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Ein Dank geht an die Redaktion von Zeit-Online, die uns freundlicherweise die Genehmigung zur Veröffentlichung erteilte. Ein herzliches Dankeschön auch an den Autor IM ILJA SCHNEIDER

 

Ilja Schneider

Ilja Schneider

Eigentlich dachte ich, in 22 Jahren Schach alle Abgründe gesehen zu haben. Vor Jahren bekam ich mit, wie ein Senior sich während einer Runde hinter einer Gardine die Unterhose wechselte. Ein anderes Mal steckte sich ein Schachfreund mehrere alte Brotlaibe ein, die im Rahmen einer Kunstausstellung auf einer Theke ausgelegt waren. So mancher Spieler rauft sich während einer Partie so stark die Haare, dass seine Brettseite von Schuppen und Haarbüscheln übersät ist; der Gegner überlegt dann vielleicht zweimal, ob er dort wirklich eine Figur schlagen und in die Hand nehmen möchte. Nichts eignet sich so gut für Charakterstudien wie ein Besuch in einem Turniersaal.

zeit_Online

Doch was ich neulich erlebte, war in dieser Form auch mir neu. Es begab sich bei einem kleinen, familiär organisierten Halbmarathonturnier – etwa 45 Partien Blitzschach am Stück ohne längere Pausen – bei dem es kaum etwas zu gewinnen gab und schon der ungewöhnliche Modus nahelegte, dass man wirkliche Freude an der Sache selbst verspüren müsste, um sich so etwas an einem Wochenende kurz vor Weihnachten anzutun. Doch schnell wurde klar, dass ein wahrer Masochist am Start war, ein Mann um die Fünfzig, auf den ersten Blick unauffällig, aber nur auf den ersten.

 

 

Dieser Mann diskutierte mit dem Schiedsrichter, schon vor dem Turnierbeginn, über Kleinigkeiten. Er fluchte, er schimpfte, er drosch auf die Schachuhr ein wie auf einen Amboss, er knallte die Figuren aufs Brett. Nicht nur seine Pferde hatten Schaum vorm Mund. Während seiner Niederlagenserien, die meist fünf bis sieben Partien dauerten, bot er in jeder einzelnen Partie kurz vor Schluss Remis an, um einige Augenblicke später über die Zeit gehoben zu werden, denn er bediente die Uhr zwar äußerst kraftvoll, aber keinesfalls schnell. Er brüllte dann Dinge wie “Warum nimmt denn hier niemand Remis gegen mich an?” (natürlich alles, während noch andere Partien liefen) oder versah das Ergebnis auf seinem Zettel, auf dem er mitstenografierte, mit einem “UNVERDIENT!!”.

 

Zwischen den Partien tigerte er frustriert durch den kleinen Klassenraum, in dem die Veranstaltung stattfand und warf brüllend die Frage in den Raum, wie tief man eigentlich noch sinken könne. Die Antwort darauf lieferte er dann alsbald selber, als er nach einer weiteren Niederlage ein paar Walnüsse aus seiner Tasche holte. Er kniete sich auf den Boden und schlug mit der Faust auf sie ein. Die Walnüsse mussten herhalten für alle gegnerischen Figuren, die der Mann bis dahin nicht geschlagen und alle Könige, die er nicht mattgesetzt hatte. Es war ein Massaker.

 

Ein Extremfall, zugegeben. Doch gleichzeitig ein Argument dafür, dass wir ZEIT-ONLINE-Schachblogger kürzlich durchaus einen wahren Kern getroffen haben könnten. Schach sieht so einfach aus – nur sechs verschiedene Figurenarten plus ein paar Sonderregeln, man kann es in einer halben Stunde lernen – und ist doch so unglaublich komplex. Und jedes einzelne Mal ist man mit dieser Komplexität ganz allein gelassen wie in einem Schlauchboot mitten im Ozean, während um einen herum die Wogen hin- und herschwappen, ohne sich ein zweites Mal auf die gleiche Weise anzuordnen.

