Schachspieler (erweiterte Weltklasse), Trainer, Buchautor, Mensch

 

Bei Draw discussion Wijk aan Zee 2016der Kalenderblätter-Vorschau 2016 (veröffentlicht am 23.12.2015) hat mich ein Name besonders angesprochen: dazu kann ich recherchieren und dann darüber schreiben. Grund ist – Bilder sagen mehr als viele Worte, wobei dieser Beitrag natürlich auch Worte enthält – z.B. das Titelfoto (von Alina l’Ami, dieses Jahr hinter den Kulissen in Wijk aan Zee). Vladimir (laut manchen Quellen auch Wolodymir) Tukmakov steht da zentral, war aber – wie zwei andere Herren, rechts neben ihm Gert Ligterink und links halb abgeschnitten Ihr Reporter Thomas Richter – eher Zuhörer: Loek Van Wely und Anish Giri diskutierten, ob man (Loek, nicht etwa Anish) nach nur 20 Zügen gegen Karjakin einfach so remis vereinbaren kann.

 

Ich „kenne“ Tukmakov vor allem als Trainer von (aktuell) Anish Giri, deswegen bzw. in dieser Rolle war er 2015 und 2016 in Wijk aan Zee, daneben „indirekt“ als Buchautor, fast gar nicht als aktiven Spieler (aber dafür gibt es z.B. Wikipedia), und zuletzt habe ich ihn im Interview auch ein bisschen als Mensch mitbekommen. Der Artikel beginnt mit noch einer kleinen Anekdote, wird dann allgemein und historisch-fotografisch, und zum Schluss (mit Anlauf) das bereits erwähnte Interview.

 

Als Buchautor „begegnete“ ich Tukmakov erstmals im Oktober 2014, bzw. er hatte eine „Nebenrolle“ in Romanischins Masterclass in Amsterdam. Auf die Frage, ob er – wie Landsmann Tukmakov – ein Buch schreiben werde, meinte Romanischin: „Dafür habe ich keine Zeit, ich bin nach wie vor aktiver Turnierspieler, Tukmakov ist ja nur noch Trainer.“ Damit ist Tukmakovs aktuell-permanente Rolle bereits (nochmals) erwähnt, nun eher stichwortartig was er als Spieler anstellte und erreichte – zusammengesucht aus verschiedenen Wikipedia-Artikeln und anderen Quellen:

 

Grossmeister wurde er 1972, also im für heutige (aber nicht unbedingt für damalige) Verhältnisse fortgeschrittenen Alter von 25 oder 26 Jahren. Grösste internationale Turniererfolge waren offenbar Platz 2 (klar) hinter Bobby Fischer in Buenos Aires 1970 (hoppla, da war er also noch nicht GM, hinter ihm landeten u.a. Najdorf, Reshevsky und Smyslov) und Platz 2 in Madrid 1973 – hinter Karpov, vor u.a. Hort, Uhlmann, Andersson, Portisch und Ljubojevic. Derlei Details fand ich via chessgames.com. Daneben auch Siege bei diversen nicht ganz so stark besetzten Turnieren. Bei der sowjetischen Meisterschaft war er 14-mal dabei und wurde dreimal Zweiter – 1970 hinter Kortschnoi, 1972 hinter Tal, 1983 hinter Karpov. Internationale Mannschaftsturniere spielte er eher selten: 1984 die Olympiade in Thessaloniki für die Sowjetunion (Brett 4 hinter Beliavsky, Polugajewski und Vaganian, vor Jussupow und Sokolov), 1993 die Mannschafts-WM in Luzern (für die Ukraine Brett 4 hinter Ivanchuk, Malaniuk und dem bereits genannten Romanischin). 1984 war er auch Reservespieler beim Match UDSSR – Rest der Welt und wurde dreimal eingesetzt (remis gegen Kortschnoi, 1,5/2 gegen Ljubojevic). Dann war er noch dreimal erfolgreicher Reservist für die Sowjetunion bei Mannschafts-Europameisterschaften (1973, 1983 und 1989). In seiner Autobiographie erwähnte er offenbar, wie schwer es war, überhaupt für die Nationalmannschaft berücksichtigt zu werden. [Ich gebe zu, dass ich seine Bücher nicht gelesen habe – ich habe zwar diverse andere Schachbücher aber meistens keine Zeit um sie tatsächlich zu lesen.] Als beste Partie bezeichnete er seinen Sieg gegen Kortschnoi bei der sowjetischen Meisterschaft 1970 (von Mikhail Golubev für Chess Today kommentiert, anlässlich Tukmakovs 60. Geburtstags auf Chessbase zweitveröffentlicht). [Kortschnoi – leider nicht mehr bei bester Gesundheit – wird am 23. März 85 und bekommt dann sein eigenes Kalenderblatt]

 

