Jorden und Thomas machen Platz für Magnus und Tom – dann Warten auf die Pressekonferenz

Adhiban

 
Der letzte Tag in Wijk aan Zee begann früher (Rundenbeginn 12:00 statt 13:30) und dauerte dann genauso lang wie sonst auch – bzw. einschliesslich Abschlussfeier noch länger, aber die verpasse ich aus logistischen Gründen (letzte Fähre nach Texel) jedes Jahr. Generell kann ich meine Reportertage so zusammenfassen: Anreise – Rundenbeginn – einige Zeit Leerlauf/Warten – Interviews – Rückreise. Diesmal bestand der Teil vor Ort aus Rundenbeginn – Warten – Interviews (Schlag auf Schlag) – Warten – Pressekonferenz. Warum es dazu kam und was es mit dem ersten Teil des Untertitels auf sich hat – siehe unten. Zunächst der Stand nach dreizehn von dreizehn Runden:

 

Masters Carlsen 9/13, Caruana und Ding Liren 8, So, Giri, Eljanov 7, Wei Yi und Mamedyarov 6.5, Karjakin 6, Navara und Tomashevsky 5.5, Hou Yifan, Adams, van Wely 5. Oben also grosse Lücken – Carlsen gewann am Ende (zahlenmässig) klar – unten bzw. ab Platz 4 alles dicht beieinander.

 

Challengers Adhiban, Safarli, Dreev 9/13, Bok und Antipov 7, Nisipeanu, Van Foreest, Abasov, l’Ami, Sevian 6.5, Ju Wenjun 6, Batsiashvili 5, Admiraal 4.5, Haast 2. Vorne ein Foto-Finish (Adhiban hatte zu Recht den besten Tiebreak, und das hat in der B-Gruppe Konsequenzen), dahinter und dann wieder zum Tabellenende grosse Lücken.

 

Carlsen hatte ich bereits im letzten Bericht, also bekommt heute Baskaran Adhiban das Titelfoto. Oder heisst er Adhiban Baskaran? Bei Indern, auch beim bekanntesten (und das wird wohl auf absehbare Zeit so bleiben) Vishy Anand, wird generell der Vorname erwähnt. Fotos auch heute von Tata Steel via Facebook, vor allem von Alina l’Ami.

 

Der Rest wieder ein bisschen durcheinander, ab und zu etwas zu den (noch) laufenden Partien, zwischendrin bunt Gemischtes.

 

Auf der Anreise das Übliche: der Bus Beverwijk – Wijk aan Zee zunächst relativ leer, dann (nach Ankunft des anderen Zugs aus Richtung Amsterdam) voll. Ich komme ins Gespräch mit einem Sitznachbarn, der zu einem anderen Fahrgast sagte “Normalerweise laufe ich, heute zur letzten Runde nicht.” Ich war neugierig: “Zu Fuss von Beverwijk nach Wijk aan Zee, wie lange dauert das?” ”Etwa eine Stunde, frische Luft ist gesund …” “Sie spielen wohl in einer der Amateurgruppen?” “Ja, Gruppe 4N.” “Wie oft haben sie hier schon mitgespielt?” “Vielleicht 35- oder 40-mal.” “Immer Gruppe 4?” “Meistens, einmal hatte ich Gruppe 3 gewonnen, im Jahr danach war Gruppe 2 doch zu hoch, ich bin sofort wieder abgestiegen. Ich habe Elo ca. 1850, einmal hatte ich 2001.” “Darf ich Ihr Alter wissen?” “Ich bin 69.”

 

