Beim zweiten Turnier der Frauen-Grand-Prix-Serie 2015/16 ist Natalja Pogonina nach vier Runden Spitzenreiterin – Ein Zwischenbericht von RAYMUND STOLZE

 

In Führung: Natalja Pogonina (Foto: Alina l'Ami)

In Führung: Natalja Pogonina

Ich gebe zu, dass die Bilder von Schach spielenden Frauen mit Kopftuch schon etwas gewöhnungsbedürftig sind. Und ehrlich gesagt hatte ich nicht erwartet, dass beim zweiten Turnier der Frauen-Grand-Prix-Serie 2015/16 in Teheran dieser Fall eintritt, zumal Irans als moderat geltender Präsident Ruhani im November 2014 die Machtbefugnisse der Sittenpolizei eingeschränkt hatte.

 

Neben Kopftuch, Tschador und Hedschab sollte es den Frauen im Iran nun auch erlaubt sein, das Haar offen zu tragen. Zuvor war es für Frauen in den 34 Jahren des Bestehens der Islamischen Republik verpflichtend, auf der Straße ein Kopftuch oder den traditionellen Tschador zu tragen. Dazu kamen lange Mäntel und Hosen in dunklen Farben.

 

Nun, sei es drum, ich denke, dass die elf Teilnehmerinnen auch aus Solidarität und Respekt gegenüber der einheimischen Spitzenspielerin Sarasadat Khademalsharieh die islamische Kleiderordnung akzeptieren. Und schön bunt sind die Kopftücher doch allemal, oder?!

 

Und noch eine Frage die mich bewegt: Sind Frauen eigentlich als Zuschauer zugelassen?

 

Zwei Tage vor Beginn der Veranstaltung meldet die deutsche Sportnachrichtenagentur sid, dass zum Auftakt der Beachvolleyball-Saison auf der iranischen Insel Kish Island Frauen als Zuschauer zugelassen sind – und das trotz eines weiter bestehenden landesweiten Verbotes. Dieses Versprechen haben die Organisatoren der Veranstaltung vom 15. bis 19. Februar dem Weltverband gegeben, weil eine solche Ausnahmegenehmigung Voraussetzung für die Durchführung des Turniers war. Erinnert sei daran, dass im Juni 2014 die Studentin Gocheh Ghavami verhaftet worden war, weil sie versucht hatte, sich ein Volleyballspiel anzuschauen. Der Weltverband FIVB hatte daraufhin Sanktionen gegen den Iran verhängt. Das Land durfte keine Wettbewerbe ausrichten, solange es Frauen nicht erlaubt ist, Volleyballspiele zu besuchen.

Teheran_2016__Players

 

Doch zurück zum Schach. Sportlich setzte in den ersten vier Runden eine Russin den Maßstab. Natalja Pogonina [*9. März 1985] hatte einen echten „Katapultstart“. Die inzwischen bald 31-Jährige gewann ihre beiden Auftaktpartien gegen Harika Dronovalli und Pia Cramling, danach folgte ein Remis mit Schwarz gegen die chinesische Weltranglistendritte Ju Wenjun [Stand 1. Februar], und am Sonntag vor dem ersten Ruhetag – den zweiten gibt es nach Runde 8 – setzte ihre schwarze Dame den weißen König von Nino Batsiaschwili im 33. Zug matt. Teheran2016, Rd4, Batsishvili - Pogonina (Foto: Alina l'Ami)Richtig – das ist doch die Nino, die beim Quatar Masters Open Ende vergangenen Jahres noch dem Weltmeister zum Auftakt ein Remis abgerungen hatte.

 

Aber Frauen gegen Frauen sind eben andere Duelle als beim „Kampf der Geschlechter“. Witzig an dieser Partie ist, dass beide gleiches Material hatten: Dame, zwei Turme und je fünf Bauern, aber der weiße König der Georgierin in der Mitte schutzlos umher irrte – und dann machte Nino den unverzeihlichen Fehler 31.Tc1?? – so schnell kann es halt gehen [http://www.chessbomb.com/arena/2016-wgp-iran/04-Batsiashvili_Nino-Pogonina_Natalija].

 

Auf dem Weg zur alten Stärke scheint Ninos Landsfrau Nana Dsagnidse einige Monate nach der Geburt ihrer Tochter zu sein. Jedenfalls ist sie es, die mit 3/4 Anschluss zur Spitzenreiterin hält. Beide treffen übrigens erst in der finalen elften Runde aufeinander.

 

Erstaunlich gut schlägt sich mit bislang vier Remisen auch die noch 18-jährige Iranerin Sarasadat Khademalsharieh [*10. März 1997]. Und ihre Gegnerinnen Nana Dsagnidse, Harika Dronavalli, Pia Cramling und zuletzt Ju Wenjun waren ja nun weiß Gott nicht von Pappe. Aber Sara, die in der Frauen-Bundesliga für den Hamburger SK spielt, ist immerhin 2014 Junioren-Vizeweltmeisterin hinter Russlands großer Hoffnung Alexandra Gorjatschkina geworden.