Später war er in anderer Rolle bei Olympiaden dabei – als Trainer/Kapitän für die Ukraine und Aserbaidschan. Dann wurde er Giris Trainer (Chuchelovs Doppelrolle als Trainer von Giri UND Caruana war wohl auf Dauer nicht effektiv?) und auch Käpten für die Niederlande. Erst Aserbaidschan, dann Niederlande, wieso das denn? Laut Dirk Jan ten Geuzendam für NRC Handelsblad hatte es direkt miteinander zu tun: „Giri lernte Tukmakov beim Europacup in Rhodos kennen, wo beide, als Spieler und als captain, für das Starteam Socar Aserbaidschan aktiv waren. Sie machten einige lange gemeinsame Spaziergänge und die Gespräche beeindruckten (Giri oder Tukmakov oder beide?).“

 

Bevor ich – vor allem – Tukmakovs heutige Rollen im Interview näher belichte, wird es nun bunt bzw. anfangs (Zeitmaschine) schwarz-weiss-Grautöne:

 

Vladimir_Tukmakov_Amsterdam_1974 (Dutch National Archive)

 

Tukmakov 1974 in Amsterdam (Quelle Dutch National Archive)

 

Tukmakov Wijk aan Zee 1984 (Dutch National Archive)

 

1984 in Wijk aan Zee (ebenfalls Dutch National Archive). Damals wurde er mit 6,5/13 5.-9. mit Van der Wiel, Adorjan, Hübner und Miles (Sieger Beliavsky und Kortschnoi). 1993 spielte er nochmals beim, so hiess es da noch, „Hoogovenstoernooi“, in diesem Jahr experimentierte Wijk aan Zee mit einer Kombination KO-Format und Schweizer System.

 

Vladimir_Tukmakov_2009 (Golubev)

 

2009 in Odessa (Lena Ivanova via Wikipedia) – seither hat er sich äusserlich kaum verändert.

 

Analyse WaZ2015

 

2015 in bunter Analyserunde in Wijk aan Zee (Foto Alina l’Ami). Ausserdem auf dem Foto mit Kameras Evgeny Surov (chess-news.ru), Joachim Schulze (Chessbase), sitzend Erwin l’Ami, Anish Giri und Loek van Wely, stehend mit Lederjacke Ivan Sokolov, mit vollem dunklem Haar Salem Saleh und Thomas Richter (tags darauf war er beim Friseur), den Herrn hinter uns beiden kenne ich nicht namentlich, das Karohemd gehört IM Robert Ris. Bin ich (vergleiche Titelfoto) was Haarfarbe betrifft in einem Jahr stark gealtert, oder ist es der Lichteinfall? Welche Fotoserie gibt es – den Artikel kann ich vielleicht noch schreiben – 2044 zu Giris 50. Geburtstag?

 

Ich gebe nun Giri das Wort, aus seiner Pressekonferenz 2015 in Wijk aan Zee. Damals sagte er schon zu Beginn „Ich bin kein Fitness-Monster und kann mit meinem Trainer Tukmakov bei schnellen Spaziergängen kaum mithalten“ und später auf meine Frage, wie die Zusammenarbeit zwischen einem Wahl-Niederländer und einem Ukrainer in der Praxis aussieht: „Meistens treffen wir uns im Sportzentrum Papendal [bei Arnhem], da kann ich nebenbei auch meine Fitness verbessern.“ Nach der letzten Runde 2015 sprach ich auch Tukmakov, da ich damals Giri zunächst nicht erwischte, dann eben der Trainer. Er war freundlich-auskunftsfreudig aber doch etwas hölzern, lag vielleicht auch daran, dass er meine Frage, ob Giri im Endspiel noch etwas Nachholbedarf hat (einige Schach-Titelträger sahen das damals ähnlich) als total unberechtigt abwies. John Van der Wiel August 2014 (da war er gerade NL-Trainer) über Tukmakov: „Tukmakov was een sterke grootmeester, hij is nogal afstandelijk-eng, een beetje zoals Putain. En hij is bij mijn weten een legermannetje, speelde voor CSKA Moskou, de legerclub.“ [Tukmakov war ein starker Grossmeister, er ist etwas distanziert-furchteinflössend, ein bisschen wie Putain (Putin?). Und er ist meines Wissens ein Armeemännchen, spielte für den Militärclub CSKA Moskau].

 

Van der Wiel übertreibt/überzeichnet wohl, das machen er (und andere Kolumnisten, der Beitrag erschien in der Reihe „Spinning Wiel“) gerne, aber aus meinem ersten Interview mit Tukmakov konnte ich eventuell ähnliche Schlüsse ziehen. Auch deshalb war ich angenehm überrascht vom zweiten Interview. Schauplatz Utrecht, Tata Steel Chess on Tour, vor der Runde warten Journalisten, dass etwas passiert, und dann ergab sich die Chance zum („irgendwann“, nicht unbedingt an diesem Tag) geplanten bzw. gewünschten Interview:

 

TR zu Tukmakov: Ich habe ein paar Fragen, nicht direkt zu diesem Turnier. Aber ein Schachspieler und ein Reporter denkt manchmal ein paar Züge voraus – ich werde zu Ihrem 70. Geburtstag etwas schreiben. Derzeit sind sie mehr Trainer als Spieler?