Dann war ich vor Ort, wie üblich etwa eine halbe Stunde vor Rundenbeginn – für alle, auch für die Amateure. Wie es der Zufall (der Auslosung) will: auch Tom Adriaanse aus Den Helder (Fährhafen für Texel) spielt in Gruppe 4N. Generell eingeklemmt am Ende eines langen Gangs, aber heute war ich rechtzeitig vor der Runde im Saal und hatte das “traditionelle” (bzw. das dritte) Interview mit ihm: “Es läuft nicht [letzter Platz mit 1,5/8] – dabei spiele ich gut, aber die letzte Stunde ……” “Vielleicht doch das Alter?” “Ach, ich bin doch noch ein junger Gott!”. Er ist Jahrgang 1942, laut FIDE-Eloliste inaktiv, aber das wird sich demnächst wieder ändern: Alle Jahre wieder spielt er den Zehnkampf in Wijk aan Zee, daneben Mannschaftskämpfe (aber die werden in den unteren NL-Ligen nicht FIDE-ausgewertet) und sicher auch vereinsintern. Auch er spielte teilweise weiter oben bzw. im Turniersaal vorne, z.B. 2012 in Gruppe 2 – Sieg gegen Arianne Caoili, Niederlage gegen den damals noch sehr jungen Jorden Van Foreest. Oder 2008 in Gruppe 3, u.a. remis gegen Joachim Schulze, der damals noch mitspielte – inzwischen fotografiert er nur noch für Chessbase.

 

Nun zur Eröffnungsphase der A-Gruppe: Duplizität der Ereignisse in Carlsen – Ding Liren und Adams – So, an beiden Brettern dieselbe Variante im offenen Spanier. Das ist altbekannte Theorie, schnell entstand ein ziemlich ausgeglichenes Endspiel – Datenbank-Tendenz: remis, ab und zu gewinnt Weiss. Ob das von Ding Liren, der zum geteilten Turniersieg einen Schwarzsieg gegen Carlsen (und keinen Schwarzsieg in Tomashevsky-Caruana) braucht, so geplant war? Carlsen (Turniersituation), Adams (endlich ist das Turnier vorbei) und So (ich spiele hier fast immer remis) haben wohl nichts gegen Remis einzuwenden – bei Adams-So ist es dann auch schnell offiziell. Giri spielt gegen Hou Yifan das „neumodische“ London-System, seine Interpretation war allerdings später aus weisser Sicht suboptimal. van Wely randaliert gegen Wei Yi früh mit 5.h4 und 6.h5 – das wurde allerdings schon mehrfach gespielt.

 

Tomashevsky-Caruana

 

Die Schlüsselpartie der Runde, angesichts des zu erwartenden Ergebnisses in Carlsen – Ding Liren, ist Tomashevsky – Caruana. Caruana spielt Nimzo-Indisch. In der gewählten Variante ist 6.-La5 noch durchaus üblich, bei 11.-cxd4?! hat Caruana vermutlich 12.Sb5! übersehen oder unterschätzt denn nun steht der La5 wacklig, ständig droht b2-b4 mit Figurengewinn (doch noch -Lxc3 geht ja nicht mehr). 12.-dxc4 nach (zum zweiten Mal in der Partie) langer Denkpause, 13.Lxc4 Tc8 wird flott gespielt und nun grübelt Weiss. Diesen Moment habe ich im Turniersaal beobachtet, einer der Momente an denen ich doch gerne eine eigene Kamera hätte: Tomashevsky tief über das Brett gebeugt, Caruana betrachtet das aus einigen Metern Abstand. Der nächste Moment nach 16.e4?! (16.exd4 mit klarem und stabilem weissem Vorteil): Caruana kann mit 16.-d3 17.exd5 dxe2 18.Sxe2 Sxd5 19.b4 Saxb4 20.axb4 Lxb4 seinen La5 teuer verkaufen – bzw. stattdessen einen Springer verlieren für einige Bauern. Dann hat er vielleicht Remis- aber wohl kaum Gewinnchancen, stattdessen wählt er „unklare“ aber objektiv schlechte Komplikationen. Natürlich beobachte(te) ich diese Partie weiterhin, aber zwischendurch ist Zeit für andere Dinge. Die verbleibenden Partien in der A-Gruppe wurden natürlich auch eröffnet, ebenso die der B-Gruppe.

