Weitere Medaillen für Armenien, Ukraine und Russland

Turniersaal1
„Die Sowjetunion“ dominierte also. Zum Teil lag es wohl auch daran, dass nur wenige „nicht-sowjetische“ Grossmeister in Minsk dabei waren. Die besten (bzw. in diesem Turnier erfolgreichsten) waren im Blitz Ragger und Navara auf Platz 15 und 16. Im Schnellschach waren diese beiden erfolgreich genug, dass ich sie gleich erwähne, und Altmeister Short ist als Elfter der erste, den ich nicht erwähne (aber hiermit doch). In der top10 mit Smirin auch noch ein ex-sowjetischer Israeli. Und das sind die nackten Ergebnisse – bei Punktgleichheit nach Wertung geordnet:

 

Blitz: Mamedov und Savchenko 18/22, Riazantsev und Bocharov 17, Andriasian, Melkumyan, Petrosian, Grachev, Mykola Bortnyk, Alekseev, Kovalenko 16,5. (Alle Grossmeister, bis auf IM Bortnyk – bei dem ich den Vornamen nenne da Bruder GM Olexandr auch mitspielte)

 

Schnellschach: Popov 10, Melkumyan 9.5, Razin, Navara, Smirin, Petrosian, Ragger, Sychev, Fedorov, Matinian 9. (Razin ist titellos, Sychev und Matinian sind IMs)

 

Wenn der Leser bei einigen Namen, jedenfalls den Nicht-GMs, denkt „wer ist das denn?“, kann ich das nachvollziehen – mir geht es genauso. Einige bekannte(re) Namen landeten unter ferner liefen, und bekamen mitunter gar kein Preisgeld – wobei sich auch bei den niedrigsten Preisen (100 Euro für Platz 11-20 im Blitz, 150 Euro für Platz 18-25 im Schnellschach) die Reise nach Minsk eher nicht lohnte. Wie das Titelfoto (und später ein weiteres) zeigt, spielten noch viel mehr mit – im Blitz offiziell 604, im Schnellschach 759. Dabei haben allerdings eine Reihe die erste Runde kampflos verloren und wurden danach nicht mehr eingeteilt. Quelle für alle Fotos Turnierseite.

 

Dass ich über dieses Turnier berichte, hat auch ein bisschen „sentimentale Gründe“ – 2011 schrieb ich über die EM im Blitz- und Schnellschach einen meiner allerersten Artikel. Einiges lief diesmal anders, aber es gibt auch diverse Parallelen zwischen 2011 in Warschau und 2015 in Minsk. Um mit den Unterschieden zu beginnen: Damals wurde das Turnier zum siebten Mal hintereinander in Warschau ausgetragen, das auch 2012 und 2013 Austragungsort war. 2014 war dann Krakau dran, warum nun nicht Polen sondern Weissrussland? Aus gut informierten indirekten Kreisen (also nicht vom polnischen Schachverband) erfuhr ich, dass Polen dieses Turnier finanziell nicht mehr stemmen kann oder will, zitierfähige Quelle ist ein Krasenkow-Interview (Original auf Russisch): „Leider, (in Krakau) das letzte Mal. Die European Chess Union hat absolut unakzeptable finanzielle Konditionen vorgeschlagen, das ist wirklich Diebstahl!“. Anderswo im Interview äussert er sich lobend über Tomasz Sieliecki, früher Präsident des Polnischen Schachverbandes, zum Zeitpunkt des Interviews ECU-Vizepräsident unter Danailov (den Krasenkow scharf krisitiert). Wie dem auch sei, beide wurden abgewählt. Ob Minsk ein guter Austragungsort war, kann ich aus der Ferne nicht beurteilen.

