Eine Schach-Ticker Serie zum zehnten Todestag der sowjetischen Schachlegende am 5. Dezember 2016 von JULIA KIRST

 

DSC_0077.jpg Bronstein Portrait by Sammy RubinsteinIm Kalenderblatt [28]Das Phänomen Bronstein …“  hatten wir angekündigt, dass unsere Autorin JULIA KIRST in diesem Jahre eine monatlich erscheinende Serie zum zehnten Todestag der Schachlegende veröffentlichen wird. Lesen Sie heute Folge 2!

 

David Bronstein war vor allem für seine fulminanten Angriffspartien bekannt. Er konnte aber auch eine positionelle Klinge schlagen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Schwarzpartie gegen den Puerto Ricaner Julio Kaplan im Internationalen Turnier zu Hastings 1975/76. Kaplan war kein Unbekannter, denn er gewann 1967 die Jugendweltmeisterschaft. In die absolute Weltspitze schaffte er es aber im Gegensatz zu David Bronstein nie.

 

Diese Partie ist mit einer traurigen Geschichte verbunden.

 

Das Traditionsturnier in Großbritannien war David Bronsteins letztes Turnier im Westen für lange 14 Jahre. Viktor Kortschnoi, den Bronstein beim Finale des Kandidatenturniers 1974 gegen Anatoli Karpow unterstützte, setzte sich im Sommer 1976 nach dem IBM-Turnier in Amsterdam in den Westen ab. Bekannte Schachgroßmeister aus der Sowjetunion wurden daraufhin von der Schachföderation der UdSSR aufgefordert, einen Brief zu unterschreiben, der Kortschnois Flucht massiv verurteilte. David Bronstein weigerte sich.

 

Dies hatte für ihn fatale Folgen: Er wurde von mit einem Bann belegt und durfte nicht mehr an Turnieren außerhalb der Sowjetunion teilnehmen. Dieser Boykott dauerte 14 Jahre an. Erst nach dem Ende des „Eisernen Vorhangs“ konnte der Ukrainer wieder uneingeschränkt auf der ganzen Welt Schach spielen.

 

In der Eröffnung sieht Bronsteins Stellung etwas zerzaust aus, aber der Weißspieler findet nicht die beste Fortsetzung. Nach und kann der Ukrainer seine Position verbessern. Im fünfzehnten Zug begeht Kaplan die entscheidende Ungenauigkeit, danach ist er chancenlos verloren.

 

Die Partie endet sehenswert mit Zugzwang, rien ne va plus für Weiß. Eine malerische Schlussstellung, Aaron Nimzowitsch lässt grüßen!

 

BuchCover

 

Die in der Partie zitierten Anmerkungen sind entnommen aus Steve Giddins, Bronstein – Move by Move, Seite 102 ff, Everyman Chess 2015 und David Bronstein/Tom Fürstenberg: The Sorcerer’s Apprentice, Seite 201 ff, New in Chess 2009.

 


 

 

Kaplan1974_und_Bronstein1968

Julio Kaplan (1974) und David Bronstein (1968)

 

Julio Kaplan – David Bronstein
Internationales Turnier, Hastings 1975/76
Französische Verteidigung [C11]

 

1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Sf6 4. Lg5 dxe4 5. Sxe4 Le7 6. Lxf6 gxf6 Dieser merkwürdig aussehende Zug ist kein Fehler, sondern eine anerkannte Eröffnungsvariante. Schwarz verstärkt sein Zentrum und kann eventuell später die g-Linie für seinen Turm nutzen. In dieser Partie kam es anders …

 

7. Sf3 Sd7 Mit diesem Zug weicht Bronstein von der Hauptvariante ab. Hier wird überwiegend 7… b6 gespielt. Meist baut man sich dann mit Lb7, c6, Dc7, Sd7 und 0-0-0 auf und es entsteht eine Igelstellung. [Steve Giddins, Bronstein – Move by Move, Seite 102, Everyman Chess 2015]

 