 

Schon bevor Caruana den Faden verlor und eine Stunde nach Rundenbeginn das erste Ergebnis – im Toptienkamp der Amateure. Anna Rudolf begann mit 2,5/3, darunter ein Kurzremis (15 Züge) gegen Freundin/Videokollegin Sopiko Guramishvili, dann 0/4, dann ein ausgekämpftes Remis, und nun spielten sie und ihr Gegner 13 Züge – gut, die Stellung war bereits ziemlich verflacht. Ein anderer Spieler, den ich mal nur anonym zitiere, meinte später „ich habe dieses blöde (d.h. für ihn nicht so erfolgreiche) Turnier mit einem Kurzremis beendet, nun ist es vorbei … .“ Anna Rudolf (die, obwohl körperlich klein, auch zwischen vielen anderen auffällt) sah ich später noch mit Kamera im Turniersaal, und tags darauf twitterte sie fröhlich „Had a great time at Tata Steel Chess!“. Rudolfs Gegner Danny de Ruiter kommt, wie ich, aus Noord-Holland: gegen ihn habe ich vor einigen Jahren “ständig” verloren, wie auch zu Kieler Zeiten gegen den damals ca. 16-jährigen Jan Gustafsson. De Ruiter, Jahrgang 1991, aktuell Elo 2319 ist (noch) kein Grossmeister, immerhin hat er 2012 kurz nacheinander Sokolov und Timman besiegt. Das wurde u.a. hier erwähnt und hier (Vereinshomepage) objektiver analysiert – gegen Timman war es ein erfolgreicher Bluff. In diesem Toptienkamp konnte de Ruiter als Einziger Vladimir Dobrov bezwingen, der dennoch bereits eine Runde vor Schluss als Turniersieger feststeht, dazu konnten ich und andere ihm schnell gratulieren.

 

Dobrov

 

Das ist Vladimir Dobrov – später hat er auch noch seine (irrelevante) Partie der letzten Runde verloren, aber für ihn gilt „nächstes Jahr auf der Bühne im B-Turnier“.

 

Nach Amateurgruppe 4 und Toptienkamp noch zu Gruppe 8 – ich schaue in Cafe de Zon vorbei, was macht mein Vereinskollege? Im Vorraum sitzt eine Gruppe Koreaner (nicht dass ich sie sicher von Chinesen oder Japanern unterscheiden könnte, aber ich weiss dass eine südkoreanische Delegation mitspielt …), Interview!? Die Mutter (?) kann nur ein bisschen Englisch, gebraucht das Übersetzungsprogramm ihres Smartphones, aber das funktioniert nicht – “er (einer der Jungen) kann Englisch!”. Auch das war ‘kompliziert’, ich gehe kurz in den Saal, mein Vereinskollege hat seine Partie bereits beendet, und als ich wieder nach draussen gehe ist der Trainer da, und er kann Englisch …. . “Das hier ist ein starkes Turnier, und wir wollen die Grossmeister sehen. Die koreanische Schachszene ist sehr klein, vielleicht 100-200 Leute. Korea hat im Januar Schulferien, also können wir (vor allem Kids) hier mitspielen.“ Sie hatten offenbar schon einmal ein Turnier in Amsterdam gespielt und das mit ein bisschen Sightseeing/Tourismus in NL und Belgien verbunden. Auf meine Frage, ob es keine Turniere in China gibt – “auch da kaum internationale Turniere”. China hat offenbar einige Topspieler aber in der Breite auch keine Schachszene!? Der Trainer ist auch Kapitän der Nationalmannschaft und hat schon einige Olympiaden mitgespielt. Mit Elo 1840 spielte er in einer höheren Amateurgruppe am Hauptschauplatz De Moriaan, offenbar kam er zwischenzeitlich aus der anderen Richtung. Chessbase-Fotograf Joachim Schulze dazu: “Ja die Koreaner kenne ich (vom Sehen) – sie sind im selben Hotel, nach dem Frühstück verbeugen sie sich immer höflich. Yoonseu Jung erzielte übrigens nach seiner elfzügigen Niederlage in Runde 1 (Jetlag?) danach 6,5/8 und gewann Gruppe 8D. Damit erwarb er das Recht, nächstes Jahr in Gruppe 7 zu spielen, aber ob für die Südkoreaner „alle Jahre wieder in Wijk aan Zee“ gilt?

