Favoriten dahinter

guptachampion

Das Reykjavik-Open stand dieses Jahr, wie alles, etwas im Schatten des Kandidatenturniers. Aber auch auf Island wurde Schach gespielt – Ulla Hielscher ist Schachticker-Reporterin vor Ort, ich widme mich (aus der Ferne) dem reinen Turniergeschehen.

 

Letztes Jahr gewann in Reykjavik einfach so Erwin l’Ami, Nummer elf der Setzliste. Die Nummer zehn Abhijeet Gupta wusste dagegen, was sich gehört und wurde brav Zehnter. Dieses Jahr war Gupta wieder an zehn gesetzt, und diesmal hat er seine Elozahl vergessen. Noch überraschender wäre gewesen, wenn wieder die Nummer elf der Setzliste gewonnen hätte – das war Altmeister Beliavsky, der durchaus ordentlich mitmischte. Zeit dafür hatte er wohl, da sich sein Schützling Vachier-Lagrave nicht für das Kandidatenturnier qualifizierte. Erwin l’Ami fehlte dagegen, vielleicht gibt es einen Bezug zum Kandidatenturnier.

 

Ende der Seitenblicke nach Moskau, das war der Endstand in Reykjavik: Gupta 8.5/10, Andreikin 8, Cheparinov, Rapport, Mamedyarov, Movsesian, Rambaldi, Grigoriants, Melkumyan, Grandelius, Tari 7.5, usw. (232 Teilnehmer). Bis auf IM Aryan Tari, der sich erst ganz am Ende oben zeigte, sind alle erwähnten Spieler GMs.

 

Das Titelbild zeigt natürlich Gupta, alle Fotos Quelle Turnierseite.

 

Es bietet sich immer an, den Zwischenstand Runde für Runde zu erwähnen. Nach Runde 3 hatten noch elf Spieler 100%. Warum diverse Favoriten nur 2,5/3 auf ihrem Konto hatten, dazu später mehr. Nach Runde 4 hatten nur noch Abhijeet Gupta und Gawain Jones 100%, dahinter siebzehn Spieler mit 3,5/4.

 

Runde 5: Das Spitzenduell Jones-Gupta endete ausgekämpft remis, aus der Verfolgergruppe konnten drei Spieler ihre Partien gewinnen, also nun fünf ganz vorne: Cheparinov, Jones, Gupta, Movsesian, Rapport 4,5/5, dahinter 27 Spieler mit 4/5.

 

Runde 6: Am Spitzenbrett zerlegte Movsesian Rapports Kan-Sizilianer – mit einer Version von Opfern auf e6, die in diesem Beitrag (zu einer Partie aus der nordholländischen Provinz) nicht vorkommt. Dahinter gab es teilweise überraschende Ergebnisse, und damit auch Namen in der ersten Verfolgergruppe die man nicht unbedingt erwartet hätte. Stand: Movsesian 5,5/6, Cheparinov, Jones, Gupta, Shabalov, Beliavsky (alle GM), IM Sachdev, IM Petrov, GM Bromberger 5.

 

Runde 7: Viermal Remis an den vordersten Tischen: Cheparinov-Movsesian, Jones-Bromberger, Beliavsky-Petrov und Sachdev-Andreikin (Tania Sachdev wurde heruntergelost). Mit einem Schwarzsieg gegen Shabalov konnte Gupta wieder zur Spitze aufschliessen, in der Gruppe mit zuvor 4,5/6 gab es diverse Sieger und Verlierer, insgesamt stand es nun so: Gupta und Movsesian 6/7, Cheparinov, Jones, Mamedyarov, Rapport, Grigoriants, Beliavsky, Sachdev, Petrov, Bromberger, Sarkar, Grandelius (alle GMs bis auf die IMs Sachdev [Indien], Petrov [Russland] und Sarkar [USA]) 5.5.

 

Runde 8: An den ersten sechs Brettern Gupta-Movsesian 1-0, Mamedyarov-Beliavsky 1-0, Petrov-Grandelius 0-1 und dreimal Remis in Grigoriants-Rapport, Bromberger-Cheparinov und Sachdev-Jones. Neuer Stand: Gupta 7/8, Mamedyarov und Grandelius 6.5, sechzehn Spieler mit 6 Punkten.

