Der Zocker/Glückspilz Nakamura ist gleicher als der Schachspieler Anand

 

Ja, das ist starker Tobak. Einem Leser, der alles weiss bis auf seinen eigenen Klarnamen (bzw. diesen im Internet nicht mitteilt), wiAnand-Nakamura (opening blitz)rd es sicher nicht gefallen. Und auch andere Nakamura-Fans werden „Nakamura hurra!“ rufen und Anand womöglich allenfalls nebenbei erwähnen. Aber ich sehe das anders und gebe jedenfalls beiden das Titelfoto – alle Fotos von David Llada, via Turnierseite bzw. Facebook. Der Untertitel „entstand“ im Turnierverlauf, nach und nach sollten zumindest unvoreingenommene Leser meine Einschätzung verstehen (wenn auch nicht unbedingt teilen). Vorab nur kurz zusammengefasst: Nakamura spielte zwar erfolgreiches aber relativ durchwachsenes Schach, Anand hat mich mehr überzeugt. Etwas gegnerische Hilfe gehört zumal im Schnell- und Blitzschach dazu, aber bei Nakamura war es bei gleich drei von vier Siegen offensichtlich, ausserdem überlebte er noch diverse Verluststellungen.
 

Wie dem auch sei, das ist der Endstand: Nakamura und Anand 10.5/15, Kramnik 9.5, Giri und Aronian 5.5, Shirov 3.5. Für 10 Partien gab es maximal 15 Punkte, da Schnellschach bzw. „neuklassisch“ doppelt zählte. Warum Nakamura gegenüber Anand den besseren Tiebreak hatte war kurios, was danach passierte war (vor allem wenn man Zürich 2015 mit einbezieht) auch kurios.

 

Das Titelbild stammt vom Blitzturnier vorab, in dem nur die Startnummern ermittelt wurden. Diese Partie gewann Anand, was Nakamura verkraften konnte; im eigentlichen Turnier spielten sie gegeneinander zweimal remis – jeweils aus Anands Sicht ein Plusremis. Zum Blitzturnier vorab nur soviel: Nakamura begann mit 3/3, jeweils stand er bereits aus der Eröffnung heraus klar besser (da hat der Gegner natürlich mitgeholfen, aber diese Siege waren noch recht souverän). Dann hat er mit beeinflusst, wer im Schnellschach ebenfalls dreimal Weiss haben würde: Die vierte Gewinnstellung gegen Shirov vergeigte er (remis), dann – das Blitzturnier hatte er bereits gewonnen – entkorkte er gegen Anand Aljechin und erlitt Schiffbruch. Unter anderem deswegen lautete der Endstand Nakamura 3.5/5, Anand und Shirov 3, Kramnik 2.5, Aronian 2, Giri 1. Um etwas vorweg zu nehmen: Dreimal Weiss im Schnellschach hat dann allenfalls Anand ein bisschen geholfen, Nakamura gewann zweimal mit Schwarz und remisierte dreimal mit Weiss, Shirov verlor zweimal mit Weiss und remisierte den Rest.

 

Das sonstige Rahmenprogramm nenne ich kurz und knapp, zum Teil dann nochmals siehe Bildergalerie ganz unten. Gelfand gewann eine Schaupartie gegen Sponsor Oleg Skvortsov, wobei Skvortsov viel besser spielte als z.B. Bill Gates gegen Magnus Carlsen – er hat ja dem Vernehmen nach stark gehobenes Amateurniveau, Elo ca. 2300. Unter- oder Hauptteil der Eröffnungsfeier war klassische Musik, offenbar auf hohem Niveau (Video hier eingebettet, ich habe es mir noch nicht angesehen bzw. angehört). Und Gelfand gewann auch den nächsten Schaukampf, 1,5-0,5 gegen Morozevich. Noch eine Vorschau zur Bildergalerie: diverse andere bekannte, dabei schachlich mittlerweile wenig bis nicht mehr aktive Namen waren auch vor Ort in Zürich.

 

Und nun wird es neuklassisch, langsame Schnellpartien (Bedenkzeit 40 Minuten plus zehn Sekunden Inkrement):

 

Runde 1: Anand-Aronian 1-0! Das Ergebnis an sich verdient nicht unbedingt ein Ausrufezeichen – Aronian war mal Anands Angstgegner, aber die letzten Jahre nicht mehr unbedingt. Aber wie es zustande kam, schon nach 19 Zügen war Feierabend, einen Zug vor dem Matt für den armen schwarzen König. Anand spielte nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 (soweit, so berlinerisch) 4.Sc3!? und erwischte Aronian auf dem völlig falschen Fuss. Da hat er vielleicht vom Weissvorteil profitiert, wobei er Aronian auch schon einmal in 23 Zügen mit Schwarz besiegte. Damals war es Eröffnungsvorbereitung, diesmal hat er – so vermute ich – erfolgreich improvisiert. Shirov-Kramnik war ein Berliner Endspiel, „also remis“ (allerdings nicht immer, wie Shirov später erfuhr). Nakamura-Giri war Najdorf-Sizilianisch wobei Schwarz zwischenzeitlich besser stand – wieviel besser ist mir nicht ganz klar – und dann wurde es remis.

