Vom 12. Moscow-Open berichtet exklusiv für den Schach-Ticker aus der russischen Hauptstadt JÜRGEN MÜLLER, Internationaler Schiedsrichter

 

Tja, schweren Herzens verlasse ich das 12. Moskau Open vor der Siegerehrung. Es laufen noch drei Partien bei den Mädels und sieben im A-Turnier. Ich bin zum ersten Mal nicht bei dieser partienZeremonie dabei. Ja, da klingt ein bisschen Wehmut durch, denn da verpasse ich einen kultu002rellen Augen- und Ohrenschmaus. Auch der Chef des Ganzen, Alexander Kostujew, wollte genau wissen, warum ich denn nicht bleibe und war schon fast ein wenig beleidigt, so nach dem Motto, ob die letzten Zeremonien mir denn nicht gefallen hätten …

 

Doch, natürlich, sehr! Betone ich, denn gestern bei der Schüler-Siegesfeier war ich ja auch dabei. Nachdem ich ihm erklärte, dass ich ja nicht mit Schach mein Geld verdiene, sondern mein Chef mich morgen dringend in der Firma braucht, wurde mir sozusagen, der rosa Passierschein ausgestellt, aber erst als ich hoch und heilig versprach, im nächsten Jahr wieder zu kommen. Dieses Versprechen fiel mir außerordentlich leicht.

Aber zurück zum Weckerklingeln 6:30 Uhr … Rundenbeginn an diesem Sonntag ist 11:00 Uhr, da muss ich also  eine Stunde vorher im Saal sein. Frühstückstermin mit der Sekretärin von Anatoli Jewgenjewitsch Karpow um 9:00 Uhr, Abfahrt eine halbe Stunde vorher, noch was für den Schach-Ticker tippen [denn dazu bin ich gestern Abend nicht gekommen, weil ich ja mit Walentina Gunina Geburtstag feiern musste. und da kommt man nicht vor drei ins Bett]. Also 8:00 Uhr Zimmer räumen, wichtiger Ortstermin im Bad und schon war man nur dreieinhalb Stunden im Bett. Aber egal, da muss man durch, wenn man Moskau erleben will!

 

Alles prima geklappt, drei nach 9 im Café „coffeebean“ an der Ecke zwischen dem Hotel Tourist und der Universität RGSU. Ein echter Marco-Polo-Geheimtipp! Dort gibt es über 50 Sorten offenen Kaffee, an allen Bohnen darf man riechen, bevor man sich einen Kaffee machen lässt. Auch der Cappuccino ist zu empfehlen, ich nehme ihn mit einem Schuss Vanillesirup, kostet 42 004Rubel extra, aber das gönne ich mir. Eigentlich sollte ich die beiden Bücher mit den Autogrammen von Karpow für Julius und Miriam bekommen, doch die sind in Karpows Büro liegen geblieben. Kommen also mit dem „Kurier des Zaren“ nach Bad Königshofen und werden dann denn beiden überstellt.

 

Ups…. Jetzt aber nun los, die Stunde verging wie im Flug, Schiedsrichterbüro, alles da, in keiner Folie, schon ein paar letzte Handschläge und „Dos wiedanja“, da ja um 16 Uhr mein Privattaxi [Mama Elena Sawina – ihre Tochter Anastasia ist in Bad Königshofen ein echter Leistungsträger] vor der Uni wartet und dann ist keine Zeit mehr für einen großen R005undgang. Sicherheitskontrollen etc. – kennt ihr ja inzwischen alles.

 

Juhu, der Turniersaal ist offen, aber ziemlich düster, kein Licht. Egal, Handylampe an und los geht es mit dem Tischkarten- und Formulareverteilen, Uhrenstellen usw. Nach 30 Minuten bin ich mit allem fertig, aber mein Handyakku ist inzwischen leer, doch siehe da, schon kommt ein Mann von der Technik und macht mir Licht. Sehr freundlich! Ich denke schon voll russisch. Irgendwann, kommt irgendwer und wird schon was machen. Genial, wie man sich darauf verlassen kann …

 

Rundenbeginn wie immer pünktlich, vorher eine Gespräch mit dem Papa von Alexandra Obolentsewa, Austausch der Kontaktdaten, beste Wünsche und los geht’s. Die 14-jährige Moskauerin 006[*21. Juni 2001]– sie war 2011 Weltmeisterin in der Altersklasse U10! Und spielte erstmals bei der sechsten Auflage des Moskau Open zwei Jahre zuvor mit – lässt auch heute keinen Zweifel daran, dass ihre Fregatte noch von gestern in voller Fahrt ist. Und schon wieder sieht es fast nach einem Überfall auf Pearl Habor aus. Ehe ihre Gegnerin Julia Osmak aus der Ukraine auch nur ansatzweise vom Pier losmacht, ist für sie die Lage schlecht. Zum Schluss ist es ein reines Bauernendspiel, doch Alexandra hat eine Übermacht von 5:4 und gewinnt nach 46 Zügen [Partie zum Nachspielen http://www.chessbomb.com/arena/2016-moscowopen/09-Obolentseva_Alexandra-Osmak_Iulija]. Im Schlussklassement wird es nur nach Wertung Platz 3 hinter Anastasia Bodnaruk – Sie wissen schon, das ist die „Rodewischer Schachmieze“ – und der Inderin Soumaya Swaminathan. Das Trio hat 7,5/9 „eingespielt“. [Ergebnisse, Spielerinfos unter http://open.moscowchess.org/en/tournB/results]

