Das Team will dich nicht!“ – Ein Offener Brief von Großmeister Vadim Milov, amtierender Landesmeister und derzeit die Nummer 1 in der Schweiz

 

Vadim Milov (by Andreas Kontokanis)

Vadim Milov (by Andreas Kontokanis)

Es ist wirklich die Ausnahme, dass uns ein Großmeister einen Offenen Brief schickt mit der Bitte, ihn online zu veröffentlichen. Im konkreten Fall kommen haben wir uns dafür entschieden, ihn zu publizieren. Anzumerken ist, dass Leserbriefe nicht die Meinung der Redaktion wiedergeben. Allerdings gibt ihm die hierzulande demokratisch festgeschriebene Pressefreiheit mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung die Chance, in unserer Rubrik „So sehe ich das …“ zu Wort zu kommen.

 

Meine Bekannten wissen, dass ich diesen Offenen Brief eigentlich gar nicht schreiben wollte. Doch um sich irgendwie irgendwo Gehör zu verschaffen, sehe ich derzeit keine andere Möglichkeit als diese Internetpublikation. In der Schweizerischen Schachzeitung [SSZ], dem offiziellen Publikationsorgan des Schweizerischen Schachbundes [SSB], wurde nie ein Offener Brief von mir publiziert, was einer Zensur gleichkommt.

 

Es geht im Wesentlichen darum, dass einige Funktionäre des Schweizerischen Schachbundes dafür verantwortlich sind, dass ich nicht für die Schweizer Nationalmannschaft spielen kann. Untenstehend gebe ich einige meiner Erfahrungen wieder mit gegenwärtigen und ehemaligen Verbandsverantwortlichen, die hinter dieser Entscheidung stehen oder gestanden haben.

 

Das letzte Mal, als ich an der Olympiade mitgespielt habe [2000 in Istanbul], erzielte das Schweizer Team – zugegebenermaßen überraschend – den zehnten Schlussrang. Es bleibt bis heute das beste Schweizer Resultat an einer Schacholympiade. Danach wollte ich mich mehr auf meine eigenen Turniere konzentrieren.

 

Als ich im Januar 2014 dem damaligen Coach des Schweizer Herren-Teams, Peter Wyss, geschrieben habe, dass ich interessiert wäre, an der kommenden Olympiade im August 2014 teilzunehmen, erhielt ich von ihm die für mich überraschende Antwort, dass es dafür bereits zu spät sei. Sollte es für den Schweizer Schachbund denn nicht das Ziel sein, die bestmögliche Mannschaft für einen solchen Anlass zusammenzustellen? Die Antwort, „Es tut uns leid, es ist zu spät“, könnte für eine zu spät eingereichte Anmeldung für eine Gesellschaftsparty passen, doch nicht für meine erläuterte Anfrage mehr als ein halbes Jahr im Voraus; das sollte man zumindest meinen.

 

Dies geschah zur Zeit, als Adrian Siegel Präsident des Schweizerischen Schachbundes war. Über ihn erschien in der renommierten Neuen Zürcher Zeitung [NZZ] der folgende Artikel: http://www.nzz.ch/sport/der-laeufer-des-allmaechtigen-koenigs-1.18386261.

 

Obwohl dieser Journalist nicht aus der Schachwelt kommt, kann ich seine Darstellungen weitestgehend bestätigen. Ich spielte nämlich in der Schweizerischen Mannschaftsmeisterschaft [SMM] in der von Adrian Siegel betreuten ersten Mannschaft des ASK Réti mit, als der Verein mit dieser Mannschaft zum ersten Mal Schweizer Meister wurde. Danach wurde Adrian Siegel zum Präsidenten des Schweizerischen Schachbundes gewählt. In der Folge wurde er auch SSB-Delegierter für die FIDE und die ECU [European Chess Union]. Und es ist noch nicht alles: Siegel hat sich dann offensichtlich mit Iljumschinow angefreundet und wurde später in den FIDE-Vorstand als Treasurer gewählt.

 

Neulich ist bekannt geworden, dass Iljumschinow vom „U.S. Department of Treasury“ auf eine schwarze Liste gesetzt wurde und deshalb nicht mehr in die USA einreisen darf. Diese Neuigkeit hat wohl nur Wenige überrascht. Mich würde in dem Zusammenhang die folgende Frage interessieren: Wie viele europäische Föderationen haben Iljumschinow bei den Wahlen unterstützt? Nicht viele, nehme ich an. Eine darunter war die Schweiz, oder besser gesagt: es war Adrian Siegels Entscheidung, damit er sich in den FIDE-Vorstand wählen lassen konnte.

