Eine Betrachtung und Analyse von IM ILJA SCHNEIDER – Erschienen am 22.2.2016 auf dem Schachblog von Zeit-Online

 

Lange vor unserer Zeit zermarterten sich die Schachspieler ausschließlich über das Spiel auf dem Brett den Kopf. Sie organisierten Turniere und Wettkämpfe, um die Besten unter ihnen zu ermittelzeit_Onlinen, die fortan den Titel “Großmeister” tragen durften. Weltweit gab es von diesem edlen Menschengeschlecht nur einige wenige Dutzend Vertreter, die ersten fünf wurden vom russischen Zaren persönlich zum Großmeister ernannt. Objektive Kriterien zur Messung der Spielstärke gab es so gut wie keine.

 

Foto: by Saibo

Dann schuf der ungarisch-amerikanische Professor Arpad Elo ein Wertungssystem, das 1970 vom Weltschachbund Fide übernommen wurde und im Wesentlichen auf Gewinnwahrscheinlichkeiten beruht. Treffen zwei Spieler aufeinander, deren Spielstärken – Elo-Zahlen – sich um den Betrag x unterscheiden, ermittelt das System das mathematisch erwartete Ergebnis (zum Beispiel 0,89:0,11 in einem hypothetischen Match von Magnus Carlsen gegen mich). Danach wird das reale Ergebnis mit dem Erwartungswert verglichen und einige Elo-Punkte vom Verlierer auf den Sieger übertragen. Das System ist dynamisch, Auf- und Abstieg sind bei entsprechenden Leistungen rasch möglich. Titel werden nur noch im Zusammenhang mit der Elo-Zahl vergeben.

 

Die Erfindung schlug ein. Endlich erhielten die Schachspieler (bekanntlich alles Männer, nicht wenige davon ausgestattet mit Minderwertigkeitskomplexen unterschiedlichster Art) die Möglichkeit, ganz offen das zu tun, wovon sonst nur aus der Jungenumkleide kolportiert wird: nämlich ständig nachzumessen, wer das größte Smartphone hat oder sonst was. Unglaublich, wie viele Spieler auf die Frage nach ihren schachlichen Zielen die Antwort geben: “meine Elo verbessern”. Sie könnten ja auch beispielsweise sagen, dass sie endlich ihr Zeitnotproblem beheben, die Philidor-Stellung im Turmendspiel verinnerlichen oder ihr Najdorf-Repertoire auf Vordermann bringen wollen. Nichts kann dem Schachspieler so schmeicheln wie ein satter Elo-Zuwachs. Verlusten trauern sie nach wie einem amputierten Körperteil oder gar einem verlorenen Springer. Zwischen Elo und Ego ist nur ein Buchstabe Unterschied.

 

Die Elo-Zahlen werden mittlerweile jeden Monat neu berechnet, die Seite Live Chess Ratings tut dies für die Weltspitze sogar täglich. Objektive Aussagekraft haben die täglich stattfindenden Wechsel auf den Plätzen zwei bis zehn der Weltrangliste so gut wie keine, aber für die Vermarktung in der Öffentlichkeit, die von Schach sowieso nichts versteht, ist das eine gute Sache. Auf diese Weise wird Spannung vorgetäuscht. Schon etwas absurder wird es, wenn sogar Plätze für das Kandidatenturnier zum Teil nach Durchschnitts-Elo eines ganzen Jahres vergeben und dabei Spieler wie Topalow begünstigt werden, der sich Anfang des Jahres mit einem, allenfalls zwei guten Ergebnissen oben festgesetzt und dann mehr oder weniger mit dem Spielen aufgehört hat.

 

Mittlerweile wird das Elo-System nicht mehr nur im Schach verwendet. Im Tischtennis gibt es eine ähnliche Wertung, auch die Brettspiele Go und Scrabble haben es übernommen. Dass nun auch die Dating-App Tinder auf ein solches System setzt, um ihre Nutzer gemäß ihren Erfolgen (Zahl der Wischer nach rechts, Zahl der erfolgreich verlaufenen Chats, …) mit einem Ranking zu versehen und ihnen nur Bilder von ähnlich gerankten Menschen zu zeigen, war naheliegend. “Besonders osteuropäische Frauen wissen eine hohe Elo-Zahl als eine Art Muskelpaket zu schätzen”, sagt die Schachspielerin Elli Pähtz. Die Elo-Zahl, der 32-Ender des Schachspiels.

 

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von Zeit-Online

2 Kommentare zu Die Elo-Zahl, der 32-Ender des Schachspiels

  • Jörg Dorr sagt:

    Ratingzahlen sind Spiegelbilder bisherigen Erfolges und haben durchaus ihren praktischen Nutzen, vor allem in der Turnierorganisation (Auslosung CH-Turniere). Kein Spieler verbessert sein Rating durch bloßes Wunschdenken, es steckt viel Aufwand dahinter. Motivation ist ein klares pro-Argument. Ob die gewählte Methode letztlich zur Person passt, läßt sich letztlich am Ratingfortschritt oder sogar -rückschritt messen. Meiner Erfahrung nach stellen die ersten beiden Zahlen eine Kategorie dar, in denen sich ein Spieler bewegt. Mit einer Toleranz von 100 Punkten, die die Form ausdrücken. Das soll heißen, dass ein Spieler, der sich zwischen 1650 und 1750 bewegt, definitiv ein Spieler der unteren Mittelklasse ist und sich, wenn er in die mittlere Mittelklasse will, sein Training und – ein nicht ganz unerheblicher Gedanke – seine Gegnerschaft verändern bzw. verbessern muss. Oder überhaupt erst mal mit Training beginnen muss ?! Während einer Partie gibt das Rating Aufschluss über das Risikomanagement: Spiele ich gegen ein deutlich „erfolgloseren“ Spieler, kann bzw. muss ich meine Chance selbst in schwierigeren Stellungen suchen, während ich gegen einen „gleicherfolgreichen“ oder „erfolgreicheren“ Spieler eher die sichere Variante wähle, selbst wenn die Stellung recht aussichtsreich ist. So ließe sich die Argumentation bis auf Buchformat fortsetzen. Doch wo Licht ist, ist halt auch Schatten. Spieler geben sich oft schon vor einer Partie auf, weil der Gegner übermächtig erscheint. In Mannschaftskämpfen meines Vereines ließen die Gegner dreimal(!) in Folge das erste Brett frei, weil unser Mann ein starkes Rating hat. Die menschliche Haltung gegenüber schwächeren Spielern steht nicht selten adäquat zum Rating, sogar in Vereinen. Oder der erwähnte „taktische“ Einsatz Topalows. Die Schattenseiten füllen schnell Band 2.

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