Ist es der van Wely-Faktor?

 

Heute, vvan Welyor dem nächsten Ruhetag, beginne ich mit dem aktuellsten Zwischenstand: A-Gruppe Carlsen 5.5/8, Caruana 5, So, Ding Liren, Giri 4.5, Eljanov, Karjakin, Navara, Wei Yi, Mamedyarov 4, Hou Yifan 3.5, Tomashevsky und van Wely 3, Adams 2.5. Carlsen wird ständig fotografiert und gezeigt, daher bekommt das Titelbild ein andeliverer der ihm geholfen hat. Ich hatte die Wahl zwischen Loek van Wely und David Navara, aber den Tschechen hatte ich bereits im frühen Vorbericht. Also King Loek – was es mit dem van Wely-Faktor auf sich hat, das passt nicht in den Teaser und kommt erst viel später in diesem Artikel. Wie üblich: Fotos von Tata Steel via Facebook vor allem von Alina l’Ami.

 

Auch in der B-Gruppe hat sich einiges getan, aktuell steht es so: Adhiban 6.5/8, Safarli 6, Dreev 5.5, Nisipeanu, Antipov, Sevian, Van Forest, Batsiashvili 4, Bok und l’Ami 3.5, Admiraal, Abasov, Ju Wenjun 3, Haast 2. Dreev erzielte nach zuvor 4/4 im weiteren Verlauf 1.5/4, Anne Haast nach anfangs 0/6 dann 2/2, Nisipeanu kann wohl definitiv nicht mehr in den Kampf um den Turniersieg eingreifen. Wie es dazu kam and ob es einen Zusammenhang gibt – siehe weiter unten. Wiederum bespreche ich auch die Challenger-Gruppe, und zum Amateurbereich gibt es immerhin ein Foto.

 

 

Runde 7: Vier Entscheidungen in der A-Gruppe, zwei bis drei betreffen die Tabellenspitze. Ich beginne mit Eljanov-Carlsen 0-1:

Eljanov-Carlsen

Es begann gepflegt-katalanisch und wurde dann doch kein typischer Katalane. Zum Teil lag es wohl an Carlsens seltenem 8.-Se4!? – „alle“ spielen hier 8.-c6 (alle sind z.B. Kramnik, wenn er sich in einem Katalanen aus Versehen auf den schwarzen Stuhl setzte, Anand, Grischuk, usw.). 10.-g5!? war dann ein provokativer, dabei weltmeisterlicher Zug – erstmals gespielt im WM-Match Petrosian-Botvinnik, Moskau 1963. 11.-Sd6 war eine (von Engines empfohlene) Neuerung, 14.-b5!? ein interessantes Bauernopfer. Chessbase-Kommentator Sagar Shah vergibt dafür „!!“, das erscheint mir übertrieben, schwerer Carlsen-Bonus!? Wenn er nach der Annahme des Opfers nur zwei Züge braucht bis zum Urteil „exzellente Kompensation“, ist die Sache doch nicht sooo kompliziert?! Eljanov lehnte das Opfer ab und wurde dann selbst kreativ: sein Figurenopfer 16.exd5?! war zwar interessant, aber wie sich relativ schnell herausstellte inkorrekt. Carlsen musste einige genaue Züge finden und mit 26.-Sxc7 ein bisschen Material zurückgeben, danach waren zwei schwarze Läufer viel besser als der weisse Turm plus Bauer. Eine interessante Partie, Eljanov dazu hinterher auf Twitter: „I lost but it was a good game today. The one you can learn from as I was overestimating my position almost all the time :).“ [Ich verlor aber es war eine gute Partie. Lehrreich, da ich meine Stellung fast durchgehend überschätzte :).] Immerhin machte er es, was die B-Note betrifft, besser als zuvor van Wely (der patzte – was man ihm nicht unbedingt verübeln kann, aber die Bedenkzeit hätte er sich besser einteilen müssen) und Tomashevsky (der gegen Carlsen quasi kampflos verlor).

 

Caruana – Ding Liren 1-0 war, über die gesamte Partie, ein Arbeitssieg: nach 21 Zügen gewann Weiss einen Bauern, nach 83 Zügen war der schwarze Widerstand gebrochen. Mamedyarov – Hou Yifan 1-0: lange hielt die Chinesin mit, im 37. Zug übersah sie eine forcierte Abwicklung zum für Weiss glatt gewonnenen Endspiel.

van Wely-Giri

Van Wely – Giri 0-1 bekommt aufgrund NL-Rivalität ein Foto. Vor dem Turnier sagte King Loek „ich will Giri in 20 Zügen besiegen“ – stattdessen stand er mit Weiss ab dem 20. Zug schlechter und verlor später diverse Bauern, mit drei Minusbauern gab er im 45. Zug auf.

