Najer nach Tiebreak vor Gelfand, die anderen Favoriten dahinter

Najer
Ich hatte bereits nebenbei im Jurmala-Bericht angedeutet, wie das Aeroflot-Open bis Runde 6 lief. Nach drei Runden hatte Evgeniy Najer als einziger 3/3. In Runde 4 und 5 konnte ihn niemand einholen, in Runde 6 schafften das drei Spieler: Elofavorit Gelfand, der ehemalige Aeroflot-Sieger Mateusz Bartel aus Polen und der fast-2700 Russe mit dem passenden Schachnamen Maxim Matlakov. In Runde 7 stiess mit Fedoseev noch ein Russe dazu, und nun dachte Najer „es reicht“, gewann in Runde 8 gegen ebendiesen Fedoseev und lag wieder alleine vorne. In der neunten und letzten Runde konnte Gelfand wieder aufschliessen, aber Najer behielt den besten Tiebreak.

 

Endstand: Najer und Gelfand 6.5/9, Bartel, Sjugirov, Dubov, Kamsky, Fedoseev, Kobalia, Matlakov, Zvjaginsev 6. Sieben Russen unter den ersten zehn – gut, sie hatten Heimspiel und waren daher insgesamt zahlreich vertreten. Mit Gelfand nur einer von fünf Spielern mit (vor dem Turnier) Elo über 2700. Bu Xiangzhi und Nepomniachtchi landeten in der nächsten Zehnergruppe mit 5,5/9, die allerdings nach Wertung vom titellosen Russen Alexandr Predke angeführt wird, Wei Yi und Korobov noch dahinter.

 

Für Fotos bediene ich mich – wie auch Chessbase und chess.com – mit freundlicher Genehmigung auf der Facebook-Seite von Amrutaz Photography, das ist Amruta Sunil Mokal, IM aus Indien die selbst im C-Turnier mitspielte. Denn die Turnierseite bietet dazu wenig, nämlich nur ein Foto vom Austragungsort Hotel Cosmos und auch sonst keine „News“. Gefühlt lagen Najer und Gelfand gleichauf, auch wenn nur einer gewinnen konnte und das war durchaus zu Recht Najer. Damit bekommt er neben etwas mehr Preisgeld und Dortmund-Einladung auch das Titelfoto.

 

Ich verzichte auf sonst übliche Rundenberichte und setze stattdessen Diagramme, zunächst charakterisiere ich die Sieger schachlich. Najer gewann, wie gesagt, in Runde 1, 2, 3 und 8 und remisierte den Rest. Generell war die Remisquote für ein Open relativ hoch – das lag zum einen daran, dass nicht alle Partien ausgekämpft waren (es gab keinen offiziellen Ruhetag, einige Spieler gönnten sich zwischendurch einen), zum anderen am ziemlich dichten und ausgeglichenen Feld. Es ist für ein Open auch ungewöhnlich, dass nach drei Runden nur noch einer (von 86) eine weisse Weste hat. Najer hatte anfangs eine Vorliebe für Dame gegen zwei Türme, das ist die Schlusstellung aus Runde 1 gegen den Groninger Jungstar Jorden Van Foreest:

 

Najer - Van Foreest

 

Jorden Van Foreest (Schwarz) konnte diese Materialverteilung auch ohne Springer erreichen, dann war die Stellung laut Engines ausgeglichen. So allerdings arbeiteten seine Figuren nicht zusammen und hier gab er (wegen 41.-Txf5 42.Dc8+) auf. Van Foreest verlor auch Runde 2 gegen den russischen IM Sarana (*2000), musste dann am allerletzten Brett antreten, erreichte aber zum Schluss noch 5/9 – 26. Platz für die Nummer 59 der Setzliste, leichtes Eloplus und auch noch ein bisschen Preisgeld. In Runde 2 hatte Najer gegen Urii Eliseev wieder Dame gegen zwei Türme, dazu kam ein starker Freibauer und ein entblösster weisser König.

