Eine 18-jährige Iranerin begeistert in Teheran – das zweite Turnier die Frauen-Grand-Prix-Serie 2015/16 gewinnt die Chinesin Ju Wenjun – Von RAYMUND STOLZE

 

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Platz 1: Ju Wenjun

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Platz 2: Sarasadat Khademalsharieh

Wird sich in Teheran an der Platzierung nach Runde acht beim zweiten Turnier der vierten Frauen- Grand-Prix-Serie noch etwas grundlegend ändern, vor allem in der Spitzen? Schließlich geht es ja nicht nur um ordentliche Preisgelder – pro Etappe stehen insgesamt 60.000 € bereit –, sondern der Gesamtsiegerin winkt das Recht zu einem Match gegen die Weltmeisterin.

 

Nun, wie die abschließenden drei Durchgänge nach dem zweiten Ruhetag zeigen, wurde erbittert gekämpft und die Nerven und Emotionen der zwölf Teilnehmerinnen – mit Humpy Koneru, Pia Cramling, Natalja Pogonina, Antoaneta Stefanowa, Nana Dsagnidse und Sarasadat Khademalsharieh waren sieben bereits beim Start zur Serie in Monte Carlo [3.-15. Oktober 2015] dabei – beeinflussten nicht selten den überraschenden Ausgang der Partien. Es war ganz sicherlich echtes Frauenschach – und vor allem bei den Live-Übertragungen niemals langweilig.

 

Zu den Überraschungen bei den vier entschiedenen Partien in Runde 9 gehörten die Niederlagen der bis dahin allein führenden Spitzenreiterin Nana Dsagnidse gegen Pia Cramling sowie von Exweltmeisterin Antoaneta Stefanowa gegen Sarasat Khademalsharieh [*10. März 1997]. Die Iranerin spielt Zuhause quasi wie entfesselt und schob sich mit 6/9 auf den geteilten 3.-4. Platz vor. Was für eine Steigerung, bedenkt man, dass die bald 19-Jährige in Monte Carlo gerade einmal auf 1,5/11 kam und klar abgeschlagen Schlusslicht war.

 

In Führung ging nach Wertung durch einen Schwarzsieg gegen die Russin Natalja Pogonina vorerst die Chinesin Zhao Xue, die mit Nana Dsagnidse gleichzog – jeweils 6,5/9.

 

Tags darauf fehlte nicht viel und Zhao Xue, die in Bad Königshofen im Frauen-Bundesliga-Team an Brett 2 hinter Walentina Gunina gemeldet ist, allerdings im Gegensatz zur Russin noch nicht eingesetzt wurde, hätte mit Weiß gegen Sara schon frühzeitig verloren. Hätte diese bloß das naheliegende Damenschach 22. … Dxe3+! [23.Kh1 Dg3 24.Kg1 Dxg4 25.hxg4 Lg3] gespielt anstatt sich auf den Damentausch 22… Dgx4? einzulassen. [http://www.chessbomb.com/arena/2016-wgp-iran/10-Zhao_Xue-Khademalsharieh_Sarasadat]. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie das in einer früheren Turnierphase durchaus gefunden hätte, aber nun baut sich plötzlich gewaltiger Druck für Junioren-Vizeweltmeisterin von 2014 [hinter dem größten russischen Talent Alexandra Gorjatschkina] auf. Mit solchen Situationen musste sie bisher nicht umgehen, also heißt es, Erfahrungen zu sammeln, die bisweilen auch schmerzhaft sein können …

 

Aber es gibt sie ja doch noch jene Wunder, und diese zweite Chance nach erneuten Fehlern der Chinesin lässt sich Sara diesmal nicht entgehen. Sieg im 71. Zug, und 7/10 – mal ehrlich, wer hätte zu erwarten gewagt???

