Nana Dsagnidse geht beim zweiten Turnier der FIDE-Grand-Prix-Serie 2015/16 nach acht von elf Runden allein in Führung – Ein zweiter Zwischenbericht von RAYMUND STOLZE

 

Teheran 2016, Rd.6: Nina Dzagnidze mit Kopftuch auf "halb acht" (Foto: Alina l'Ami)

Nana Dsagnidse mit Kopftuch auf „halb acht“ alleine in Führung

 

Die Kopftuchproblematik, die ich in meinem Zwischenbericht nach Runde 4 vom zweiten Turnier der FIDE-Grand-Prix-Serie in Teheran thematisierte, hat mir einen ersten Kommentar eingebracht.

 

D. Metzeltin meldete sich am 15. Februar 2016 um 21:01 zu Wort:

  • Beim Doha-Turnier im Dez. 2015 spielte Derakhshani Dorsa einmal [oder öfter?] ohne Kopftuch. Da sah man ihr wunderschönes Haar! Danach ist sie irgendwie von der Schachbühne verschwunden. Weder bei der iranischen Damenmeisterschaft noch sonstwo aufgetaucht. Wissen Sie mehr?

 

Nun, ich habe mich mit dem Teamchef des Hamburger SK auf „kurzem Weg“ verständigt, und Andreas Albers, zu dessen Stammaufgebot die beiden iranischen Spitzenspielerinnen Sarasadat Khademalsharieh [Elo 2403] und Aotusa Pourkashiyan [2348] gehören, hat mir versprochen, mal nachzufragen bei seinem Duo.

 

Allerdings kommt bereits eine beruhigende Meldung von ihm, denn die 17-jährige Dorsa Derakhshani [*15. April 1998], die mit Elo 2335 die Nummer 3 bei den Frauen im Iran ist, hat nach dem Quatar Open am 18. Basler Schachfestival [Hilton-Cup 1.-5. Januar 2016] teilgenommen. Hinzu kommen noch zwei Partien in der Schweizer Mannschaftsmeisterschaft. Die Ergebnisse sind in die aktuelle FIDE-Ratingauswertung eingegangen. Dass Dorsa mal eben in die Schweiz gereist ist, lässt vermuten, dass sie anscheinend Verwandte dort hat. Es ist also alles in Ordnung, und ich kann mich nun direkt nach Teheran beamen und in die Runde 5 bis 8 „einklinken“.

 


Runde 5, 16. Februar 2016

Teheran 2016, Rd. 5: Harika Dronavalli (Foto: Alina l'Ami)

Harika Dronavalli

 

Irans Nummer 1 hat heute ihren großen Tag, denn sie trifft auf die alleinige Spitzenreiterin Natalja Pogonina. Und Sara zeigt sich bestens vorbereitet mit Schwarz, wie der Partieverlauf beweist. Folgerichtig ist nach 31 Zügen Feierabend und es gibt ein Remis.

 

Richtig zur Sache geht es in der Begegnung zwischen Harika Dronavalli und Exweltmeisterin Antoaneta Stefanowa, die mit ihrem Aufbau 1. … g6 gegen den Doppelschritt des Königsbauern mal wieder unter die „Schiffbrüchigen“ geht und ihre erste Niederlage nach nur 28. Zügen quittieren muss. Für die Inderin ist es dagegen der erste Sieg. Ob die Bulgarin noch einmal 1. … g6 „anfassen“ wird?

 

Alle übrigen Partien Schukowa–Batsiaschwili, Dsagadnidse–Zhao Xue, Cramling–Koneru und Ju Wenjun–Gunina enden unentschieden. Walentina wird sich hinterher ärgern, denn nach dem Bauernraub 35… Dxa7 hatte sie gegen die Chinesin mit 35. …Tb4 eine echte Chance verpasst, und spielte stattdessen 35… Txa4. Auch die Damen hängen eben am Material …

 

Tabellenspitze: 1. Pogonina 4,0, 2. Dsagnidse 3,5, 3.-5. Koneru, Zhao Xue, Ju Wenjun, alle 3,0.

