Ab Freitag wird gespielt

Ab 13 Uhr

Spielsaal by AGON
Die Schachwelt schaut nach Moskau – vielleicht schon heute für die Schlussrunde des Aeroflot-Opens, sicherlich ab Freitag für ein kleineres Turnier mit noch höherem Eloschnitt. Die acht Teilnehmer sind schon einige Zeit bekannt, ich nenne sie noch einmal und auch warum sie mitspielen: Anand als Sieger des letzten Kandidatenturniers und dann Verlierer des WM-Matches gegen Carlsen, Caruana und Nakamura als Beste der FIDE Grand Prix Serie, Karjakin und Svidler als Weltcup-Finalisten, Topalov und Giri nach Elo, Aronian als Wildcard. Warum bekam ein Armenier die Wildcard für ein Turnier in Moskau, und nicht der Russe Kramnik? Weil der Sponsor Tashir Group jedenfalls ursprünglich aus Armenien stammt.

 

Ausrichter AGON legt viel Wert auf Design – siehe das Titelfoto und andere im Artikel „A New Way to Watch Chess“. Was kann ich noch bereits im Teaser erwähnen? Die Paarungen stehen unter anderem hier, gespielt wird jeweils ab 14:00 Ortszeit (12:00 in Mitteleuropa) im Rhythmus drei Runden – Ruhetag – drei Runden – Ruhetag usw. . Hoppla, neueste Information auf der Turnierseite ist: Anstoss jeweils um 15:00 Ortszeit. Zum Schluss bei insgesamt 14 Runden natürlich nur noch deren zwei. Spätestens am 28.3. kennen wir den Sieger – es sei denn ein Tiebreak-Match muss entscheiden, wer das Ticket nach New York zum WM-Match gegen Carlsen bekommt. Das ist allerdings sehr unwahrscheinlich: Schnell- und eventuell Blitzschach gibt es laut Regelwerk nur, wenn zwei oder mehr Spieler nach allen Kriterien (Punkte, direktes Resultat, Anzahl Siege und Sonneborn-Berger) gleichauf liegen. Daher verzichte ich darauf, das dann notwendige komplizierte Verfahren zu verstehen und zu erklären.

 

Prognosen gibt es jede Menge, oder auch nicht. Ich selbst befragte Erwin l’Ami in Wijk aan Zee, er sagte nur „total offen, jeder hat seine Chancen, auch Underdog Svidler“ – etwas ausführlicher unter seinem Foto im Tata Steel Abschlussbericht. Da steht auch, dass der daneben stehende Jorden Van Foreest zustimmend nickte. Ein gewisser Magnus Carlsen äusserte sich, ebenfalls in Wijk aan Zee, gegenüber Fiona Steil-Antoni: „Es ist schwer zu sagen. Ich denke, das wird das offenste Kandidatenturnier, das es jemals gab. Einen Favoriten auszuwählen wäre unmöglich und ich denke, es wird vermutlich sehr knapp und entscheidet sich erst in der letzten Runde.“ Von den Teilnehmern äusserte sich meines Wissens nur Peter Svidler (auf Russisch hier, deutsche Übersetzung auf chess24) – auch er beantwortete die Frage nach seinen schärfsten Konkurrenten mit „Alle, und das ist kein Witz, sondern eine absolut ernst gemeinte Antwort. Nach Meinung aller Experten ist der Ausgang dieses Kandidatenturniers so offen wie seit vielen Jahren nicht mehr, und zwar in dem Sinne, dass man keine klaren Favoriten benennen kann.“ Nicht immer teile ich Meinungen von Grossmeistern, aber wenn drei dasselbe sagen und ein vierter einverstanden ist, könnte es stimmen.

 

Allerdings blieben nicht alle Experten so vage: Sergey Shipov wurde wohl von NewinChess für seine Vorschau bezahlt, da wäre „keine Ahnung“ etwas zu wenig, also legt er sich doch etwas fest: Zunächst streicht er widerwillig („with pain in my heart“) die drei ältesten Spieler (Anand, Topalov und Svidler) von der Liste potentieller Sieger. Anand ist – sagt Shipov – nicht unbedingt motiviert für ein drittes WM-Match gegen Carlsen, Topalov ist zu instabil, Svidler hat (Weltcup-Finale gegen Karjakin) schwache Nerven und ist zu selbstironisch. Dann bezeichnet er Karjakin und Caruana als Favoriten und Nakamura als „dark horse, dritter Favorit“. „Giri gewinnt keine Superturniere“, Aronian sollte man – sagt Shipov – in dessen eigenem Interesse nicht als Favorit bezeichnen, um keinen Druck auf ihn auszuüben. Das Ganze auch auf Russisch bei Crestbook – noch etwas ausführlicher, einschliesslich Partien der acht Kandidaten gegen Carlsen. Meistens Siege, bei Nakamura Fehlanzeige, also eine Gewinnstellung die er dann komplett vergeigt hat. Und auch bei Giri verzichtet er auf dessen Sieg gegen Carlsen (da hatte Carlsen grottenschlecht gespielt) und zeigt ihre Remispartie vom Katar Open 2015.