 

Laut Lehrbüchern sind zwei Türme doch etwas besser als die Dame? Schach ist ein konkretes Spiel, manchmal sind zwei Türme tatsächlich besser, zum Beispiel in dieser Schlusstellung:

 

Anton-Predke

 

Das ist Anton Guijarro-Predke 0-1, da Weiss die Drohung 45.-Sf7+ nicht vernünftig parieren kann. Predke hatte ich bereits erwähnt, 5,5/9 gegen durchgehend Grossmeister bedeutete TPR 2726 – nicht schlecht bei eigener Elo 2508 (vor dem Turnier, nun 2535). Der junge Spanier David Anton Guijarro hatte dagegen kein gutes Turnier, nach 0,5/4 musste auch er den indischen CM Erigaisi am 43. und letzten Brett besuchen. Zum Schluss dann 4/9 und Platz 64 für die Nummer 21 der Setzliste. Zurück zu Evgeniy Najer:

 

Najer - Petrosian

 

Material ist ausgeglichen, die Stellung keineswegs – Najer-Petrosian 1-0 aus Runde 3. Eröffnung war übrigens nicht, wie man vielleicht vermutet, Sizilianisch sondern Pirc. Danach liess Najer es etwas geruhsamer angehen, bis auf Runde 8 gegen Fedoseev – was auch am Gegner lag. Nach Freestyle-Eröffnung (1.e4 c6 2.Le2!?) opferte Fedoseev eine Figur – das war korrekt, wenn man die richtigen Computervarianten aufs Brett zaubert. Fedoseev scheiterte an dieser Aufgabe und hatte eine Figur weniger. Tapfer spielte er noch etwas weiter, aber seine Stellung war hoffnungslos. In der Schlussrunde spielte Najer gegen Kamskys Aljechin-Verteidigung vorsichtig auf ein bisschen Vorteil, und akzeptierte Remis nachdem einige Verfolgerpartien bereits friedlich endeten.

 

Gelfand

 

Boris Gelfand begann mit zwei Remisen – würde er der nächste Weltklassespieler, der seine Teilnahme an einem Open bereut? Nein, dann siegte er, und zwar in Runde 3, 4, 6 und 9. Der Schwarzsieg gegen GM Demchenko nach Najdorf-sizilianischen Komplikationen war zwar generell Gelfand-typisch, aber in diesem Turnier gewann er sonst mit Weiss und positionell:

 

Gelfand - Lu Shanglei

 

Gelfand – Lu Shanglei 1-0 nach 46.Lc5. Wenn Schwarz endlos sagen könnte „ich passe, Du bist dran!“, dann wäre diese Stellung remis. So fällt allerdings (spätestens nach 46.-e5 47.h3) entweder der Bauer f6, oder der schwarze Damenflügel. Der Chinese Lu Shanglei ist vor allem taktisch gefährlich, bekam allerdings in einem Katalanen keine Chance, die Stellung zu komplizieren. Gegen Grachev musste Gelfand Überstunden machen:

 

Gelfand-Grachev after 119 Ke8

 

Gelfand-Grachev 1-0 nach 119.Ke8 (119.-Dg6+ 120.Ke7 und kein weiteres Schach). Lange hatte er einen Mehrbauern gehegt und gepflegt, im Damenendspiel konnte er ihn verwerten. Danach war das Kurzremis gegen Matlakov nachvollziehbar, und tags darauf wurden ihm Najdorf-sizilianische Komplikationen gegen Bartel beinahe zum Verhängnis. Der Pole entkorkte (1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6) 6.Sb3!? – nur fünfzehnte Wahl laut Datenbank, aber für Bartel hatte es zuvor gegen den russischen Jungstar Artemiev prima funktioniert (1-0). Auch gegen Gelfand stand er zwischenzeitlich klar besser bis gewonnen, auch wenn zum Schluss Schwarz lange versuchte, ein etwas besseres Endspiel zu gewinnen. Dann nach 77 Zügen remis, da Turm gegen Turm wahrlich nicht mehr gewinnversprechend war. In der letzten Runde war Gelfand-Jumabayev nach bekanntem Muster: Gelfand hatte einen Mehrbauern, kann er gewinnen? Zwischenzeitlich war der Kasache, der nach anfangs 2,5/5 dreimal in Serie gewonnen hatte, sehr nahe am Remis – nach 62 Zügen gewann dann Gelfand eine Qualität und nach 79 Zügen die Partie.

