André Schulz: Das große Buch der Schach-Weltmeisterschaften – 46 Titelkämpfe – von Steinitz bis Carlsen – Anmerkungen zu einer WM-Chronik von RAYMUND STOLZE

 

PROLOG

 

Die nachfolgenden vier Zitate habe ich bewusst aus dem Vorwort ausgewählt [Seiten 7-8], weil ich denke, dass sie das Ziel für dieses Projekt formulieren. Bei Rezensionen sollte man ehrlicherweise untersuchen, wie es dem Autor gelungen ist, seinen Ansprüchen tatsächlich gerecht zu werden …

 

[1] Unzählige Bücher wurden zu den einzelnen Weltmeisterschaften geschrieben, wobei naturgemäß zumeist die Partien der WM-Kämpfe im Mittelpunkt der Betrachtung standen. Übergreifende Darstellungen der verschiedenen Schachweltmeisterschaften gab es bisher jedoch kaum. Dieses Buch soll diese Lücke schließen.

 

[2] Bei der Schilderung der Kämpfe neben dem Brett habe ich versucht, mich auf die Darstellung der Fakten zu beschränken, so wie sie in den mir zur Verfügung stehenden Quellen veröffentlicht wurden. Dabei wollte ich nie für die eine oder andere Seite Partei ergreifen oder den Leser bei seiner Meinungsbildung beeinflussen.

 

 

[3] Bei den meisten Betrachtungen zu den Schachweltmeisterschaften standen in der Vergangenheit vor allem die Spieler im Mittepunkt des Interesses, die die Weltmeisterschaftskämpfe austrugen. Ihre Biographien, hier in kompakter Form zusammengestellt, bieten einen Einblick in den Lauf der Zeit und die Lebensbedingungen, die damals herrschten …

 

[4] Ich hoffe, mit dieser Darstellung der Geschichte der Schachweltmeisterschaften zu zeigen, dass das Schachspiel viel mehr Facetten bietet als nur die Aufzeichnung der Partien und dass die Kämpfe um den ersten Platz in der Rangliste des Schachs bei Weitem nicht nur am Brett ausgetragen wurden.

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[1]

 

Dass in der Vergangenheit zahlreiche WM-Titel als sogenannte „Ereignisbücher“ erschienen sind, hat natürlich vor allem einen Grund: Es gab noch nicht das Internet. So konnte man sich sogar gewisse Zeit mit der Veröffentlichung lassen. Spätestens mit der technischen Revolution durch die neuen Kommunikationsmittel und den damit verbundenen Live-Übertragungen von WM-Partien war der Rückgang gedruckter Werke spürbar. Und auch das Fernsehen – selbst in der DDR gab es eine Sendung „Schach aktuell“ –  schaltete sich einfach aus.

 

Zurecht schränkt André Schulz mit einem „kaum“ jene Publikationen ein, die übergreifend die einzelnen Weltmeisterschaften dargestellt haben. Und dennoch hat es sie durchaus natürlich gegeben. Ich nenne nur einmal drei: Die Weltmeister des Schachspiels [Gedon Barcza, László Alföldi, Jenö Kapu/deutsche Bearbeitung Bodo Starck und Franz Stahl] – die beiden Bände sind 1975 erschienen und reichen von Morphy bis Fischer. Oder Garri Kasparows „Meine großen Vorkämpfer …, die siebenbändige Chronik [Edition Olms, 2003-2007], eine faszinierende Zeitreise in die letzten 200 Jahre Schachgesichte. Und schließlich – ich will wirklich nicht unbescheiden sein – mein Buch Umkämpfte Krone – Die Duelle der Schachweltmeister von Steinitz bis Kasparow, dessen erste von mehreren Auflagen auch in unterschiedlichen Ausstattungen 1987 vom Sportverlag in Ostberlin verlegt wurde. Zwei Jahre später wurde vom niederländischen Verlagshaus Uitgeverij Elmar eine Lizenzausgabe veröffentlicht [SCHACHAKKONINGEN …].

 

Die Frage kann also zurecht gestellt werden: Welche Lücke will der Autor schließen?