 

 


 

Runde 6, 17. Februar 2016

 

Teheran 2016, Rd.6: Ju Wenjun (Foto: Alina l'Ami)

Ju Wenjun

Ich habe diesen Aussetzer von Humpy Koneru fast erwartet. Und nun kommt er in der Spitzenpaarung dieses sechsten Durchgangs gegen Ju Wenjun, die einen Nimzo-Inder wählt. Nach nur 26 Zügen ist alles in dieser wild romantischen Partie vorbei, die von der Chinesin mit dem Springeropfer 10…. Sxe5! eingeleitet wird: 0:1! Das schnelle Remis zwischen Stefanowa und Cramling nützt beiden nichts und lässt sich höchstens so deuten, dass beide das Turnier möglichst ohne weitere Schäden hinter sich bringen möchten. Die „eiserne“ Pia ist inzwischen im Live-Rating nicht einmal mehr unter den TOP 20, hat 12 [!] Plätze und 36,8 Elopunkte verloren …

 

Natalja Pogonina hat nach 27 Zügen gegen ihre Landsfrau Walentina Gunina zwei Bauern mehr. Das sieht nach einem weiteren Sieg aus – und es wird keiner, denn die Spitzenreiterin greift als Schwarze mit 26… Dxe5? anstelle von 26… b5 fehl. Doch anstatt sich jetzt mit einem Dauerschach zufrieden zu geben, will die zweifache Europameisterin mehr – und prompt kommt der Fehler 43.Se3?? [43.Kh4 ist der richtige Zug] – und ihre Gegnerin ebenfalls [43…Tg7?, während 43… Tf8 gewinnt!] So endet diese wahrhaft emotionale Komödie der „Irrungen und Wirrungen“ dann doch remis.

 

Auch die zweite Chinesin Zhao Xue gewinnt heute gegen Harika Dronavalli. Der „kleine“ Länderkampf endet so mit einer 0:2-Niederlage der Inderinnen. Ihre bisherig starke Leistung bestätigt Sarasadat Khademalsharieh. Die iranische Nummer 1 bezwingt nach fünf Remisen die Georgierin Nino Batsiaschwili. Das ist fraglos ein Freudentag für das Frauenschach im Gastgeberland. Ein interessantes Endspiel ist in der Begegnung Schukowa–Dsagnidse zu verfolgen. Schwarz hat drei Figuren gegen die weiße Dame – bei den Bauern steht es 5:4 für die Ukrainerin. Doch die noch amtierende Europameisterin – sie muss ihren Titel in Mamaia/Rumänien [28. Mai bis 8. Juni] verteidigen – geht im koordinierten schwarzen Figurenwirbel unter. Mit diesem Sieg – damit gibt es vier entschiedene Partien – schließt Nana nun zu Natalja auf und wir haben ein Spitzenduo.

 

Tabellenspitze: 1.-2. Dsagnidse, Pogonina beide 4,5, 3.-4. Ju Wenjun, Zhao Xue je 4,0, 5. Khademalsharieh 3,5.

 

 


 

Runde 7, 18. Februar 2016

 

Teheran 2016, Rd. 7: Sara Khademlasharieh (Foto: Alina l'Ami)

Sara Khademlasharieh

Noch ein P.S. zur gestrigen Begegnung Humpy Koneru–Ju Wenjun. Mein Kollege Johannes Fischer hat sie für ChessBase ausführlich kommentiert – und siehe da: Es ist alles schon einmal bis zum 23. Zug da gewesen. Also „Nichts Neues unter der Sonne …“. Nach ihrem ersten eigenen Zug 24. g4 steht die Inderin allerdings längst auf verlorenem Posten [http://de.chessbase.com/post/teheran-vier-siege-in-runde-sechs].

 

Und es geht heute wirklich blutig zu: Fünf Partien werden entschieden – nur Dronavalli–Schukowa endet friedlich. Das Siegerquintett kommt dabei komplett aus der Spitzengruppe:

 

Pogonina–Koneru, Ju Wenjun–Stefanowa, Dsagnidsde–Batsiaschwili, Khademlasharieh–Gunina alle 1:0 sowie Cramling–Zhao Xue 0:1. Humpy ist gegen Natalja endgültig von der Rolle und ihr Schicksal teilen wohl Antoaneta und Nino nach der Doppelnull. In einem Erfolgsrausch ist dagegen Lokalmatadorin Sara, die Walentina bezwingt. Die Russin ist für ihre Vorliebe für wilde und nicht selten inkorrekte Verwicklungen bekannt, was sie auch in dieser Partie durchaus beweist. Einfach nachspielen!