 

Wie der Leser dem oben erwähnten Artikel entnehmen kann, war Siegel zu jenem Zeitpunkt Chefarzt an einem Zuger Spital und Professor an der Universität Zürich. Siegel erklärte, er wolle „Transparenz in die FIDE bringen“. Ist dies glaubhaft? Hat Siegel auch die entsprechende Ausbildung in Buchhaltung und Finanzwesen, um oberster Fi­nanzverwalter eines Weltsportverbandes zu sein?

 

Meines Wissens sind Chefärzte und Professoren viel beschäftige Leute. Können diese so viel freie Zeit für andere Projekte aufbringen? Es ist ein offenes Geheimnis, dass der NZZ-Artikel Adrian Siegel außerordentlich verärgert hat. Die Suche nach dem Schuldigen, eben demjenigen, welcher dem Journalisten den Stoff für den Artikel geliefert hat, ist bis heute ergebnislos geblieben.

 

Gerüchten zufolge soll es auch mit dazu geführt haben, dass Siegel seine Chefarztstelle im Zuger Spital verloren hat. Und es wurde gar gemunkelt, dass die Schachkarriere des „Schuldigen“ in der Schweiz „vorbei“ sein dürfte, sollte sich herausstellen, wer dahintersteckt. Man hat womöglich eine Zeitlang auch in mir diesen „Schuldigen“ sehen wollen. Mit der Entstehung des genannten Zeitungsartikels habe ich allerdings nichts zu tun. Für die journalistische Leistung dagegen habe ich nur lobende Worte. Für mich jedenfalls bleibt aber die entscheidende Frage unbeantwortet: Warum hat sich Adrian Siegel nicht dafür eingesetzt, dass ich für das Schweizer Nationalteam spielen kann?

 

Der andere bereits erwähnte Funktionär, Peter Wyss, wurde zuerst zum Coach der Schweizer Nationalmannschaft ernannt und wenig später im Jahr 2015 zum Präsidenten des Schweizerischen Schachbundes gewählt. Zum Begriff „Coach der Schweizer Nationalmannschaft im Schach“: Im Unterschied zu anderen Sportarten bedeutet „Coach“ für den SSB, dass dieser administrative Arbeiten übernimmt wie Rundschreiben verfassen, Reisen organisieren usw. Großes schachliches Können ist nicht Voraussetzung. Die Selektion der Spieler ist aber auch Aufgabe des Coaches. In der früheren Vergangenheit bildete dabei das Spieler-Rating mehr oder weniger das Hauptkriterium dafür. Nun musste ich aber feststellen, dass dieses Auswahlverfahren „etwas geändert“ wurde.

 

Wie oben bereits erwähnt. weigerte sich Peter Wyss im Vorjahr, mich in das Schweizer Nationalteam aufzunehmen. In der weiteren Kommunikation mit Peter Wyss habe ich erfahren müssen, dass die Verantwortlichen des SSB allem Anschein nach nicht wollen, dass ich für das National­team spiele, weder jetzt noch später. Mir wurde vorgeworfen, dass ich „teamunfähig“ sei und „mit allen Funktionären und Spielern Probleme habe“.

 

Meine Frage: „Mit wem genau habe ich Probleme?“ Antwort des Verantwortlichen des Schachbundes: „Mit allen.“

 

Hier sind einige Sätze aus meinem Gespräch mit Peter Wyss [sein Rating ist unterhalb von 2100 Elo, was einem guten Klubspielerniveau entspricht], der mir – wenn ich mich recht erinnere – zum Zeitpunkt dieser Anschuldigungen erst zum zweiten Mal im Leben begegnet ist:

 

V.M.: Also, Herr Wyss, glauben Sie, dass Sie qualifiziert sind, als Coach tätig zu sein und selber zu bestimmen, wer an einer Olympiade spielen darf und wer nicht? Ein Coach für meine Begriffe wäre jemand wie Ottmar Hitzfeld.

 

P.W.: Ja natürlich. Was weiß Ottmar Hitzfeld über den Fußball, was ich über das Schach nicht weiß? Außerdem, wenn ich jemanden nicht mag, dann wird der nicht für die Mannschaft spielen.“

 

V.M.: Und, Sie mögen mich nicht?

 

P.W.: Nein.