 

Als ausgewiesener Insider würde ich nach gründlichem Lesen sagen: Inhaltlich sind es die WM-Kämpfe nach Sevilla 1990, also beginnend mit jener Zeit, wo Garri Kasparow der Meinung war, den WM-Kampf ohne die FIDE durchzuführen. Es sind in vorliegendem Buch die Kapitel IV – Die Zeit des Schismas [Seiten 247-276] und Kapitel V – Wiedervereinigung und die Zeit danach [Seiten 277-332].

 

Ich gestehe gern, dass ich mich immer wieder einmal mit dem Gedanken getragen habe, mein Buch fortzuschreiben – genau diese Möglichkeit hat sich der Autor zurecht offen gehalten. Damit keine Lücke entstehen kann …

 

[2]

 

André Schulz, der seit 1997 verantwortlicher Chefredakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite ist, bringt nicht nur von Berufswegen ganz sicherlich eine hohe fachliche Kompetenz für eine solche Herausforderung mit – ich weiß, wovon ich spreche! Erstaunlicherweise ist sein Buch allerdings nicht in einem deutschen Verlag erschienen, sondern bei New in Chess in den Niederlanden.

 

Was die Quellen früherer WM-Kämpfe angeht, so sind sie mitunter mit großer Vorsicht zu genießen. Vor allem wer sich auf russische Publikationen verlässt, ist nicht sicher, im besten Glauben die darin enthaltenen Fehler zu übernehmen. Und ich spüre deutlich, dass Schulz sich in der unmittelbaren Gegenwart nicht nur sicherer fühlt, sondern auch viele interessante Hintergrundinformationen einbaut. Bekanntlich hat ChessBase beispielsweise zu Garri Kasparow bis heute immer einen engen Draht.

 

Die ehrliche Erklärung, nie für die eine oder andere Seite Partei zu ergreifen oder den Leser bei seiner Meinungsbildung zu beeinflussen, ist – und wem sage ich das – doch kaum immer einzuhalten. Das hat nichts damit, wie Schulz in jenem Zitat ausführt, mit seinem reinen Unvermögen zu tun, und selbstverständlich geschieht es erst recht nicht in böser Absicht. Wir haben doch immer auch Sympathien für den ein oder anderen Schachspieler. Ich bekenne mich hier öffentlich zu Mischa Tal und Michail Botwinnik!

 

Wenn diese Aspekt freilich an Fakten festgemacht wird, so sind Nachfragen gestattet. Warum sollte Viktor Kortschnoi beim Kandidatenhalbfinale 1971 im Halbfinale gegen Tigran Petrosjan gemäß einer geheimen Absprache ausscheiden? [Seite 194]

 

Bei Kasparow lese ich: „Das Halbfinale gegen Petrosjan war ungewöhnlich schwierig, zäh und unspektakulär. Neun Unentschieden und ein Sieg für den Exweltmeister. Der Einsatz war so hoch wie nie zuvor: Welchem der Sowjetstars würde es gelingen, sich dem unbezähmbaren Fischer widersetzen zu können? Petrosjan konnte es jedenfalls nicht. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass Kortschnoi den Amerikaner gestoppt hätte …“ [siehe Band 7 Meine großen Vorkämpfer …, Seite 81].

 

Und ebenso trifft es so wohl nicht zu, dass sich Kortschnoi beim Kandidatenturnier in Curacao 1962 durch die Remisabsprachen von Petrosjan, Geller und Keres betrogen fühlte. [Seite 194].

 

„Er war psychisch auf solch ein wichtiges Ereignis nicht vorbereitet“, schreibt der Schachjournalist Viktor Wassiljew. „Schon gegen Ende des ersten Viertels, als seine Rivalen schüchtern seine Erfolge beobachteten, wurde es Kortschnoi klar, dass er keinesfalls um den ersten Platz würde kämpfen können. Sein Spiel war schwerfällig, und nach jeder Partie war er müde und ausgelaugt.“ [siehe Band 7 Meine großen Vorkämpfer …, Seite 54].

 

[3]

 

Das Konzept von André Schulz, die Schilderung der insgesamt 46 WM-Matches im Klassischen Schach konsequent mit Spielerbiographien zu verbinden, ist seinerzeit nicht mein Ansatz gewesen, aber es ist durchaus ein reizvoller Weg. Auch von Kasparow werden ja nicht nur seine zwölf Vorgänger von Steinitz bis Karpow vorgestellt, sondern auch jene Protagonisten, die im sportlichen Wettstreit um die Schachkrone Bedeutendes geleistet und damit ebenfalls Schachgeschichte geschrieben haben.