 

Runde 9: Gupta gewann schon wieder, mit Schwarz gegen Grandelius. Die Turnierfavoriten Rapport und Mamedyarov spielten gegeneinander remis, danach diverse Entscheidungen. In GM-Duellen Brunello-Andreikin 0-1 (= Eloprognose), Rambaldi-Sargissian 1-0 (ungleich Eloprognose, der Armenier hat sich selbst reingelegt) und Bromberger-Melkumyan remis. IMs erzielten gegen GMs 1/5 (zweimal Remis, drei Niederlagen). Neuer Stand: Gupta 8/9, Cheparinov, Mamedyarov, Jones, Rambaldi, Andreikin 7, vierzehn Spieler mit 6.5.

 

Runde 10: Gupta stand – im Gegensatz zu Erwin l’Ami anno 2015 – noch nicht ganz definitiv als Turniersieger fest. Mit Rambaldi bekam er das, jedenfalls auf dem Papier, leichteste mögliche Los. In einem Katalanen opferte er einen Bauern, dafür hatte er Kompensation. Ab dem 25. Zug konnte er dann wiederholen bzw. der Gegner hatte die Wahl: Zugwiederholung akzeptieren oder den Bauern zurückgeben und etwas schlechter stehen. Beide waren wohl doch mit Remis zufrieden, für den jungen Italiener war es auch so ein erfolgreiches Turnier, für Gupta ohnehin. Mamedyarov-Cheparinov 1/2 war ebenfalls ein Katalane, hier gab Schwarz eine Qualität für zwei Bauern. Das Gleichgewicht war wohl nie wirklich gestört, wobei beide es versuchten. Andreikin-Jones 1-0, damit war der Russe ungeteilt Zweiter. In der nächsten Gruppe mit zuvor 6,5/9 gewannen meistens die Favoriten, IMs verloren generell (bis auf IM Sachdev – GM Beliavsky 1/2 und IM Tari – IM Sarkar 1-0).

 

Das waren die nackten Fakten. Gupta konnte sich mit einem 3/3-Zwischenspurt in Runde 7-9 entscheidend vom Feld absetzen. Shabalov besiegte er im Königsangriff, Movsesian und Grandelius jeweils im Endspiel.

 

 Grandelius-Gupta Bauernendspiel

 

Hier steht im Bartduell Grandelius(rechts) – Gupta das Bauernendspiel bereits auf dem Brett. Der Schwede hatte das entweder falsch beurteilt, oder er fand zuvor im Springerendspiel ohnehin nicht die zum Remis ausreichende beste Verteidigung.

 

Dmitry Andreikin kam etwas von hinten – nach vier Remisen in den ersten sieben Runden (gleich zweimal gegen Freilos sowie gegen IM Ly Moulthun aus Australien und IM Sachdev aus Indien) gewann er die letzten drei Partien. Remis gegen Freilos!? Offiziell heisst das „bye“: Es gab keinen Ruhetag und einmal eine Doppelrunde, auf Wunsch konnte man allerdings aussetzen und bekam dafür einen halben Punkt gutgeschrieben.

 

Brunello-Andreikin

 

Das ist Brunello-Andreikin (0-1), eine von Schwarz riskant angelegte Partie (auch das kann er, obwohl er in den paar Superturnieren die er spielen durfte den Spitznamen „Andrawkin“ hat) in der er zum Schluss von einem gegnerischen Patzer profitierte.