 

Der SSB hat an keiner Stelle öffentlich erwähnt, dass mein Antrag um Aufnahme in den Nationalkader Ende 2014 abgelehnt worden ist. Schämen sich die Zuständigen etwa, das Geschehene [Verweigerung der Aufnahme ins Nationalkader mit der Begründung der angeblich ungenügenden Teamfähigkeit] in aller Öffentlichkeit zuzugeben? Ich glaube, ja.

 

Zudem wurde mir klar zu verstehen gegeben, dass meine Meinung im Schweizerischen Schachbund nicht von Interesse sei. Ein Kommentar dazu ist wohl überflüssig. Es sind dies doch ziemlich gewagte Aussagen eines Klubspielers, der urplötzlich, praktisch aus dem Nichts, in eine höhere Verbandsfunktion berufen wurde. Damals war Peter Wyss „Coach“ der Schweizer Nationalmannschaft, inzwischen ist er quasi „befördert“, also zum Präsidenten des Schweizerischen Schachbundes gewählt worden.

 

Interessant ist auch, wie die Wahl des SSB-Präsidenten sowie der weiteren wichtigen Zentralvorstandsmitglieder vonstatten geht. Wer glaubt, dass es eine Kandidatenauswahl gibt, der irrt. Es gibt seit vielen Jahren jeweils nur eine einzige Kandidatur pro Vakanz, die Wahlen erfolgen dann jeweils einstimmig, fast einstimmig oder zumindest mit großer Mehrheit. Die entscheidenden Auswahlverfahren finden also vorher statt, die Wahlen selber sind dann mehr oder weniger Formsache. Die neu Gewählten fühlen sich in diesem System denjenigen gegenüber verpflichtet, welchen sie ihre Auswahl zu verdanken haben.

 

Als Nachfolger von Peter Wyss wurde im vergangenen Jahr IM Martin Ballmann als Herren-Coach ernannt. Noch im Vorjahr, als er noch nicht im neuen Amt war, hat er sich als Spieler im persönlichen Gespräch mit mir dahingehend geäußert, dass ich wieder für die Nationalmannschaft spielen soll. Aber jetzt in seiner neuen Funktion als Coach ist die Frage meiner Wiederaufnahme ins Nationalteam eine hürdenreiche und langwierige Angelegenheit geworden.

 

Die Zeit verstreicht, ohne dass sich in der Zwischenzeit dabei augenscheinlich viel bewegt hat, ein konkreter Lösungsansatz des jetzigen Schwebezustandes fehlt immer noch, ein Entscheid wird weiter aufgeschoben, was eben weder Ja noch Nein bedeutet. Die Frage sei deshalb erlaubt: Spielen hier Fragen der Loyalität im Sinne einer Übernahme alter Ansichten und Vorgehensweisen unter den Verbandsfunktionären womöglich eine entscheidende Rolle?

 

Ein weiterer einflussreicher Funktionär ist Walter Bichsel, der seit vielen Jahren wichtige Positionen im SSB bekleidet und bis heute für die Verbandsstrategie eine prägende Rolle spielt. Bichsel konfrontierte mich mit den Worten: „Das Team will dich nicht!“ In meinen Ohren klingt es fast wie „Landesverräter“. Es wird also explizit erklärt, dass nicht die objektiv spielstärkste Mannschaft das Ziel ist. Überspitzt könnte man den Machtanspruch wie folgt formulieren: „Uns, den Funktionären, ist egal wie erfolgreich die Mannschaft spielt, wir, die Funktionäre, sind das wahre Team.“

 

Noch einmal zu Bichsels Statement: „Das Team will dich nicht!“. Sprechen wir etwa über ein erfolgreiches Team, das an den Mannschaftsturnieren [des Öfteren] gut abschneidet? Nein, das Schweizer Team befindet sich an den Schacholympiaden regelmäßig so um den 50. Schlussrang und an der letzten Europa-Mannschaftsmeisterschaft wurde die Schweiz 29. von insgesamt 36 Teams. Die Funktionäre scheint es nicht weiter zu kümmern. Und wenn ein Mannschaftswettbewerb an einem schönen Ort stattfindet [also nicht irgendwo in Sibirien], dann machen sie gerne eine Reise dorthin – natürlich nicht auf eigene Kosten. Trotz seit Jahren angespannter Finanzlage leistet sich der Verband diese Ausgaben, demgegenüber werden die Spieler für ihre Einsätze aber nicht gut entschädigt.

