Denn auf Mamedyarov kann er sich verlassen

Tiebreak Carlsen-Yu Yangyi (Emelianova)
… und im abschliessenden Blitz-Tiebreak war Yu Yangyi (um nun mal meine hessische Vergangenheit anzudeuten) „neber der Kapp“. Da der Chinese zuvor seinen Auftritt vom letzten Jahr wiederholte – einschliesslich Sieg in der Schlussrunde gegen einen nominell stärkeren Gegner – nehme ich ihn mit auf das Titelbild, das während dieses Stichkampfs entstand. Fotoquelle wie immer die Turnierseite. Fotografiert haben Maria Emelianova, Katerina Savina und Alla Oborina – die Damen (und die Veranstalter) mögen mir verzeihen, dass ich sie nicht jedes Mal individuell nenne.

 

Natürlich wurden insgesamt neun Runden gespielt (und dann noch Blitz um den Turniersieg), aber die bereits erwähnten Momente waren, jedenfalls aus meiner Sicht, ausschlaggebend dafür dass Carlsen trotz eines halben Fehlstarts am Ende Pokal und 27.000$ Taschengeld (für ihn ist das Taschengeld) gewann. Ich werde Carlsen später nochmals zeigen, einmal gar sechsfach, aber zunächst der Endstand im Turnier – zunächst die ersten 17 von 132: Carlsen und Yu Yangyi 7/9, Kramnik, Karjakin, Sjugirov, Ni Hua, Ivanchuk 6.5, Giri, Xu Yinglun, Ganguly, Harikrishna, Ponomariov, Akopian, Duda, Nguyen Ngoc Truong Son, Vitiugov, Sethuraman 6. Fast alle sind bereits Grossmeister, nur der Chinese Xu Yinglun (*1996) hat bzw. hatte vor dem Turnier relativ bescheidene Elo 2470 und gar keinen Schachtitel.

 

Geographisch verteilt sich das über zwei Kontinente – dass Nordamerika noch nicht erwähnt ist überrascht vielleicht, dass Australien und Afrika fehlen (Südamerika hat es gar nicht erst versucht) eher nicht. 21 Spieler erzielten 5,5/9 (u.a. So, Mamedyarov und Wojtaszek) und bekamen dafür noch ein bisschen Preisgeld, eine Spielerin erzielte ebenfalls 5,5/9 und dafür spendierten die Scheichs ihr 8.000$ – die Glückliche (Losglück spielte eine Rolle) heisst Hou Yifan. Immer noch fehlen die deutschen Teilnehmer: Bluebaum 5/9, Bromberger und Schroeder 4.5, Vogel und Svane 4, Seyb 3.5 – immerhin in guter Gesellschaft: nach Wertung direkt vor Nino Batsiashvili die in Runde 1 Schlagzeilen machte.

 

Damit steige ich ein in das Turnier, wobei ich die fünf Runden vor dem Ruhetag eher im Schnelldurchlauf behandle (der Zwischenbericht musste ja wegen Weihnachten ausfallen). In Runde 1 gab es bereits diverse Überraschungen: Carlsen-Batsiashvili 1/2 wurde überall erwähnt, IM Gagare – GM Wei Yi 1-0 und GM Vitiugov – Xu Yinglun 0-1 waren eher Fussnoten. Wobei Batsiashvili im weiteren Turnierverlauf nicht allzu viel reissen konnte, im Gegensatz zu den beiden 2700GM-Killern. Xu Yinglun landete ganz weit oben, der Inder Shardul Gagare begnügte sich mit 4/8 in den verbleibenden Runden – da er durchgehend grossmeisterliche Gegner hatte, ist auch das ein sehr ordentliches Ergebnis und eine GM-Norm. Mit Dank an seinen Sekundanten Uwe Bönsch?! Letzter Datenbank-Vorläufer zu seiner Partie gegen Wei Yi ist Bönsch-Votava 1/2, Mitropa Cup Bad Wörishofen 1993 (aber diese Partie kannte er vielleicht nicht, da er erst 1997 das Licht der Welt erblickte).

