liveLive-Übertragung Kurnosov Gedächtnisturnier
U. a. mit: 1 GM Grischuk Alexander RUS 2760; 2 GM Rublevsky Sergei RUS 2738; 3 GM Inarkiev Ernesto RUS 2729; 4 GM Ponkratov Pavel RUS 2712; 5 GM Movsesian Sergei ARM 2685; 6 GM Khismatullin Denis RUS 2676; 7 GM Riazantsev Alexander RUS 2675; 8 GM Lysyj Igor RUS 2665; 9 GM Bocharov Dmitry RUS 2659; 10 GM Zvjaginsev Vadim RUS 2628 ...

Vorteil Anand-Aronian-Karjakin

Teilnehmer
Da bisher kein Spieler besonders auffiel, oder nur einer in negativer Hinsicht, bekommen alle zusammen bzw. ihre Karikaturen das Titelbild. Für Fotos habe ich mich beim russischen Schachverband bedient – da weiss ich, dass man sie mit Quellenangabe verwenden kann. worldchess.com droht dagegen gerne mit Anwälten, dazu später mehr.

 

„Verhalten“ ist der Start jedenfalls im Vergleich zu den Kandidatenturnieren 2013 und 2014. Da gab es in den ersten drei Runden immerhin jeweils fünf Entscheidungen, diesmal nur deren drei. Fünf ist nicht so viel mehr als drei, und sieben nicht viel weniger als neun (das bezieht sich auf die Remispartien), aber zusammen ist es doch ein Unterschied. Kann sein, dass die Kandidaten diesmal solider und risikoscheuer spielen, aber 2013 und 2014 gab es auch Favoriten und verglichen damit Aussenseiter, diesmal gibt es keine Aussenseiter. Später mehr zum Vergleich 2013-2014-2016, nun alle entschiedenen Partien (eine pro Runde) und der entsprechende Zwischenstand: Anand-Topalov 1-0, Karjakin-Nakamura 1-0, Topalov-Aronian 0-1. Also Karjakin, Aronian, Anand 2/3, Giri, Caruana, Svidler 1.5, Nakamura 1, Topalov 0.5. Elf Runden werden noch gespielt.

 

Bei den Rundenberichten werde ich die Remispartien nicht völlig ignorieren, aber was zählt sind natürlich Siege. Wieviele man davon braucht: je mehr desto besser, aber wenn es so weitergeht, könnte am Ende +2 reichen.

 

Runde 1: In einer Hinsicht begann Moskau 2016 wie Khanty-Mansiysk 2014:

 

Anand-Topalov

 

Anand-Topalov 1-0: Wieder gewann Anand zu Beginn gegen einen alten Rivalen (damals Aronian), und es gibt noch mehr Parallelen – nicht nur dass die Partie mit 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 begann. Auch diesmal hätte die Sache für Anand schiefgehen können, wenn der Gegner in der Eröffnung eine Figur geopfert hätte. Damals wurde es erst in späteren Analysen entdeckt, diesmal war es Kommentatoren bereits während oder jedenfalls direkt nach der Partie klar. Damals spielte Schwarz die Remiswaffe Marshall-Gambit, nun die Berliner Mauer – die Anand jedoch mit (3.-Sf6 4.d3) ablehnte. Später verhaftete Weiss mit 18.Dxb7 einen Bauern (O-Ton Anand in der Pressekonferenz „das musste sein, sonst war mein gesamtes Eröffnungskonzept sinnlos“) – das war wohl korrekt-spielbar, wenn er danach mit 19.Ta3 nebst 20.Tae3 im Gegenzug eine Qualität hergibt, um den schwarzen Ld4 zu entschärfen. Das versuchte er stattdessen mit 19.Sc4?! Plan 20.Le3, aber nach 19.-Sc5 20.Dc6 (da steht die weisse Tante komisch, aber ein besseres Feld hatte sie nicht) konnte Topalov mit 20.-Lxf2+ kontern. Endergebnis der Abwicklung (21.Kxf2 Dh4+ 22.g3 Sxe4+ 23.Txe4 Dxe4) wäre: Weiss hat zwei Figuren für einen Turm, aber einen sehr luftigen König. Ganz klar war es vielleicht nicht, aber jedenfalls Topalovs Stellungstyp – nach eigener Aussage hinterher hatte er 23.-Sxe4+ nicht gesehen. Stattdessen beendete der schwarze Sc5 seine Karriere, indem er mit 20.-Sb3 nebst 21.-Sxc1 das weisse Sorgenkind, den unentwickelten Lc1, abtauschte, und nun hatte Anand Oberwasser. Später war sein Vorteil fast dahin, aber direkt nach der Zeitkontrolle bekam er Königsangriff trotz mittlerweile reduziertem Material – beiderseits zwei Türme, für Weiss ein Springer und für Schwarz ein Läufer. Topalov musste unbedingt 40.-f5 spielen um 41.Se4 zu verhindern, stattdessen wurde er nun mit 40.-Tc2? aktiv aber das war nur ein Strohfeuer. Zusammenfassend: eine turbulente Partie. In der Pressekonferenz fragte ein indischer Journalist Anand, ob er „deja vu“ Gefühle habe, Antwort tendenziell „kein Kommentar“.