 

Ebenfalls anders: Damals gab es noch lange und dramatische Stichkämpfe um die Medaillen, diesmal entschied die Wertung (zunächst Eloschnitt der Gegner). 2011 gewann Melkumyan im Blitz-, und Jobava im Schnellschach. Beide (ich zitiere Thomas Richter) landeten erst in den letzten Runden ganz vorne, bzw. Melkumyan erst nach Stichkämpfen gegen Wojtaszek und Dreev. Diesmal war Melkumyan wieder vorne mit dabei, während Jobava am Ende jeweils zurückfiel. Und schon bin ich bei der EM 2015, zunächst noch einmal der Turniersaal aus anderer Perspektive:

Turniersaal

Blitzschach: Alle Partien der ersten 49 Bretter, immerhin 1059, sind inzwischen verfügbar – es dauerte etwas, live war einiges nicht vorhanden oder unvollständig – aber der Leser erwartet doch nicht, dass ich mir die alle anschaue und Höhe- oder auch Tiefpunkte auswähle? Es gibt eine Parallele zu Warschau 2011: Damals schrieb mir IM Zawadzki namens der Ausrichter „the [blitz] tournament was developing according to hosts hopes“ [das Blitzturnier begann nach Wunsch für die Veranstalter]. Damals meinte er zunächst Wojtaszek, dann Socko, diesmal sorgte der Weissrusse Sergey Zhigalko anfangs für Furore. Ein origineller Blitzspieler: in fast allen Partien dachte er zunächst (relativ) lange nach, dann mit noch Sekunden auf der Uhr, immer nahe an der Zeitüberschreitung, gewann er ständig – viermal in Serie 2-0 (jeweils wurden Mini-Matches gespielt), dann ein 0,5-1,5 gegen Bortnyk (nicht Mykola, sondern Oleksandr), wieder dreimal 2-0. Zeitkontrolle war 3 Minuten plus 2 Sekunden Inkrement pro Zug. In den letzten drei Runden erzielte er dann nur 1,5/6 gegen die drei Medaillengewinner. Ganz zum Schluss überschritt er in Gewinnstellung gegen Savchenko die Bedenkzeit und konnte es nicht fassen – aber irgendwann musste es passieren. Es reichte noch für Platz 12.

 

Rauf Mamedov gewann, weil er den besten Endspurt hatte. Relativ früh im Turnier (Runde 6 und 7) remisierte er gegen seine beiden Medaillenkollegen, dann 6,5/8 in den entscheidenden Schlussrunden. Generell kann man seinen Stil charakterisieren mit „unternehmungslustig, dynamisch, Mut zum Risiko“. Sein Sieg war keine Überraschung: immerhin war er an drei gesetzt. Nummer 2 Navara hatte mitten im Turnier einen Durchhänger, Nummer 1 Yuri Shkuro verlor gleich zu Beginn 0-2 gegen einen Spieler mit Elo 1982. Das lag aber nicht daran, dass Shkuro mit Blitzelo 2792 überbewertet ist (was durchaus sein kann) – nein, er verlor kampflos und wurde danach nicht mehr gepaart.

 

Boris Savchenko erzielte wie Mamedov 18/22, hatte allerdings die recht deutlich schlechtere Wertung. Das lag daran, dass er bereits in Runde 2 gegen den Azeri Rasim Aliyev (Elo 2213) nur unentschieden spielte. Dadurch bekam er zunächst weiterhin relativ schwache Gegner, und erst ab Runde 7 Grossmeister (Mamedov durchgehend ab der dritten Runde). Wie bereits erwähnt: der zweite Sieg gegen Zhigalko war glücklich – ansonsten führt es zu weit, zu untersuchen wer wann Glück hatte oder für wen mal mehr drin war.

 

Alexander Riazantsev blieb, wie die beiden anderen Medaillisten und sonst auf den ersten Blick niemand, in Matches ungeschlagen – aber spielte, für mehr als Bronze, zu oft unentschieden. Er konnte Navara in Runde 5 mit einem 2-0 ausbremsen, zuvor hatten beide 8/8. Der erste Sieg war dabei ausgesprochen glücklich: Navara stand weitgehend zumindest etwas, teilweise klar besser. Zum Schluss hatte er zwei Mehrbauern – irrelevant, wenn man einen Turm ersatzlos einstellt. Der zweite Sieg mit Schwarz war dagegen relativ glatt. Und das sind die drei Medaillisten:

Sieger Blitz

Von links nach rechts Savchenko, Mamedov und Riazantsev.

