Merkwürdige Dinge geschehen im Kandidatenturnier

 

KarjakinWas war alles merkwürdig in Runde 4-6? Runde 4: Karjakin hatte noch nie gegen Anand gewonnen (allerdings mit klassischer Bedenkzeit auch zuletzt 2006 und 2007 verloren, seither spielten sie zehnmal remis gegeneinander), und nun in einem für beide, vielleicht noch mehr für ihn selbst wichtigen Turnier. Runde 5: Topalov verzichtete auf ein interessantes Figurenopfer und spielte stattdessen positionell, später bot er (grösster Fan der Sofia-Regeln) selbst remis. Der verstorbene Vugar Gashimov spielte plötzlich mit, oder zumindest seine Eröffnung (Benoni). Runde 6: Svidler begann eine Pressekonferenz nicht mit einem Wortschwall, sondern sagte nur zu seinem Gegner „go ahead!“. In Runde 4 und 6 randalierten h-Bauern.

 

Insgesamt ein buntes Treiben, auch wenn nur drei von zwölf Partien Sieger und Verlierer hatten – diesmal nicht gleichmässig über die Runden verteilt, sondern Karjakin-Anand 1-0 in Runde 4, nichts in Runde 5 sowie Anand-Svidler 1-0 und Aronian-Nakamura 1-0 in Runde 6. Damit ist klar, wer Fortschritte machte, wer auf der Stelle trat (neben Anand die drei nicht erwähnten Spieler) und wer in der Tabelle zurückfiel. Stand nach sechs von vierzehn Runden: Karjakin und Aronian 4/6, Anand 3.5, Caruana und Giri 3, Svidler 2.5, Topalov und Nakamura 2. Für das Titelbild (alle Fotos wieder vom russischen Schachverband) und eigentlich auch für den Titel „Karjaking!?“ hatte ich mich bereits entschieden, bevor Aronian in Runde 6 nach langem Kampf Nakamura besiegte und zu Karjakin aufschliessen konnte.

 

Es würde sich vielleicht anbieten, bei Halbzeit zu berichten – also nach sieben Runden, dann haben alle einmal gegeneinander gespielt. Zwei Dinge sprechen dagegen: Ruhetag ist nun einmal nach jeweils drei Runden, also nun wiederum nach der sechsten, und ich berichte jeweils zum Ruhetag. Ausserdem darf oder muss ich Samstag selbst Schach spielen, werde die Runde in Moskau daher live verpassen und habe vielleicht abends keine Lust mehr, mich noch mehr mit Schach zu beschäftigen. Nebenbei: Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, aber vielleicht fällt die Meisterschafts-Entscheidung in Klasse 2A des nord-holländischen Schachverbandes bereits eine Runde vor Schluss. Die Minimalisten von En Passant (mein Verein) haben bisher viermal 4,5-3,5 gewonnen und nur gegen einen Abstiegskandidaten 6-2. Da die Konkurrenz bereits (nicht nur gegen uns) patzte, reicht ein 4-4 zum nicht unbedingt einkalkulierten Titel. Beim Kandidatenturnier wird allerdings wohl keiner gewinnen, der nicht damit rechnete (denn alle acht rechnen damit), und die Entscheidung fällt womöglich erst in der letzten Runde. Und nun zum Geschehen in Moskau:

 

Runde 4:

 

Nakamura-Giri

 

Nakamura-Giri 1/2 war ein Kurzremis, nicht unbedingt betrifft Anzahl Züge (32, vor dem 30. Zug darf man beim Kandidatenturnier nicht einfach so remis vereinbaren), aber betrifft die beiderseits nicht verbrauchte Bedenkzeit. Sie spielten eine Variante im Meraner Semi-Slawen, die beide offenbar sehr gut kannten. Mit Schwarz spielte das zuvor unter anderem Shirov, Giri hatte es einmal mit Weiss gegen ebendiesen Shirov und gewann. Auch nach Giris Neuerung 18.-Se5 spielten beide relativ flott, am Ende hatte Nakamura die Wahl zwischen Dauerschach und einem schlechten Endspiel und entschied sich für das Dauerschach. Derlei Partien, in denen beide alle Züge bereits vorher kannten, gibt es mitunter.

 

Bei Svidler-Aronian 1/2 entstand aus der Eröffnung heraus ein kurioses Endspiel mit gleich vier c-Bauern – weisse auf c3 und c4, schwarze auf c5 und c6. Zu diesem Zeitpunkt hatte Weiss einen Bauern weniger, aber volle Kompensation mit Läuferpaar und Entwicklungsvorsprung. Den Bauern gewann er doppelt zurück, unklar ob er dann Gewinnchancen verpasste, am Ende remis.