 

In den Remispartien musste zweimal Schwarz leiden – Aronian gegen Giri, Caruana gegen Nakamura. Wie konkret eventuelle weisse Gewinnchancen waren, kann ich nicht abschliessend beurteilen, jeweils wurde es dann remis. Im russischen Duell Karjakin-Svidler hatte Schwarz dagegen keinerlei Probleme und stand eher etwas besser, aber auch das endete remis.

 

Karjakin-Nakamura

 

Runde 2: Karjakin-Nakamura 1-0 begann nicht etwa Königs-, sondern Damenindisch. Ob das schon ein Fehler war, sei dahingestellt. [Ein schlauer Amateursekundant meinte per Kommentar auf chess.com auch, dass Topalov gegen Anand Sizilianisch hätte spielen sollen – allerdings hatte er drei seiner vier letzten Sizilianer gegen Vishy verloren, u.a. auch im Kandidatenturnier 2014 in Khanty-Mansiysk]. Damenindisch ist auch eine gute Eröffnung, die Karjakin (der das auch regelmässig mit Schwarz spielt) viel besser behandelte, O-Ton Nakamura hinterher: „Basically I played badly. I did many things wrong today“ [Ich spielte einfach schlecht und machte jede Menge falsch]. Später hatte er das Gröbste überstanden, dann opferte er eine Figur, die er zurück bekam um sie sofort wieder forciert zu verlieren. Karjakin hatte entweder Stellungsglück (das würde er natürlich nicht zugeben), oder er hatte einen Zug weiter gerechnet – dann war 29.h4!? vielleicht eine bewusste Einladung zu 29.-Sxg3? . Man kann die Partie auf „Nakamura patzte“ reduzieren, aber eventuell hatte sie auch das (psycho)logische Ergebnis: Nakamura wollte seine Probleme, die er eigentlich bereits mehr oder weniger überstanden hatte (aber das weiss man während der Partie nicht unbedingt) gewaltsam lösen, und das ging schief.

 

Aronian-Anand

 

Aronian-Anand 1/2 dokumentiere ich fotografisch, da es von Runde 3 momentan noch kaum Fotos gibt und da Aronian da das momentane Führungstrio komplettierte. Es war ein Remis der gehaltvolleren Sorte, wie oft blieben viele Varianten hinter den Kulissen bzw. wurden nur in der Pressekonferenz angedeutet. Aronian kopierte in einer Damengambit-Nebenvariante Gelfands Neuerung 8.Sd2 (gespielt knapp eine Woche zuvor im Aeroflot-Open im schönen Moskau), Anand war ebenfalls vorbereitet, das Gleichgewicht war wohl nie ernsthaft gestört oder gefährdet. Das war bei Caruana-Giri 1/2, wie Anand-Topalov ein Anti-Berliner mit 4.d3, wohl der Fall – Weiss stand zwischenzeitlich besser. Allerdings landete er in Zeitnot, vereinfachte daher die Stellung mit 28.Db5 und (nun also doch) Damentausch, und im dann entstehenden Doppelturmendspiel hatte Giri zum Remis ausreichendes Gegenspiel. Mitunter enden Schachpartien remis nicht weil beide nicht mehr wollen, sondern weil einer mehr will aber das nicht erreicht, da der Gegner sich genau verteidigt. Bei Svidler-Topalov 1/2 kann man eventuell unterstellen, dass beide von Anfang an mit Remis zufrieden waren. Topalov spielte wieder die Berliner Mauer, Svidler dagegen das relativ harmlose 5.Te1. Damit kann man eventuell auf ein bisschen Vorteil hoffen, den man dann eventuell verwerten kann. Oder es wird, so wie hier und heute, ein korrektes und nicht allzu aufregendes Remis.

