Eine Schach-Ticker Serie zum zehnten Todestag der sowjetischen Schachlegende am 5. Dezember 2016 – Von JULIA KIRST

 

DSC_0077.jpg Bronstein Portrait by Sammy RubinsteinIm Kalenderblatt [28] „Das Phänomen Bronstein …“  hatten wir angekündigt, dass unsere Autorin JULIA KIRST in diesem Jahre eine monatlich erscheinende Serie zum zehnten Todestag der Schachlegende veröffentlichen wird. Lesen Sie heute Folge 3!

 

David Bronstein wollte nach seinem Schulabschluss im Jahre 1941 Mathematik studieren. Im gleichen Jahr marschierten am 21. Juni die Truppen des Dritten Reiches in der Sowjetunion ein und Bronstein wurde in die Rote Armee eingezogen. Dabei hatte er Glück im Unglück: Bronstein fiel aufgrund seiner Sehschwäche durch die Musterung und musste deshalb nicht an der Front im „Großen Vaterländischen Krieg“ kämpfen. In Krankenhäusern spielte der Ukrainer mit verwundeten Soldaten Schach und half in Stalingrad [seit 1991 wieder Wolgograd] bei dem Wiederaufbau eines Stahlwerkes mit.

 

Seinem Hobby Mathematik konnte er sich später doch noch widmen: Bronstein stellte sich jederzeit als Sparringspartner für die „kybernetische Intelligenz“ zur Verfügung.

 


Die erste Partie gegen einen Rechner spielte er im Jahre 1963 gegen einen M-20 Computer im Mathematischen Institut in Moskau. Damals waren die Maschinen noch sehr schwach, demzufolge gewann Bronstein ohne Mühe. In den 80-er und 90-er Jahren entwickelten sich die Computer rasant weiter. Der technische Fortschritt gipfelte in dem Match Kasparow – Deep Blue [New York, 1997], das der damalige „menschliche“ Weltmeister verlor (u. a. übersah er ein Matt in einem Zug!]. Auch andere Großmeister hatten Probleme, wenn sie gegen Schachcomputer spielten.

 

Anders David Bronstein: Er sah das Spielen gegen die künstliche Intelligenz als Herausforderung an und war überzeugt, eine schlagkräftige Methode gegen die Kybernetik gefunden zu haben: die Nutzung ihrer Psychologie [David Bronstein/Tom Fürstenberg: The Sorcerer’s Apprentice, Seite 344].

 

Der unkonventionelle Ukrainer opferte nicht nur in Partien gegen Menschen, sondern auch in Partien gegen Computer gerne Material [einen Bauern oder die Qualität], das er nicht zum Angriff brauchte. Bronstein meinte, dass die Rechner solche Positionen nicht verstehen und den Materialvorteil überschätzen würden. Und wenn sie sich zu sicher fühlen, dann führen Computer genau wie Menschen falsche Züge aus. Darauf spekulierte er gerne.

 

Fidelity Elite Vers10 (Foto: Wikipedia)Seine spektakulärste Computerpartie spielte David Bronstein gegen Fidelity Elite 10. Sie zählt zu den unbekannteren Werken des kreativen Brettkünstlers. Ich entdeckte diese kommentierte Partie in Bronsteins Monographie The Sorcerer’s Apprentice [EVERYMAN 2009] und überprüfte sie mit der Schachengine Rybka 3.

 

Normalerweise sind Computer den Menschen bei der Berechnung von komplizierten Varianten überlegen. Bronstein traute sich dennoch, das hochtaktische Königsgambit als Weißer zu spielen. Sehen Sie, lieber Leser, wie der „listenreiche David“ [Garri Kasparow, Meine großen Vorkämpfer, Band 3, Seite 70, Edition Olms 2004] die Psychologie der Computerseele Fidelity Elite 10 ausnutzte!

 

 

David Bronstein – Fidelity Elite 10

AEGON-Turnier Mensch gegen Computer, Den Haag 1991

Angenommenes Königsgambit [C35]

 

1. e4 e5 2. f4 exf4 3. Sf3 Le7 4. Lc4 Sf6 5. Sc3 Sxe4 6. Se5 Sg5 Damals war das Theorie. Auch heute hat Schwarz laut Chess365 nach 6… Sg5 den besten Score.