 

Schade nur, dass – warum auch immer – einige Geburtsdaten wie vom einzigen deutschen Schachweltmeister Dr. Emanuel Lasker keine Erwähnung finden. Bei einer Nachauflage sollte dies in jedem Fall ergänzt werden!

 

[4]

 

Die Kapiteleinteilung – in erwähne hier noch TEIL I – Die Zeit der Privatweltmeisterschaften, TEIL II – Die sowjetische Ära und TEIL III – Die neue Ära – bietet eine sehr gute Orientierung. Der Leser muss nämlich nicht chronologisch vorgehen, sondern er kann sich jene Matches aussuchen, die für ihn aus ganz persönlichen Gründen besondere Priorität haben.

 

Eine Anmerkung habe ich trotzdem. In der Einleitung schreibt der Autor: „Die FIDE spielte eine eigene Weltmeisterschaft aus, die aber keine allgemeine Anerkennung fand …“

 

Einspruch! Wenn man die 1993 von Nigel Short und Garri Kasparow im Streit mit dem damaligen FIDE-Präsidenten Florencio Campomanes „entführte Weltmeisterschaft“ im Klassischen Schach und die parallel ausgetragenen Titelkämpfe des Weltschachbundes betrachtet, so haben damals die meisten der besten Schachspieler verständlicherweise beide Chancen zu nutzen versucht. Von den sechs FIDE-Weltmeistern Anatoli Karpow [1993-199], Alexander Chalifman [1999-200], Viswananthan Anand [2000-2002], Ruslan Ponomarjow [2002-2004], Rustam Kasimdshanow [2004-2005] und Wesselin Topalow [2005-2006] gehören heute bis auf Karpow und Chalifman – die übrigen zur absoluten Weltklasse. Ich hätte deshalb in TEIL IV – Die Zeit des Schismas keinesfalls auf einen Beitrag zu den FIDE-Weltmeisterschaften 1993-2006 verzichtet, weil sie meiner Meinung nach anzuerkennen sind!

 

Und ganz ohne Schachpartien geht es selbstverständlich nicht, denn André Schulz hat stets eine wichtige ausgewählt, die für das jeweilige Duell von entscheidender Bedeutung gewesen ist. Für den umfangreichen Statistikteil [Seiten 333-344] hätte ich deshalb zwei „Verbesserungsvorschläge“. Was spricht dagegen, diese „Weltmeisterpartien“ entsprechend kenntlich zu machen, also sie in den tabellarischen Übersichten zu fetten? Und ebenso wäre es sinnvoll, das Zeitfenster der jeweiligen Weltmeisterschaft anzugeben.

 

Unbedingt zu loben sind schließlich auch Glossar und das umfangreiche Literatur- und Quellenverzeichnis.

 

Zum Abschluss noch ein erstaunlicher Fakt: Wussten Sie eigentlich, dass Deutschland mit 16 Städten die meisten Austragungsorte der Weltmeisterschaften aufweist, gefolgt von den Niederlanden mit 15?

 

Ob der anspruchsvolle Titel „Das große Buch der Schachweltmeisterschaften“ wirklich gerechtfertigt ist, mögen die Leser entscheiden! Meinen Respekt hat André Schulz in jedem Fall verdient!

Vielleicht ist im 21. Jahrhundert ein ganz anderer inhaltlicher Ansatz als nur eine Chronologie der Titelkämpfe sinnvoll und wünschenswert??? Beispielsweise „Das große Lesebuch der Schachweltmeisterschaften“, wo wahrlich die spannendsten und interessantesten Geschichten aus der Chronik der Schachweltmeisterschaften seit 1886 vertreten sind! Und das nicht zuletzt, weil Schach wahrlich zu einer weltweiten Leidenschaft geworden ist …

 

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André Schulz: Das große Buch der Schach-Weltmeisterschaften – 46 Titelkämpfe – von Steinitz bis Carlsen, 351 Seiten, Hardcover, 22,80 €, NEW IN CHESS, ISBN 978-90-5691 – 637 – 4

Eine Bestellung des Titels ist problemlos bei unserem Partner CHESSWARE via Internet [ http://www.chessware.de/ ] möglich, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte.

 

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