Alle Jahre wieder in Wijk aan Zee

 

Liviu-Dieter Nisipeanu

Liviu-Dieter Nisipeanu

Ich hatte bereits eine frühe Vorschau zu Tata Steel 2016 – zum damaligen Zeitpunkt (11. November 2015) waren zwölf von vierzehn Teilnehmern der A-Gruppe bekannt, Nummer 13 (ACP Tour Qualifikant Tomashevsky) zu 90% sicher, und die Nummer 14 war auch naheliegend und wurde von mir erwähnt – Pavel Eljanov. Nach aktuellster Elo sind diese 14 etwas anders sortiert als vor zwei Monaten, aber (trotz relativ grosser Elo-Unterschiede für einige) nur etwas: Carlsen, Giri, Caruana, So, Karjakin, Ding Liren, Eljanov, Malivemedyarov, Adams, Navara, Tomashevsky, Wei Yi, Hou Yifan, van Wely.

 

Noch nicht bekannt waren die Teilnehmer der B-Gruppe, offiziell „Challengers“ – da gab es naturgemäss Überraschungen, denn bei dem recht grossen Elo-Spektrum kommen weit mehr als 100 Spieler(innen) potentiell in Frage, ausgewählt wurden auch hier 14: Nisipeanu, Adhiban, Safarli, Dreev, l’Ami, Bok, Sevian, Antipov, Abasov, Ju Wenjun, Jorden Van Foreest, Nino Batsiashvili, Miguoel Admiraal, Anne Haast. Da die meisten Reporter sich wohl stark auf die A-Gruppe (offiziell „Masters“) konzentrieren, werde ich auf die B-Gruppe etwas ausführlicher eingehen. Deswegen und da ich für eine deutsche Seite schreibe, bekommt Liviu-Dieter Nisipeanu das Titelbild (von Euku via Wikipedia). Es entstand 2015 in Dortmund, wo er insgesamt auch mit der Weltspitze mithalten konnte und gleich zu Beginn gegen Wesley So ein Ausrufezeichen setzte. Das war das zweite Duell dieser beiden Spieler, zuvor trafen sie 2010 aufeinander – in der B-Gruppe in Wijk aan Zee, damals gewann Wesley So. Wer von beiden „besser“ ist, wird sich vielleicht 2017 in Wijk aan Zee herausstellen?

 

Schon bin ich bei Prognosen für die B-Gruppe, aber erst ist doch die Weltspitze dran. Natürlich ist in der A-Gruppe Carlsen Favorit, aber einigen anderen traue ich zu, dass sie ihm mindestens Paroli bieten können. Am ehesten Giri (er wäre mal dran), Caruana und Karjakin (beide haben bereits Superturniere vor Carlsen gewonnen) – aber auch So und Ding Liren sollte man nicht unterschätzen. Zur Erinnerung: 2015 teilten Giri, So, Ding Liren und Vachier-Lagrave (spielt dieses Jahr in Gibraltar) Platz zwei ein halbes Pünktchen hinter Carlsen. Caruana hatte damals ein schlechtes Turnier, Karjakin pausierte. Ansonsten wage ich nur für einen Spieler eine Prognose: Wei Yi wird weniger als 50% erzielen – wie viele (auch Carlsen) das erste Mal in der A-Gruppe. Beim Weltcup war zwar beeindruckend, wie er immer wieder schlechte Stellungen zäh und ideenreich verteidigte, rettete oder gar drehte – aber ob das gegen die Weltspitze funktioniert, die seine noch vorhandenen Schwächen wohl kennt? Gespannt bin ich vor allem auf den Weltcup-Helden Eljanov, und mehr schreibe ich zur A-Gruppe nicht.

 

Die B-Gruppe ist wieder bunt gemischt, wenn auch geographisch nicht so bunt wie 2015 – damals waren mit Belgien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Australien gleich drei eher exotische Schachländer vertreten, diesmal sind es acht etablierte Schachländer und nur drei Kontinente. Zehn Spieler haben sie selbst ausgesucht, zwei wurden von der ACP nominiert – Dreev (Veteran) und Batsiashvili (Dame), zwei haben sich qualifiziert: Miguoel Admiraal als Sieger der höchsten Amateurgruppe 2015, der Azeri Abasov gewann das Cultural Village Turnier, im November 2015 ebenfalls in Wijk aan Zee. Zu den anderen Einheimischen, traditionell (und warum nicht?) dürfen noch mehr mitspielen: Erwin l’Ami ist Stammgast im Turnier, mitunter (jedenfalls früher) auch in der A-Gruppe, Benjamin Bok und Anne Haast haben auch schon einmal mitgespielt. Für Jorden Van Foreest wird es, so vermute ich jedenfalls, sein bisher stärkstes Rundenturnier – wobei er in offenen Turnieren durchaus bereits vergleichbare Gegner bekam und oft mithalten konnte. Ich rechne damit, dass er etwas weiter oben landen wird als Platz 11, der ihm laut Setzliste „gehört“.