 

Was mir bei der Live-Übertragung unseres bulgarischen Kooperationspartners ChessBomb dabei besonders auffällt ist die Tatsache, dass es auch iranische User gibt, und ich gehe einmal davon aus, dass die wohl männlich sind, oder irre ich mich? Hier zur Probe einmal ein Auszug aus den Kommentaren zu Saras Partie gegen die Chinesin Ju Wenjun – allerdings ist das Schriftbild gewöhnungsbedürftig und ich gebe zu, absolut nichts zu verstehen!

 

 


okay: Power vs experience

Nabonid: مژده مژده سایت مسابقه شطرنج آنلاین با جایزه ایرج روزدار آغاز به کار کرد برای اطلاع بیشتر به وبلاگ ایشان به نشانی زیر مراجعه کنید www.chessnice.blogfa.com

Nabonid: این همه سیاهی لشکر در فدراسیون! نمی تونید یک بازی تفسیر کنید؟

okay: If 13. …Nxd3: Pair of bishops and strong free pawn: Good chances for Ju!

Nabonid: Thank you so much

okay: What did I do for you?

alexmagnus: why is it there are so many strong players in Iran recently? I mean, hey, till 1988 chess was banned in Iran, so there is hardly any state support

Nabonid: Individual efforts

ahmadmz: Sara, good luck

ahmadmz: گیجش کرد افرین سارا

Nabonid: ای بهتر برد که حداثر فعالیت رو داشته باشه.عزیزم تو این سطح کسی گیج نمیشه. وزیر را به خانه

ahmadmz: منظورم گیج شدن کودکانه نبود تاکتیکشو بهم ز


 

 

Damit Sie sich zumindest etwas zurecht finden, hier der Link zur Partie, die nach 34 Zügen friedlich endete – beide hatten jeweils Dame + Turm und vier Bauern [http://www.chessbomb.com/arena/2016-wgp-iran/04-Khademalsharieh_Sarasadat-Ju_Wenjun].

 

Teheran 2016, Rd4, Pia Cramling (Foto: Alina l´Ami)Jedenfalls bin ich gespannt, wie sich Sara weiterhin schlagen wird. Und das war ich auch auf das Abschneiden von Pia Cramling [*23. April 1963]. Die große alte Dame des Frauenschachs gehört immerhin seit Mitte der 1980er-Jahre zur absoluten Weltklasse, aber seit dem Tradewise Gibraltar Open erlebt sie einen echten Absturz. Wurde die 52-Jährige per 1. Februar auf Rang 10 der Weltrangliste mit einer Elozahl von 2521 geführt, so hat sie inzwischen in Live-Rating [Stand 14. Februar] sage und schreibe 37,5 Punkte verloren und ist mit Elo 2483,5 auf Rang 21 durchgereicht worden. Ob Pia diesen freien Fall bremsen kann?

 

Nochmals zur russischen Spitzenreiterin Natalja  Pogonina. Die erlebt geradezu eine „Auferstehung“ von Platz 34 [Elo 2454] – damit lag sie hinter unserer Elisabeth Pähtz [26/2472] – auf „virtuell“ Platz 17 [Live-Rating 2490,4]. Und das muss für Natalja in Teheran noch längst nicht das Ende der Fahnenstange sein. Immerhin war ihre beste Elozahl 2508 im Juli 2014. Sportlich gesehen war für die zweifache Team-Olympiasiegerin [2012 und 2014] sicherlich das Finale der K.o.-Frauen-Weltmeisterschaft in Sotschi im Frühjahr 2015 der größte Erfolg. Die 1,5:2,5-Niederlage gegen Maria Musitschuk, die sich in diesem Tagen sicher intensiv auf das WM-Match mit Exweltmeisterin Hou Yifan in Lwiw [1. bis 19. März] vorbereitet, war jedenfalls knapp …

 

Wenn Sie alle bisherigen Partien nachspielen, beziehungsweise am Dienstag bei der Live-Berichterstattung aus Teheran dabei sein wollen, so können Sie das tun unter http://www.chessbomb.com/arena/2016-wgp-iran.

 

Und natürlich empfehle ich Ihnen auch die Seiten zur Veranstaltung http://tehran2016.fide.com/en/main-page. Auch hier sind in jeder Runde alle sechs Partien live zu verfolgen. Dazu finden Sie die Ansetzungen und die Tabelle sowie eine täglich erweiterte Foto-Galerie. Es lohnt nicht nur wegen der Kopftuchbilder-Portraits von allen zwölf Teilnehmerinnen einfach einmal vorbei zu schauen!

 

Bildnachweis:

  • Alle Bilder: FIDE Press Officer, Alina l’Ami, http://tehran2016.fide.com/en/players/132-photo-gallery

Eine Antwort auf Sind Frauen in Teheran als Zuschauer zugelassen?

  • D. Metzeltin sagt:

    Beim Doha-Turnier im Dez. 2015 spielte Derakhshani Dorsa einmal (oder öfter?) ohne Kopftuch. Da sah man ihr wunderschönes Haar!
    Danach ist sie irgendwie von der Schachbühne verschwunden. Weder bei der iranischen Damenmeisterschaft noch sonstwo aufgetaucht.
    Wissen Sie mehr?

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