 

Runde 3: Topalov-Aronian 0-1 – in einer englischen Eröffnung opferte oder verlor Weiss einen Bauern, für den er wohl ausreichende Kompensation hatte. Aber dann übersah er ein taktisches Motiv, und nun hatte er zwei Bauern weniger. Das war auf die Dauer zuviel, auch wenn die Stellung kompliziert blieb und Topalov immer trickreich ist. Was ist los mit Topalov? Einerseits ist er ohnehin wechselhaft, andererseits vielleicht auch nicht voll motiviert. Ich empfinde es als etwas unprofessionell, dass er erst direkt zur ersten Runde anreiste – vielleicht auch, um die Eröffnungsfeier am Vortag zu schwänzen. Zu den Remispartien: In Anand-Caruana spielte Weiss wieder den Anti-Berliner 4.d3 – diesmal stand er weder schlechter noch besser, und es wurde demnach remis. Giri-Karjakin: Ich hatte bereits erwähnt, dass Karjakin auch mit Schwarz Damenindisch spielt, schon heute war es soweit. In zunächst ruhiger Stellung expandierte er dann am Königsflügel – vielleicht fiel ihm nichts ein, dann zieht man gerne mal einen Randbauern. Vielleicht dachte er auch „29.h4 hat gegen Nakamura prima funktioniert, warum nicht nun 18.-h5!?“. Dann übernahm Giri am Königsflügel, opferte zwei Figuren – Ergebnis Dauerschach, nicht mehr und nicht weniger. Nakamura-Svidler: Svidler spielte, wie bereits gegen Karjakin, nicht etwa Grünfeld-Indisch sondern Slawisch mit Übergang zum angenommenen Damengambit. Er erlaubte einen weissen Freibauern auf d7 – das sah gefährlich aus, aber war offensichtlich Vorbereitung da Svidler bis dahin quasi blitzte. Ins Grübeln kam er erst, als Nakamura 26.Dh7 spielte was in seinen ‚files‘ nicht erwähnt wird – also ist es schlecht, aber warum? Svidler fand am Brett 26.-h5! (schon wieder, dieser Bauer stand zuvor auf h6) und stand ab hier besser. Im Endspiel reichte ein Mehrbauer dann nicht zum Sieg. Wenn man so will, war er – wie oder noch mehr als in Runde 1 gegen Karjakin – moralischer Sieger: Remis mit Schwarz ist gut, ein „Plusremis“ noch besser. In der Tabelle bekamen er und Nakamura, der knapp am totalen Fehlstart vorbeischrammte, jeweils einen halben Punkt.

 

Der versprochene Vergleich 2013-2014-2016, erst oben dann unten: 2013 in London hatte Aronian mit 2,5/3 den besten Start – Remis gegen Carlsen war auch mit Weiss OK, dann Siege gegen Gelfand und Ivanchuk. Das Tempo konnte er nicht durchhalten, später wurde es ein Rennen um den Turniersieg zwischen Carlsen (zu diesem Zeitpunkt 2/3) und Kramnik, der mit drei, genauer gesagt sieben Remisen begann und dann auch vom Ergebnis her aufdrehte – Carlsen gewann nach Tiebreak. 2014 in Khanty-Mansiysk begann Anand mit 2,5/3 (Siege gegen Aronian und Mamedyarov, Remis mit Schwarz gegen Topalov) und wurde dann souveräner Turniersieger. Diesmal ist es nach derzeitigem Stand ein Dreikampf um den Turniersieg, aber es ist sicher zu früh für Prognosen. Unten: 2013 hatten Ivanchuk und Gelfand einen 0,5/3 Fehlstart, 2014 idem dito für Mamedyarov. Alle konnten nicht mehr in den Kampf um den Turniersieg eingreifen. Was die „Chancen“ von Spielern mit anfangs dreimal Remis betrifft: Kramnik 2013 hatte ich bereits erwähnt, 2014 begann sein alter Bekannter Topalov mit drei Remisen und wurde am Ende Letzter. Alles ist noch möglich – diesmal ist es früh aber nicht unplausibel, Topalov von der Liste potentieller Sieger zu streichen?