 

Bevor ich zur B-Gruppe komme, ein kleines bildliches Judit Polgar-Special. Wie ich bereits erwähnt hatte, sie signierte vor Ort Bücher – und nicht nur das:

Polgar Gong

Gong zum Rundenbeginn

Polgar-Böhm-Kommentar

Mit NL-Urgestein Hans Böhm beim Kommentar für das Publikum vor Ort

Polgar-Böhm-Kommentar 2

Dasselbe noch einmal aus anderer Perspektive

 

In der B-Gruppe sorgte eine andere Dame für Furore, mit etwas gegnerischer Hilfe:

Nisipeanu-Haast

Nisipeanu-Haast 0-1 !!?? Ein Giuco piano (Italienisch) war plötzlich nicht mehr piano, da Weiss mit 11.d4?! exd4 12.e5?! randalierte. Robin Van Kampens Theorie im Livekommentar: Theorie ist, „warum auch immer“, 9.-h6, stattdessen spielte Haast 9.-Sh5 10.Te1 Df6 (auch das gab es bereits, aber vergleichsweise selten) und Nisipeanu wollte das sofort widerlegen – aber seine Neuerung 11.d4 funktionierte gar nicht. Im weiteren Verlauf nutzte Anne Haast ihre Angriffschancen und erreichte dann ein glatt gewonnenes Endspiel. Mit zwei Minusbauern spielte Weiss noch ein bisschen weiter und warf dann das Handtuch. Anne Haast ist natürlich Elo-Underdog, aber letztes Jahr hatte sie Altmeister Timman vom Brett gefegt – auch mit Schwarz und ähnlich spektakulär-drastisch – und Erwin l’Ami entwischte gerade so mit remis.

 

Was ist los mit Nisipeanu? Ich habe drei Theorien: 1) Er sieht die Sache vielleicht zu locker. Die Analyse von Sevian-Nisipeanu 1/2 in Runde 2 hatte ich mitbekommen, da hatte er (zu!?) gute Laune. 2) Er findet nicht die richtige Balance zwischen solidem und riskantem Spiel, letzteres konnte auch in Runde 5 gegen Benjamin Bok schief gehen (dann wurde es remis). 3) Er ist womöglich ein bisschen krank, siehe die Packung Taschentücher neben seinem Brett (auch in jedenfalls einer anderen Runde).

 

Dreev sagte mir nach Runde 6 „I play for fun …“, heute stand das Spitzenduell auf dem Programm der B-Gruppe:

Adhiban-Dreev

Adhiban-Dreev 1-0 – es war (siehe Foto) Slawisch, daraus wurde semi-Slawisch und eine Dreev-Spezialvariante – zu diesem Eröffnungskomplex hat Dreev auch zwei Bücher geschrieben. Auch das Bauernopfer 11.d5!? kannte Dreev, Adhibans vorbereitete Neuerung 15.e4!? kannte er wohl nicht. Er kam nicht in die Nähe eines von ihm geliebten Endspiels, stattdessen war im Mittelspiel nach 24 Zügen Schluss. Safarli gewann ebenso flott (22 Züge) gegen Antipov, auch im zweiten NL-Duell gewann die Jugend: l’Ami – Van Foreest 0-1 da Weiss im Endspiel den Faden verlor.

 

Runde 8 – ich beginne mit Karjakin-Carlsen 1/2, obwohl ich es nicht fett drucke, denn allzu viel war da nicht los.

Karjakin-Carlsen

Auch das andere Duell – wer hat den kurioseren Bart? – endet aus meiner Sicht unentschieden. Am Brett funktionierte die spanische Nebenvariante 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3. Lb5 g6!? im Remissinne wunderbar, auch das ziemlich krumme 11.-Sg8 nebst 12.-Lh6 war offenbar spielbar. Mit diesem Ergebnis war Carlsen wohl nicht unzufrieden, ein anderes gefiel ihm sicher auch: Navara-Caruana 1-0! Das war eine bekannte, generell remisliche Variante im Nimzo-Inder. Dann opferte Weiss eine Qualität bzw. einige vermuteten, er habe 25.-Lg4 schlichtweg übersehen. Hatte er wohl nicht – Navara sagte hinterher, dass er seine Kompensation als ausreichend betrachtete. So wie Caruana fortsetzte, bekam er die Qualität doch nicht und landete in einem unangenehmen Endspiel – wohl haltbar (sagte danach auch der generell bescheidene Navara) aber Caruana leistete sich einige Ungenauigkeiten. Damit „ärgerte“ er den Gegner – Navara wollte nach eigener Aussage nur remis bzw. ging davon aus, dass es remis wird, so „musste“ er weiterspielen. 49.-Txg3? war mehr als nur ungenau, danach ging es schnell bergab, mit am Ende einem ungewöhnlichen Mattmotiv. Ich hatte schon einmal erwähnt, dass Navara unberechenbar ist – er kann in diesem Feld gegen jede(n) verlieren, aber auch jeden besiegen.