 

Nun einige andere Diagramme: China war recht zahlreich vertreten, konnte aber nur phasenweise glänzen – das gilt sicher für Wen Yang-Artemiev 1-0 aus Runde 2:

 

Wen Yang - Artemiev

 

Ein unkonventioneller Sizilianer – 13.Txf7! war der Anfang vom Ende, nach 20 Zügen war Schluss. Die nächsten Diagramme aus Runde 8, da konnten einige Spieler spektakulär Boden gut machen:

 

Kamsky-Goganov vor 30 0-0

 

Kamsky-Goganov vor 30. 0-0 – selten, dass Weiss erst im 30. Zug rochiert, noch seltener dass Schwarz dann sofort aufgeben muss (30.Kf1 war übrigens auch gut genug).

 

Dubov-Moiseenko

 

Dubov-Moiseenko war ein unkonventioneller Lb5-Sizilianer. Weiss hat offensichtliche Kompensation für die geopferte Figur, aber mit 21.-d6 konnte Schwarz seinen Laden noch einigermassen beieinander halten. Stattdessen hat er 21.-S(b7-)c5 gespielt, und nun: 22.Sc7+! Dxc7 23.Lf7+ Kf8 24.Dxg5 De5 25.Lxg6+ Kg8 26.Lf7+ 1-0.

 

Bluebaum-Korobov bekommt, als Einleitung zum Abschnitt „deutsche Teilnehmer“, gleich zwei Diagramme:

 

Bluebaum-Korobov vor 16exf6

 

Auch derlei Stellungen können aus dem oft oder vermeintlich ruhigen slawischen Damengambit entstehen. Man kann nun als Weisser 16.Th3 spielen, das gab es bereits, oder wie Bluebaum mit 16.exf6 eine Qualität opfern. Auch das gab es bereits: Rogozenco-Emdin 1-0, St. Petersburg 2012. Hatte Dorian Rogozenco das Matthias Bluebaum gezeigt? Korobov hatte diese Partie in seiner Vorbereitung (allgemein irgendwann oder konkret für diese Partie) vielleicht ignoriert, da Emdin nur bescheidene Elo 2109 hat. Der weitere Partieverlauf suggeriert, dass das Qualitätsopfer (16.exf6 Lxh1 17.fxg7 Tg8 18.h6) mehr als korrekt ist, das war die Schlusstellung nach 33.Kc3:

 

Bluebaum-Korobov nach 33Kc3

 

Der schwarze Lg6 ist ein Grossbauer, Turm und König müssen den weissen Bauern auf g7 im Auge behalten, der weisse König kann in aller Ruhe diverse Bauern verspeisen – daher 1-0. Matthias Bluebaum war von den vier Deutschen am erfolgreichsten. Da knapp in der oberen Hälfte der Setzliste, hatte er in Runde 1 mit dem 13-jährigen russischen FM Esipenko einen relativ leichten Gegner (auch derlei Kids sollte man allerdings nicht unterschätzen, aber er gewann). Dann reihenweise starke Grossmeister, einige Partien hielt er remis, gegen Rakhmanov (taktisch) und Sasikiran (im Endspiel) verlor er. Zwischendurch besiegte er den jungen (*2000) armenischen IM Martirosyan, auch das kein Selbstläufer, und in Runde 8 ein Sieg gegen einen 2700er. Am Ende 5/9 und Platz 21.