 

Runde 2: Giri-Anand 0-1, ein Kontersieg bei dem Weiss ab einem gewissen Zeitpunkt schlecht spielte, und Schwarz gut. Shirov-Nakamura 0-1: Schwarz stand aus der Eröffnung heraus besser – Eröffnungen waren nie unbedingt Shirovs Stärke, und die letzten Jahre hat er sein Repertoire wohl etwas vernachlässigt. Dann konnte Weiss ausgleichen, dann brachte er ein ziemlich sinnloses Qualitätsopfer und gab zwei Züge später auf. Wenn das keine gegnerische Hilfe für den Sieger ist, was ist dann gegnerische Hilfe? Kramnik-Aronian 1/2 war ein gehaltvolles Remis: Weiss hatte wohl immer genug Kompensation für die geopferte Qualität (nicht alle Qualitätsopfer sind schlicht und ergreifend schlecht), aber nie mehr.

 

Runde 3: Alles remis. Nakamura versuchte, ein Remisendspiel gegen Kramnik zu verlieren, der Gegner hatte was dagegen – Absicht will ich keinem der beiden unterstellen, aber auch das war keine Glanzleistung des Amerikaners. Anand-Shirov war eine Kampfpartie, diesmal war Shirovs Qualitätsopfer im 13. Zug korrekt oder zumindest spielbar – später das einzige Mal im Turnier, dass Anand zwischendurch schlecht bis verloren stand. Aronian-Giri war ein gepflegteres, aber auch gehaltvolles Remis.

 

Runde 4: Das Spitzenduell Nakamura-Anand endete remis, wie gesagt ein Plusremis für den Schwarzspieler – Grünfeld-Indisch mit vertauschten Farben hat(te) einen schlechten oder riskanten Ruf, aber nur für Schwarz war eventuell mehr drin als remis. Shirov-Aronian 0-1 war der Beweis, dass das Berliner Endspiel nicht immer remis endet. Kramnik-Giri 1-0: Kramnik spielte eine scheinbar harmlose Eröffnung (obwohl er im Gegensatz zu Giri und anderen keine Kandidatenturnier-Vorbereitung verbergen muss), Giri schwächte unnötig seinen Königsflügel, Kramnik konnte das ausnutzen. Für Giri vergleichbar mit Runde 2: er spielte ab einem gewissen Zeitpunkt schlecht (diesmal mit Schwarz), der Gegner gut. War das nebenbei der Beweis, dass Skvortsovs Bedenkzeit doch klassisch ist und nicht etwa Schnellschach? Kramniks Bilanz zuvor gegen Giri: mit klassischer Bedenkzeit +7=4, im Schnell- und Blitzschach =3-3 (chessgames.com nennt diese Partie trotzdem in der Rubrik rapid/exhibition games).

 

Runde 5: Anand-Kramnik und Giri-Shirov: remis ohne allzu grosse Aufregungen. Was machte Nakamura, bzw. was machte Aronian? Aufs Brett kam eine Variante im halbslawischen Damengambit, bei der tendenziell nur die Frage ist, ob Weiss den Dosenöffner findet (1-0) oder nicht (1/2). Aronian verletzte sich beim Öffnen der Dose: 21.b5? kostete einen Bauern, ab hier hatte Nakamura Oberwasser und gewann später.

 

Das wars im langsamen Schnellschach, Stand danach Anand und Nakamura 7/10 (auch nach Tiebreak gleichauf), Kramnik 6, Aronian 4, Shirov und Giri 3.

 

Dann noch einmal Blitz, diesmal zählte es für das Endergebnis. Es war bereits klar, dass nur zwei bis drei Spieler noch um den Turniersieg spielen konnten. Für Aronian und Giri war es bereits kein gutes Turnier, Shirov zeigte, dass er zumindest phasenweise mit der aktuellen Weltelite mithalten konnte.