 

Von den anderen Partien bekomme ich wenig mit, da ich an allen Ecken als Dolmetscher gebraucht werde, sei es wegen T007axis – wo bekommt man Bestätigungen, wo kommt man zum Turnierdirektor, usw. Eh man sich umschaut, ist auch schon die Zeitkontrolle rum, keine Fotos gemacht, war einfach keine Gelegenheit, zu stressig, dazwischen habe ich auch immer Leuten aus dem Organisationsteam Tschüss sagen müssen, denn es hatte sich wohl rumgesprochen, dass ich zum Abschlusstee diesmal nicht da sein werde. Der Internationale Schiedsrichter Alexander Iwanow musste heute mal mehr arbeiten als sonst, aber es waren wunderbare neun Tage hier und ein harmonisches Zusammenarbeiten mit meinen russischen Freunden.

 

008Besonders freut es mich, dass in einer Zeit, wo die politischen Fronten eher kühl miteinander umgehen, es zu einem Kooperationsvertrag zwischen dem russischen Studentenwerk und der Deutschen Schachjugend [DSJ] gekommen ist. DSJ-Geschäftsführer Jörg Schulz hat hierbei für die „Germanya Federatzia“ unterschrieben. Na ja, Bundeskanzler oder Bundespräsident ist Jörg zwar nicht, aber kann ja noch werden …

 

Im nächsten Jahr, möchte ich auch eine kleine Reisegruppe bilden, ja vielleicht auch in Zusammenarbeit mit der DSJ, denn alle jene, die dieses Mal dabei waren, sind bestimmt vom Virus „Moscow-Open“ infiziert. Ich ja schon lange, und die einzige Medizin, die wirklich hilft ist „nächstes Jahr wiederkommen“. Die ist garantiert rezeptfrei aber visumpflichtig. Und noch ein Tipp: nicht einnehmen, sie muss man einfach in sich aufsaugen!

 

Wer wirklich im kommenden Jahr mit will, der kann sich schon mal per Email bei mir melden: muellerjam@t-online.de009

 

P.S.: Bleibt dem Schach-Ticker-Team übrig, sich bei unserem „Mann in Moskau“ recht herzlich zu bedanken.

 

Und natürlich reichen wir auch das Ergebnis bei den Männern nach. Kaum zu glauben, aber der allein führende Ernesto Inarkijew [Elo 2676] strauchelte auf der Zielgeraden, denn er verlor seine finale Partie mit Schwarz gegen den krassen Außenseiter Dimitri Gordijewski [Elo 2506], der sich als 29. der Setzrangliste auf Platz 2 katapultierte. Damit war aber der Weg für seinen Landsmann Urii Elisejew [Elo 2582] frei. Der Moskauer war bekanntlich mit 6/6 gestartet, und schwächelte kurzzeitig. Aber als es darauf ankam, war er wieder voll dazu: Sieg gegen den Ungarn Antal Gergely [Elo 2566]. Das bedeutete 7,5/9 und die bessere Wertung gegenüber Dimitri [52,5:47,0]. Platz 3 ging an die Nummer 1 Anton Korobow [Elo 2710] der in den neun Runden zwar ungeschlagen blieb, aber bei fünf Siegen auch vier Remisen dabei hatte. Der Ukrainer war halt zu friedfertig … [http://open.moscowchess.org/en/tournA/results ].

 

Und natürlich wollen Sie wissen, wie den die jeweils vier Mädchen und Jungen der DSJ-Delegation gelandet sind, die bei den Amateuren in der Gruppe C am Start waren. Hier ist die Übersicht:

 

SNo

Name

Rtg

FED

1

2

3

4

5

6

7

8

9

Pts.

Rk.

Group

35

Xiong Ferdinand

2193

GER

1

1

½

0

0

0

1

1

½

5,0

125

Moscow-Open 2016 C

110 Waechter Nathalie 2054 GER

½

1

½

½

½

0

0

½

0

3,5

265

Moscow-Open 2016 C

124

Goldbeck Lars

2031

GER

1

0

1

0

0

1

0

1

0

4,0

200

Moscow-Open 2016 C

130 Chittka Julius 2021 GER

1

0

1

0

1

1

0

0

1

5,0

117

Moscow-Open 2016 C

168 Kopylov Daniel 1966 GER

1

1

½

½

0

0

1

1

1

6,0

44

Moscow-Open 2016 C

180

Sanati Charlotte

1949

GER

0

1

0

1

½

0

½

0

1

4,0

225

Moscow-Open 2016 C

267 Weimert Miriam 1724 GER

0

0

1

0

½

1

½

0

1

4,0

240

Moscow-Open 2016 C

288

Eue Vicky

1626

GER

0

0

1

0

½

1

1

0

0

3,5

266

Moscow-Open 2016 C

 

Vor allem Daniel Kopylow – sein Vater war auch Dolmetscher der DSJ-Abordnung – dürfte mit 6/9 und Platz 44 mehr als zufrieden sein, immerhin hatten mehr als 350 „Amateure“ das „Rennen“ um den Turniersieg in dieser Kategorie des Moscow-Open aufgenommen …

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