Spanische Mannschaftsmeisterschaft 2016 – LIVE

liveVom 26.9. bis zum 2.10. wird die spanische Mannschaftsmeisterschaft ausgespielt. 8 Mannschaften kämpfen um den Sieg. Die Siegermannschaft ist Spanischer Mannschaftsmeister, während die letzten beiden Mannschaften absteigen. Die Bedenkzeit beträgt für 40 Züge 90 Minuten zuzüglich 30 Minuten für den Rest der Partie. Es gibt einen Zeitzuschlag von 30 Sekunden ab dem ersten Zug. Spielort ist das Hotel Mas Monzón in Monzón.
Dabei sind auch einige Spieler der absoluten Weltklasse wie zum B.: Harikrishna, Dominguez Perez, Inarkiev, Rapport, Vallejo Pons, Radjabov, Kryvoruchko.


Caruana in der A-Gruppe, Dreev im B-Turnier

Caruana
Vier Runden sind bei Tata Steel Chess gespielt, Mittwoch ist Ruhetag (jedenfalls in der A-Gruppe), Zeit für eine erste Zwischenbilanz. Noch ist unklar, ob meine Prognosen „stimmen“ (bzw. sie waren ohnehin flexibel), abgerechnet wird nach dreizehn Runden. Andererseits gibt es durchaus gewisse Tendenzen, wer die/meine Erwartungen eliverfüllt und wer (bisher) eher nicht. Sonntag war ich vor Ort in Wijk aan Zee, aber als ich abends zu Hause war war es bereits spät, Montag musste ich arbeiten und abends zum Vereinsabend, daher werden die Eindrücke Teil des üblichen Berichts zum Ruhetag. Vorab: zwei Spieler die mir zu Beginn der zweiten Runde auffielen sind auch auf andere, jeder auf seine Weise, aufgefallen.

 

Zuerst der Zwischenstand in beiden Gruppen: Masters Caruana 3/4, Hou Yifan, So, Karjakin, Ding Liren, Eljanov 2.5, Carlsen, Wei Yi 2, van Wely, Tomashevsky, Mamedyarov, Navara, Giri 1.5, Adams 1. Wer die Erwartungen bisher erfüllt hat und wer nicht, mag der Leser selbst entscheiden.

 

Challenger Dreev 4/4, Adhiban 3.5, Safarli 3, Nisipeanu, l’Ami 2.5, Batsiashvili, Antipov, Van Foreest 2, Bok, Sevian, Ju Wenjun 1.5, Abasov und Admiraal 1, Haast 0. Auch hier gilt: Einige spielten bisher besser als erwartet, andere sind mit dem bisherigen Turnier womöglich eher nicht zufrieden. Das Feld ist bereits weit auseinander, wie oft in der B-Gruppe – angesichts des recht grossen Elospektrums, bei dem die beiden momentan Letzten durchaus „da hingehören“. Und die fünf Elobesten stehen mit mehr als 50% oben, nur nicht intern sauber nach Elo sortiert.

 

Beide Gruppen werde ich besprechen, aber die A-Gruppe ist doch wichtiger – daher bekommt Fabiano Caruana das Titelfoto, auch dieses Jahr wieder (fast) alle Fotos von Alina l’Ami – alle via Facebook bzw. Twitter von Tata Steel. Für Caruana war im bisherigen Turnierverlauf (noch) mehr drin, allerdings auch weniger – und schon bin ich bei „Runde für Runde“:

 

 Runde 1 hatte in der A-Gruppe drei Entscheidungen – ich beginne mit der die teilweise als Überraschung bezeichnet wurde:

 

So-Giri

 