 

In Runde 2 konnte Kramnik einen Mehrbauern gegen den polnischen GM Piorun nicht verwerten, und Karjakin war mit seinem Remis gegen Salem gut bedient – der Spieler aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, der bereits letztes Jahr Furore machte, stand zwischenzeitlich „technisch gewonnen“. Weitere halbe Überraschungen: Zhang Zhong-Mamedyarov 1/2 – Mamedyarov vertraute seiner riskanten Partieanlage mit langer Rochade dann doch nicht und erlaubte eine frühe Zugwiederholung. Tomashevsky-Bluebaum 1/2 – auch hier wiederholte der Favorit früh die Züge (Einzelkritik zu Bluebaum siehe unten). Und noch einige andere. Die erste komplette Überraschung war IM Yuffa – GM Bologan 1-0, ein sehr sauberer Vortrag des jungen Russen. Livekommentator Svidler meinte, als Yuffa da vorbeischaute, „ihm war ich noch nie begegnet“, Giri der ihnen Gesellschaft leistete „ich kenne ihn aus Jugendturnieren, ist er noch kein Grossmeister?“ Nur weil recht bekannte Spieler am Brett sassen, erwähne ich Brett 23 und 24. Carlsen hatte Schwarz gegen Chithambaram Aravindh, die indische Reinkarnation von Grischuk: 1.e4 c5 2.b3!? g6 3.Lb2 Sf6 ……… nach 39 Minuten 4.e5. Die Partie erinnerte mich an Jobava-Carlsen 0-1, Tata Steel 2015 – auch da stand Schwarz aus der Eröffnung heraus klar besser, spielte dann per Autopilot und Weiss konnte ausgleichen, und am Ende gewann Schwarz. Zwei Unterschiede: Jobava spielte schon im ersten Zug b3, und er verlor weil er keinesfalls Remis spielen wollte – bei Aravindh war es am Ende seine früh eingeleitete Zeitnot. Nebendran bekam Batsiashvili von Harikrishna eine kräftige Tracht schachliche Prügel.

 

Runde 3 hatte bereits das erste 2700er-Duell: Giri-Wojtaszek 1-0 – ein sauberer positioneller Vortrag des Weisspielers, wobei Wojtaszek am Ende kräftig mithalf: nach dem Doppelfehler 58.-Lf3? 59.Ta7+ Kf6? 60.Ld7! war plötzlich Schluss, denn der schwarze Tc5 sass in der Falle – diese Grube hatte Wojtaszek selbst gegraben. Carlsen-Yuffa 1-0: der Russe rechnete mit, und wollte einen starken Gegner – den bekam er, obwohl oder weil er heruntergelost wurde. Elo 2834 besiegte Elo 2504. Vocaturo-Kramnik 1/2: Schwarz riskierte viel, eigentlich zu viel, aber rettete dann einen halben Punkt.

 

Runde 4: Das nächste 2700er-Duell an Brett 1, Li Chao-Giri, endete remis. Carlsen spielte inzwischen wieder direkt dahinter und besiegte den polnischen Jungstar Jan-Krzysztof Duda (nächstes Mal schreibe ich Jan-Christof, statt immer zu überprüfen wie man Krzysztof genau schreibt). In einem Sizilianer hatte Schwarz (Carlsen) schnell Oberwasser, spielte dann ungenau weiter aber Duda nutzte seine Chancen nicht. Drama etwas weiter hinten (Brett 11) bei Tomashevsky-Salem 0-1: Weiss spielte „seinen“ typischen Königsangriff aus Isolani-Stellung heraus und stand gewonnen – ein Zeitnotfehler (34.Dg4? statt 34.Sd6+ oder 34.Sd8+) und die Partie kippte komplett.

 