 

7. d4 d6 8. Sd3 f3 9. Le3 Lg4 10. Kd2?! Weiß ist bereit die Qualität zu opfern. Der Zug ist nicht gut, bei richtigem Spiel des Nachziehenden steht Weiß unangenehm, dafür das Fragezeichen. Das Ausrufezeichen steht für die Originalität des Königszuges.

 

Bronstein_Folge_3_DIA_01

 

10… fxg2 11. Dxg4 gxh1D 12. Txh1 c6 13. Te1 h6 14. d5 Dd7 Hier merkte Bronstein Folgendes an: „Wenn ich 14… Dd7 gesehen hätte, dann hätte ich natürlich nicht 14. d5 gespielt.“ [David Bronstein/Tom Fürstenberg: The Sorcerer’s Apprentice, Seite 349].

 

Rybka 3 schlägt 14. h4 vor. Nach 14… Dd7 kann Weiß 15. Dg3 spielen. Im Unterschied zur Partie hängt der schwarze Springer und die Dame kann nicht nach f5.

 

15. Dg3 Df5 16. Sf4 Es geht um den Punkt d5.

 

16… cxd5 17. Lxd5 Ursprünglich hatte David Bronstein die Absicht, mit dem Springer auf d5 zurückzuschlagen. Allerdings käme dann das Schach auf e4 und der Nachziehende steht besser [David Bronstein/Tom Fürstenberg: The Sorcerer’s Apprentice, ebenda].

 

17… Sc6 18. Dg2 Tc8

 

Rybka 3 kritisiert diese Fortsetzung. Bronstein hätte hier den starken Zug 19. h4 spielen können. Die folgende Beispielvariante zeigt die taktischen Ressourcen in dieser Stellung: 19… Se6 20. Tf1 De5 [20… Sc7 21. Sd3 Dg6 22. Lxf7+] 21. Lxe6 fxe6 22. Sg6, und Schwarz verliert den Turm. Rybka plädiert aus diesem Grunde für 18… 0-0. Nach 19. h4 Se6 20. Tf1 De5 21. Lxe6 fxe6 22. Sg6 Dh5 23. Sxf8 Txf8 kann Schwarz den Springer schlagen und hat zwei Mehrbauern. Bronstein wählte eine andere Fortsetzung.

 

19 Tf1 Sb4 Es scheint, als ob es dem weißen König im Zentrum an den Kragen geht. Auch Bronstein fand seine Stellung zu diesem Zeitpunkt nicht gut und merkte an, dass er 19… Sb4 komplett übersah [David Bronstein/Tom Fürstenberg: The Sorcerer’s Apprentice, ebenda].

 

20. Lb3 Dd7 21. a3 d5 Diesen Gegenstoß im Zentrum übersah der Weiße genauso wie vorher 19… Sb4. Kein Wunder bei den taktischen Verwicklungen. [David Bronstein/Tom Fürstenberg: The Sorcerer’s Apprentice, ebenda].

 

22. Ld4 Rybka bevorzugt 22. axb4 und 22. Kc1. Natürlich steht der Nachziehende dann trotzdem besser.

 

22… Sc6 23. Lg1 Auch nach 23. Lxg7 ist der Anziehende nicht zu beneiden. 23… Tg8 24. Sh5 Se6 25. Lxd5 Lg5+! 26. Dxg5 hxg5 27 Sf6+ Ke7 28. Sxd7 Txg7, und Schwarz hat eine Qualität mehr [Rybka 3].

 

23… d4 24. Scd5 d3 25. Sxd3 Sa5 26. La2 b6? Bronsteins Ansicht bewahrheitete sich: Fidelity Elite 10 überschätzte den Wert des Materials und deckte den unwichtigen Bauern auf a7. Der Kiewer Brettkünstler schlug 26… Sc4+ als Verbesserung vor [David Bronstein/Tom Fürstenberg: The Sorcerer’s Apprentice, Seite 350]. Rybka 3 geht mit dieser Meinung nicht konform, sondern favorisiert an dieser Stelle 26… 0-0 für Schwarz. Nach 26… Sc4+ 27. Kc1 kann der Nachziehende nicht 27… 0-0 ziehen wegen 28. Lxc4 Txc4 29. Se5.