So-Giri 1-0 – wenn Giri nicht aufs Brett schaut sondern ins Publikum, ist er selber schuld! Zur Partie selbst: Wesley So vermied, nach eigener Aussage gegen den immer gut vorbereiteten Giri bewusst, hochtheoretische Varianten. Stattdessen Englisch und dann das Botvinnik-System (weisse Bauern auf c4, d3 und e4). Was dann genau schief ging aus schwarzer Sicht, da bin ich etwas überfragt – IM Gert Ligterink in seinem Zeitungsbericht und Engines, die wort- und kommentarlos Zahlen ausspucken, kritisieren den Abtausch 16.-LxSd5. Später suchte Giri auf beiden Flügeln sein Heil im Angriff – das kostete einen Bauern, dann noch einen, dann drangen die weissen Schwerfiguren entscheidend ein. Warum wurde dieses Ergebnis als überraschend bezeichnet? Weil Giri „schwer zu besiegen“ ist, bei der Chess Tour schaffte das niemand. Aber wenn man etwas weiter zurückblickt, kann auch er verlieren – im ersten Halbjahr 2015 selbst bei seinem insgesamt erfolgreichen Auftritt in Wijk aan Zee (gegen Vachier-Lagrave), danach in der FIDE Grand Prix Serie und beim Gashimov Memorial erst recht. In Shamkir verlor er gegen einen gewissen Wesley So, auf bedingt ähnliche Weise: ebenfalls Englisch (allerdings damals ein seltener Dialekt), und damals hatte er zum Schluss nach vergeblichem Gegenangriff einen ganzen Turm weniger. Giri hat sich zwar womöglich seither weiter verbessert, aber ich glaube eher nicht, dass er innerhalb einiger Monate „ein total anderer Spieler wurde“. [Derlei Bemerkungen mache ich unabhängig davon, ob mir ein Spieler sympathisch ist – bei Giri sicher der Fall – oder eher nicht.] Um – hier und später auch gelegentlich – etwas vorauszuschauen: dennoch erstaunlich, dass Giri mit inzwischen 1,5/4 absolut gut bedient ist – es ist, jedenfalls bisher, nicht sein Turnier.

 

Noch ein kleiner Exkurs: NRC Handelsblad hatte vor dem Turnier ein Doppel-Interview mit Anish Giri und Sopiko Guramishvili. Ich erwähne hier nur Sopikos ersten Kontakt mit Giri, der nicht zustande kam: Nach seinem Sieg in der B-Gruppe in Wijk aan Zee bat sie, schreibend für ein Schachblog, um ein Interview, und Giri reagierte einfach nicht – nun bezeichnet der 21-jährige Giri den 15-jährigen Giri als „unerzogenes Schwein“ und plädiert auf mildernde Umstände. Das war 2010, damals hiess das Turnier letztmals Corus Chess. Ansonsten werden im Interview unter anderem Nick Schilder (zu dem komme ich noch) und Magnus Carlsen (zu dem komme ich auch noch) genannt – Google-Übersetzung funktioniert recht gut.

 

Caruana-Eljanov 1-0: Im sechsten Zug opferte Weiss theoretisch bekannt einen Bauern. Manchmal hat der opfernde Spieler zunächst ausreichende Kompensation, und irgendwann nicht mehr. Diesmal war es umgekehrt: jedenfalls Engines glaubten anfangs nicht an die weissen Chancen (Caruana selbst, wie er nach der Partie sagte, auch nicht unbedingt), und später hatte Weiss erst ausreichende Kompensation und dann einen siegreichen Angriff. Ding Liren – Adams 1-0 war ab einem gewissen Zeitpunkt ein Endspiel mit Türmen, Springern und vier gegen drei Bauern am Königsflügel. Das ist ein typisches Dreiviertelpunkt-Endspiel: objektiv vielleicht remis, aber in der Praxis schwer zu verteidigen – entscheidend war Adams‘ Fehler 54.-Sd8? .

 

Zu den Remispartien: Bei Navara-Carlsen spielte Schwarz unternehmungslustig 8.-g5!?, und später wurde es ein gehaltvolles Remis, beide waren damit recht zufrieden. Bei Hou Yifan-Karjakin riskierte Schwarz ebenfalls etwas, zwischenzeitlich wohl etwas zu viel – aber Karjakin kann zäh verteidigen und steuerte sein Schiff in den Remishafen. Wei Yi-Tomashevsky endete auf recht vollem Brett mit Zugwiederholung ab dem 20. Zug – Tomashevsky nannte diese Zugwiederholung plausibel bis quasi erzwungen. Er hatte Schwarz und war zufrieden, Wei Yi hatte seinen ersten halben Punkt in einem nicht-chinesischen Superturnier. Mamedyarov – van Wely war dagegen ein Remis der turbulenten Sorte, wobei Mamedyarov (so kennt man ihn) viel, womöglich zu viel riskiert hatte.