 

Dmitry Bocharov hatte gegenüber Riazantsev die klar schlechtere Wertung – auch hier lag es daran, dass er früh im Turnier Federn liess. In der letzten Runde gewann er 2-0 gegen Baadur Jobava, wobei dieser in der zweiten Partie sehr konsequent kein Remis wollte: ab dem 29. Zug gab er, in verschiedenen Varianten, Dauerschach – mehr war in dieser Partie für ihn nicht (mehr) drin. Dann kam statt 49.-De1+ das furchtbare und sehr absurde 49.-Db1+?? 50.Kh2 Dc2+ 51.Sd2 1-0 – Weiss hatte nicht nur seine Mehrfigur (für drei Bauern) konsolidiert, sondern drohte nun unparierbar Matt! Das war vielleicht unter dem Motto „Remis bringt eh nichts, dann verliere ich lieber“ – was dem Gegner noch etwas bringt.

 

Zu den Spielern mit 16,5/22 nur soviel: am Ende fehlte eben (mindestens) ein halber Punkt. Bei den beiden Wertungsbesten Andriasian und Melkumyan war es, wenn man so will, Chefsache – jeweils 0,5-1,5 gegen Mamedov. Oder es war ein Matchremis zu viel. Wie eingangs erwähnt, auch diese Spieler kommen aus Armenien, Russland, der Ukraine und Lettland (wobei Kovalenko Ex-Ukrainer ist).

 

Den Damenpreis sicherte sich Valentina Gunina mit 15,5/22 recht souverän – unter anderem da sie Laura Rogule und Julia Kochetkova (Silber und Bronze) jeweils 2-0 besiegte. Sie war dabei nach Blitzelo recht klar favorisiert.

 

Im Schnellschach behandle ich Tag 2 ein bisschen „Runde für Runde“. Nach dem ersten Tag hatten noch vier Spieler 6/6 – in alphabetischer Reihenfolge Jobava, Melkumyan, Navara und Petrosian. Jobava hatte – so kennen wir ihn – spektakuläres Schach gespielt und dabei in Runde 5 und 6 durchaus Glück. Sakaev patzte in Runde 5 mit Ansage: in einer Stellung mit Damen, Türmen, Mehrbauer für ihn und luftigem König für Jobava spielte Schwarz (Sakaev) 32.-f6?! 33.Dg6! Txe5?? – und musste sich nach 34.Tc2 von seiner Dame verabschieden, da ansonsten plötzlich Weiss matt setzt. In Runde 6 opferte Aleksandrov in besserer Stellung übereifrig eine Figur – danach hatte er noch Remischancen, aber nach weiteren weissen Gewinnversuchen gewann Schwarz. Die anderen drei hatten teilweise auch ein bisschen Glück, das gehört dazu. Tag zwei sollte für Jobava nicht nach Wunsch verlaufen – das weiss der Leser bereits, da ich ihn oben nicht genannt habe.

 

Runde 7: Jobava-Melkumyan 1-0 begann mit einer altmodischen Eröffnung à la Jobava – nach 13 Zügen hat die Datenbank noch drei Vorläufer, darunter zweimal ein gewisser Baadur Jobava mit Weiss. So wie Melkumyan die Stellung behandelte, bekam Weiss ein klar besseres Endspiel und gewann „mit leichter Hand“. Petrosian-Navara 1-0 war ebenfalls eine Freestyle-Eröffnung: von Weiss 2.g3, 4.h3, 7.b3, 11.a3, dann doch mutig 12.e4!? und wenige Züge später hatten beide das Zentrum komplett besetzt. Diese Spannung löste sich auf, Schwarz schnappte sich einen Bauern auf e4 und der war relativ vergiftet – mit Springerpaar gegen Läuferpaar ist es riskant, die Stellung zu öffnen. Weiss verpasste den sofortigen Sieg mit 27.Dd7! – danach stehen die schwarzen Springer so dumm, dass einer verloren geht – und setzte stattdessen mit 27.c5!? (bzw. objektiv ?! da es eine bessere Alternative gab) auf Raumvorteil und die Tatsache, dass der schwarze Mehrbauer hier wertlos ist. Die schwarzen Springer kontrollierten alle Einbruchsfelder, und auch das spätere Endspiel Läufer gegen Springer mit beiderseits Bauern war objektiv remislich. Petrosian gewann trotzdem, bzw. Navara verlor. „Das kann doch nur Magnus Carlsen“!? Nein, das kann manchmal auch ein Grossmeister, der nur Namensvetter eines verstorbenen Ex-Weltmeisters ist. Fast alle Partien an den nächsten Brettern endeten remis, bis auf Short-Motylev 1-0 – wenn man so will, ein Beispiel für „ungerechtes“ Schach: Schwarz stand zumindest „gefühlt“ klar besser (unklar, ob jemals wirklich was drin war) und verlor später im Turmendspiel. Entscheidend war wohl, dass er sich keinerlei Gefahr bewusst war. Das „aktive“ 38.-Tc4 war falsch, da Weiss mittels Bauernopfer eindringen konnte und starke Freibauern am Damenflügel bekam. Das prophylaktische 38.-b6 (39.b5 a5) war vermutlich ziemlich tot remis.