 

Tabellenspitze: 1.-2. Dsagnidse, Pogonina beide 5,5, 3.-4. Ju Wenjun, Zhao Xue je 5,0, 5. Khademalsharieh 4,5.

 

 


 

Runde 8, 19. Februar 2016

 

Teheran 2016, Rd. 8: Walentina Gunina (Foto: Alina l'Ami)

Walentina Gunina: „Tal im Rock“

Frauenschach = Kampfschach – die „glorreichen Zwölf“ von Teheran beweisen das hinreichend. Von bisher 42 Partien wurden 21 entschieden [11 Weiß- und 10 Schwarzsiege], also genau 50 Prozent. Das sollen die Herren der Schöpfung erst einmal nachmachen! So kann es jedenfalls auch heute vor dem zweiten und letzten Ruhetag am Sonnabend weiter gehen …

 

Zunächst gibt es ein farbloses Remis zwischen den beiden Chinesinnen, doch dann schlägt Walentina Gunina gegen Nino Batsiaschwili zu. Mit einem allerdings auch offensichtlichen Springeropfer [ein User der Live-Übertragung bei ChessBomb war dennoch echt besorgt: Will she find 28…Sf4?] macht sie ihrem Spitznamen „Tal im Rock“ alle Ehre. Jedenfalls hätte ihre georgische Kontrahentin danach getrost sofort aufgeben können …

 

Und was macht das Spitzenreiter-Duo? Nana muss gegen Hakira eigentlich nur Geduld zeigen und auf Fehler der Inderin warten. Und die macht diese dann auch, obwohl sie in klar gewonnener Stellung bisweilen etwas wackelt. Schwerer ist dagegen die Aufgabe für Natalja mit Schwarz gegen Antoaneta, ein Sieg in dem Leichtfigurenendspiel mit jeweils Läufer + Springer sowie sieben Bauern nicht in Reichweite. Aber plötzlich flattert sie, und nach ihrem dicken Fehler 48… Kb8?? steht sie total auf Verlust. Aber im Frauenschach gibt es wundersame Rettungen – nicht selten hilft da die Gegnerin kräftig mit. Und so scheint es auch diesmal zu sein. Doch die Russin nutzt die Gunst der Stunde nicht – inzwischen sind nur noch je ein Springer und zwei Bauern auf dem Brett – und verübt einen „klassisches Selbstmord“. Wenn Sie es nicht glauben wollen, einfach nachspielen!

 

Weiterhin ungeschlagen – und sie scheint „Flügel zu haben“ – bleibt Sara, die nach zwei Siegen in Folge in einer lebhaften Partie auch der Weltranglistenweiten Humpy Koneru völlig verdient einen halben Punkt abknöpft. Die noch 18-jährige Iranerin spielt wirklich ein Superturnier und ist bisher ohne Niederlage bei plus 2!

 

Freude dürfte auch bei Pia aufkommen, denn die kommt gegen Natalja Schukowa zu ihrem ersten Sieg und stoppt so ihren freien Fall. Das sollte der Schwedin Mut geben, nach dem Ruhetag – sicherlich steht wieder ein Ausflug auf dem Programm – am Sonntag die alleinige Spitzenreiterin Nana Dsagnidse mit Weiß richtig zu fordern …

 

Zwischenstand nach 8 von 11 Runden: 1. Dsagnadse 6,5, 2.-4. Ju Wenjun, Pogonina, Zhao Xue je 5,5, 5. Khademalsharieh 5,0, 6.-7. Koneru, Gunina beide 3,5, 8.-10. Stefanowa, Dronavalli, Schukowa alle 3,0, 11. Cramling 2,5, 12. Batsiaschwili 1,5.

 

 


 

P.S.: Schließlich müssen wir auf die hervorragende Bildergalerie auf der Turnierhomepage http://tehran2016.fide.com/ hinweisen. Die Fotos von Alina l’Ami sind sehenswert: Teils witzig, teils verträumt, manchmal melancholisch, sehr gute Portraits. Man muss zugegeben, dass die „Sportkleidung“ in Form der Kopftücher fotografisch sehr ergiebig ist.

 

Bildnachweis:

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