 

Die B-Gruppe kann ich leider nicht gebührend besprechen, nur soviel: in sieben Partien kein einziges Remis! Am turbulentesten war Antipov – Ju Wenjun 0-1 wo der junge Russe „alles“ opferte und das war dann ein bisschen zu viel des mutigen.

 

Runde 2 wird auch ein Reisebericht: Die Anreise dauerte länger als bisher üblich – inzwischen fahren die Busse vom Bahnhof Beverwijk nach Wijk aan Zee pünktlich 2 Minuten vor Ankunft des Zugs aus Alkmaar, also 28 Minuten warten.  Immerhin war es (kalt aber) trocken, sonnig und kaum Wind [man kann da kaum drinnen warten]. Der Bus kam etwas früher, wartete und wurde dann voll – Ankunft des anderen Zugs aus Richtung Amsterdam. Aus Gesprächsfetzen “und überhaupt” wurde klar (bzw. man weiss es ohnehin) – das sind Schachspieler … . Für sie war Tata Steel 2016 bereits fast vorbei – gespielt wurde die letzte Runde des Wochenend-Vierkampfs.

 

Vor Ort im Presseraum: zunächst war es noch leer, dann kamen bekannte Gesichter: Gert Ligterink, Chessbase-Fotograf Joachim Schulze, Alina und Erwin l’Ami, später noch andere mir bekannte und jedenfalls ein Unbekannter: Für das russische chess-news berichtet vorläufig GM Deviatkin, Evgeny Surov wird erst später anreisen. Im Gang auf dem Weg zum Turniersaal begegnete ich noch Yasser Seirawan, auch dieses Jahr zuständig für den Internet-Livekommentar. Das norwegische Fernsehen hat, wie mir Tata Steel Sprecher Robert Moens später verriet, zwar eigene Kameras vor Ort aber produziert im eigenen Studio zu Hause. Auch so kann Jon Ludvig Hammer rufen „Carlsen gewinnt!“ und Tarjei Svensen das via Twitter verbreiten. Nur Carlsen selbst hat das bisher nicht mitbekommen, schliesslich hat er während der Partie keinen Internet-Zugang!

 

Vor Rundenbeginn: Viele wollen gern mal in Carlsens Stuhl sitzen bevor der Weltmeister erscheint, heute war Alina l’Ami dran – nicht um sich, wie andere, so fotografieren zu lassen, sondern um den relativ früh erschienenen Fabiano Caruana zu fotografieren. Auffällig ansonsten: 1) Karjakin mit neuen Sponsor-Logos (Foto bzw. Screenshot kommt später), 2) Dreev der qua Alter “nicht zur B-Gruppe passt” (auf dem Foto links, rechts Ju Wenjun, dahinter das Publikum):

 

Ju Wenjun - Dreev

 

Dreev ist Jahrgang 1969, auf mich wirkte er älter – auch älter als die etwa gleichaltrigen Michael Adams und Vishy Anand (den kenne ich nur von Fotos), Gelfand sieht seit Jahren so aus, wie er aussieht. 3) Mamedyarov der quasi Jobavas Rolle übernahm und vor Rundenbeginn mit Karjakin und van Wely scherzte – bevor er sich an sein Brett (gegen Tomashevsky) setzte.

 

van Wely + Mamedyarov

 

Auf diesem Foto fehlt Karjakin – worum es ging, dazu hat der Schachticker recherchiert (bzw. ich habe es zufällig erfahren). Die ersten Überraschungen schon im ersten Zug: Carlsen spielt 1.g3!?, Benjamin Bok in der B-Gruppe gegen Erwin l’Ami 1.Sf3 – nicht sooo ungewöhnlich, aber Erwin tauchte hier bereits ab und investierte ca. 2 Minuten für 1.-f5. Grund wohl: Bok ist ansonsten reiner 1.e4-Spieler aber versuchte diesmal gegen einen Landsmann und alten Bekannten etwas anderes. Wenn er jemals zuvor 1.Sf3 gespielt hat, hat meine Version von “Big Database” das nicht mitbekommen (nur zweimal 1.d4 und xxx-mal 1.e4) … [laut eigener Aussage nach der Partie “einmal in St. Petersburg”].