Runde 5: Nun war Carlsen am Spitzenbrett angekommen und es geschah etwas unerwartetes – nicht das Ergebnis (Carlsen-Li Chao 1-0) sondern wie es entstand, im schwungvollen Königsangriff. Carlsen dazu: „Ich habe noch immer einiges Gespür für Angriff in mir“ – natürlich, früher spielte er ja des öfteren Schach statt „ich mach nichts, mach Du doch einen Fehler!“. IM Gert Ligterink schrieb in seiner niederländischen Zeitungskolumne mehr als einmal „Carlsen hat das Turnier gewonnen, aber keine Partie eignet sich für diese Rubrik“ – wo lange Endspiele in denen der Gegner irgendwann fehlgreift schon aus Platzgründen nicht passen. Ob er diese Partie auswählt, erfahre ich erst am 2. Januar, dann ist wieder Samstag – sie würde sicher passen aber, da Carlsen-untypisch, auch wieder nicht. Dahinter war Giri-So ein gepflegt-ausgekämpftes Remis, und diverse Spieler mit zuvor 3/4 konnten voll punkten: Kramnik im lange ausgeglichenen Damenendspiel gegen Matlakov, Karjakin ebenfalls im Endspiel gegen Dubov, Mamedyarov in einer Chaos-Partie gegen Khismatullin. Yu Yangyi war der erste und blieb der einzige, der Xu Yinglun besiegen konnte, Swiercz gewann wild gegen Korobov, Ganguly relativ gepflegt gegen Howell. Zwischenbilanz: Carlsen 4,5/5, dahinter acht Spieler (Giri, So und die sechs genannten Sieger) mit 4/5.

 

In Runde 6 spielten diese neun alle Remis, auch Yu Yangyi der gegen Landsmann Li Chao heruntergelost wurde – bei derlei Duellen (siehe auch die russisch-russischen und chinesisch-chinesischen Begegnungen in Runde 5) fragt man sich „warum fliegen wir eigentlich nach Katar?“. Aber gut, es ist dennoch ein attraktiver Turnierort. So-Carlsen remis, Kramnik-Mamedyarov remis – nicht immer ist der Azeri kooperativ. Am unzufriedensten war wohl Giri, der gegen Ganguly klar besser stand aber seinen Mehrbauern nicht verwerten konnte. Mit Harikrishna, Jakovenko, Sjugirov, Ponomariov und Ni Hua konnten weitere Spieler auf den geteilten zweiten Platz vorstossen, aber ihre (z.T. turbulenten) Siege will ich nicht besprechen.

 

Runde 7: Alle rechneten mit Carlsen-Kramnik, aber das Auslosungsprogramm sagte Carlsen-Giri, womit Giri zweimal hintereinander Schwarz hatte. Grund war offenbar, dass Kramnik bereits in Runde 5 gegen Matlakov hochgelost wurde. Gegen Giri wollte Carlsen wohl gewinnen – irgendwann wird es wohl passieren, hier und heute noch nicht. Alle Najdorf-Feinheiten will bzw. kann ich nicht untersuchen, am Ende wurde es remis. Ja, Giri spielte schon wieder Najdorf, wie zuvor bereits gegen Grandelius (schöner Sieg) und Ganguly (siehe oben), nun also gegen Garlsen. Chess.com zitiert Giri: „I played the Berlin for I don’t know how long, I never played the Najdorf in my life…“ [Ich spiele seit Ewigkeiten Berlin, Najdorf hatte ich nie im Leben gespielt]. Das stimmt so nicht! Ich kann nachvollziehen, wenn er sich nicht mehr an Partien 2007 in russischen Turnieren erinnert – auch ich weiss nicht mehr unbedingt, was ich im Alter von 13 Jahren schachlich und überhaupt angestellt habe (und auch mit 21, so jung ist Giri mittlerweile, wusste ich es nicht unbedingt). Aber Najdorf spielte er auch dieses Jahr – beim Gashimov Memorial gegen Adams, und auch beim Weltcup gegen Leko (das wurde dann mit Zugumstellung „offiziell“ ein Scheveninger).

 

Yu Yangyi-Kramnik 1/2 – letztes Jahr gewann Yu Yangyi in Katar gegen Kramnik, heute war er mit Remis einverstanden – daher das lahme 5.Te1 gegen den Berliner Spanier (siehe unten nochmals). Auch Ponomariov – So (das „echte“ Berliner Endspiel), Karjakin – Ni Hua und Harikrishna – Swiercz wurde remis. Die, auch in früheren Runden, für Schweizer System relativ hohe Remisquote hat wohl mehrere Gründe: In Katar ist die Spitze relativ breit, auch Elounterschiede von 50 oder 100 Punkten sind „bedingt aussagekräftig“. Ausserdem haben die Spieler das Risiko vielleicht dosiert – ein Sieg ist schön, aber eine Niederlage ist, zumal zu diesem Zeitpunkt im Turnier, unschön. Nicht alle denken so, eine Ausnahme war Mamedyarov-Ganguly 1-0. Der Azeri spielte wieder mit vollem Risiko und wurde dafür belohnt – wobei dieser Weissieg, wie auch die zuvor gegen Lenderman und vor allem gegen Khismatullin, nicht komplett „sauber“ war. Sjugirov-Jakovenko 1-0 war drastisch und offenbar durchgehend korrekt. Damit hatten diese beiden Sieger Carlsen eingeholt.