 

Ein Thema muss ich behandeln, auch wenn mich Schachpolitik nicht besonders interessiert: AGON hatte kurz vor dem Turnier spontan beschlossen, dass nur sie die Partien live übertragen dürfen. Juristisch gesehen gehen die Meinungen da, milde gesagt, auseinander. Einige andere verzichteten auf eine Liveübertragung, aber nicht alle – und letztere (dort namentlich genannt, aber das mache ich nicht) bekamen nun laut Agon-Erklärung eine „injunction“ (Unterlassungsverfügung). Agon beschwert sich auch über „denial of service“ – Attacken während der ersten Runde und suggeriert, dass diese eventuell von „denjenigen mit kommerziellem Interesse, unserer Kandidaten-Berichterstattung zu schaden“ stammen könnten. Was ist eine „denial of service“ – Attacke? Serverzugriffe stiegen zweimal sprunghaft an, das konnte der Agon-Server offenbar nicht verkraften. Das erste Mal um 16:15 Ortszeit, das zweite Mal um 17:45. Da die numerische Legende fehlt, kann ich nicht beurteilen ob da wirklich böse Absichten anderer eine Rolle spielten – ich kann mir auch vorstellen, dass das Internet-Interesse nach der Arbeit bzw. in der entscheidenden Phase der Runde spontan-sprunghaft zunahm.

 

Ich selbst hatte übrigens keine Probleme, das Geschehen auf worldchess.com zu verfolgen. Da sie Exklusivrechte beanspruchen, ein paar Worte, eher in Stichpunkten, zu ihrem Internet-Auftritt: Das Webdesign ist neu, ambitioniert und gewöhnungsbedürftig, aber das ist Ansichtssache. Die Liveübertragung ist etwas unvollständig, in der Gesamtübersicht aller vier Bretter fehlen die verbleibenden Bedenkzeiten (dafür muss man ein Brett anklicken). Laut Twitter-Auftritt von Worldchess ist das inzwischen angepasst: „We are listening to feedback! Clocks now visible on community board screen. More changes to follow…. “ – bei mir allerdings nicht, und es ist auch kein Cache-Problem da ich es gerade heute in einem anderen Browser versucht habe. Auf andere Vorschläge, z.B. „Wie wäre es mit Notation zur laufenden Partie?“ oder „Wann kann man die Liveübertragung auch auf einem Smartphone verfolgen?“ generell „Thanks for your feedback. We are working on it, watch this space!“. Sie sind offenbar lernwillig, vielleicht auch -fähig, und noch werden 11 Runden gespielt. Den Livekommentar von Miroshnichenko und Kosteniuk bewerte ich mit „solide-kompetent, Note 2-3“, aber das ist, noch mehr als alles andere, Ansichtssache. [Eines habe ich nebenbei erfahren: Laufabstandmässig liege ich zwischen Kosteniuk (momentan im Marathontraining) und Anand (Laufstrecke 5km). Samstag machte ich bei einem Wettkampf über 10km mit, meine maximale Strecke sind Halbmarathons.] Einen Vorteil haben sie: in Moskau hatten sie auch prominente Gäste:

 

Gelfand+Kosteniuk

 

Kramnik+Kosteniuk

 

Falls ich die Herren neben Kosteniuk vorstellen muss: oben Boris Gelfand (war wegen Aeroflot-Open in Moskau und blieb noch ein paar Tage), unten Vlad Kramnik (als Russe zu Besuch in seiner alten Heimat). Das war jeweils grossartig, heute war Nepomniachtchi dran aber ihn habe ich nicht mitbekommen. Zum Schluss noch ein Blick ins Pressezentrum-Auditorium:

 

Pressecenter-Auditorium

 

Wie geht es weiter? Montag ist Ruhetag, Dienstag mit Svidler-Aronian, Caruana-Topalov (Caruanas Chance, seine Remisserie zu beenden?), Karjakin-Anand (Spitzenduell) und Nakamura-Giri. Der Schachticker bleibt natürlich dran am Geschehen.

3 Antworten auf Verhaltener Start beim Kandidatenturnier

  • Jörg Erb sagt:

    Okay, wenn ich dann noch sagen darf, Deine Berichte lese ich schon lange.
    Vollkommen egal worüber Du schreibst, ich finde, sie sind die Launigstens auf dem Schachticker.
    Also, immer wieder gerne.

  • Danke, ist korrigiert! Denkfehler am späten Abend war: acht Teilnehmer, doppelrundig, also insgesamt sechzehn Runden. War mir selbst aufgefallen, aber da hatte ich bereits nicht nur den Computer heruntergefahren sondern lag schon im Bett.

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