 

Runde 8: Jobava-Petrosian 0-1: Zuvor hatte Jobava Glück, nun hatte er „Pech“: in glatter Gewinnstellung übersah er mit 30.Dxg6?? einen gegnerischen Konter und konnte/musste drei Züge später aufgeben. Zhigalko-Short 1-0: Auch hier (vgl. Petrosian-Navara) war ein schwarzer Bauernraub auf e4 der Anfang vom Ende – wobei Weiss seinen Vorteil geradliniger verwertete. Navara (1-0 gegen Landa) und Melkumyan (1-0 gegen Chigaev) bekamen wieder Anschluss an die Spitze. Der Leser fragt sich vielleicht: Wo sind Popov und Razin? Zu diesem Zeitpunkt noch etwas weiter hinten (Brett 7 und 10), aber auch sie gewannen. Razin aus zwischenzeitlich verdächtiger Stellung heraus, später verlor Gegner Bocharov im Endspiel komplett die Übersicht. Popov brutal gegen Potapov, dessen König in der Mitte strandete.

 

Runde 9: Zweimal Remis an den vorderen Brettern – die Landsleute Petrosian und Melkumyan gönnten sich eine Pause und einigten sich nach 16 Zügen, Alekseev-Zhigalko an Brett 2 war ausgekämpft. Guseinov-Smirin 0-1 war ein Sizilianer mit positionellem schwarzem Damenopfer für Turm, Leichtfigur und Bauer – Schwarz hatte nicht nur volle Kompensation, nein nur er konnte auf Gewinn spielen. Einige schnellere und/oder schönere Wege zum Sieg verpasste er, aber dann bekam er sein Material doch mit Zinsen zurück und gewann im Leichtfigurenendspiel. Popov-Jobava 1-0 – wieder mal spielte Jobava provokativ und bat Weiss darum, am Königsflügel anzugreifen – Weiss sagte „gut, wenn Du willst“ und gewann im Königsangriff. Rakhmanov-Navara 0-1, wobei der Tscheche aus verdächtiger Stellung heraus mit gegnerischer Hilfe erfolgreich konterte. Ragger-Razin 0-1: Weiss verkombinierte sich – bei 21.Sd5? hatte er wohl übersehen, dass Schwarz nach 21.-exd5 22.Dxd4 Sxd4 23.Txc7 23.-Se6 hat mit Doppelangriff auf Tc7 und Lf4, daher war eine Figur weg. Weiss kämpfte noch bis zum 52. Zug, bzw. verzichtete darauf, früher aufzugeben.

 

Runde 10: Smirin-Petrosian 1-0 im Endspiel. Navara-Popov 0-1 – da Weiss im Turmendspiel ein Hilfs- oder Selbstmatt fand. Kein Zug war schlechter als 34.h4?? – auch nicht 34.Th8+ was nach 34.-Kxh8 einen Turm einstellt. Razin-Short 0-1 ebenfalls im Endspiel. Melkumyan-Alekseev 1-0: Weiss marschierte mit seinem h-Bauern nach h6, Schwarz unterschätzte wohl die damit verbundenen Gefahren.