 

Seit dem Jahr 2000 gibt es in der Schweiz keinen einzigen neuen Spieler, der sein Rating über das Niveau von 2500 Elopunkte heben konnte. Ob die genannte Elo-Grenze für einen Ländervergleich eine bescheidene ist oder nicht, ist natürlich Ansichtssache.

 

Walter Bichsel, der zur Schachgesellschaft Winterthur gehört, ist seit Jahren für Spitzen- und Jugendsport im Verband [mit-]verantwortlich. Darunter fallen die Spielerselektionen für die Jugend-Europa- und Jugend-Weltmeisterschaften, aber auch die Auswahl der Delegationsleiter und Trainer innerhalb der Delegationen. Die ausgewählten Trainer gehören sehr oft der SG Winterthur an oder zumindest zu einem sehr loyalen Kreis an Auserwählten. Sind denn nicht die Fähigkeiten eines Trainers an sich alleroberste Priorität?

 

Ich trainiere nur wenige Schüler in der Schweiz, aber mit meinen Schülern im Ausland habe ich durchaus Erfolge vorzuweisen. Einer von denen ist vor ein paar Jahren sogar Juniorenweltmeister geworden, und es gibt einige andere, die es auf ein vergleichsweise gutes Niveau gebracht haben. Die Schweizer Vertreter schneiden an den Jugend-EMs und Jugend-WMs häufig unter ihren Erwartungen ab. Ich hätte gerne Erfolge mit Schweizer Junioren erzielt, aber es liegt offensichtlich am Verband, welcher bisher nichts unternommen hat, um mir eine Trainertätigkeit mit den besten Schweizer Schülern und Junioren zu ermöglichen.

 

Die meisten Funktionäre sind bekanntlich Amateure, die es aus diesem oder jenem Grund im Schach nie sehr weit gebracht haben. Ist es ein Widerspruch, dass gerade sie es sind, welche die Entscheidungen über die erfolgreichsten Spieler des Landes treffen?

 

Ein unabhängig denkender Spieler wird von Verbandsverantwortlichen zu einem „schwierigen“ Spieler abgestempelt, mit dem die Funktionäre dann so „ihre Probleme“ haben. Die Funktionäre sind für die Spieler da und nicht umgekehrt, sollte man eigentlich meinen.

 

Auch mangelt es generell an Transparenz. Der Eindruck mag mitunter entstehen, Reglemente würden wenn nötig zu Gunsten ihrer Protégés geändert. Beispielhaft zu nennen ist das Reglement, ob man für den Schweizer Meistertitel den Schweizer Pass benötigt oder nicht: Es wurde in den letzten 20 Jahren mehrmals geändert [neulich auch wieder, und nun kann man wieder ohne Schweizer Pass Schweizer Meister werden], was doch Fragen aufwirft: Könnte es also vielleicht sein, dass zu gewissen Zeiten einem Spieler oder einer Spielerin die Titelberechtigung zuerkannt werden soll, aber in einer anderen Epoche einem anderen Spieler dieselbe Chance jedoch verwehrt bleiben soll?

 

Es sind die Erlebnisse, Fakten und daraus resultierende Fragen, die ich in diesem Offenen Brief allen Interessierten zugänglich darstellen möchte. Ich bin kein Kriecher und hoffe, dass es in dieser Organisation bald Änderungen geben wird, dass die Menschen kommen, die genügend Respekt für die Spieler haben und die unter anderem mir ermöglichen werden, wieder für die Nationalmannschaft zu spielen.

 

Vadim Milov, 7. Januar 2016

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VADIM MILOV, Jahrgang 1972, wurde erstmals Schweizer Landesmeister 2015 und ist mit Elo 2615 [1. Januar 2016] die Nummer 1 in der nationalen Rangliste. Seine beste Ratingzahl war 2705 im Juli 2008. Der in Ufa in der ehemaligen UdSSR geborene Großmeister lebt seit 1996 in der Schweiz. Er war dreimal Teilnehmer der FIDE- K.o.-WM [1996, 1999, 2001]. Vadim Milov vertrat die Schweiz bei der Schacholympiade 2000 sowie bei den Mannschafts-Europameisterschaften 1999 und 2001].

Eine Antwort auf So sehe ich das … [26]

  • joachim sagt:

    spannend- mit anderen personen 1:1 in österreich. wegen vergleichbarer aktionen hab ich schon vor jahrzehnten meine vorstandsfunktion im ösb zurückgelegt. wir gehen davon aus, dass auch österreich für i gestimmt hat.

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