 

Zu Sjugirov schreibt Chessbase, dass er „bisher wohl eher unter Insidern bekannt“ ist – wer oder was ist eigentlich ein Insider? Aussenstehende – schachlich unbedarfte oder auch Vereinsspieler die sich (wie viele aus meinen bisherigen Vereinen) kaum für Spitzenschach interessieren – kennen wohl allenfalls (Ex-)Weltmeister und Spitzenspieler aus ihrem eigenen Land: Niederländer kennen Giri, Franzosen kennen Vachier-Lagrave, usw. . Sjugirov ist einer von vielen Russen, immerhin war er bereits 2014 Vierter (Wertungsbester mit 6,5/9) in Katar, und bei einer Olympiade gewann er gegen Carlsen. Das ging allerdings nur in Khanty-Mansiysk, da durfte Russland mehrere Teams aufstellen. In sehr vielen Ländern wäre er wohl Nationalspieler, in einigen würde er am Spitzenbrett spielen, in Russland ist er derzeit Nummer 27, in Katar war er Nummer 33 der Setzliste. Ganz jung ist er mit 22 nicht mehr, den Durchbruch in die Weltelite hat er, jedenfalls bisher, nicht geschafft. Es hat wohl vor allem geographische Gründe, dass er nicht so bekannt ist wie – nur zwei Beispiele – Erwin l’Ami oder Daniel Fridman.

 

Runde 8 und höchste Zeit für einige Fotos:

 

Mamedyarov-Carlsen (Oborina)

 

Carlsen-Mamedyarov hatte ich bereits erwähnt und auch das Ergebnis (1-0) angedeutet. Wie kam es dazu? Europe Echecs fand mal wieder die aus meiner Sicht passenden Worte: „Shakhriyar Mamedyarov hat nicht nur einen sehr schlechten Score gegen Magnus Carlsen; 1 Sieg, 4 Niederlagen und 6 Remis, aber vor allem hat er die drei letzten Partien verloren. Zweimal mit Schwarz, einmal mit Weiss. Man muss betonen, dass der aggressive und riskante Stil des Azeri gut zum ruhigen und präzisen Spiel des Weltmeisters passt. … 18.a3 fand Weiss offenbar notwendig, und nach 18…Td6, was man nicht erklären muss, spielte Shakriyar mit 19.Dg4!? weiter auf Königsangriff. Vielleicht war es schlauer, den Isolani mit 19.d5!? los zu werden, bevor es zu spät ist, vor allem da es nach 19…Tad8 zu spät war. Mamedyarov spielte dennoch 20.d5?! und hat dabei offenbar die Antwort 20.-Df8! übersehen. … (danach fiel der d-Bauer ersatzlos)“

Isolani ist bereits erwähnt, und auch dass Carlsen diesen systematisch belagerte (17.-Le8, 18.-Td6, 19.-Tad8) – dieser simple Plan reichte, da Mamedyarov heute kooperativ war. Zum Schluss opferte er mit 24.Lxf5 noch eine Figur – total inkorrekt, einen Zug danach gab er auf, aber zu diesem Zeitpunkt war es schon ziemlich egal. Carlsen selbst sagte hinterher „Es muss gesagt werden, dass in einer Situation, in der ein Sieg wirklich, wirklich nett wäre, Shak nicht der schlechteste Spieler ist, um gegen ihn mit Schwarz zu spielen.“ Vielleicht wird Gert Ligterink auch diese Partie auswählen – sie ist eher Carlsen-typisch, der Gegner hat (für 2700+-Verhältnisse) grottenschlecht gespielt.