 

Zwischendurch ein typisches Bild aus der A-Gruppe:

 

Tomashevsky-Caruana with Carlsen

 

Carlsen betrachtet interessiert, was sich in Tomashevsky-Caruana so tut. Warum rechts auch Schiedsrichter Pavel Votruba zuschaut? Vielleicht war das bereits die Zeitnotphase. Andere Partien sind bereits beendet, einige aber nicht alle Spieler erscheinen im Pressebereich. Erwin l’Ami analysiert mit Gegner Nijat Abasov (remis) und bleibt danach noch um sich mit anderen zu unterhalten. „Kann ich Dich auch noch was fragen?“ „Ja natürlich, ich komme gleich wieder!“ und er ging in den Nebenraum, da sass (vermutlich) Alina die ihn – warum auch immer – relativ oft fotografiert hatte, auch in dieser Runde:

 

Erwin l'Ami

 

Dann erschien Jorden Van Foreest – remis gegen Nisipeanu, aber er ist, wie mir andere im Pressebereich bestätigten, bereits weg. Jorden will ich auch noch befragen, aber das Kurzinterview mit Erwin l’Ami hatte ich ja gerade vereinbart, los geht’s: Zu seinem eigenen Turnier: „Schlecht gespielt, 10 Elopunkte verloren, auch kaum interessante Partien, mehr kann ich dazu nicht sagen.“ Später fasste sich ein anderer Spieler in ähnlicher Situation kürzer und knapper. TR im Auftrag von Kollege Raymund Stolze: “Wer ist Favorit im Kandidatenturnier?” Erwin: “Sehr schwierige Frage – wenn man das Turnier zehnmal spielt gewinnen zehn verschiedene Spieler [dann fiel ihm selbst auf, dass nur acht mitspielen]. Jeder hat seine Chancen.” TR: “Auch Svidler – wenn einer Underdog ist, dann er!?” Erwin: “Ja, aber im Kandidatenturnier hat er immer gut gespielt, und für ihn ist es sehr wichtig. Favorit ist vielleicht, nach seinem Auftritt hier, Caruana, dann eventuell Nakamura, aber das ist alles sooo unklar. Es hängt von der Form ab, ob man seine Vorbereitung aufs Brett bekommt, alle bereiten sich sehr gut vor, …… .” TR “Vor zwei Jahren spielte Aronian hier überragend, und im Kandidatenturnier nicht.” Erwin “Damals stand er unter Druck, Aronian kann diesmal befreit aufspielen da niemand ihn wohl als DEN Favoriten bezeichnet. Mit Anand ist zu rechnen, Giri hat auch eine Chance, jeder hat eine Chance.” Das war vielleicht nichtssagend, aber wohl seine ehrliche Meinung – Jorden Van Foreest hatte das mitbekommen und nickte zustimmend. Ich hatte auch mit „Ich drücke Giri die Daumen und äussere mich nicht zu anderen Spielern!“ gerechnet – schliesslich waren Erwin l’Ami und Robin Van Kampen (inzwischen Student, dieses Jahr nur gelegentlich Ko-Kommentator) Giris Trauzeugen. Dann gingen Erwin l’Ami und Jorden Van Foreest offenbar zum niederländischen Livekommentar – ich hatte dafür keine Zeit, muss ja im Pressebereich bleiben … . In derlei Situationen bräuchte ich einen, idealerweise der niederländischen Sprache mächtigen, „Sekundanten“ aber ich bin vor Ort ‚Einzelkämpfer‘!

 

van Wely

 

Dann erschien Loek Van Wely, er ist – egal wie er gespielt hat – immer gesprächig und gut für nette Zitate. Zu seiner letzten Partie (remis gegen Wei Yi): “Ich wollte verlieren, er wollte remis, er hat gewonnen.” Zum Turnier insgesamt: „Interessante Partien, etwas zu wenige Punkte. Zeitnot gehört bei mir dazu, bei meinem Stil und da ich immer den besten Zug finden will. Gestern war die Eröffnungswahl falsch.” TR “Hast Du auf Caruanas Najdorf-Allergie spekuliert?” “Ja, aber von mir kam es nicht überraschend. Die letzten drei Partien war ich müde.” TR “Liegt es vielleicht am Alter?” van Wely “Halt die Klappe! [das genaue NL-Original war blumenreicher und nicht so drastisch. Ich habe es nicht mehr parat, aber es ist ohnehin nicht übersetzbar. Andere, z.B. oder vor allem Kramnik, kokettieren mit ihrem Alter oder verwenden es als Erklärung/Ausrede, van Wely also nicht.]. Ich habe in letzter Zeit zu wenig gemacht, das rächte sich.“ TR “Zu wenig gespielt oder zu wenig am Schach gearbeitet?” van Wely “Beides”. TR “Was sagst Du zum van Wely-Faktor für Carlsen?” “Offenbar bin ich für ihn Inspirationsquelle.”