 

Runde 6: Drei Sieger und drei Verlierer: Kramnik überspielte Shirov, dessen Kräfte – wie sich zeigen sollte – nachliessen mit Weiss. Anand überspielte Aronian mit Schwarz – wieder gab Aronian einen Zug vor dem Matt auf, diesmal nach 35 Zügen. Giri-Nakamura: kurz zusammengefasst, 1-0 war das logische Ergebnis, in die Tabelle wurde dann 0-1 eingetragen. Nach 20 Zügen musste Nakamura eine Qualität spucken, „der Rest war Technik“ für Giri – aber er verlor etwas, dann völlig den Faden. Zum Schluss entschied, wie mitunter in Blitzpartien, eine Springergabel zugunsten von Schwarz.

 

Runde 7: Aronian-Kramnik 0-1: Kramnik stand vorübergehend schlecht bis verloren, dafür musste Aronian eine zumal im Blitz nicht naheliegende Variante finden. Er fand sie nicht, und nun hatte er genug Kompensation für die geopferte (oder eingestellte?) Qualität. Dauerschach wollte er dann nicht, stattdessen übernahm danach Schwarz das Kommando. Nakamura-Shirov 1/2: Nakamuras 1.b3 funktionierte nicht nach Wunsch, er landete in einer schlechten bis verlorenen Stellung. Aber dann half vielleicht Shirovs inzwischen schlechte Form, bzw. Nakamura ist vor allem im Blitz halt ein Trickser – wieder vor allem mit Springern, die er besser einsetzte als der Gegner. Anand-Giri 1/2 wieder aus der Rubrik „Weiss hat genug Kompensation für eine geopferte Qualität, aber nicht mehr.

 

Runde 8: Inzwischen war es ein Dreikampf um den Turniersieg, mit ab hier direkten Duellen zwischen Kramnik, Nakamura und Anand. Kramnik-Nakamura 1/2: zur Abwechslung (im Blitz) stand Nakamura nicht schlechter, sondern es war eher für ihn ein Plusremis. Shirov-Anand 0-1: „Fire on the Board“, das kann Shirov nach wie vor, auch aus ruhiger Eröffnung heraus. Er spielte scharf auf Angriff, Anand hielt dagegen, Shirov musste mit Motorschaden aufgeben. Giri-Aronian 1/2: Bezeichnend für die schlechte Form beider Spieler, dass Giri ein Turmendspiel mit Mehrbauer zum Verlust verdarb, und dass Aronian seine Tablebase-Gewinnstellung dann nicht gewann.

 

Runde 9: Giri-Kramnik war ein ziemlich korrektes Remis. Aronian-Shirov 1-0 war aus schwarzer Sicht eine Katastrophe. Anand-Nakamura 1/2 war, ja was eigentlich? Nakamura spielte den Berliner Spanier, Anand das ruhige 5.Te1 – also remis? An sich in der Turniersituation (Anand hatte einen halben Punkt Vorsprung) und angesichts seines schlechten Scores gegen Nakamura aus Anands Sicht OK. Es wurde dann auch Remis, aber erst nach Irrungen und Wirrungen. Plötzlich wollte Nakamura am Königsflügel angreifen, aber seine Figuren hatten sich da nur verirrt, Anand konterte und gewann Dame gegen Turm und Springer – also 1-0? Nein, Anand vergab erst weitgehend seinen Vorteil und forcierte dann Dauerschach, nun hatten beide doch das anfangs wohl erwünschte Remis. Eher kein Pech für Anand (er hat sich das selbst eingebrockt, bei einem Sieg hätte er das Turnier bereits gewonnen), aber zum xten Mal Glück für Nakamura.

 

Runde 10: Kramnik-Anand 1/2 – Kramniks vorsichtige Gewinnversuche brachten nichts ein, stattdessen stand Anand besser – aber vielleicht nur symbolisch. Die Züge wurden wiederholt, remis. Nakamura-Aronian 1-0 tief im Doppelturmendspiel. Ein einigermassen souveräner Sieg für Nakamura, wurde ja auch Zeit. Und aus Aronians Sicht eine wohl vermeidbare Niederlage. Dann war da noch Shirov-Giri 0-1 – das Duell zweier Kellerkinder entschied oben über Gold und Silber. Es war ein wilder, lange dynamisch ausgeglichener Sizilianer. Und dann mit beiderseits noch etwa einer Minute auf der Uhr 29.-Dxa2+? (29.-Db2+ mit Dauerschach) 30.Kc3? (30.Ke3, Weiss gewinnt) 30.-Db2+ 31.Kb4 Dd2+ nebst matt.