 

Und es wird an der Spitze hoch dramatisch, denn Nana verliert erneut – diesmal vergewaltigt sie ein Endspiel Turm + ungleichfarbige Läufer bei 4:5 Bauern total gegen Ju Wenjun. Der Turniersieg aus eigener Kraft ist damit vor der finalen Runde futsch, während die chinesische Nummer 3 der Weltrangliste mit der jungen Iranerin in einem Fernduell um Platz 1 kämpft

 

Die Duelle heißen Ju Wenjun–Harika Dronavalli und Sarasadat Khademalsharieh–Natalja Schukowa. Beide haben Weiß. Die Zweitwertung – sie ist für die Verteilung des Preisgeldes wichtig, denn für Platz 1 gibt es 10.000 € und für Rang 2 werten 8.250 € ausgezahlt – spricht mit 32,5:34,0 knapp gegen Sara. Die hat zu diesem Zeitpunkt [22. Februar 2016, 16:38 Uhr] eine Leistungsexplosion vorzuweisen, die es wohl so kaum im Frauenschach bislang gegeben hat: von Rang 61 auf 35 in der Weltrangliste und ein Plus im Live-Rating von 52,8 Punkten auf eine respektable Elo von 2455,8. Aber es ist nur eine Momentaufnahme.

 

Wie geht man in die alles entscheidende letzte Partie? Immerhin ist Saras fast 20 Jahre ältere Gegnerin zweifache Europameisterin [2000 bei der Premiere in Batumi und 2015 in Tschakwi/Georgien] und gehört zu den Aktivposten in der ukrainische Nationalmannschaft. So gewann sie Gold bei der Schacholympiade 2006 in Turin und wurde 2013 sowohl Mannschafts-Welt- als auch Europameisterin. Aber egal, wie diese Partie für Sara laufen wird – sie ist in der Weltklasse bei den Frauen angekommen!

 

Der letzte Spieltag beginnt zwei Stunden früher, und so bin ich ab 9 Uhr unserer Zeit bei der Live-Übertragung unseres bulgarischen Kooperationspartner www.chessbomb dabei.

 

Zwei User haben sich zu Wort gemeldet – und einer verteilt vier Herzen an Sara:

 

  • arminkhan12345: sara ♥♥♥♥
  • waustad: Make it an 11 round GM norm!

 

Alle folgenden Kommentare sind auf arabisch – da muss ich passen!

 

Ich gebe gern zu, dass auch meine Sympathie der iranischen „Aufsteigerin“ gehört, und wenn Caissa mitspielt …

 

Um 10:40 Uhr allerdings sieht es doch eher nach einem Erfolg für Wen Jun aus, denn die Chinesin steht in einem Doppelturmendspiel plus ungleichfarbige Läufer gegen ihre indische Kontrahentin nicht nur optisch besser, während auf Saras Brett die Stellung nach 18 Zügen total ausgeglichen ist. Wie sich nun entscheiden – für den Spatz in der Hand, also 7,5/11, was sicherlich eine GM-Norm ist und in jedem Fall ein geteilter zweiter Platz, was viel Punkte für die Grand-Prix-Gesamtwertung bringt, oder aber für Taube auf dem Dach, was bedeutet, die Option „alles oder nichts“ zu wählen?

 

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Ju Wenjun (China) –Harika Dronavalli (Indien)

 

Kurz vor der Zeitkontrolle geht unserer „Heldin“ allerdings nach 36. …Txd5+ unnötig ein Bauer verloren, so ist jetzt besten Falls ein Remis drin – mehr nicht! Bei Ju Wenjun vs. Dronavalli sollte allerdings auch nichts mehr passieren – ein Gewinnweg für die Chinesin ist nicht in Sicht, also ist sie mit dem halben Punkt zufrieden.

 

Doch bei Sara kommt es dann, wie in solchen Situationen häufig üblich und im Frauenschach noch doch typisch. Nach 45… h4 46.Lxg4 [besser ist sich 46.Kf2] 46… hxg3 47.Lf3 Le6 unterläuft ihr mit 48.Lg2? anstelle von 48.Le4 ein dicker Fehler, den die erfahrene Schukowa zunächst gnadenlos bestraft, denn natürlich findet sie die beste Antwort 48. …Tc5.

