Vom 12. Moskau Open berichtet exklusiv für den SCHACH-TICKER aus der russischen Hauptstadt JÜRGEN MÜLLER

 

Sergei Aslanov (Foto: http://chesstao.com/students.php)

Sergei Aslanov (Foto: http://chesstao.com/students.php) und der Ort der Tat

Eigentlich wollte ich ja am heutigen Dienstag [2. Februar] über die Delegation der Deutschen Schachjugend [DSJ] beim 12. Moskau Open berichten, aber es kam ganz anders.

 

Beim Mittagessen hab ich sie einfach überrumpelt und bei ihren vollen Tellern gefragt, ob ich schnell paar Fotos machen dürfe, für den Schachticker und nachdem alle den Mund voll hatten, konnte auch keiner „Nein“ sagen.

 

Dann wurden noch stolz die Einkaufstrophäen präsentiert. Scheinbar sind die Pelzmützen der Russischen Armee beliebte Souvenirs. Warm halten sie schon bei diesem Schneegestöber und Schneematschwetter auf jeden Fall.

 

Aber dann überschattete den Tag etwas ganz anderes und ich konnte nicht an die Bretter der DSJ wandern …

 

 

Es ist ein weiteres negatives Highlight in meiner Schiedsrichterkarriere, wenn man da von Karriere sprechen kann.

 

Der Spieler Sergej Aslanow [Elo 2338] aus Russland [ http://chess-results.com/tnr205684.aspx?lan=1&art=9&fed=RUS&flag=30&wi=700&lansel=NO&iframe=YES&css=2&snr=114 ] war mir aufgefallen, weil er seit ungefähr dem zehnten Zug ständig nicht am Brett war. Sein Gegner an Brett 32 des A-Turniers Großmeister Eduard Andrejew [Elo 2458] beschwerte sich jedoch nicht bei mir.

 

Foto 2Aber wie schon gesagt, ich hatte schon ein Auge auf seinen Gegner, der fortwährend zur selben Toilette ging. Alle zwei Züge, selten waren es drei.

 

Also kontrollierte ich die Toilette. Beim ersten Mal habe ich allerdings nichts gefunden – Fehlanzeige! Trotzdem, er war schon wieder auf dem „Örtchen“, was mich zu einer erneuten Kontrolle veranlasste. Dabei habe ich mein Hemd zerrissen, aber siehe da: Hinter dem Abflussrohr unter einer losen Fliese war ein Smartphone versteckt.

 

Ich habe sofort ein Foto gemacht und den Hauptschiedsrichter verständigt. Wir wollten den Betrüger natürlich auf frischer Tat ertappen.

Zwei Schiedsrichter auf einer Toilette? Beim Verlassen kam uns der mutmaßliche Betrüger entgegen und schaute ziemlich überrascht.

 

Als er die Toilette verließ, stürmte der Hauptschiri zurück in die Toilette und fand … nix. Inzwischen verwickelte ich den Betrüger, denn Schachfreund kann man hier ja wohl nicht sagen, in ein Gespräch und als der Hauptschiedsrichter wenige Sekunden später zurückkam sagte er sofort: „Alle Taschen leeren!“ Aber es kam kein Smartphone zum Vorschein. Der Hauptschiedsrichter zeigte ihm das Bild und sagte, dass er jetzt die Polizei [die ist in jedem öffentlichen Gebäude vertreten, also auch hier] rufen würde, die dann das Smartphone finden wird. Damit war der Käse gegessen und das Smartphone mit Schach-App aus der Kleidung des Betrügers hervorgeholt.Foto 1

 

Partie weg, Turnier aus … Was für ein Hammer !

 

Ich will jetzt nicht den Finger heben und alle unter Generalverdacht stellen, aber die Regel, dass bereits das Mitbringen von Kommunikationsgeräten in den Turnierbereich zu einer NULL führt, ist nicht ganz von der Hand zu weisen.

 

Wenn wir schon bei Regeln sind, noch etwas, wo wir Deutschen mal wieder anders sind als der Rest der Welt. In Moskau und überall, wo ich bisher als Internationaler Schiedsrichter auf der Welt unterwegs war, außer natürlich in Deutschland, wird die Fischer-Bedenkzeit mit eingeschaltetem Zügezähler gespielt. Für die Spieler ist das Klasse, denn gleich im 40. Zug gibt’s die 30 Minuten obendrauf und nicht erst wenn das Blättchen fällt, denn 0:00 auf der Uhr haben, ist für jeden Spieler ein komisches Gefühl.

 

Auch die Aussage, „Der Spieler bekommt die Information, dass der 40. Zug gemacht ist“, greift nicht, denn durch die Notationspflicht , weiß der Spieler ja sowieso, dass der 40. Zug gemacht ist. Wer kann die Frage beantworten, warum machen wir das bei uns anders und nicht nach den Empfehlungen der FIDE ???

 

Ja, Schach wurde natürlich auch gespielt. Bei den Mädels [B-Turnier] kam die Setzranglistenerste Anastasia Bodnaruk [Rodewischer Schachmiezen, 2453 ELO] gegen die Inderin Soumaya Swaminanthan [Elo 2345] nur zu einem Remis, und so muss die Russin das Brett 1 in Runde 5 räumen. Dafür hat nun eine andere Schachmieze ihren Platz übernommen: Tatjana Wassiljewitsch [Elo 2380]. Die Ukrainerin hat wie der Shootingstar aus Moskau Tatjana Obolentsewa [Elo 2196] jeweils vier Siege errungen. Beide treffen jetzt im direkten Duell aufeinander, wobei die Rodewischer Tatjana Schwarz hat [Ergebnisse und alle statistische Infos auch zu den Spielerinnen gibt es sowohl auf der Veranstalter-Webseite unter dem Link http://open.moscowchess.org/en/tournB/results als auch bei http://chess-results.com/tnr205668.aspx?lan=1&art=0&flag=30&wi=821 ].