 

Hou Yifan – van Wely 0-1 war ein Najdorf-sizilianisches Duell mit dem besseren Ende für Schwarz – mehr dazu passt nicht in diesen Bericht, auch wenn ich über diese Partie Romane schreiben könnte. Auch die Remispartien waren durchaus interessant, am wenigsten vielleicht Giri-Tomashevsky: Weiss hatte latenten Druck, aber Schwarz hielt stand. Ding Liren – Wei Yi war ein Grünfeld-Inder, in dem Schwarz alle Züge herunterblitzte. Also Vorbereitung, Weiss traute dem Braten nicht und wiederholte die Züge. Dass Computer viel lieber Weiss hatten, wusste er natürlich nicht, und wie reell „+1.2“ war bleibt unklar – Wei Yi hatte sicher keine Verluststellung vorbereitet … . Adams-Eljanov war ein Berliner Endspiel, in dem Schwarz zunächst etwas besser stand, dann glatt gewonnen, dann wurde es doch remis.

 

Die B-Gruppe liess es heute, jedenfalls was die Ergebnisse betrifft, vergleichsweise ruhig angehen. Das Verfolgerduell Dreev-Safarli endete relativ schnell und ohne grosse Aufregungen remis; Adhiban stand mit Schwarz gegen l’Ami schlecht (sagen jedenfalls Engines) aber wohl nicht schlecht genug – remis. Antipov-Nisipeanu 1/2: am Ende war da im Endspiel König gegen König nichts mehr zu machen. Van Foreest – Admiraal war ein munterer Schlagabtausch und dann ebenfalls remis. Ju Wenjun – Sevian 0-1 im Mittelfeld der Tabelle. War da noch was?

Haast-Batsiashvili

Haast – Batsiashvili 1-0: Auf dem Foto ist für Schwarz noch alles OK, auch diese spanische Nebenvariante ist spielbar – bekannte(re) Spieler wie Aronian, Nakamura, Mamedyarov, Grischuk, Adams haben (vor allem im Schnell- und Blitzschach) auch schon so gespielt. Wenig später wurde es dann doch eine Eröffnungskatastrophe – zum zweiten Mal nacheinander sass Anne Haast auf dem aus ihrer Sicht richtigen Stuhl. Knackpunkt war offenbar, dass Batsiashvili erst auf 7.-b5 oder 8.-b5 verzichtete (so spielten die gerade erwähnten GMs) und dann die angebotene Qualität ausschlug (9.-Lxb2 10.Lxa5 Lxa1 11.Sc3 mit Kompensation, aber nicht unbedingt mehr). Danach wurde es ein Massaker – 1-0 nach 20 Zügen.

 

Das war’s für heute, zum Schluss noch zwei atmosphärische Fotos:

Erbsensuppe

Erbsensuppe gehört in Wijk aan Zee dazu – sagt übrigens auch Dirk Poldauf, aber er kommt wohl auch dieses Jahr erst wieder am abschliessenden Wochenende.

Marc Helder AKA Herman Brood

Ich weiss nicht, ob Alina l’Ami meine Berichte liest – ebenso gut möglich, dass sie dieses Fotomotiv selbst entdeckt hat. Ganz in Schwarz jedenfalls „Herman Brood“ AKA Marc Helder.

 

Ach so, fast hätte ich es vergessen: Was ist bitteschön der van Wely-Faktor? Wenn Carlsen früh im Turnier gegen van Wely gewann, lief es für ihn auch danach. Wenn nicht, dann lief es auch insgesamt nicht so gut. Im Detail:

2015 – Sieg in Runde 4, Carlsen Turniersieger

2013 – Sieg in Runde 3, Carlsen erzielte am Ende 10/13 und gewann das Turnier

2012 – Remis in Runde 13, Carlsen geteilt Zweiter hinter Aronian

2011 – van Welys Sabbatical (sonst war er seit 1992 immer dabei), Nakamura gewann das Turnier, Carlsen wurde geteilt Dritter,

2010 – Sieg in Runde 3 und Turniersieg für Carlsen

2009 – Remis in Runde 7, Karjakin gewann das Turnier

2008 – ein Grenzfall: Sieg in Runde 10, Turniersieg geteilt mit Aronian

2007 – Remis in Runde 12, Carlsen am Tabellenende (das war sein erstes A-Turnier in Wijk aan Zee, im Nachhinein ein ‚Detail‘).

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