 

Zwischendurch mal wieder zu den Partien. Carlsen hatte gegen Ding Liren inzwischen Turm und Läufer gegen Turm – dazu hatte der Chinese freiwillig abgewickelt und musste nun beweisen, dass er dieses Remisendspiel remis halten kann. Tomashevsky hatte gegen Caruana keine Figur, aber immerhin eine Qualität gewonnen. Giri hatte gegen Hou Yifan einen Bauern weniger, in beiden Fällen mussten die Elofavoriten also ums Remis kämpfen. Stärkere Spieler im Pressebereich bezeichneten Giris Stellung als hoffnungslos, während Caruana eventuell Remischancen hätte („Dreiviertelpunkt-Endspiel“). Zur B-Gruppe:

 

Batsiashvili-Safarli + Mamedyarov

 

Ich zeige Batsiashvili-Safarli, da ich den Azeri bisher noch nicht hatte – und den anderen Azeri, Kibitz Mamedyarov, auch nur sporadisch. Die Dame spielte mit Französisch-Abtausch plump auf Remis, und verlor langsam aber sicher. Damit hatte Safarli getan, was er noch tun konnte, was machten die Konkurrenten? Sowohl Admiraal-Dreev (ohne grosse Aufregungen) als auch Sevian-Adhiban (nach Najdorf-sizilianischen Komplikationen) erschien remislich, also wohl ein punktgleiches Trio – so kam es am Ende. Laut Pressechef Tom Bottema, den ich hierzu befragte, entscheidet dann Sonneborn-Berger. “Ab und zu sprang Jeroen (van den Berg, Turnierdirektor) über seinen Schatten und hat beide Sieger eingeladen, wenn der Zweite auch nach Elo ins A-Turnier passt – aber nicht für Spieler mit Elo 2650.” [mein Eindruck der letzten Jahre: es war eher Regel als Ausnahme]. Tom Bottema hatte in dem Moment nicht parat, dass das direkte Ergebnis erster Tiebreaker ist, aber das war hier egal: Da Adhiban beide Konkurrenten im direkten Duell besiegt hatte, hatte er auch die deutlich beste Sonneborn-Berger Wertung. Noch war es nicht soweit, zunächst erschien Jorden Van Foreest wieder im Pressebereich. Ich wollte gerade zum Interview mit ihm ansetzen, dann Tom Bottema: “hier bitte nicht!” – Carlsen kam und wurde offiziell befragt. Na klar doch machen wir Platz für den Weltmeister … .

 

Jorden Van Foreest: “Ich bin mit dem Turnier zufrieden, ausser Runde 11 und 12. Lecker gekämpft, so war es geplant.“ [„Lekker“ bezieht sich im Holländischen nicht nur aufs Essen, sondern auf alles mögliche, z.B. „leckeres Wetter“ oder „schlaf lecker“.] Dreimal spielte er remis – gegen Nisipeanu OK, gegen Admiraal vielleicht weniger als erwartet (JvF “aber auch er ist kein Kanonenfutter“), gegen Dreev!? Die andere Hälfte meines Interviews mit ihm … . Zur Erinnerung: Zuvor sagte Dreev „Ich stand nach 14 Zügen etwas schlechter und wollte ihn mit einem Remisangebot testen. Warum er das akzeptierte, müssen Sie ihn fragen, nicht mich.“ JvF: “Ich dachte, Remis mit Schwarz gegen einen 100 Punkte besseren Spieler ist OK. Ausserdem wollte ich ihn nicht verärgern, da ich demnächst zusammen mit ihm trainiere.” TR “Das hat er mir nicht gesagt – wusste er es zu diesem Zeitpunkt?” JvF “Ja, das wusste er.” TR “Im Interview nach dem Sieg gegen Adhiban warst Du beinahe unsicher oder schüchtern – musstest Du die Partie noch verdauen oder fühlst Du Dich auf Englisch nicht so wohl?” JvF “Das lag wohl am Englisch …. . Ich hatte bisher noch kein Interview auf Englisch.”