8. Dd2 c5 Bronstein möchte ihn provozieren, d5 zu spielen. Er war sehr nervös, als er diesen Zug ausführte, aber dachte, dass 8… c5 gehen müsse. [David Bronstein/Tom Fürstenberg: The Sorcerer’s Apprentice, Seite 201, New in Chess 2009]

Kaplan_Bronstein_DIA_01

 

9. d5 „Er geht darauf ein. Allerdings wäre 9. 0-0-0 die bessere Wahl gewesen. Nach 9… cxd4 10. Dxd4 0-0 steht Schwarz nicht gut.“ [Bronstein/Fürstenberg]

 

Bronstein wollte nach der langen weißen Rochade 9… f5 spielen, aber auch diese Variante überzeugt nicht: 9… f5 10. Sc3 cxd4 11. Dxd4 Lf6 12. Da4, und Schwarz kann nicht rochieren, da er nach 12… 0-0 13. Lb5 eine Figur verliert. [Giddins]

 

9… f5 10. dxe6? Nach 10. Sc3 wird die Spannung erhalten und Schwarz hätte kein leichtes Leben gehabt. [Giddins]

 

10… fxe4 11. exd7+ Hier hätte der Anziehende auch 11. exf7+ spielen können. David Bronstein sah folgende Fortsetzung: 11. exf7+ Kxf7 12. Df4+ Sf6?? 13. Se5+ Ke8 14. Lc4? Tf8. Aber diese Zugfolge hat ein Loch: Nach 12… Sf6?? spielt Weiß 13. Se5+ Ke8 14. Lb5! und die schwarze Stellung ist aufgabereif. Deshalb muss der Nachziehende 12… Kg7 ziehen. [ebenda]

 

11… Dxd7 12. Dc3 0-0 Dieser Zug überrascht, aber einen weißen Angriff braucht Schwarz nicht fürchten, denn nur die weiße Dame steht in einer Angriffsposition. Von daher hat die kurze Rochade ihre Berechtigung. [Giddins]

13. Sd2 Df5 14. 0-0-0 Dxf2 15. Sxe4?

 

XKaplan_Bronstein_DIA_02

 

Man glaubt es kaum, aber dieser Zug ist der entscheidende Fehler. Bronstein gibt den Zug 15. Lc4 als Verbesserung an. [Bronstein/Fürstenberg]

 

15… Df4+! Jetzt gerät der Springer in eine entscheidende Fesselung, welche die Ursache für die fatale Zugzwangstellung am Ende der Partie ist.

 

16. Sd2 Lg4! Der Punkt d2 wird ausgehebelt.

 

17. Te1 Lg5! Verstärkung der Fesselung!

 

18. Ld3 Tae8

 

Kaplan_Bronstein_DIA_03

Eine Stellung sagt mehr als tausend Worte!

 

19. Tef1 Weiß hat nichts Besseres. 19. Txe8 Txe8 20. h3 Lc8 [mit der Idee Df2]. Nach 21. Tf1 setzt Schwarz mit 21… Dxf1+ 22. Lxf1 Te1 matt. [Giddins]

 

19… De3 20. h3 Le2 21. Tf5 Das Schlagen des vorwitzigen Läufers hilft nichts: 21. Lxe2 Dxc3 22. bxc3 Txe2 23. Td1 Td8. [Giddins]

 

21… Lh6 David Bronstein kommentierte diesen Zug in seiner Monographie „The Sorcerer’s Apprentice“ wie folgt: „Was für ein toller Läufer! Wenn es einige sichere Felder weiter hinten auf der Diagonale gegeben hätte, dann hätte ich ihn dorthin gezogen!“ [Bronstein/ Fürstenberg]

 

22. Lxe2 Die Zugfolge 22. Te1 Dg3 23. Txe2 De1+ nebst Matt unterstreicht die weiße Hilflosigkeit. [ebenda]

 

22… Dxc3 Kaplan hatte jetzt nur noch 1 Minute für 18 Züge auf der Uhr. Bronstein dachte, sein Gegner „sah, was kommt, wollte es sich aber zeigen lassen“. [ebenda]

 

23. bxc3 Txe2 24. Td5 Txd2 25. Txd2 Td8 26. Thd1 c4!!