 

Wer zu viel will, den bestraft das Leben” – ich wandle mal den berühmten Gorbatschow-Spruch aus den Oktobertagen 1989 ab, in denen die DDR in den Untergang taumelt …

 

Inzwischen haben Humpy Koneru und Natalja Pogonina mit Weißsiegen gegen Antoaneta Stefanowa und Nana Dsagnidse – das ist die dritte Null der Georgierin infolge! – ihren Arbeitstag und das Turnier halbwegs versöhnlich beendet. Die Inderin hat dank des sechsten Platzes in der Grand-Prix-Gesamtwertung mit 180 Punkten sogar die Führung übernommen.

 

Auch Zhao Xue dürfte mit dem anschließenden Unentschieden gegen Walentina Gunina nicht unzufrieden sein, denn ihre 7/11 ist ein respektables Ergebnis.

 

Zurück zur an dramatischen Momenten nichts zu überbietenden Begegnung von Sara. Bisweilen gibt es sie, diese wundersame „Auferstehung“. Und nach dem ungenauen Zug 55… f5? – beide plagt nun die Zeitnot – war Sara tatsächlich nahe am rettenden Ufer. allerdings musste sie mutig den h5-Bauern opfern [56.h5]. Stattdessen antwortet sie jedoch 56.Lb7??, und danach kommt eigentlich jede Hilfe für sie zu spät. Bis Natalja in Gewinnstellung mit 66… Lc2?? ihrerseits fehl greift – 66…. Kc7 gewinnt leicht!

 

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Sarasadat Khademalsharieh (Iran)–Natalja Schukowa (Ukraine)

 

Aber wie ist es mit der Gunst der Stunde? Es folgt 67.h5 Lb3 68.Txa3 Ld5+ 69.Lxd5 Txa3 70.Lf3 Kc5, und nun muss doch einfach 71.Kxg3 folgen, und Weiß hätte den halben Punkt sicher, weil alles auf ein Endspiel ohne Bauern mit Läufer [Weiß] und Turm [Schwarz] hinausläuft. Aber Sara sieht diesen Rettungsring einfach nicht auf „hoher See“, sondern spielt 71.h6?? [71.Lxg3 Kd4 72.h6 Ta6 73.Kh4 Txh6 74.Kg5 hätte den halben Punkt festhalten können!], und danach lässt sich ihre Gegnerin den Sieg nicht mehr nehmen … [http://www.chessbomb.com/arena/2016-wgp-iran/11-Khademalsharieh_Sarasadat-Zhukova_Natalia].

 

Aber, dann dürfte bei der sympathischen Iranerin doch Freude aufgekommen sein, die nur diese eine Partie verloren hat. Im Endklassement wird sie nach Wertung [35,75:35,00] knapp Zweite vor der zweiten Chinesin Xao Xue, und das ist nun wirklich großartig und verdient Anerkennung! Ich denke einmal, dass ihr Hamburger Bundesliga-Coach Andreas Albers schon eine Glückwunsch-E-Mail auf den Weg gebracht hat …

 

Endstand nach 11 Runden: 1. Ju Wenjun 7,5; 2. Khademalsharieh, 3. Zhao Xu beide 7,0, 4. Pogonina, 5. Dsagnidse je 6,5;  6. Koneru 6,0; 7. Schukowa 5,5;  8. Dronavalli, 9. Gunina beide  4,5; 10. Cramling 4,0;  11. Stefanowa, 12. Batsiaschwili  je 3,5.

 

Alle Partien zum Nachspielen dieses kämpferisch keine Wünsche offen lassenden Wettbewerbs – es wurden 35 Begegnungen von insgesamt 66 entschieden [18 Weiß- und 17 Schwarzsiege] – finden Sie unter dem folgenden Link http://www.chessbomb.com/arena/2016-wgp-iran. Und ich sage Ihnen ehrlich: Es lohnt sich wirklich!

 

 

P.S.: Ach ja, ein Quintett mit Turniersiegerin Ju Wenjun, Antoaneta Stefanowa, Harika Dronavalli, Zhao Xue und Walentina Gunina wird von Teheran aus nach Huaian/China weiter reisen, um dort an den IMSA ELITE MIND GAMES [25. Februar bis 3. März] teilzunehmen. Wie heißt es so schön: Man sieht sich …

 

 

Bildnachweis:

 

 

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