 

27. h4 Nun steht Weiß laut Rybka bereits leicht besser. Interessant, wie so ein Tempoverlust die Stellung verändern kann.

 

27… Se6? Der nächste Fehler des Computers, denn nun kommt der weiße Springer mit Tempo nach e5. Rybka 3 schlägt als Verbesserung aktives Gegenspiel mit 27… Da4 vor mit der Idee 28. Kc1 De4.

 

28. Se5 Da4

Bronstein_Folge_3_DIA_02

 

29. Kc1 Dxh4 30. Sxf7 0-0 31. Dg6 Bronstein hoffte hier, dass Fidelity Elite 10 nicht den Zug 31… Dg5+ spielt [David Bronstein/Tom Fürstenberg: The Sorcerer’s Apprentice, ebenda]. Allerdings braucht sich Weiß laut Rybka vor 31… Dg5+ nicht fürchten: 31… Dg5+ 32. Sxg5 Txf1+ 33. Kd2 Lxg5+ 34. Ke2.

 

31… Lg5+ 32. Kb1 Dh3 33. Tf6 Te8 34. b4 Damit der weiße Läufer später nach c4 gehen kann [David Bronstein/Tom Fürstenberg: The Sorcerer’s Apprentice, ebenda].

 

34… Dh1 35. Tf1 Welch ein Wandel! Jetzt steht der weiße König relativ sicher, während der schwarze Monarch von weißen Figuren umringt ist. Man beachte vor allem die verdeckte Wirkung des Läufers auf a2.

 

 

Bronstein_Folge_3_DIA_03

 

35… Sc6 35… Dh3 ist keine Alternative: 35… Dh3 36. Sf6+ Lxf6 37. Txf6, und zwei schwarze Figuren hängen [Rybka 3]. 36. Lc4 Dh3 37. Ld3 Dxf1+ 38. Lxf1 Txf7 39. Ld3 Sf8 40. Dxc6 Te1+ 41. Ka2 Txg1 42. Sc3 Der Springer soll nach e4.

 

42… Kh8 43. De8 Tf2 Jetzt kommt der weiße Springer mit Tempo auf sein Traumfeld. 44. Se4 Tf3 45. Sd6 Tf6 46. Sf7+ Kg8 47. Lc4 Rien ne va plus.

 

47… b5 48. Dxb5 Txf7 Dieser Zug verliert Material, aber die schwarze Stellung ist sowieso jenseits von Gut und Böse.

 

49. Df5 Lf6 50. Dd5 Kh7 51. Dxf7 [1 – 0]

 

Eine beeindruckende Partie! David Bronstein bringt in der Eröffnung ein spekulatives Figurenopfer. Kompensation ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich und die Stellung des weißen Königs im Zentrum sieht nicht gut aus. Bei korrektem Spiel des Schachcomputers wäre die Partie für Bronstein unangenehm geworden, aber Fidelity Elite 10 schaffte es nicht, Bronsteins Strategie zu widerlegen.

 

Heute können sich Menschen nicht mehr mit Schachcomputern messen, dennoch sollten wir unsere Stärken nicht unter den Scheffel stellen. David Bronsteins Freund Tom Fürstenberg, der in dieser Partie die Züge des Schachcomputers auf dem Brett ausführte und Co-Autor des Buches The Sorcerer’s Apprentice ist, sagte danach anerkennend: „Ich habe nicht gesehen, wie David Varianten berechnete. Ich denke wirklich, dass er die meisten seiner Züge intuitiv spielte und sie natürlich auf einer großen Erfahrung basierten.“ [David Bronstein/Tom Fürstenberg: The Sorcerer’s Apprentice, Seiten 350/351].

 

Interaktiv können Sie die Partie hier nachspielen:

http://www.viewchess.com/cbreader/2016/3/10/Game585991953.html

 

 

Bildnachweise:

  • Buchtitel:  The Sorcerer’s Apprentice, Verlag EVERYMAN
  • Fidelity Elite 10: Über Schachcomputer.info Wiki – http://www.schach-computer.info/wiki/index.php/Datei:Vers10.jpg#/media/File:Vers10.jpg
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