Alles hat seine Zeit – Persönliche Gedanken zu meinem Abschied vom Schach-Ticker – Von RAYMUND STOLZE

 

Denke lieber an das, was du hast, als an das, was dir fehlt!
Suche von den Dingen, die du hast, die besten aus und bedenke dann,
wie eifrig du nach ihnen gesucht haben würdest, wenn du sie nicht hättest.
Marc Aurel [121 – 180], römischer Kaiser und Philosoph

 

 

Ich liebe keine Nachrufe, denn sie stimmen mich doch irgendwie traurig. Und sie belasten sicher sogar jene, die sie schreiben müssen. Im konkreten Fall kenne ich mich jedenfalls am besten – was kein Nachteil für Sie sein muss, wenn ich Sie jetzt einlade, mir einen Moment Aufmerksamkeit zu schenken …

 

Raymund Stolze: Ich bin dann mal weg (Foto: Dr. Gabriele Stolze)

 

Also, alles hat wirklich seine Zeit, und so gesehen muss ich meinen Abschied vom Schach-Ticker nicht weiter begründen. Das hätte etwas von Rechtfertigung und würde vor allem mein Team nicht unbedingt motivieren.

 

Mein einstiger Kollege Henryk Goldberg in der Kulturredaktion der Ostberliner Tageszeitung Junge Welt hat nach seinem letzten Arbeitstag bei der Thüringer Allgemeinen, wo er mehr als zwei Jahrzehnte im wiedervereinten Deutschland als geachteter Theaterkritiker gearbeitet hat, in seinem persönlichen Nekrolog zu diesem Anlass geschrieben:

 

  • Er genoss das Glück und den Luxus, mit einer Tätigkeit, die er liebte, seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können; aber vermutlich hätte er unter anderen Umständen selbst bezahlt dafür, denn das war ihm nie nur ein Job.

 

Und diesen Gedanken übernehme ich gern, wohl wissend, dass ich das Privileg hatte, mit meiner Arbeit in den zurück liegenden 36 Monaten auf dieser Webseite nicht meinen Lebensunterhalt bestreiten zu müssen, und dabei schreiben durfte, was ich will, denn Franz Jittenmeier wusste ja, dass unser größter gemeinsamer Nenner die Liebe zum Schach war.

 

Doch sind wir ehrlich: Jeder von uns träumt manchmal auch davon, wie das Leben auch anders sein kann, was es also noch an Herausforderungen und Überraschungen ebenso wie Enttäuschungen bereit hält.

 

Ich jedenfalls freue mich jetzt auf ein Leben jenseits des Schachs. Und da gibt es für mich 70-Jährigen noch eine ganze Menge zu entdecken. Da ist beispielsweise die Rathaus Galerie Hoppegarten [www.rathaus-galerie-hoppegarten.de], die ich mit meiner Frau auch schon mehr als drei Jahre betreue, oder die Reihen „Einfach lesen!“ mit prominenten Buchautoren und „Einfach sehen!“ mit aufregenden Dokumentarfilmen. Und zumindest ein oder zwei Bücher will ich auch noch schreiben, wobei da das Thema Schach nicht gerade außen vor ist. So ist der neue Band von Helmut Pfleger ZEIT-SCHACHWUNDER, der bei der Edition Olms in diesem Frühjahr erscheinen wird, in der finalen Phase. Die 120 amüsanten Aufgaben aus den Jahren 2011-2015 habe ich bearbeitet und zusammengestellt, und es war wie immer eine kreative Zusammenarbeit mit dem Autor Helmut Pfleger und dem Producer Arno Nickel.

 

Es erinnerte mich an jenes Teamwork, was nicht zuletzt den Schach-Ticker zu jener Onlineplattform gemacht hat, für den Franz Jittenmeier und ich im November vergangenen Jahres mit dem Deutschen Schachpreis 2015 ausgezeichnet worden sind. Aber eigentlich gebührt er allen unseren Mitstreitern.