 

Runde 11: Popov-Smirin 1-0 – der Russe an Brett 1, und da würde er in „Runde 12“ bleiben. Da nur 11 Runden gespielt wurden, war er stattdessen Europameister. Ich kenne mich in der Eröffnung (Sizilianisch Paulsen- oder Kan-Variante) nicht aus, aber irgendwas ging für Schwarz schon früh schief, und Weiss konnte das energisch bestrafen – nach 20.Lf7! war wohl schon Schluss, auch wenn Schwarz noch ein bisschen zappelte. Short-Melkumyan 0-1: Short kopierte Giris 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Sf6 4.h3!? vom London Rapid (vor dem damaligen Classic) 2014. Giri erzielte damit 2,5/3 gegen Kramnik, Adams und Caruana. Nun ist Giri besser als Short, aber ist Melkumyan besser als die drei damaligen Schwarzspieler? Wohl nicht, und ohnehin lag es nicht an der Eröffnung – ich muss mir wohl den Rest der Partie anschauen … . Es entstand eine Stellung, die etwas an Russisch erinnert und in der h3 für Weiss nützlich ist oder auch nicht. Entscheidend war später nicht der schwarze Trick 35.-Lxg3, sondern der verfehlte weisse Gegentrick 36.Sxg5 – Computer sagen, dass Weiss durchaus 36.fxg3 Te3+ 37.Kd2 Txf3 spielen konnte: dann ist der schwarze Mehrbauer, da verdoppelter g-Bauer, wenig wert, zumal Weiss einen potentiell gefährlichen d-Freibauern hat. Auch 36.Sxg5 kostet Weiss am Ende einen Bauern, aber nun sind andere weisse Bauern (h3 oder a2) auch Fallobst – das Schwarz gut schmeckte. Endergebnis: Silber für Melkumyan, Platz 11 für Short.

 

GM Petrosian – IM Sychev 1/2 – Fragen über Fragen: Was macht ein IM mit Elo 2440 in der letzten Runde an Brett 3? Da landete er nach zuvor 3,5/4 gegen respektable GMs (Zvjaginsev, Stupak, Savchenko, Guseinov). Dennoch war Petrosian Favorit, warum hat er nicht gewonnen? Es lag vor allem daran, dass er die Computer-Widerlegung von 19.-Sxb3?! (?! da interessant und kreativ, aber objektiv schlecht) nicht fand: nach 20.Dxb3 Txe2 21.Txe2 Dxd4+ (soweit forciert) nicht 22.Le3 sondern 22.Kf1! Dxa1 23.d6+! Kf8 24.Te1! – jeweils die im Vorteilssinne einzigen weissen Züge. Danach stehen beide Könige luftig, aber nur Weiss hat das Läuferpaar, und nur Schwarz hat (c7, b7) schwache Bauern am Damenflügel. Im weiteren Verlauf opferte Schwarz seine Dame und hatte Dauerschach. Weiss wollte kein Remis und opferte noch eine Figur hinterher – Schwarz verzichtete auf Gewinnversuche mit (nun) Turm, Läufer und Springer gegen die weisse Dame und erlaubte ein weisses Dauerschach. Bronze für IM Klementy Sychev war drin, stattdessen bekam es am Ende der titellose Vadim Razin. Noch muss ich ein paar Partien aus Runde 11 besprechen, aber erst zu Sychev in Runde 7-10: Oha, fast alles recht lange Partien. Gegen Zvjaginsev (124 Züge) hielt er ein Damenendspiel mit Minusbauer, der bis nach g7 kam aber nicht ein Feld weiter. Stupak (83 Züge) besiegte er in einem anfangs ziemlich ausgeglichenen Endspiel. Gegen Savchenko (nur 53 Züge) waren Springer und vier verbundene Bauern besser als Läufer und ein Bauer. Da stand er bereits eingangs des Endspiels besser, aber musste (falls er es gesehen hat) eine Schrecksekunde überstehen: nach 35.-Lxf6? hatte Weiss 36.e7!! und bekommt dann entweder eine neue Dame oder nach 36.-Sxe7 37.Lxf6+ (jetzt!) nebst 38.Lxe7 eine Figur. Aber Savchenko spielte per Autopilot 36.Lxf6+ und Schwarz „fand“ 36.-Kg8 (37.e7 Kf7). Gegen Guseinov (67 Züge) ebenfalls ein Endspielsieg, wobei der GM in Mittel- und Endspiel einiges übersehen hatte. Da ist nachvollziehbar, wenn Sychev (*1996) in der letzten Runde nicht noch eine Marathonpartie spielen wollte.