 

Der Endstand im Blitzturnier damit: Nakamura, Anand, Kramnik 3.5/5, Giri 2.5, Aronian 1.5, Shirov 0.5. Zusammengezählt hatte ich oben bereits, wer war Turniersieger? Anand und Nakamura hatten je zweimal gegen Aronian gewonnen, sowie je einmal gegen Giri und Shirov. Nakamura machte es richtig: Sieg im Schnellschach gegen Shirov (da punktgleich mit Giri) sowie im Blitz gegen Giri (da vor Shirov) – wie/warum er diese Partien gewann ist dabei egal. Anand machte es umgekehrt und das war falsch – besserer Tiebreak für Nakamura. Letztes Jahr hatte Anand gegenüber Nakamura den besseren Tiebreak, damals gab es dann (obwohl im Regelwerk nicht vorgesehen) Armaggedon. Diesmal stattdessen ein Siegerinterview mit Nakamura, und als dieses bereits beendet war tauchte Skvortsov auf und fragte Nakamura, ob er gegen Anand armaggedonisieren will – bei Nakamura also „wenn Du willst“, letztes Jahr zu Anand „Du musst!“, das verstehe wer will. Nakamura war allerdings einverstanden, aber Anand wollte (hinter den Kulissen) nicht. Zuvor sagte Nakamura im Siegerinterview, dass Anand den Turniersieg verdient hatte. Dafür wurde er gelobt („was bist Du ein fairer Sportsmann!!!“), aus meiner Sicht war es schlicht und ergreifend die offensichtliche Wahrheit – nicht immer teile ich Nakamuras Meinungen, diesmal absolut. Wenn man sich die Berichte auf der Turnierseite durchliest, sind sie zugunsten von Nakamura schwer voreingenommen – ich will das nicht im Detail erläutern/aufbröseln (z.B. wird beim Blitzturnier nur die letzte Runde erwähnt …), kann auch nicht beurteilen ob das so von Autor Marc Lang stammt oder ob er Instruktionen bekam.

 

Hat sich die neue Zeitkontrolle bewährt? Aus Sicht der Veranstalter ja, ja, jajaja – unter einem Foto von Oleg Skvortsov steht „His concept to make chess more exciting has appearantly worked out excellently“. Ich habe da gemischte Gefühle – es war ein Experiment, mit berücksichtigen sollte man, dass die Spieler damit zuvor noch gar keine Erfahrungen hatten. Die Qualität der Partien war teilweise, aber nur teilweise mässig. Generell wiederhole ich mich: die Mischung macht es. Ich wollte nicht, dass überall nur noch (langsames) Schnellschach gespielt wird bzw. Blitz, aber in einigen Turnieren ist es für mich in Ordnung. Auch ACP-Präsident Emil Sutovsky (Kollege Franz Jittenmeier erwähnte die Facebook-Diskussion) ist wohl nicht prinzipiell gegen Schnellschach; schliesslich hat die ACP mehrfach Schnellturniere ausgerichtet. Allerdings will er wohl, im Gegensatz zu Skvortsov, klassische Bedenkzeiten nicht komplett abschaffen, da teile ich seine Meinung (sonst nicht unbedingt immer). Generell bin ich skeptisch, wenn Veranstalter sagen „alle anderen sollten es so machen, wie wir es (vor)machen“. Das gilt für Skvortsov, das gilt z.B. auch für die Chess Tour – dieses Jahr auch z.T. Schnell- und Blitzschach, aber wohl eher als Notlösung. 

 

Was bedeutet Zürich für das Kandidatenturnier? Ich bin geneigt zu sagen, nichts – und sei es nur, weil Anand 2014 in Zürich schlecht spielte, und Aronian in Zürich gut und zuvor in Wijk aan Zee hervorragend, beim Kandidatenturnier war es dann umgekehrt. Nach dieser Logik sind nun Aronian und Giri die Favoriten im Kandidatenturnier!!!??? Das Kandidatenturnier hat womöglich Zürich beeinflusst (da die Kandidaten Eröffnungsvorbereitung versteckten), das ist eher Einbahnstrasse als Wechselwirkung. Nebenbei: die Paarungen des Kandidatenturniers stehen bereits fest und wurden u.a. von Chessbase erwähnt.

 

Zum Schluss noch die versprochene Bildergalerie:

 

 

Wer ein Siegerfoto des strahlenden Nakamura vermisst: das gibt es auf der Turnierseite und sicher bald (oder schon jetzt) anderswo im Internet. Auf dem Foto der signierenden Judit Polgar auch Christian Issler von der Zürcher Schachgesellschaft, Skvortsov und rechts wohl Dirk Jan ten Geuzendam von New in Chess. Und wo war der gerade dreijährige Vadim Kramnik (*29.1.2013)? Vielleicht in der Obhut der Grosseltern – die siebenjährige Daria hat Papa schon mehrfach zu Turnieren begleitet.

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