 

Keine guten Voraussetzungen für die, die versuchen mit Schach ihre Kontrollgelüste auszuleben, sich über das Schach die Sicherheit und/oder Bestätigung zu holen, die ihnen womöglich in anderen Lebensbereichen fehlt. Schach lässt sich aber nicht kontrollieren, außer man gehört zu den Besten der Welt, die es zumindest phasenweise schaffen. Für alle anderen ist in jeder Partie aufs Neue Durchraten angesagt, die eigenen und die gegnerischen Figuren entwickeln unvorhersehbare Dynamiken, die Wetterkapriolen gleichen.

 

Ab und zu verliert man Partien, von denen man gar nicht weiß, wo und wann man etwas falsch gemacht hat. Oder die Partie endet abrupt mit einem Dameneinsteller oder mit einer Niederlage auf Zeit in einer sonst gewonnenen Stellung, weil die Nerven ihrem Besitzer nach vier Stunden Spielzeit einen bösen Streich gespielt haben. Es gibt eine Million Wege, wie im Schach Frust entstehen kann und vergleichsweise wenige Schleichpfade zu einem Gefühl echter, tiefer Befriedigung.

 

Es entsteht also Frust, und das massenweise. Die meisten Spieler, besonders die, die keine Walnüsse mögen, versuchen dem auf die klassische Weise beizukommen – mit Reden. Den Gegner stark- oder wahlweise schlechtreden, sich als Idiot und Versager bezeichnen, die Schuld auf den Schiedsrichter oder die Dicke des Teppichs schieben, sich selbst und den anderen einreden, man habe bloß die Theoriezüge verwechselt (als sei das Gedächtnis nicht ein genauso integraler Bestandteil des Spiels wie das Nachdenken) oder in Gewinnstellung den falschen Stein angefasst. Und das alles mehrmals in allen möglichen Intonationen und Variationen durchgekaut und an möglichst viele Mitmenschen verteilt. Als Einzelkämpfer ist der Schachspieler nämlich auch ein ausgesprochener Egoist und hat keinerlei Problem damit, jemand anderen mit dem Faktor 10 zu belasten, wenn er dafür selbst auch nur eine Frusteinheit abbauen kann.

 

Weiterhin sehr beliebt als Abbaumechanismen sind Aggressionen aller Art gegenüber dem Spielmaterial, Kugelschreibern und so weiter. Vom großen Kasparow wird berichtet, dass er mal nach einer Niederlage hinter der Bühne mit Stühlen um sich geworfen hätte. Auch sein Türenknallen gegen Anand ist allen Fans noch in bester Erinnerung. Meist hat dieser Weg aber nur den Status einer Jokerkarte, die man nur einmal pro Zeiteinheit ziehen kann. Alles, was darüber hinaus geht, ist, einem ungeschriebenen Kodex zufolge, durchaus verpönt.

 

Was passiert, wenn sich jemand konsequent weigert, daran zu halten, wie der oben beschriebene Selbstgeißler, konnte man beim Halbmarathon gut beobachten – mit der Zeit sahen es andere Spieler immer weniger ein, warum sie sich an etwas halten und vor allem ihren Frust zurückhalten sollten, weil jemand anders ja beständig gegen Konventionen verstieß. Innerhalb kurzer Zeit fluchte der komplette Turniersaal und drosch auf die Uhren ein, selbst jüngere Kinder.

 

Fast wäre ich abgereist, so aggressiv und aufgeladen war die Stimmung zwischenzeitlich. Dem Blitzschach wohnt viel Dramatik inne, überall Adrenalin, das ist auch gut so, und das ist auch genau das, was ich daran liebe und schätze. Doch an diesem Tag war es zu viel. Die Bilder vom Walnuss-Massaker bekam ich lange nicht aus dem Kopf.

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