 

Kramnik-Sjugirov (Savina)

 

Kramnik-Sjugirov 1-0  – das Foto vor allem, da ich Sjugirov sonst nirgendwo gefunden (oder erkannt) habe. Big Vlad war, wie letztes Jahr in Katar, doch eine Nummer zu gross – nur da trafen sie bisher aufeinander. Dieses Jahr reiste Sjugirov übrigens auf Umwegen an: beim Zwischenstop in Istanbul stellte sich heraus, dass er kein Visum für Katar hatte. Also flog er zurück nach Moskau, und dann regelten die Ausrichter für ihn Visum und Direktflug. Kramnik spielte das scheinbar ruhige 1.Sf3 d5 2.d4 Sf6 3.Lf4 nebst e3, Sbd2 und c3 – seine weisse Berliner Variante, so spielte er mehrfach bei der Blitz- und Schnellschach-WM in, ja genau, Berlin. Dann rochierte er lang, und Sjugirov dachte später „das kann ich auch“ – aber 19.- 0-0-0 war wohl ungenau, da er zuvor bereits -a6 und -b5 gespielt hatte. Weiss knabberte am schwarzen Damenflügel, öffnete die a-Linie und besetzte diese (vorbereitet mit 28.Kb2). Schwarz opferte eine Figur, um Verwirrung zu stiften, es half am Ende nicht.

 

Dahinter reihenweise remis, auch wenn So ein Turmendspiel fast hundert Züge lang knetete. Das machte er wohl, da der Gegner Lin Chen nur IM ist, aber der Chinese hielt stand. Nur Yu Yangyi gewann mit Schwarz gegen Grandelius, da der kreative Schwede den Konter 19.-Dc2 wohl komplett übersah. Er spielte zwar mit Minusturm und Minus-Leichtfigur weiter, als ob nichts los sei – aber so geplant war es sicher nicht. Stand vor der letzten Runde damit Carlsen 6.5, Kramnik und Yu Yangyi 6. Nur diese drei konnten das Turnier noch gewinnen, für insgesamt 17 Spieler mit 5.5/8 ging es nur noch um die (in Katar ebenfalls grosszügigen) Trostpreise.

 

Runde 9: Carlsen-Kramnik 1/2

Carlsen-Kramnik (Savina)

 

Nun also doch, wobei das Foto den zweiten Händedruck dokumentiert, etwa eine halbe Stunde nach Rundenbeginn. Carlsen spielte 1.e4, Kramnik reagierte mit seinem anderen Berliner (den er 2000 in London, WM-Match gegen Kasparov, in die moderne Turnierpraxis einführte), Carlsen bettelte mit 5.Te1 um ein Remis und bekam dieses problemlos. Selbst der oft kritische Emil Sutovsky hatte auf Facebook Verständnis: „I hear people here and there criticizing Magnus Carlsen for playing it too safe in his last game in Qatar Masters. Guys, it can’t work both ways. Most of you (not everyone, but the vast majority) express it clearly, that chess should be first of all a sport. And only the result matters. All the rest are insignificant details.“ [Hier und da höre ich Kritik an Carlsen, da er die letzte Partie des Katar Masters zu sehr auf Nummer sicher spielte. Leute, ihr könnt nicht beides haben. Die meisten von Euch (nicht alle, aber die grosse Mehrheit) sagen nachdrücklich, dass Schach vor allem Sport sein sollte. Und nur das Ergebnis zählt. Alles andere sind irrelevante Details.] Alles schön und gut, im Nachhinein schade, dass Carlsen sich – dank Mamedyarov – in dieser komfortablen Situation befand.

 

Auch Kramnik wurde kritisiert – es gibt Leute, die ihn und die Berliner Verteidigung „aus Prinzip“ kritisieren. Einerseits ist es ein Schwachpunkt, dass er gegen 1.e4 keine andere Eröffnung hat – Experimente mit Sizilianisch oder Pirc in „must win“ Partien mit Schwarz gingen oft schief. Andererseits war es für ihn vielleicht ohnehin nicht „must win“: mit einem Sieg konnte er das Turnier gewinnen, aber bei einer Niederlage noch relativ weit zurückfallen. In Preisgeld ausgedrückt: Sieg = bis zu 27.000$ (aber egal was er macht, wie wahrscheinlich war ein Schwarzsieg?), Remis bedeutete am Ende Platz 3-7 (7.600$) – das war kein Spatz, sondern mindestens eine fette Amsel in der Hand, Niederlage wäre Platz 8-17 (1.650$) .