 

An der Spitze des A-Turniers tummeln sich nach vier Runden noch drei Spieler mit weißer Weste. Es sind die beiden Russen Urii Elisejew [Setzranglistenplatz 11/Elo 2582] und Wassili Krochmar [71/2405] sowie der Ukrainer Oleg Iwanow [22/2519]. Die Internationalen Meister Krochmar und Iwanow sind dabei echte Außenseiter. Der Ranglistenerste Anton Korobow [Ukraine/2710!] führt das Verfolgerfeld mit 13 Spieler an, die jeweils 3,5/4 auf ihrem Konto haben [ http://open.moscowchess.org/en/tournA/results oder http://chess-results.com/tnr205684.aspx?lan=1 ].

 

____

P.S.: Dann hoffen wir einmal, dass Jürgen Müller am Mittwoch nicht schon wieder von einem Betrugsfall überrascht wird, um endlich, wie von ihm geplant, über den Auftritt der DSJ-Delegation zu berichten …

 

Wolfgang L : Ich denke, dass die Schachspieler vollkommen in die falsche Richtung diskutieren. Wird man das bändigen können – bei fortschreitender technologischer Entwicklung? Wohl eher nicht, es sei denn wir müssen wirklich bald zum Kreisklassenspiel schon durch einen Metalldetektor laufen. Ist es nicht irgendwie realitätsfern alle Handys im Turniersaal zu verbieten (z.B. Bereitschaftsdienst, schwangere Frau daheim, Angst vor Diebstählen, etc.)? Bei Profis kann das ja noch angehen, aber normale Hobbyspieler? Ich bin ehrlich gesagt erstaunt, wie wenig Betrugsfälle aus niedrigeren Ligen bekannt sind. Und da hat nach meiner Erfahrung praktisch jeder ein ausgeschaltetes Handy in der Tasche. Ich persönlich glaube, dass dem nur Einhalt geboten werden kann, indem man die Bedenkzeit so radikal verkürzt, dass man einfach keine Zeit mehr zum Betrügen hat. Oder wir müssten die Anreize zu betrügen abschaffen (Elozugewinn, Geldpreise, etc.). Die Frage ist, wie realistisch ist das. An einen Ehrenkodex oder ähnliches glaube ich nicht mehr. Aber ich denke, dass die „Traditionalisten“, die auf einer langen Bedenkzeit beharren um auch die Schönheit des Endspiels zu würdigen, sich überlegen sollten, ob das angesichts anderer Phänomene wie Mitgliederschwund noch zeitgemäß ist.

Eine Antwort auf Sergej betrügt mit Smartphone auf der Toilette

  • Kommentare auf Facebook sagt:

    Thomas. M. : Ich fühle mich immer halb um den Punkt betrogen, wenn Turnier Veranstalter Handys im Turniersaal ausgeschaltet dulden. Wann greift man endlich durch und verweigert die Elo Wertung solcher Turniere?

    Stefan B.: Tja, einerseits … aber andererseits müsstest du dann auch Armbanduhren und demnächst Brillen verbieten. Hörgeräte und und und. M.E. geht es nur über drakonische Strafen im Falle der Überführung. An der mauen Aufklärungsquote wird man leider nicht viel machen können. Aber ich gebe zu, man könnte sich wenigstens bemühen.

    René T. : Wie dreist und doof ist das? Wegen Dummheit 5 Jahre sperren müsste man so was

    Wolfgang L. : Ich denke, dass die Schachspieler vollkommen in die falsche Richtung diskutieren. Wird man das bändigen können – bei fortschreitender technologischer Entwicklung? Wohl eher nicht, es sei denn wir müssen wirklich bald zum Kreisklassenspiel schon durch einen Metalldetektor laufen. Ist es nicht irgendwie realitätsfern alle Handys im Turniersaal zu verbieten (z.B. Bereitschaftsdienst, schwangere Frau daheim, Angst vor Diebstählen, etc.)? Bei Profis kann das ja noch angehen, aber normale Hobbyspieler? Ich bin ehrlich gesagt erstaunt, wie wenig Betrugsfälle aus niedrigeren Ligen bekannt sind. Und da hat nach meiner Erfahrung praktisch jeder ein ausgeschaltetes Handy in der Tasche. Ich persönlich glaube, dass dem nur Einhalt geboten werden kann, indem man die Bedenkzeit so radikal verkürzt, dass man einfach keine Zeit mehr zum Betrügen hat. Oder wir müssten die Anreize zu betrügen abschaffen (Elozugewinn, Geldpreise, etc.). Die Frage ist, wie realistisch ist das. An einen Ehrenkodex oder ähnliches glaube ich nicht mehr. Aber ich denke, dass die „Traditionalisten“, die auf einer langen Bedenkzeit beharren um auch die Schönheit des Endspiels zu würdigen, sich überlegen sollten, ob das angesichts anderer Phänomene wie Mitgliederschwund noch zeitgemäß ist.

    Thomas R. : Ich glaube an den Ehrenkodex und spiele gerne mit langer Bedenkzeit. Die wenigen Betrugsfälle, die es bislang gegeben hat, müssen hart bestraft werden. Wir sollten unser Spiel nicht am Fehlverhalten dieser Idioten ausrichten.

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