 

Andreikin war Nummer zwei der Setzliste und wurde brav Zweiter, nur eben nicht hinter dem Elofavoriten Mamedyarov. Mamedyarov und andere spielten keinesfalls schlecht, sondern etwa im Rahmen der Eloerwartung – nur halt nicht so überragend wie Gupta, der (TPR 2799) neben 5000 Euro Preisgeld auch genau 20 Elopunkte im Gepäck mitnehmen kann, d.h. 6,5/10 war gegen die Gegner, die er hatte, das „normale“ Ergebnis. Eine Rolle spielte vielleicht auch, dass Mamedyarov – wie einige andere – ebenfalls ein „bye“ nahm und damit früh einen halben Punkt Rückstand auf die Spitze akzeptierte. Entweder dachte er „das kann ich schon wieder aufholen“, oder vielleicht auch „ich bekam ein nettes Antrittsgeld, da muss ich nicht unbedingt um die vordersten Geldpreise mitspielen“. Ein Foto bekommt auch er:

 

Mamedyarov

 

Rapport konnte die erwähnte Niederlage gegen Movesian nicht mehr voll kompensieren, Sargissian landete am Ende noch weiter hinten: Niederlage gegen Rambaldi (s.o.), Bye und zweimal Remis gegen IMs sowie ein Remis gegen GM-Kollege Ramirez. Also 7/10, Platz 18 für die Nummer vier der Setzliste, und auch den Club 2700+ hat er momentan wieder verlassen.

 

movsesian_2016

 

Sergei Movsesian spielte ein gutes, aber kein überragendes Turnier – auf der Habenseite immerhin der schöne Sieg gegen Rapport.

 

Beliavsky

 

Dass Beliavsky die Seniorenwertung 60+ gewinnen würde, war praktisch Formsache – alle Konkurrenten in dieser Kategorie waren titellos. Aber er konnte durchaus vorne ordentlich mitmischen, wobei er – bis auf die Niederlage gegen Mamedyarov – keine grossmeisterlichen Gegner hatte.

 

Bevor ich kurz zu einigen (nicht allen) deutschen Teilnehmer(inne)n komme, die wohl andere Heldin des Turniers – mitdenkende Leser ahnen sicher schon, wer gemeint ist:

 

Sachdev

 

Tania Sachdev besiegte neben Ursula Hielscher (Elo 1875) und dem Iren Tom O’Gorman (2067) auch die Grossmeister Stefansson und Ramirez, und remisierte dann viermal gegen Andreikin, Jones, Movsesian und Beliavsky. Diese Erfolge hat sie sich sicher nicht „erlächelt“ (derlei Geschenke verteilen GMs nicht), sondern am Brett verdient. Das bedeutete auch eine GM-Norm, bereits nach Runde 9 gegen Movsesian definitiv:

 

taniagmnorm

 

Für Sachdev ist es die zweite GM-Norm, demnach hat sie – so der Rundenbericht auf der Turnierseite – „zwei Drittel des Wegs zum begehrten Titel“ hinter sich. Das ist ein bisschen Definitionssache, neben drei Normen braucht man für den Titel auch (jedenfalls einmal im Leben) Elo über 2500. Das hatte sie noch nicht, mit diesem Turnier hat sie sich immerhin von 2370 auf 2400 verbessert. Also bräuchte sie – ohne zwischenzeitliche Rückschritte – noch drei bis vier vergleichbare Turniere. Zwei Dinge nebenbei: Indien ist bei Opens oft zahlreich vertreten, aber in Reykjavik waren sie nur zu zweit (Gupta und Sachdev), vielleicht ist es den meisten Indern dort zu kalt? Allerdings haben diese beiden ihre Heimat wahrlich würdig vetreten. Und die meisten Rundenberichte, sehr ausführlich mit vielen Diagrammen, stammen von Manuel Weeks – dieser australische FM ist mir vom Namen her ein Begriff als „Gründervater“ des Limburg Opens, vor einigen Jahren wohnte er im äussersten Südosten der Niederlande. Und nun schreibt er für das Reykjavik-Open!? Was ist die Schachwelt doch klein und/oder global … .

 

Und nun kurz zu den deutschen Teilnehmern, ich erwähne da nur die IMs und den GM, nicht die immerhin 25 anderen. Die U18-IMs Jonas Lampert und Thorben Koop erzielten beide 7/10, allerdings auf etwas unterschiedliche Weise: Lampert spielte gegen nominell schwächere Gegner ziemlich souverän (jedenfalls vom Ergebnis her, die Partien habe ich mir nicht angeschaut), erzielte allerdings nur 0,5/3 gegen GMs. Koop begann holprig gegen nominell klar unterlegene Gegner (in den ersten vier Runden nur 2,5/4 gegen Elo 1851-2006), dann lief es besser, ab Runde 7 bekam er GMs und erzielte gegen diese 2,5/4. Zur Ehrenrettung von Lampert: er hatte die stärkeren GMs, und Niederlagen gegen Beliavsky und Grandelius waren durchaus akzeptabel und eventuell einkalkuliert.