 

Das habe ich im Presseraum aufgeschrieben, dann wieder in den Turniersaal: Die Fotografen mussten zwischenzeitlich die Bühne verlassen, was die Spieler betrifft das bekannte Bild – einer sitzt am Brett, der andere spaziert oft. Bei Carlsen-Caruana waren offenbar beide schnell aus dem Buch: 1.g3 g6 2.Lg2 Lg7, und jetzt? 3.e4 (5 Minuten) e5 (2 Minuten) 4.Se2 c5 (10 Minuten) 5.d3 (21 Minuten!). Das kann noch eine Art geschlossener Sizilianer werden oder ist es bereits!!? Ich hatte mir das zufällig vor kurzem angeschaut (allerdings zu spät, nach einer Niederlage in der Vereinsmeisterschaft) – ob und wann die beiden Protagonisten selbiges getan hatten, weiss ich nicht.

 

Carlsen-Caruana

 

So haben sie vermieden, dass eine aussagekräftige Stellung auf dem Foto erscheint, nach 7 Minuten ist für Fotografen Schluss.

 

Auch bei Tomashevsky-Mamedyarov wurden ausgetretene Gleise schnell verlassen: 1.d4 d5 2.c4 c5!!?? – hat ein Weltklassespieler jemals so gespielt? Ja, ein gewisser Shak Mamedyarov – allerdings bisher nur im Blitz- und Schnellschach sowie einmal (zuletzt) in der türkischen Liga. Dagegen ist Karjakin – van Wely ein hochtheoretischer sizilianischer Drachen. Irgendwie wurde in der A-Gruppe dann alles remis, mehr oder weniger „korrekt“, mehr oder weniger offensichtlich in der Schlusstellung.

 

Die Analyse von Adams-Navara habe ich nur teilweise mitbekommen, dieses „Semi-Endspiel“ (Damentausch im 13. Zug) war offenbar gehaltvoller als es auf den ersten Blick erscheinen mag. In einer Variante wurde der schwarze König bis nach b4 getrieben – Adams: “you like to move your king!” (er meint sicher diese Partie). Danach mein erstes Kurzinterview – TR zu Navara: “Letztes Jahr sagtest Du mir ‚Ich will jede Partie gewinnen‘, aber Du bist sicher mit zweimal Remis zufrieden?“ Navara: “Hab‘ ich das jemals gesagt?”. TR: “Ja, aber das war in der B-Gruppe …. .” Navara: “Ich hatte gegen fast alle direkten Konkurrenten Weiss, nun will ich solider spielen.” TR: “Ich habe kaum Prognosen in meiner Turnier-Vorschau, aber diesmal schrieb ich ‚David Navara wird nicht 10/13 erzielen‘.” Navara: “Das stimmt sicher!”.

 

Analyse Sevian-Nisipeanu

 

Dann kamen Nisipeanu (mit Pferdeschwanz, aber das wissen wohl alle) und Sevian – der kaum sichtbare Reporter ganz links (meinereiner) hat nicht etwa einen Sponsor, aber er hatte Durst. Nisipeanu hatte Spass bei der Analyse, irgendwann: “keine Ahnung was Schwarz hier tun kann, keine Ahnung was Weiss hier tun kann.” – also remis, das war auch das Ergebnis der Partie. Nisipeanu habe ich noch nicht befragt, aus zwei Gründen: 1) Zum Turnier kann ich ihn noch kaum befragen, und die Frage die ich letztes Jahr Erwin l’Ami stellte („Was erwartest Du im Turnier?“) wäre quasi eine Fangfrage, was soll er denn antworten? Alles ausser „jedenfalls um den Turniersieg mitspielen“ wäre wohl leicht absurd oder sehr bescheiden!? Dass es bisher wohl nicht ganz nach Wunsch läuft, ist ein anderes Thema, und schon wieder greife ich etwas voraus. 2) Die Ereignisse überschlugen sich: Wie das Foto auch zeigt, stiess Giri dazu. Nisipeanu erkundigte sich nach dessen Resultat – remis – und meinte “konntest Du keinen Druck ausüben?”, Giri “wogegen und womit?”. Er dachte, gegen Ding Liren “symbolisch” besser zu stehen, auch das war vielleicht zu optimistisch. Dann kam auch van Wely, Giri zu King Loek: “Warum habt ihr remis gespielt?” van Wely: “Weil Karjakin remis angeboten hat. Er war pessimistisch, ich optimistisch, daher remis.” Auch diese Diskussion wurde fotografisch dokumentiert:

 

Draw discussion

 

Wieder ist der Reporter Thomas Richter kaum zu sehen (im Gegensatz zu van Wely, Giris Trainer Tukmakov, IM Gert Ligterink und Giri). Sind meine Haare wirklich schon so ergraut? Auch da verliere ich gegen Giri, aber er ist ja auch gut 25 Jahre jünger. Es gibt offenbar (wie Giri andeutete) anti-Remis Empfehlungen – mindestens 30 Züge oder 3 Stunden, Giri: “Loeki, vielleicht wirst Du nächstes Jahr nicht wieder eingeladen!?”. Allerdings investierten Karjakin und van Wely für ihre 20 Züge offenbar drei Stunden. Das niederländische Fernsehen, nicht direkt dabei, hat das etwas falsch wiedergegeben. Demnach sagte van Wely „Remis in 20 Zügen, aber nach gut einer halben Stunde“, und Giri „die Regeln erlauben remis nach 30 Zügen oder mindestens einer Stunde“. Sie können sich offenbar nicht vorstellen, dass eine Schachpartie noch länger dauern kann … .

 

Van Wely glaubte immer an die schwarze Drachenstellung, Engines zwischenzeitlich nicht. Ich fragte ihn “Karjakin ist bereits weg!?”, van Wely: “vielleicht muss er meine Bemerkung vor der Partie (mit Mamedyarov dabei) verdauen.” – irgendwas in die Richtung “wenn Du gegen mich nicht gewinnst, dann … “. Karjakin hatte van Wely zuletzt viermal in Serie besiegt. Van Wely meinte auch “gegen Tiviakov hätte ich weitergespielt” – gesunde Rivalität bzw. trash talk zwischen Landsleuten!!? Mamedyarovs Beitrag erwähnte er heute (nach Runde 4) im Livekommentar: er hat von bisher 30 Partien in Wijk aan Zee nur eine gewonnen, 2008 (zuvor blieb er 2006 sieglos) gegen Loek van Wely. Offenbar sagte er ihm tags zuvor „wenn ich gegen Dich nicht gewinne, dann … .“ Wieder greife ich den Ereignissen voraus: tags darauf war er sehr nahe an seinem zweiten Sieg, aber … (siehe Runde 3).

 

War da noch was? Ach so, Carlsen-Caruana 1/2 – Weiss stand zu einem gewissen Zeitpunkt klar besser, aber liess den Gegner mit Dauerschach entwischen. Was danach geschah, da vertraue ich dem niederländischen Fernsehen: Carlsen beantwortete die Bitte, diese Partie im Livekommentar zu besprechen, kurz und knapp mit „nein“ und verschwand sofort (de speelzaal uitbeende). Caruana sagte grinsend „ich hatte es schwer, aber das Gleichgewicht war nie ernsthaft gestört“ [im Livekommentar sagte er noch mehr, aber ich hatte keine Zeit mir das anzuhören].