 

  • Wir haben in der Tat bei der Besucherresonanz eine Entwicklung genommen, die ich bei meinem ersten Beitrag am 5. August 2012 – es war jenes Interview mit Zoya Schleining unter der provokativen Schlagzeile „Ist es verfassungswidrig, nur wegen des Alters nicht in die Nationalmannschaft aufgenommen zu werden?“, das ihr den Weg in die deutsche Frauen-Auswahl ebnen sollte [nachzulesen unter http://www.chess-international.de/schleining12/] – niemals erwartet hätte.
  • Und vielleicht hängt das damit zusammen, dass ich beim Schach-Ticker sowohl sein inhaltliches Profil u.a. mit Schwerpunkt Frauenschach prägen durfte als mich auch immer um die gezielte Verstärkung der Autoren-Mannschaft bemüht habe, wobei ich in diesem Fall vor allem Thomas Richter und Julia Kirst nennen möchte – der eine ein erfahrener und profilierter Kollege, der auch für die Webseite www.schach-welt.de aktiv ist und eine Zeitlang für die DSB-Homepage geschrieben hat, die andere eine junge Frau aus Cottbus, die sich mit meiner Hilfe auf den Weg gemacht hat, ihren Platz in der Schachwelt zu finden – und wie ich mit Freude sehe, gerade mit ihrem Blog Julias Schachuniversum [http://juliasschachuniversum.chess-international.de/ einen erfolgreichen Schritt in diese Richtung gemacht hat.
  • Und ich möchte unbedingt noch Bruno Müller-Clostermann erwähnen, mit dem ich seit Juli vergangenen Jahres ein echtes Duo geworden bin mit fast täglichen Anrufen und dem gemeinsamen Anspruch, nicht nur inhaltlich interessante Beiträge zu liefern, sondern auch mit der unverzichtbaren professionellen Qualität.

 

Das alles wurde aber auch deshalb möglich, weil der Domänenbesitzer – so heißt das nun einmal – Franz Jittenmeier mir wirklich alle Freiheiten gelassen hat. Nie wurde einer meiner Beiträge verändert oder manipuliert. Und nie hat er mir direkt oder auf Umwegen, mehrfach gesagt, dass ich das so machen muss. Franz hat immer akzeptiert, dass ich das so machen will und ich es so und nicht anders meine! Was von mir veröffentlicht wurde, war das, was ich dachte! Und dies so zu können – ich habe auch andere Erfahrungen machen müssen – dafür bin ich ihm dankbar!

 

Doch alles hat einmal ein Ende! Und vielleicht ist es jetzt, wo unser Schach-Ticker in tollem Fahrwasser ist, der beste Zeitpunkt, ihn am 1. März zu verlassen, wobei ich mich sicherlich sporadisch ab und zu melden werde. Aber eben nicht mehr von der „Kapitänsbrücke“, um den Kurs zu bestimmen …

 

Damit ist zugleich das Versprechen verbunden, dass ich nicht bei einer anderen Webseite „anheuern“ werde, denn ich habe mein Wirken beim Schach-Ticker unterm Strich nicht bereut. Wir hatten eine gute Zeit, und so fällt es hoffentlich meinen geschätzten Mitstreitern leichter, dass ich dann mal weg bin. Schließlich liegt in einem solchen Abschied auch eine große Chance für uns alle – sowohl für die Schach-Ticker-Macher als auch seine Besucher und ganz sicher auch für mich selbst.

 

Ich bin dann mal weg …

 

 

____________

Bildnachweis: Dr. Gabriele Stolze

 

2 Antworten auf Ich bin dann mal weg …

  • Rätsch, Heinz sagt:

    Schade,Raymond!
    Meine erste Beschäftigung nach dem Frühstück ist das Studium des Schachtickers und ich habe mich immer gefreut, besonders deine Beiträge zu lesen. Du wirst eine Lücke hinterlassen. Dem Schachticker werde ich dennoch treu bleiben und mich an den Beiträgen aller von mir geschätzten Mitarbeiter erfreuen

  • Herbert Lange sagt:

    NACHRUF

    Lieber Raymund,

    mit größtem Bedauern habe ich zur Kenntnis genommen, dass Du Dich als bedeutender Redakteur des Schach Tickers in Rente begeben möchtest. Das ist mehr als schade. Schade u. a, deshalb, weil ich Dich mit Leo Tolstoi, bedeutender russischer Schriftsteller, auf eine Stufe stellen möchte. Ähnlich wie er hast Du realistisch das Schachgeschehen beleuchtet und die Empfindungen der handelnden Personen und den Wechsel der Gefühle mit unglaublicher Präzision bis ins kleinste Detail festgehalten. Mit Deinen Artikeln warst Du ständig auf der Suche nach dem Sinn des Daseins. Du wolltest den Usern dienen, um so Deinen Seelenfrieden zu finden.
    Ohne Dich sinkt das Niveau, ohne Dich fehlt Empathie, ohne Dich bleibt Leere. Du wirst uns fehlen!!
    In Dankbarkeit für viele schöne Momente
    Dein Verehrer
    Herbert

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