 

Irgendwann etwa zu diesem Zeitpunkt sagte Alina l’Ami strahlend „I got the handshake!“. Sie durfte nicht etwa die Hand von z.B. König Willem-Alexander schütteln (er war meines Wissens nie vor Ort, soooo wichtig ist das Schachturnier nun auch wieder nicht), nein sie hat den Händedruck zwischen Carlsen und Ding Liren fotografisch erfasst:

 

Carlsen-Ding Liren handshake

 

Jederzeit konnte es passieren, sie wartete (un)geduldig und hat dann DEN Moment nach eigener Aussage beinahe verpasst – und dann war sie womöglich doch etwa eine halbe Sekunde zu schnell!? Situation zu diesem Zeitpunkt: Carlsen war de fakto Turniersieger, da Caruana seine Partie allenfalls remis halten aber nie und nimmer gewinnen kann. Aber die Pressekonferenz kann erst stattfinden, wenn das Ergebnis (1-0 oder 1/2) offiziell ist, „und dann sofort“ (so Tata Steel Vertreter Robert Moens).

 

Zwischenzeitlich war das Ergebnis im B-Turnier definitiv: Sevian-Adhiban remis, beide erschienen und analysierten munter drauflos. Quasi im Blitztempo wurden, auch nach dem Damentausch, Figuren geopfert – beide hatten offenbar einiges gesehen, dass in der Partie hinter den Kulissen blieb. Das kann ich unmöglich beschreiben, aber immerhin ein Interview mit Baskaran Adhiban – ich war Nummer zwei nach Dirk Poldauf, der wie jedes Jahr (oder jedenfalls 2014 und 2015) am letzten Wochenende vor Ort ist. TR zu Adhiban: “Gratulation. Safarli habe ich nicht so beobachtet, da er fast durchgehend knapp dahinter lag, ansonsten war das Turnier ein Rennen zwischen Dreevs positionellem und ihrem dynamischen Schach!?” Adhiban “Ja, so kann man das sehen …” TR “Im direkten Duell gewann ihr Schach, das war offenbar Vorbereitung?” Adhiban “Bis zu einem gewissen Zeitpunkt, dann war auch ich ‘out of book’.” TR “Vielleicht eine blöde Frage nach dem Turnier: Wollten sie das Turnier gewinnen?” Adhiban “Ja, aber vor allem wollte ich interessante Partien spielen.” TR “Und das ging sehr gut mit Perspektive Turniersieg … .” Adhiban “Ja, und ab diesem Zeitpunkt habe ich schlecht gespielt, gegen Nisipeanu und Nino (Batsiashvili) bin ich entwischt …”. TR “Noch eine Frage: Fast alle Inder spielen dieses Jahr in Gibraltar, nur sie nicht – warum?” Adhiban “Wijk aan Zee war schneller und hatte ein attraktives Angebot.” [Das Interview wurde mehrfach unterbrochen, da andere – u.a. van Wely und Robert Moens – Adhiban gratulierten mit den Worten ‘See you next year!”.]

 

Zu Adhiban schreibt Chessbase (Klaus Besenthal) „hat noch nicht so viel in Europa gespielt; aufgrund seiner Zugehörigkeit zur erfolgreichen indischen Nationalmannschaft ist er aber auch bei uns nicht vollkommen unbekannt“. Hmm, das ist ein bisschen nach dem Motto „ich kenne ihn nicht, also ist er unbekannt“ – ähnliches wurde auch über Keres Memorial Sieger Kovalenko geschrieben. Ich ‚kannte‘ Adhiban seit Bad Wiessee 2011 (mein allererster Schachartikel, das vergisst man nicht). Damals spielte er durchgehend ganz vorne mit, bis er durch eine Niederlage gegen Landsmann Negi in der letzten Runde auf Platz 21 zurückfiel. 2015 war er, rückwärts betrachtet, geteilter Sieger beim Open in Baku (liegt auch in Europa, oder?), geteilter Sieger beim Biel Open (mit Sutovsky, das Turnier steht immer etwas zu Unrecht im Schatten des GM-Turniers), spielte erfolgreich in der spanischen Liga (nur eben nicht in der deutschen Bundesliga) und spielte auch beim Aeroflot Open (allerdings landete er da nicht ganz vorne) sowie in Gibraltar (geteilter Dritter, aber da schauten alle nur auf Nakamura und haben allenfalls Adhiban-Nakamura 0-1 registriert?). Jedenfalls nicht jemand, der vor allem in Indien spielte und nur absoluten Insidern ein Begriff ist, oder?