 

Zu den noch nicht genannten Ausländern: Nisipeanu muss ich dem deutschen Publikum wohl nicht vorstellen. Adhiban und Safarli sind „zweite Garnitur“ in Indien und Aserbaidschan, jeweils sind eben einige (nach aktueller Elo vier bzw. drei) noch besser. Wie vergleichbare Spieler spielen sie sonst vor allem Mannschaftskämpfe und offene Turniere. Sevian und Antipov sind Jungstars – Sevian ist in den USA wohl der beste oder jedenfalls momentan bekannteste, Antipov ist einer von mehreren Russen. Eingeladen wurde er vielleicht, weil er letztes Jahr U20-Weltmeister wurde – punktgleich mit aber nach Wertung vor dem Elo-Favoriten JK Duda (gerne übernehme ich den Vorschlag eines Kollegen, wie man Jan-Krzysztof abkürzen kann), vor u.a. Matthias Bluebaum (er käme auch für Tata Steel B in Frage, aber diesmal ist halt Nisipeanu dran), Nijat Abasov, Benjamin Bok und Jorden Van Foreest. Im September 2015 spielten alle in Khanty-Mansiysk, nun gibt es für vier von sechs ein Wiedersehen in Wijk aan Zee. Ju Wenjun ist bei den Damen immerhin Nummer 2 in China, und weltweit live nun Nummer 3 – der Ausflug zum New Zealand Open auf der Durchreise nach Wijk aan Zee hat sich gelohnt (u.a. Sieg gegen Nigel Short).

 

Eines will ich zwischendurch – Thema junge Russen – erwähnen: Vor zwei Jahren verstarb Vugar Gashimov direkt vor dem Turnier (viel zu jung aber nicht unerwartet), diese Woche erlag der 20-jährige Ivan Bukavshin wohl total unerwartet einem Schlaganfall. Für einen eigenen Nachruf-Artikel bin ich nicht kompetent, also verlinke ich die von chess.com und chess24. Auch er war ein potentieller Teilnehmer der B-Gruppe und hätte im Fall des Falles u.a. gegen Nisipeanu gespielt (chess.com hat im Beitrag das spektakuläre Nisipeanu-Bukavshin 1-0, gespielt bei der Europameisterschaft 2015 in Jerusalem).

 

Prognosen für die B-Gruppe? In der Vergangenheit gewannen etwa abwechselnd aufstrebende junge Talente oder mehr oder weniger etablierte Grossmeister der „zweiten Garnitur“, bzw. manchmal landeten junge und nicht mehr so junge Spieler punktgleich auf Platz eins, und bekamen im nächsten Jahr beide eine Einladung für die A-Gruppe. Wie bereits erwähnt, hat das Teilnehmerfeld diverse Jungstars – aber ich traue keinem zu, das Turnier schon diesmal zu gewinnen. Also kann ich mir vorstellen, dass Elo-Favorit Nisipeanu das Ding macht – ist natürlich auch Formsache, generell und vor allem bei kreativ-unternehmungslustigen Spielertypen wie ihm.

 

Ein kurzer Blick auf Teilnehmer der Amateurturniere, da nenne ich nur einige (aus unterschiedlichen, z.T. mehreren Gründen) relativ bekannte Namen alphabetisch sortiert: GM Vladimir Dobrov, Lucas van Foreest (*2001, laut einigen NL-Experten womöglich noch talentierter als sein zwei Jahre älterer Bruder), IM Sopiko Guramishvili, FM Robby Kevlishvili (*2001), IM Arthur Pijpers (in Basel Sieger gegen Arkadij Naiditsch), GM Roeland Pruijssers, IM Anna Rudolf. Da werde ich wohl auch gelegentlich vorbeischauen, und auch in Gruppe 4 wo mein Schachfreund Tom Adriaanse (*1942) ein Jubiläum feiert, zum 25. Mal dabei in Wijk aan Zee.

 

Nun noch ein paar allgemeine Infos: Alle Jahre wieder beginnen die Runden in Wijk aan Zee um 13:30, bis auf die letzte um 12:00 – Details wie Ruhetage hier. Zwei Dinge gibt es dieses Jahr zum dritten Mal: Tata Steel on Tour und den Reporter Thomas Richter. Die Auswärtsspiele sind dieses Mal im Science Center NEMO in Amsterdam (21.1) sowie im Eisenbahnmuseum in Utrecht (27.1.) mit Anstoss um 14:00. Was meine Berichterstattung betrifft: ich lasse mich überraschen und werde die Leser vielleicht überraschen. Geplant sind, unter Vorbehalt, auch Interviews mit Titelträgern die nicht selbst mitspielen (jedenfalls ein FM, ein IM und ein zwei GMs) sowie mit Teilnehmern der Amateurturniere.

Fotos und Videos                Videos von Daniel King                         Fotos von Alina I Àmi

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2 Antworten auf Tata!

  • Franz Jittenmeier sagt:

    Liebe Schachfreunde!
    Wir freuen uns über jeden Kommentar. Schreiben Sie Ihre Meinung, die ruhig auch kritisch sein darf. Beleidigungen werden wir allerdings nicht veröffentlichen. Los geht`s

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