 

Tukmakov: Nur noch Trainer … .

 

TR: Wie passierte das, spontan oder allmählich?

 

Tukmakov: Ich habe eher zu spät als zu früh mit spielen aufgehört, etwa im Alter von 60 Jahren. [Laut FIDE-Elostatistik hat er bis April 2004 regelmässig gespielt, danach wurde es immer sporadischer – zuletzt nach einigen Jahren Pause 2013 nochmal zwei kleine Turniere. 2004 wurde er auch FIDE Senior Trainer.]

 

TR: Giri lobte Ihre Fitness und sagte, dass er kaum mit Ihnen mithalten kann.

 

Tukmakov: Seine Fitness hat sich verbessert – vielleicht mein Einfluss, vielleicht auch nicht … .

 

TR: Gibt es ein Geheimnis was Ihre Fitness betrifft, praktizieren Sie andere Sportarten?

 

Tukmakov: Nichts besonderes – ich mag schnelle Spaziergänge („fast walks“), ich mache Fitnessübungen (oder was auch immer genau ‚exercises‘ bedeutet), ich führe ein normales Leben.

 

TR: Gesünder als einige andere sowjetische Grossmeister!?

 

Tukmakov: Ich vergleiche mich nicht mit anderen …. .

 

TR: Sie haben auch Bücher geschrieben – Ihr Landsmann Romanischin sagte „dafür habe ich keine Zeit, ich bin noch als Spieler aktiv, Tukmakov ist nur noch Trainer …“

 

Tukmakov: Ich habe drei Bücher geschrieben [eine Autobiographie als Spieler, Modern GM Preparation und Risk & Bluff in Chess]. Jeweils dachte ich, das ist mein letztes Buch, also habe ich nun drei letzte Bücher geschrieben. Vielleicht noch ein viertes über meine Karriere als Trainer, aber die ist noch in vollem Gang. [Den Vergleich Spieler-Trainer hat er nicht aufgegriffen – ich kann mir durchaus vorstellen, dass ein Trainer jedenfalls eher langfristig planen kann.]

 

TR: Vielleicht, wenn Giri Weltmeister wird?

 

Tukmakov: Das wäre ein geeigneter Moment …. .

 

TR: Haben Sie den Inhalt Ihres neuesten Buches Risk & Bluff in Chess. The Art of Taking Calculated Risks mit Giri diskutiert? Manche sagen, er sollte mehr riskieren … .

 

Tukmakov: Natürlich besprechen wir Dinge wie seinen Stil. Vielleicht sollte er etwas mehr riskieren, nicht unbedingt Bluff aber Risiko. Aber ich habe das Buch nicht für oder über ihn geschrieben, sondern weil mich das Thema interessiert.

 

TR: Ich habe etwas recherchiert, aber kann es doch schwer einschätzen. Wie gut waren Sie als Spieler – top10, top30, …?

 

Tukmakov: Top20.

 

TR: Das war’s – es sei denn, Sie wollen noch etwas erwähnen.

 

Tukmakov: 70 ist ein Meilenstein, aber ich hoffe dass ich noch viele Jahre tun kann, was mir Spass macht. [In der Kandidatenturnier-Vorschau für NewinChess schreibt Sergey Shipov im Abschnitt zu Giri: „Es ist unwahrscheinlich, dass er (Tukmakov) noch viele Jahre auf Erfolge warten will; die Zeit hat er nicht.“ Aber mein Eindruck: 2016 ist nicht nur für Giri, sondern auch für Tukmakov jedenfalls nicht die letzte Chance, wobei Prognosen – schachlich und gesundheitlich – über mehrere Jahre ’schwierig‘ sind … .]

 

TR: Danke, und Giri viel Glück, damit das Turnier interessant bleibt! [„Natürlich“ wurde Giri-Carlsen dann ein relativ blutleeres Remis …]

 

Wie so oft, spielt das Kandidatenturnier aktuell eine Rolle. Ob/wie/wo Tukmakov seinen 70. Geburtstag feiert? Giri meldete sich zuletzt (3. März nachmittags) per Twitter aus dem ländlichen Papendal. Zuvor hatte er sein Trainingslager für einen Talkshow-Auftritt unterbrochen. Die meisten Leser beherrschen die niederländische Sprache wohl nicht – unter anderem sagt er: „wenn ich den ganzen Tag am Computer sitze, muss ich mich ab und zu auf Twitter entspannen!“. Die Jugend von heute, Computer als Ablenkung vom Computer … .

 

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

Gefeliciteerd met je verjaardag!

От всего сердца поздравляю с Днем рождения!

Вітаємо Вас з днем народження! [bei Russisch und Ukrainisch hat natürlich Google Translate geholfen]

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