 

…….. Ca. 18:00 (6 Stunden nach Beginn der Runde): Caruana hat aufgegeben. Mitteilung im Pressebereich: Carlsen wird abgeholt (offenbar war er zwischendurch im Hotel), in 10 Minuten Pressekonferenz. Während diesen 10 Minuten erscheint Adams im Pressebereich und betrachtet auf einem Monitor das Turmendspiel Giri – Hou Yifan. Auf meine Frage zu seinem Urteil: “bin mir da nicht sicher, Computer auch nicht, aber wahrscheinlich für Schwarz gewonnen” (ich weiss nicht, zu welchem – genauen – Zeitpunkt – er das sagte). Zu seinem Turnier nur “not good” – ich munterte ihn etwas auf: “Dortmund war grossartig, London Classic 2015 sicher ‘good’, nun eben not good“, und das sah er ähnlich.

 

Dann die Pressekonferenz (Video z.B. hier) die ich mal als “not bad” bezeichne: Carlsen war nicht so griesgrämig wie letztes Jahr, aber doch relativ wortkarg. Tom Bottema hatte keine wirklich interessanten Fragen (hätte ich auch nicht, kann an uns liegen), Carlsen keine interessanten Antworten. Am interessantesten vielleicht die Frage “Was macht Dein Sekundant Peter Heine Nielsen eigentlich, Eröffnungsvorbereitung? Und dann spielst Du das London-System oder 1.g3 !?”. Carlsen: “Natürlich macht er Eröffnungsvorbereitung, manchmal höre ich auf ihn, manchmal nicht.” Im Publikum musste u.a. Henrik Carlsen herzlich lachen, PH Nielsen war nicht im Publikum. Auf meine Frage zum van Wely-Faktor (eingeleitet mit “of course you won other events where Loek didn’t play”) zunächst tendenziell “naja, ich wurde halt im Laufe der Jahre besser”, dann “ich mag van Welys Art Schach zu spielen – interessante Partien, gegen mich zog er halt oft den Kürzeren und konnte mich bisher noch nie bestrafen.” Frage von Gert Ligterink, ob es für ihn wichtig ist, im Turnier eine “Partie für die Annalen” (game for the ages) zu spielen. Antwort tendenziell: “Mag sein, aber das reine Ergebnis ist für mich wichtiger.” Vielleicht bin ich auch verwöhnt von Aronians grossartiger Sieger-Pressekonferenz anno 2014? Turnierdirektor Jeroen van den Berg war zufrieden mit Tata Steel 2016 (Bottema: „das sagst Du immer …“) und bestätigte, dass das Turnier auch 2017 stattfindet – vom 13.-29. Januar. Robert Moens hatte zuvor mir gegenüber gesagt: „zweite Januarhälfte, dann haben wir vom Organisationsteam noch Weihnachtsurlaub, bevor die letzten intensiven Vorbereitungen beginnen!“. Sie haben gerade ein neues Logo usw. entwickelt – „das macht man nicht für das letzte oder vorletzte Turnier, wir wollen noch viele Jahre weitermachen“. Hoffentlich – wobei in Linares irgendwann Schluss war, meines Wissens ohne dass sie explizit tschüss sagten.