 

Yu Yangyi – So 1-0! In einem „Nimzo-Katalanen“ wählte Weiss nicht das ‚tabiya‘ 8.cxd5 (und auch nicht das seltenere 8.Db3 oder 8.0-0) sondern das ziemlich seltene 8.Sc2!? und dann war 11.Sb4 schon total neu – zu diesem Zeitpunkt schaute Carlsen beim Livekommentar vorbei, da seine „Partie“ gegen Kramnik bereits beendet war. Schwarz verzichtete auf den angebotenen Bauern und entschied sich auch gegen 11.-Sb6!? um diesen vielleicht irgendwann später zu verhaften; 11.-Sxb4 reparierte die weisse Bauernstruktur und Weiss hatte nun latenten Druck – auch wenn Computer an die schwarze Stellung glauben. Im weiteren Partieverlauf machte Weiss Fortschritte am Damenflügel, Schwarz hatte Gegenspiel am Königsflügel. Der nächste kritische Moment dauerte einige Züge: 29.Dxe3!? (mutiges, wohl nicht ganz korrektes Figurenopfer) 29.-Sc2 30.De7 Sxe1+ 31.Kf2 Dd4+ („erzwingt“ das Remis, hatte Weiss nach 31.-Td1 genug für die Figur?) 32.Kf1 Sc2?! (32.-Tf8 33.Kxe1 Dg1+ usw. mit Dauerschach). Weiss bekam nun vier Bauern für die Figur und nur er konnte auf Gewinn spielen – hatte So diese Stellung völlig falsch beurteilt, oder sah er irgendwelche Gespenster nach 32.-Tf8 ? Das Endspiel mit Turm und vier Bauern gegen Turm und Springer war am Ende für Weiss gewonnen, nach 77 Zügen und 5 Stunden war es soweit.

 

An Brett 3 Akopian-Giri, das gab es auch letztes Jahr in der Schlussrunde. Damals konnte Giri in einem wilden Taimanov-Sizilianer voll punkten, diesmal spielte Akopian 1.d4 und danach betont solide (1.-Sf6 2.c4 g6 3.g3 c6 4.Lg2 d5 5.cxd5) und es wurde remis – was keinem so recht half, aber Akopian war wohl eher zufrieden damit. Auch hier kann man eventuell Giri für seine Eröffnungswahl kritisieren. Drei andere Spieler mit zuvor 5,5/8 konnten voll punkten: Karjakin – Zhang Zhong 1-0 dauerte 82 Züge mit jeder Menge Komplikationen, Irrungen und Wirrungen. Sjugirov-Mamedyarov 1-0 war eine überraschend klare Angelegenheit. Swiercz-Ivanchuk 0-1 war eine „Modellpartie“ mit Turm und Springer gegen Turm und Läufer – ob und wie Weiss das halten konnte, dafür fehlen mir Zeit und Schachverständnis. So landete Ivanchuk, der zuvor ein unauffälliges Turnier hatte (zwar ungeschlagen, aber etwas zu oft remis) doch noch recht weit vorne.

 

Und dann war Schluss, für alle ausser Carlsen und Yu Yangyi die um Platz eins stechen durften oder mussten. Carlsen war wohl ohnehin Favorit, aber es hat sicher nicht geschadet, dass er (Kurzremis) ausgeruht begann während der Chinese in einer Marathonpartie alles geben musste. Chessbase schreibt dazu: „Trotz klar besserer Zweitwertung für Carlsen sah das Reglement einen Entscheid im Blitzschach vor. Carlsen, Blitzweltmeister der Jahre 2009 und 2014, zeigte seine Klasse, ließ seinem jungen Gegner keine Chance und gewinnt souverän wie verdient das Qatar Master Open 2015.“ Der Reihe nach: „klar bessere Zweitwertung“ ist relativ. Carlsen hatte den etwas besseren gegnerischen Eloschnitt und damit die bessere TPR (2887 zu 2863), das lag unter anderem daran, dass (nur) Yu Yangyi gegen Xu Yinglun spielte (Elo 2470, aber Turnierleistung 2800). Dagegen spielte Carlsen u.a. gegen Mamedyarov, der an diesem Tag allenfalls wie Elo 2470 spielte. Buchholz hätte Yu Yangyi leicht bevorzugt. Es stimmt, dass der Blitz-Tiebreak einseitig verlief – 2-0 für Carlsen. Jedenfalls in der zweiten Partie musste Carlsen keine „Klasse“ zeigen, sondern nur die Figur nehmen, die der Gegner nach 15 Zügen einstellte. „Souverän wie verdient“ – kann man souverän und unverdient oder unsouverän und verdient gewinnen? Letzteres wäre vielleicht der Fall, wenn ein Spielertyp wie Mamedyarov für seine Abenteuerlust belohnt wird!? Ob ein anderer Spieler den Turniersieg auch verdient hatte, ist und bleibt Ansichtssache – ich sehe es so: Carlsen hat, wenn man so will, seinen „primus inter pares“ Status bestätigt, nicht weniger aber auch nicht mehr. Kein Grund zu „Ave Carlsen Halleluja“.