 

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Zwischendurch noch ein Foto von aussen vom Austragungsort Moscow Central Telegraph Building (Quelle moscowjob.net via Wikimedia Commons) – entstanden im Oktober 2014, daher noch ohne die „psychedelischen“ Schach-Logos an der Fassade. Noch mehr Fotos aus Moskau gibt es im Reisebericht (derzeit nur auf Englisch) von Colin McGourty auf chess24, was schreiben andere einschlägige Quellen? Chess.com meckert vor allem, dass die Partien offenbar nur auf der Turnierseite live übertragen werden bzw. dass AGON anderen keinen live pgn-file zur Verfügung stellt – abwarten, ob andere AGONs juristische Warnungen ignorieren und die Partien von Hand eingeben. Ansonsten ist das ein weites Feld, das ich nicht kommentieren will. Chessbase verspricht vollmundig, dass ein Computer den Sieger des Kandidatenturniers vorhersagt – und dann steht im Artikel, dass Caruana mit satten 19% die besten Chancen habe, offenbar irgendwie auf Basis langfristiger Elozahlen. Dieser Computer betrachtet Anand und Karjakin (je 6,7%) sowie Svidler (5,8%) als Aussenseiter. Auch Buchmacher, bzw. Leute die auf Ergebnisse wetten, haben ihre Meinung und favorisieren Nakamura (18,4%) leicht vor Caruana (17,7%) und Aronian (16,8%), Svidler auch hier Letzter mit 5,0%, Karjakin immerhin im Mittelfeld mit 11,3%. Nur Shipov zählt Karjakin zum engeren Favoritenkreis, vielleicht weil er Russe ist, vielleicht weil er nicht so religiös an Elozahlen glaubt.

 

Kommt von Thomas Richter denn gar nichts? Na gut, ich kann die Ergebnisse der Kandidaten dieses Jahr kurz nennen – jedenfalls für sieben von acht, Topalov hat 2016 noch gar nicht gespielt. Anand schwächelte in Gibraltar (offene Turniere sind gewöhnungsbedürftig, Svidler nannte es keine gute Idee – strange choice – da zu spielen), überzeugte dann in Zürich und remisierte in der Bundesliga gegen Harikrishna. Caruana war in Wijk aan Zee sowohl beeindruckend als auch verwundbar. Nakamura gewann Gibraltar und Zürich nach Stechen bzw. Tiebreak, aus meiner Sicht (die jedenfalls Gert Ligterink in seiner Zeitungskolumne betrifft Gibraltar teilte) ohne zu beeindrucken. Karjakin und Giri hatten in Wijk aan Zee knapp unter bzw. knapp über 50%, für Giri lief es auch in Zürich nicht nach Wunsch. Svidler gewann zweimal in der Bundesliga, allerdings waren die Gegner Parligras und Smeets nicht unbedingt erste Sahne. Aronian konnte in Zürich auch nicht überzeugen, und verlor in der Bundesliga quasi doppelt gegen Rapport: im Mittelspiel stand er sehr schlecht, entwischte irgendwie und verlor dann im Endspiel. Wenn die Generalprobe sitzen muss, dann sind Caruana und Nakamura die Favoriten im Kandidatenturnier, aber die Generalprobe muss nicht unbedingt sitzen.

 

Wer noch mehr über die Kandidaten lesen will: Chess.com hat in der Rubrik „Chess Articles“ von fast allen – Topalov fehlt noch – Profile geschrieben von Amerikanern (GM Hess und IM Coleman). Ich habe das nur ein bisschen überflogen. Natürlich loben sie Nakamura („tactically gifted player whose ambition to play fighting chess might be unparalleled“) – aus meiner Sicht: das war einmal, inzwischen ist auch er manchmal pragmatisch-opportunistisch. Giri wird dagegen schwer niedergemacht: geriatrischer Schachstil, konservativ, vermeidet Risiken, extrem opportunistisch [Peter Doggers hätte das vermutlich nicht so formuliert]. Zu Karjakin schreiben sie: stilistisch ähnlich wie Carlsen, aber im Gegensatz zu Carlsen macht er Fehler (macht Carlsen auch mitunter, und auch bei Giri könnte man sagen „stilistisch ähnlich wie Carlsen“). Auch worldchess.com hat Profile von allen, von (Parimarjan Negi und Sam Shankland) wohl etwas kompetenteren Autoren – und als Organisator verzichten sie darauf, Spieler niederzumachen. Auf worldchess.com auch Artikel zur Geschichte der Kandidatenturniere, Teil I bis III. Wer will, kann also noch viel mehr lesen, aber ich schaue nun nach Moskau – Schlussrunde des Aeroflot-Opens.

Ein Kommentar zu Kandidatenturnier!

  • Rainer Beyer sagt:

    Also, ich kann mich nur den genannten Meinungen anschliessen, der Ausgang dieses Superturnieres ist auch für mich völlig offen. Es ist durchaus denkbar, dass es sich erst am letzten Spieltag entscheidet. Aus meiner Sicht wird derjenige gewinnen, der mental und körperlich die beste Fitness an den Tag legt und seine Nerven im Zaun hat. Wenn es nach Sympathie gehen würde, bevorzuge ich klar Viswanathan Anand. Neben allen anderen Kriterien geht es auch um Tagesform und Glück zum Ausgang anderer Partien, aber Matchhärte, Physis und absoluter Siegeswillen werden dieses Turnier entscheiden. Ich sehe es mit großer Vorfreude und bin echt gespannt, hoffe auf viele Kampf- und Gewinnpartien und weniger Taktik durch Großmeisterremis. An anderer Stelle sagte ich schon mein Bedauern, daß eben Vladimir Kramnik nicht dabei ist, ansonsten wäre es die absolute Creme de la Creme des Schachsports. Egal, wer es auch macht, er ist auf jeden Fall ein würdiger Herausforderer für Magnus Carlsen!!

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