 

Nach der Pressekonferenz musste ich weg, zuvor noch ein letzter Blick in den Turniersaal: Giri – Hou Yifan lief noch, vor immerhin (ich kann das schlecht schätzen) 30 oder 50 Zuschauern – einige wollten nicht die ganze Zeit stehen, sondern setzten sich an die verwaisten Tische der vorderen Amateurgruppen. Kurz danach entwischte Giri mit remis, bzw. das war zu diesem Zeitpunkt bereits klar, zuvor konnte Hou Yifan forciert gewinnen. Im Publikum auch Tukmakov, der sich offenbar zwischendurch umgezogen hatte: zum Rundenbeginn erschien er ‚casual‘, nun quasi im Anzug ohne Krawatte. Die Abschlussfeier ist festlich und beginnt „sofort“ nach Partieende, offenbar auf dem Tata Steel Firmengelände. Einige Journalisten stellten draussen fest, dass der Bus bereits weg war, und wurden dann per Auto transportiert. Und ich machte mich auf die Heimreise, aber Fotos stehen mittlerweile im Internet:

 

 

Den Gashimov fair play prize bekamen Jorden Van Foreest (B-Gruppe) und David Navara (A-Gruppe), laut Turnierseite: „Both have shown good sportsmanship in many ways during the tournament.“ Das ist für mich nachvollziehbar, wobei ich es nicht konkret begründen kann. Vielleicht war es auch Anerkennung bis Trost für das interessante Schach, das sie geboten haben und für das sie „gefühlt“ mehr Punkte verdient hatten. Auf dem letzten Foto erkenne ich, und weiss die dazugehörigen Namen, neben Adhiban und Carlsen (Mitte) noch Robert Moens (links) sowie Cora van der Zanden und Tom Bottema (rechts) – noch mehr haben bei der Organisation des Turniers mitgeholfen.

 

Ich verzichte auf Einzelkritik für alle oder auch nur einige Teilnehmer – Carlsen hat am Ende verdient gewonnen, da alle anderen (auch Caruana) Durchhänger hatten oder nie auf Touren kamen. Ein voller Punkt Vorsprung hat den Vorteil, dass Carlsen – Hou Yifan 1-0 nicht turnierentscheidend war – wobei man nicht weiss, wie Carlsen und Caruana ihre Partien bei Gleichstand vor der Schlussrunde angelegt hätten. Nur ein kurzes persönlich-journalistisches Fazit: Letztes Jahr war ich am Ende vielleicht genauso müde wie die Teilnehmer(innen), dieses Jahr ist es erträglich. Das liegt vielleicht daran, dass ich 2015 meine Artikel oft noch am Reisetag schrieb, und 2016 dachte ich „morgen ist auch ein Tag“. Fast alle geplanten-gewünschten Interviews habe ich bekommen, nur Nisipeanu fehlt – da war im Nachhinein nach Runde 2 die erste und letzte Chance. Für die Teilnehmer der B-Gruppe hatte ich ja nur drei Chancen, da ich dreimal in Wijk aan Zee war und ausserdem in Amsterdam und Utrecht (Ausflüge nur für die A-Gruppe) – atmosphärisch war Eisenbahnmuseum Utrecht der Höhepunkt des Turniers, Wijk aan Zee kenne ich mittlerweile. Meine persönlichen Interview-Preise bekommen Dreev, Dobrov und Tukmakov, wobei ich da die Niederländer womöglich etwas ungerecht behandle. Bei ihnen (l’Ami, van Wely, van Foreest – Giri habe ich dieses Jahr kaum bis nicht gesprochen) wusste ich, was ich erwarten kann; bei den drei zuvor Erwähnten war ich angenehm überrascht.

 

Wie geht es weiter? Für mich als Reporter mit Gibraltar, diesmal wie meistens nur aus dem heimischen Wohnzimmer. Für einige mit Zürich, und danach kommt ein verglichen mit Tata Steel noch etwas längeres (14 Runden) und wichtigeres Turnier – Kandidatenturnier in Moskau. Auch andere wurden in Wijk aan Zee dazu befragt und hielten sich wie l’Ami ziemlich bedeckt. Irgendwann werde auch ich einen Vorbericht „ohne Prognosen“ schreiben. Und nun zunächst Vereinsabend!

Online spielen
Forum

Bundesliga-Statistik

de.wikipedia.org

Elo
DWZ/Vereinssuche
DWZ/Spielersuche
RSS-FEED
Archive
Kategorien
  • Aufrufe heute: 113.440
  • Aufrufe gestern: 166.660