung geopfert und wehrte sich lang gegen Ninos Gewinnversuche, die am Ende doch erfolgreich waren, da diese ihre Stellung geduldig immer weiter verstärkte und alle gegnerischen Drohungen entschärfen konnte.

Alle Partien zum Nachspielen gibt es hier unter dem Link http://www.sk-sha.schachvereine.de/live/tfd.htm – jeweils das entsprechende Match anklicken!

 

Schwäbisch Hall ist jetzt Tabellenzweiter mit einem Spiel mehr als die Konkurrenz hinter den verlustpunktfreien Bad Königshofenerinnen, die glatt mit 5:1 in Runde 3 überraschend deutlich gegen Rodewisch gewannen. Die Miezen rehabilitierten sich allerdings am Sonntag mit einem ebenso klaren 4,5:1,5-Sieg gegen die bis dahin ungeschlagenen Burgfräuleins aus Friedberg.

 

Während Nino Batsiashvili noch kämpfte, analysierten die anderen Haller Spielerinnen nicht etwa, sondern sahen sich Alinas Hochzeitsvideo an [vorne jeweils von links: Deimante Daulyte, Karina Ambartsumova, Alina Kaschlinskaja, dahinter Irina Bulmaga und Ekaterina Atalik] – Alina hat ja kürzlich den polnischen Spitzenspieler Radek Wojtaszek geheiratet.

 

Kaum zu glauben, aber erneut musste Meister Baden-Baden im Parallelspiel lange gegen Deizisau kämpfen, bis Antoaneta Stefanowa gegen Yuliya Naiditsch das knappe 3,5:2,5 sicherstellte. Zuvor hatte Ekaterina Kowalewskaja gegen Natalia Straub gewonnen und Ketino Arakhamia-Grant gegen Mara Jelica verloren, die anderen Partien waren remis ausgegangen.

 

Alle wichtigen aktuellen Infos zur Frauen-Bundesliga wie Ergebnisse, Tabellen sowie Ansetzungen finden Sie unter dem Link http://nsv-online.de/ligen/fbl-1516/ !

 

[Redaktion und Partiekommentare Raymund Stolze]