 

Kollege Colin McGourty von chess24 nennt nach einem Turnier traditionell Sieger und Verlierer („Winners and Losers„, noch gibt es den Artikel nicht auf Deutsch), da schreibe ich ausnahmsweise ein bisschen ab: Sieger sind für ihn Carlsen (der Sieger ist ein Sieger), Yu Yangyi, Kramnik, Sjugirov, der 12-jährige Iraner Alireza Firouzja, Xu Yinglun und (aus einem anderen Grund) Sam Shankland. Weitgehend einverstanden, wobei man noch einige andere erwähnen kann – es gab insgesamt jede Menge Normen (fünfmal GM, zehnmal IM, einmal WIM). Ich zeige die chinesische Delegation:

 

China (Emelianova)

 

Hou Yifan steht, zwar lächelnd aber tendenziell zu Recht, im Hintergrund. Wei Yi links blickt sauer drein (wenn der Herr mit blauer Jacke Wei Yi ist, bin mir da nicht 100% sicher) [Ich sehe gerade, dass chess24 dasselbe Foto ausgewählt hat und sich auf Wei Yi festlegt]. Wer ist die junge Dame ganz links? Ich tippe auf Kramniks Tochter, aber auch da bin ich mir nicht sicher. Bei den Verlierern hat Colin diesmal improvisiert: Goldene Zitrone für Wei Yi ist nachvollziehbar, 4,5/9 und Platz 69 ist wahrlich kein tolles Ergebnis. 4,5/6 gegen Europa ist noch einigermassen OK, wobei nur zwei dieser Gegner Elo über 2600 hatten – statt dem Weltmeister aller Altersklassen Magnus Carlsen besiegte er immerhin den U16-Weltmeister Roven Vogel. Aber 0/3 gegen Indien (IMs Gagare und Vignesh) und China (GM Lu Shanglei) bietet viel Luft nach oben. Vielleicht ist er froh, dass das Turnier nun vorbei ist – noch eine Niederlage gegen einen nominell klar schwächeren Gegner, und er wäre draussen aus dem 2700-Club. Wohl nur vorübergehend, ich bin gespannt auf seinen Auftritt in Wijk aan Zee – im Gegensatz zu einigen anderen rechne ich mit weniger als 50% für ihn.

 

Auch Hou Yifan ist für Colin eine Verlierin – Moment mal, sie hat doch 8.000$ gewonnen? Das weiss auch er, aber sie hat auch zehn Elopunkte verloren, so wird es nichts mit Elo 2700+ was einige als längst überfällig bezeichnen. Im Gegensatz zu Wei Yi erzielte sie gegen Indien und China immerhin 50% (3/6) und das reichte für den Damenpreis. Tücken des Schweizer Systems: Nach 8 Runden hatten fünf Damen 4,5/8 – Kosteniuk, Goryachkina, Saduakassova und Karavade verloren gegen GMs, Hou Yifan besiegte Landsmann FM Li Di. So wurden die vier anderen noch von Kashlinskaya und Khotenashvili überholt – Khotenashvili besiegte einen titellosen Spieler, Kashlinskaya immerhin GM Vocaturo. Nach TPR ginge der Damenpreis an Alexandra Kosteniuk, die im Turnierverlauf immerhin gegen sieben GMs spielte (vier für Hou Yifan). Andere Verlierer sind für mich So, Mamedyarov, Wojtaszek und Tomashevsky, die am Ende wenig Preisgeld bekamen, Tomashevsky ging leer aus. So und Mamedyarov verloren in der wichtigen letzten Runde, die beiden anderen nahmen nie wirklich Fahrt auf.