 

Wo war ich stehen geblieben? Ach so, Runde 11: Kovalev-Navara 0-1 war aus der Rubrik „irgendwann gewinnt halt der bessere Spieler“. Vadim Razin musste ran gegen Elofavorit Ernesto Inarkiev, der zuvor ein „unauffälliges“ Turnier spielte und dieses nun kurios beendete: Er stand durchgehend besser, verpasste laut Engines ein paar Mal den forcierten Sieg (das habe ich nicht näher untersucht bzw. untersuchen lassen) und erreichte ein Endspiel mit Damen, Türmen und zwei Mehrbauern. Dann wollte er in ein (natürlich) glatt gewonnenes Bauernendspiel abwickeln, aber statt beide Schwerfiguren zu tauschen gab der Gegner zwei Racheschachs, und das zweite war ein Matt. Ponkratov-Matinian 0-1 war aus der Rubrik „GM verliert gegen IM“, ebenfalls ein bisschen unnötig; ich habe den Eindruck, dass er ein Endspiel etwas zu lange auf Gewinn spielte. In Runde 10 hatte Matinian auch Jobava besiegt, nachdem dieser patzte.

 

Auch Ragger (gegen Landa) und Fedorov (gegen Motylev) konnten mit Siegen noch Platz drei teilen; Movsesian und Huzman schafften dieses nicht, da ihre Partie remis endete (natürlich ausgekämpft). Jobava, inzwischen an Brett 25, schaffte etwas, was er im Schnellturnier noch nicht hatte (und im Blitzturnier auch nur sporadisch): er spielte remis. Jedenfalls wenn dieses Ergebnis stimmt: Hat er gegen den 15-jährigen Alexey Sarana tatsächlich nach 12.Lxh7+! (korrekt) 12.-Kxh7 13.Sg5+ (Weiss steht zumindest klar besser) Remis angeboten? Aber zurück zu den vorderen Plätzen: Die Wertung entschied über Platz 3-10, und Vadim Razin hatte den besten gegnerischen Eloschnitt. Diese Berechnungen stimmen sicher, wobei Navara und Petrosian die klar bessere Buchholz-Wertung hatten. Aber Razin freut sich wohl mehr über eine Medaille (er hat vermutlich noch keine, jedenfalls nicht auf diesem internationalen Niveau). Und selbst wenn das Preisgeld nicht gleichmässig geteilt wird: die Lücke zwischen Platz 3 (1000 Euro) und Platz 10 (600 Euro) ist nicht allzu gross. Für Gold bekam Popov 4000 Euro, für Silber bekam Melkumyan 2000 Euro. Das ist sicher das Siegerfoto, da erkenne ich allenfalls Melkumyan (links):

Sieger

 

Auch beim Damenpreis ging es etwas ungerecht zu: die Medaillen bekamen Olga Girya, Anastasia Bodnaruk und Nina Sirotkina (je 8/11), Valentina Gunina hatte einen halben Punkt weniger und ging leer aus. Sie bekam in Runde 11 mit Sakaev einen gestandenen Grossmeister und verlor, die drei Siegerinnen spielten und gewannen gegen Elo 2080, 2209 (auch wenn Igor Shvyrjov, *1955, irgendwann wohl vor Jahrzehnten den GM-Titel bekam) und immerhin 2455 – allerdings hatte Sirotkina im Turnierverlauf sechs Gegner (von elf) mit Elo unter 2000. So ist es mitunter im Schweizer System.

 

Gesamteindruck von dem oder den Turnieren: Es gab diverse interessante Partien, es gab auch Gegurke und Gepatze – beides ist Schnell- und Blitzschach. Nicht immer gewann der Favorit, so ist es auch mit klassischer Bedenkzeit. Kleiner Blick nach Katar Runde 1 (habe ich live kaum mitbekommen): u.a. Carlsen (2834) – Batsiashvili (2498) 1/2. Ich sehe gerade: Dazu gibt es einen eigenen Beitrag von Kollege Raymund Stolze. Darin schreibt er, dass ich mich in den Weihnachtsurlaub verabschiedet habe – nun ist es wirklich soweit!

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