 

Paehtz

 

IM Elisabeth Paehtz wurde für den Bericht zu Runde 5 fotografiert, mit den begleitenden Worten „The amicable German number one lady is gregarious person to talk to but as soon as she is playing she is all business and concentration.“ [Ich kann das nicht wirklich übersetzen, etwa: die liebenswerte deutsche Nummer eins bei den Damen ist eine nette Gesprächspartnerin, aber am Brett ist sie voll konzentriert]. In dieser Runde erzielte sie ein sicheres Schwarzremis gegen GM Grigoriants (nicht allzu bekannt, aber immerhin Elo 2587). Ihr Turnierhöhepunkt war wohl der recht glatte Sieg gegen GM/Eröffnungstheoretiker/Buchautor Mihail Marin, daneben Niederlagen gegen Beliavsky und Cheparinov und ziemlich erfolgreich gegen nominell schwächere Gegner. Am Ende 6,5/10 und Platz 23 für die Nummer 29 der Setzliste. Bei den Damen stand sie im Schatten von Tania Sachdev, vermutlich für sie kein Problem: Vor einigen Jahren spielten sie gemeinsam in Wijk aan Zee (C-Gruppe?), mein Eindruck damals: sie verstehen sich prima, ein Gespräch vor einer Runde hatte ich mitbekommen, bei ihrem gemeinsamen Shopping-Ausflug nach Amsterdam war ich nicht dabei.

 

Bromberger

 

GM Stefan Bromberger kommt erst jetzt, da ich die Deutschen nach Endergebnis sortiere und er fiel durch eine Niederlage gegen Rapport in der letzten Runde noch zurück auf Platz 30 (6,5/10). Diese Niederlage war vielleicht vermeidbar – er konnte lange mithalten und übersah dann doch einen Trick des trickreichen Ungarn. Er gilt offenbar als solide und bestätigte das, indem er sowohl gegen FMs remisierte (eine von drei Partien gewann er allerdings) als auch gegen starke GMs (Jones, Cheparinov und Melkumyan). Das Foto bekam er anlässlich seiner spannenden Partie gegen Cheparinov in Runde 8 – kein Kommentar von Manuel Weeks zu seiner Person, aber fünf Diagramme zur Partie.

 

Als Letzter noch der Aachener IM Christian Braun – ich sprach ihn beim Limburg-Open 2014, aber er spielt anscheinend auch Turniere mit weiterer Anreise per Flugzeug. Ebenfalls 6,5/10, nach Wertung Platz 39. Niederlagen gegen die GMs Ramirez und Beliavsky (der damit gegen Deutschland 3/3 erzielte), Sieg gegen GM Kristjansson (zwar nur Elo 2478, aber als Isländer hatte er Heimvorteil), Remis gegen den nominell stärkeren dänischen IM Mads Andersen und 5/6 gegen schwächere Gegner.

 

Soviel aus/über Reykjavik, noch ganz kurz und knapp zu einem anderen Open in Vietnam: Beim HD Bank Cup gewann Wang Hao mit 8/9. Er war Favorit, aber Favoriten gewinnen nicht immer und dieses Ergebnis (TPR 2889) ist eine Hausnummer. Dahinter GM Zhao Jun aus China mit 7,5/9, GM Laznicka aus Tschechien mit 7/9, IM Bogdanovich aus der Ukraine mit 6,5/9 und sieben Spieler mit 6/9, darunter mit der schlechtesten Wertung der an zwei gesetzte Ni Hua, der sich gegen unbekannte Vietnamesen mit Elo unter 2500 recht schwer tat. Jeweils nur ein Spieler auf den ersten vier Plätzen, wie oft gibt es das in offenen Turnieren?

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