 

Kramnik+Svidler (Emelianova)

 

Zwischendrin noch zwei Sieger, wobei Svidler rechts diesmal nur kommentierte – das kann er, Schach spielen auch. Und nun ein kleines Carlsen-Potpourri:

 

Carlsen+Scheichs (Emelianova)

Carlsen mit Scheichs

Sechsmal Carlsen (Emelianova)

Sechsmal Carlsen – er durfte seine Familie mitbringen (offenbar auch auf Kosten der Veranstalter)

Carlsen+Carlsen

Danach war Carlsen erschöpft und konnte seinen Pokal nicht mehr selber stemmen

 

Sieger (Emelianova)

 

Und das sind die offiziellen Sieger – Ivanchuk dachte „was die Scheichs können kann ich auch“ und erschien ebenfalls mit Kopfbedeckung.

 

Die deutschen Ergebnisse nannte ich bereits. Matthias Bluebaum ist womöglich als einziger zufrieden, und konnte als einziger elomässig zulegen. Von sechs GMs (Tomashevsky, Jakovenko, Ivanchuk, Ponomariov, Matlakov, Adhiban) konnte nur Pono gegen ihn gewinnen, der Rest alles remis. Noch ist es zu früh, um gegen derlei Gegner auch Siege „einzufordern“? Der Rest hatte teilweise eher sporadisch grossmeisterliche Gegner: Stefan Bromberger verlor gegen Jakovenko und Wei Yi. Jan-Christian Schroeder verlor gegen den Kacper (Nachname Piorun) und besiegte Carlsen – nein da habe ich mich vertippt, es war der Schwede Pontus Carlsson. Roven Vogel verlor zu Beginn gegen Jan-Christof Duda, später gegen Wei Yi und dann auch noch gegen Stefan Bromberger (dafür fliegt man nach Katar). Rasmus Svane bekam keinen einzigen GM, da er sich auch gegen Titellose, FMs, WGMs, WIMs und IMs aus Indien, Iran, Kasachstan und China schwer tat. Immerhin sammelte er Erfahrungen gegen Spieler, denen er in Europa wohl eher sporadisch begegnet. Alexander Seyb hatte dagegen sechs GMs, darunter zwei Frauen mit vollem Titel (Sieg gegen Dazgnidze, Niederlagen gegen Stefanova und vier Männer), was seinen mageren Score von 3,5/9 in einem anderen Licht erscheinen lässt.

 

Noch ein kurzer Blick nach anderswo: Wang Hao ist für Colin McGourty auch ein Verlierer, obwohl er „nebenan“ in Al Ain mit 8/9 glänzte, aber das hat kaum jemand mitbekommen. Naiditsch flog von Baku nicht an den Persischen Golf, sondern nach Zürich (wobei er zuvor vielleicht Weihnachten in Deutschland verbrachte) und verteidigte seinen Titel beim dortigen Weihnachtsopen – da war er Elofavorit, nun hat er auch wieder Elo knapp über 2700.

 

Wie geht es weiter? Mitte Januar in Wijk aan Zee, zuvor bereits (7.-10.1. 2016) in Tallinn beim Keres Memorial – Schnellschach mit u.a. Svidler, Gelfand, Eljanov, Nepomniachtchi, Howell, Vitiugov, Kovalenko, Fridman, Matlakov, Berkes, Dreev, Postny, Georgiev, Duda, Ganguly, Kosteniuk, Gunina. Der Schachticker wird jeweils berichten, wobei ich in Tallinn nicht vor Ort bin. Ausserdem wohl noch einige Opens in der ersten Januarwoche, aber dazu habe ich nicht recherchiert.

 

So, das war’s von mir für dieses Jahr – allen Lesern, und natürlich auch den Leserinnen einen Guten Rutsch und, in jeglicher Hinsicht, Alles Gute für 2016! Zum Schluss noch eine Katar-Bildergalerie:

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