 

Kaplan_Bronstein_DIA_04

X

Zugzwang! Der weiße Turm hat die Rolle des Springers übernommen und ist unglücklich gefesselt. Nach 27. g4 folgt einfach 27… Le3 oder 27… Lf4 und die weißen Bauernzüge gehen aus. Der Turm auf d1 muss dann ziehen und sein Kollege auf d2 geht verloren. Schwarz behält eine Mehrfigur, daher 0–1!

 

Das Nachspielen von „Kaplan-Bronstein, Hasting 1975/76“  bieten wir Ihnen hier an:

http://www.viewchess.com/cbreader/2016/2/2/Game599964500.html

 


 

 

Die Schlussstellung von Kaplan-Bronstein erinnert an das positionelle Meisterwerk Sämisch – Nimzowitsch. Der lettische Hypermoderne überspielte Sämisch im Nimzowitsch-Inder [!] derart, dass dieser sich ähnlich wie Kaplan nicht mehr rühren konnte. Allerdings befanden sich am Ende der Partie – sie wurde 1923 beim Internationalen Turnier in Kopenhagen gespielt – von Meister Nimzowitsch mehr Figuren auf dem Brett, sodass ihm das Patent auf die „Unsterbliche Zugzwangpartie“ gebührt.

 

Nimzowitsch_DIA_01

 

Weiß [Sämisch] befindet sich im Zugzwang. Wenn seine Offiziere ziehen, verliert er Material. Die Bauernzüge erschöpfen sich irgendwann, und auf g4 oder Kh2 folgt das gewinnbringende T5f3! Schwarz [Nimzowitsch] wartet unterdessen und pendelt mit dem König solange, bis Weiß die Züge ausgehen. Sämisch gab daher nach einstündiger Überlegung auf. [0–1]

 


 

 

Was lehrt uns die Partie Kaplan – Bronstein? Um den Gegner zu besiegen, benötigt man mehrere Vorteile. Hier entschieden neben der Fesselung des „Unglücksspringers“ die Dominanz des schwarzen Läuferpaares und die aktiven schwarzen Türme den Tag, während die weißen Figuren nicht miteinander harmonierten. Diese Partie ist außerdem ein klassisches Beispiel für das Einhergehen von Strategie und Taktik und sie zeigt, wie schnell ungenaue Züge in dynamischen Stellungen das Bild ändern können. Deshalb ist in solchen Positionen genaue Variantenberechnung besonders wichtig.

 


 

 

Lesen Sie im kommenden Monat Folge 3 „Computerseele“! David Ionowitsch Bronstein wäre am 19. Februar 92 Jahre alt geworden. Er starb am 6. Dezember 2006 in Minsk.

 

Folge 1 „Bronsteins Unsterbliche“ haben wir am 1. Januar 2016 veröffentlicht. Der Beitrag ist unter dem Link http://www.chess-international.de/Archive/49724#more-49724 zu finden.

 

Bildnachweise

  • Julio Kaplan: Dutch National Archives, The Hague, Fotocollectie Algemeen Nederlands Persbureau (ANeFo), 1945-1989 [http://proxy.handle.net/10648/ac5071ac-d0b4-102d-bcf8-003048976d84], Nummer toegang 2.24.01.05 Bestanddeelnummer 927-3289, Urheber: Anefo / Croes, R.C.
    (via Wikipedia Commons: https://de.wikipedia.org/wiki/Julio_Kaplan)
  • David Bronstein: Dutch National Archives, The Hague, Fotocollectie Algemeen Nederlands Persbureau (ANeFo), 1945-1989, Nummer toegang 2.24.01.05 Bestanddeelnummer 921-5139, Urheber: Koch, Eric / Anefo
    (via Wikpedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Dawid_Ionowitsch_Bronstein)

 

 

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