 

Korobov hatte allerdings kein gutes Turnier und hat aktuell den Club 2700+  verlassen. Ein anderer Spieler ist mit zweitausendsiebenhundertkommadrei gerade noch so im Club: Wei Yi, der auch kein gutes Turnier hatte. Vielleicht kann er mit dem Druck, der durch Erfolge kommt, nicht umgehen. Forderungen, dass er reihenweise Superturnier-Einladungen bekommen sollte, erscheinen nun etwas verfrüht. Wohin für ihn die Reise geht, wird sich zeigen – vielleicht mittelfristig absolute Weltklasse, vielleicht auch eine Karriere wie die von Landsmann Bu Xiangzhi.

 

Die anderen Deutschen lagen am Ende dicht beieinander und weiter hinten. Dennis Wagner begann mit vier Remisen gegen starke GMs, soweit so gut. Die Niederlage gegen Safarli war ebenso akzeptabel wie wohl unnötig, und dann konnte er auch gegen nominell schwächere Gegner nur remisieren. Nachholbedarf hat er vielleicht im Endspiel – gegen Safarli verlor er eine remisliche Stellung, danach konnte er zwei sehr vorteilhafte Endspiele nicht gewinnen. Zum Schluss dachte er offenbar „immer Remis ist langweilig“ und verlor glatt gegen den Inder Sundar Shyam – zwar GM, aber relativ bescheidene Elo 2523. 3,5/9 bedeutete Platz 65. Vitaly Kunin erzielte 4/9, Platz 58. Die Niederlagen gegen Korobov und Moiseenko waren akzeptabel und vielleicht einkalkuliert, gegen andere musste er (um seine Elozahl zu bestätigen) einen Punkt mehr erzielen. Falko Bindrich mit 4/9, Platz 62, im Rahmen der Eloerwartung. Unnötig und vielleicht ein bisschen peinlich, dass er in der letzten Runde gegen Jobava Turm gegen Turm und Springer verlor, sofort nach Verschwinden des letzten Bauern griff er daneben. Der Georgier hatte insgesamt kein gutes Turnier, trotzdem oder deswegen versuchte er gegen Bindrich alles, und gute Laune hatte er ohnehin. Vielleicht ein kleiner Trost für Bindrich, dass in der letzten Runde noch ein Grossmeister (Bocharov gegen Inarkiev) ein tablebase-theoretisch remises Turmendspiel vergeigte.

 

Allgemein-international mit ex-sowjetischem Schwerpunkt stand Aeroflot auch unter dem Motto „Jugend forsch“: Predke (*1994) erzielte eine sehr glatte GM-Norm, selbiges schaffte auch der armenische IM Martirosyan (*2000) – zwar Null gegen Bluebaum, aber u.a. Remis gegen Gelfand. Ebenso der russische FM Esipenko (*2002), auch er verlor gegen Bluebaum, aber erzielte insgesamt gegen durchgehend GMs 50%. Für den usbekischen FM Igonin (*2000) immerhin eine IM-Norm.

 

Ganz kurz zur B- und C-Gruppe aus deutscher Sicht: In der B-Gruppe begann Dorian Rogozenco mit 2,5/3 und hatte am Ende 4,5/9 – bei durchgehend nominell leicht bis klar unterlegenen Gegnern. In der C-Gruppe dachte Teodora Rogozenco offenbar „was Papa kann, das kann ich auch“ – ebenfalls zunächst 2,5/3 und am Ende 4/9. Sie hatte (verglichen mit ihrem Niveau) immerhin zur Hälfte gleichwertige bis stärkere Gegner, dennoch muss sie sich von 53 Elopunkten verabschieden. Oswald Bindrich machte es dagegen, auch in der C-Gruppe, am Ende besser als Sohn Falko – 6/9 bedeutete Platz 9 und auch ein bisschen Preisgeld.

 

Ein Blick in den Turniersaal und Hotel Cosmos und dann noch eine Reihe Fotos als Galerie:

Turniersaal

 

Cosmos Hotel

 

 

Kamsky kann einen Teil seines Preisgelds vielleicht in einen Besuch beim Friseur investieren? Inarkiev und Lu Shanglei wollten sich das gegnerische Hemd wohl nicht allzu lange anschauen, daher einigten sie sich nach 15 Zügen auf Remis.

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