 

In der B-Gruppe endete neben Sevian-Nisipeanu auch Abasov-Safarli remis – unter Landsleuten, aber ausgekämpft. Antipov opferte schon wieder, diesmal (gegen Anne Haast) war es korrekt und gewann. Erwin l’Ami erlitt mit Holländisch gegen Benjamin Bok Schiffbruch. Ausserdem Van Foreest – Batsiashvili 0-1 (unerwartet) sowie Ju Wenjun – Dreev 0-1 und Admiraal – Adhiban 0-1 (beides erwartet). Benjamin Bok gab die anschliessende Pressekonferenz, die wurde zwar gefilmt aber offenbar nicht im Internet veröffentlicht. Auf die Frage, ob es in seinem Heimatort Veldhoven (bei Eindhoven) eine Wahl zum Sportler des Jahres gibt: „Ja, aber da haben Jogger gewonnen, Alter 45+ und NL-Meister in ihrer Altersklasse.“ Hmm, da ich auch Laufsport betreibe: Wenn Wettkampfläufer Jogger sind, dann sind Schachspieler Klötzchenschieber (auf Englisch „wood pushers“).

 

Runde 3 hatte in der A-Gruppe zwei Entscheidungen, beide mit womöglich dem „falschen“ Ergebnis. Bei Caruana-Adams 1-0 stand der Italo-Amerikaner aus der Eröffnung heraus schlechter (wie er selbst hinterher einräumte, nur wie schlecht, da war er sich nicht sicher) und konnte seinen Gegner dann doch überspielen. Viel krasser war Mamedyarov-Eljanov 0-1: Weiss stand glatt gewonnen, Eljanov hatte nach eigener Aussage bereits erwogen, die Uhr abzustellen. Und dann stellte Weiss einen ganzen Turm bzw. im Computerurteil 14 Bauern ein !!?? Mamedyarov investierte eine seiner fünf verbliebenen Minuten für 38.c5??, Eljanov zehn von sechzig Sekunden für 38.-Dxb1!! und Mamedyarov (nicht Eljanov) stellte die Uhr ab. Navara-Giri 1/2: Ich war nicht vor Ort, aber wenn ich Navara hinterher gefragt hätte „Du wolltest doch solide spielen!?“ wäre die Antwort vielleicht „wann hab‘ ich das gesagt??“. In einem Grünfeld-Inder opferte er nicht einen, sondern zwei Türme – dafür bekam er die schwarze Dame und einige Bauern. Vielleicht war das eine Gewinnstellung, ganz klar isses nicht. Wie dem auch sei, nach 40.Ld6?! (ja, der 40. Zug) war sein Vorteil dahin, und kurz danach wurde remis vereinbart. Wei Yi – Carlsen 1/2: Carlsen spielte das heutzutage sehr remisliche Marshall-Gambit, vielleicht dachte er „ich muss heute nicht gewinnen, schliesslich spiele ich morgen gegen Mamedyarov“. Oder, zumal Wei Yi durchaus Endspielschwächen hat, „da kann ich ihn schlagen“. Wei Yi spielte womöglich schlecht, aber nicht schlecht genug, bzw. das Turmendspiel am Ende war eben glatt remis.

 

Auch die B-Gruppe war heute, jedenfalls was die Ergebnisse betrifft, relativ friedlich. Das galt nicht für Dreev-Haast (der mitdenkende Leser kennt das Ergebnis bereits), Batsiashvili-Sevian 0-1 und Antipov-van Foreest 1-0 (wieder spektakulär). Safarli-Admiraal war ein Springerendspiel mit studienartigen Wendungen, die Weiss nicht fand – daher 1/2, ansonsten wäre es 1-0. Nisipeanu konnte Abasovs Berliner Mauer nicht überwinden (einer von wenigen Berliner Spaniern in diesem Turnier). Und noch zweimal Remis.

 

War da noch was?

Nick Schilder and kids

 

Ehrengast war, auch dieses Jahr, der Sänger Nick Schilder der im Pressebereich gegen lokale Kids spielte. Er hat durchaus Ahnung vom Schach – im Gegensatz zu seinem jungen Gegner weiss er, dass man in der Eröffnung Figuren entwickeln sollte (wenn auch nicht unbedingt schnell die Dame). Spass beiseite, bierernst war das Ganze wohl nicht, aber alle hatten Spass daran.

 

Runde 4: Hou Yifan – Navara 1-0 – nette Angriffspartie der Chinesin, von Navara wiederum nicht so solide – diesmal provozierte er mit 20.-Tc8?! ein hochkorrektes weisses Qualitätsopfer. Gestern hui, heute pfui – so ist Navara mitunter: bei seinem letzten Auftritt in der A-Gruppe verlor er fünf Partien und wurde geteilt Vorletzter (mit Giri, dessen zweites A-Turnier nicht nach Wunsch verlief), aber bezwang Turniersieger Aronian. Eljanov – van Wely 1-0: kein Vergleich zum Vortag, aber wieder etwas glücklich für Eljanov – sein verdoppelter Mehrbauer war ziemlich wertlos, bis van Wely eine taktische Wendung übersah. Karjakin-Tomashevsky 1-0: Karjakin überraschte seinen Gegner mit Italienisch, lange wurde manövriert und bereits ab dem achten Zug viel Bedenkzeit verbraten, bei nahender Zeitnot bekam Weiss Oberwasser und gewann zum Schluss auf Zeit und Stellung. Danach war Karjakin zu Gast in der Liveübertragung:

 

Screenshot Seirawan + Karjakin

 

Screenshots sind ein bisschen Glückssache, hier habe ich – was Seirawan links betrifft – einen netten Moment erwischt. Zu einigen Remispartien: Carlsen-Mamedyarov drucke ich nicht fett, zu ruhig-solide agierten beide – selbst Hammer hatte wohl nie ansatzweise Grund um „Carlsen gewinnt!“ zu rufen. Es sei denn, er (wie auch sein Chef) spekulierten auf Fehler von Mamedyarov, hier und heute verzichtete er darauf. Giri-Caruana 1/2 war eine andere Kiste: Schwarz hatte den Gegner völlig überspielt und verpasste dann im Turmendspiel den forcierten Gewinn.

 

In der B-Gruppe remisierte nur Nisipeanu – gegen Admiraal, auch mit Schwarz angesichts des Elo-Unterschieds von gut 200 Punkten ein bisschen wenig, zu wenig – jedenfalls wenn andere vorne marschieren. Weiss spielte betont solide, Schwarz fand dagegen keine Mittel. An den anderen Brettern zum Teil „Action“, zum Teil Arbeitssiege, manchmal quasi beides. Bei Van Foreest – Sevian 1-0 fiel die Entscheidung spektakulär im Mittelspiel, bei den anderen Partien im Endspiel.

 

Für Prognosen zum weiteren Turnierverlauf ist es noch reichlich früh. Caruana verpasste die Chance, sich klar vom Feld abzusetzen, nun lauern fünf Spieler mit einem halben Punkt Rückstand. Hou Yifan könnte Donnerstag mit einem Schwarzsieg gegen Caruana neue Tabellenführerin werden – unwahrscheinlich, aber letztes Jahr hatte Caruana gegen sie gewisse Probleme (allerdings war er da selbst nicht in Form). Ding Liren und Karjakin spielen gegeneinander, So hat Schwarz gegen den unberechenbaren David Navara. Und Carlsen? Er spielt gegen Loek van Wely, der letztes Jahr Carlsens Siegserie einleitete und dabei kräftig mitgeholfen hatte. Der Zwischenstand nach Runde 5 ist dann der Zwischenstand nach Runde 5.

 

Zum B-Turnier, das ich doch etwas stiefmütterlich-knapp behandelt habe: Dreev gewann vor allem positionell, wobei in Runde 4 gegen Antipov er selbst (nicht etwa der generell opferfreudige Gegner) eine Qualität geopfert hatte. Nachdem Antipov diese retournierte (ich sehe nicht, warum das sein musste) gewann er auch dieses Endspiel. In Adhibans Partien war dagegen mehr ‚Randale‘. Wenn diese beiden generell weiter marschieren, entscheidet womöglich das direkte Duell in Runde 7 über Turniersieg und Qualifikation für die A-Gruppe. Wenn Nisipeanu da noch eingreifen will: immerhin hat er Weiss gegen Dreev (Runde 9) und Adhiban (Runde 11). Aber davor ist wieder Ruhetag und spätestens davor der nächste Bericht. Zum Schluss als Bildergalerie noch drei markante Spieler der B-Gruppe:

 

Fotos und Videos                Videos von Daniel King                         Fotos von Alina I Àmi

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