 

Caruana-Topalov Pressekonferenz

 

Bei Caruana-Topalov 1/2 (Foto von der anschliessenden Pressekonferenz, rechts Kommentator Miroshnichenko) hat Weiss sicher Gewinnchancen verpasst. Es begann piano, genauer gesagt Giuco Piano – auch Italienisch ist ein Anti-Berliner. Lange wurde manövriert, Weiss erarbeitete sich Vorteile am Damenflügel, Schwarz stand optisch schön bzw. drohend am Königsflügel aber es ging nicht so recht weiter. Daher Vorteil Caruana, erst recht nachdem Topalov mit 37.-De7? 38.Sxd6! patzte und direkt danach eine Figur opferte, um Verwirrung zu stiften. Das war vor der Zeitkontrolle, direkt danach konnte Caruana mit 41.Txf6 seine Mehrfigur konsolidieren mit Gewinnstellung. Stattdessen führte 41.T1b5 nur zu einem optisch besseren, aber objektiv vermutlich remisen Doppelturmendspiel. Caruana dachte fälschlich, dass er zwei Mehrfiguren habe und eine ohne weiteres retournieren konnte. Am Ende remis, eine verpasste Chance für Caruana, und Topalov vermied gerade so die dritte Niederlage in vier Partien.

 

Karjakin-Anand2

 

Karjakin-Anand 1-0 begann mit 1.Sf3 d5 2.e3!? – also eine absolute Nebenvariante. Svidler dazu: „Um nicht-theoretische Eröffnungen zu spielen, muss man jede Menge Theorie kennen.“ Karjakin dankte seinen Sekundanten, die sehr hart arbeiteten um diese neue Idee vorzubereiten. Gemeint ist 8.Dc2 nebst – hallo h-Bauer – 9.h4!? . Er verzichtete dann auf lange Rochade sondern rochierte im 15. Zug doch kurz, nach eigener Aussage hatte 9.h4 seinen Zweck erfüllt: sonst hätte Anand nicht das schwächende 10.-f5 gespielt um Ideen mit weissem Sg5 abzufedern. Nun wurde es positionell mit hängenden schwarzen Zentralbauern auf c5 und d5. Beide kritisierten hinterher Anands 19.-L(b7-)a6?!, diesen Läufer sollte er nicht abtauschen sondern behalten um eventuell mit -d4 (auch als Bauernopfer) dynamische Chancen auf der langen Diagonale zu erhalten. Ab hier hatte Karjakin Oberwasser, und nach 43.Sc3 gab Anand auf. Bauernverlust war unvermeidlich, ausserdem musste er entweder den Abtausch aller verbleibenden Figuren akzeptieren mit für Weiss glatt gewonnenem Bauernendspiel, oder ein ebenfalls hoffnungsloses Turmendspiel mit zwei Minusbauern akzeptieren.

 

Karjakin übernahm damit die Führung im Turnier, wer hatte damit gerechnet? Am ehesten Sergei Shipov, der ihn als einen der Favoriten bezeichnete (neben Caruana und eventuell Nakamura), und auch ein gewisser Magnus Carlsen nannte Karjakin im dritten Anlauf (erst sagte er „keiner, alle haben ihre Chancen“, dann „Caruana, Aronian und Karjakin“) seinen Favoriten für den Turniersieg: „Es ist ziemlich offen, aber vielleicht glaube ich am ehesten an Karjakin. Er ist ein Kämpfer, kann gut verteidigen, ist gut vorbereitet und mental stark.“ (Quelle für diese norwegische Quelle: Eyal01 per Kommentar auf chess24, der wie ich Google übersetzen liess).

 

Runde 5: Viermal remis, nichts los? Zutreffend ist es für Anand-Nakamura 1/2, wieder ein Anti-Berliner mit 4.d3. Anand wollte wohl – nach der Niederlage tags zuvor und angesichts seines schlechten Scores gegen Nakamura – nicht allzu viel riskieren, und auch der neuerdings pragmatische Nakamura war mit einem Schwarzremis wohl zufrieden. Giri-Svidler 1/2 war ein interessantes Geplänkel, dann wiederholten beide auf vollem Brett die Züge.

 

Topalov-Karjakin 1/2: Karjakin spielte mal wieder Damenindisch – hier muss ich Maxime Vachier-Lagrave, dessen Analysen auf chess.com ansonsten hervorragend sind, etwas widersprechen: Das spielt er nicht erst seit kurzem („these days“), sondern ziemlich regelmässig seit 2006. Topalov spielte seine bisher beste Partie und entkorkte die interessante Neuerung 11.Tb1!?, Idee offensichtlich b3-b4. Schwarz verhinderte das mit 11.-c5!? – prinzipiell und etwas riskant, denn nun hatte er (vergleiche gestern gegen Anand) hängende Zentralbauern. Die zweite Idee von 11.Tb1 wurde schnell klar: 15.Tb2, Idee Td2 mit noch mehr Druck gegen d5. Und nach 15.-Ld6 der eingangs erwähnte Moment: Weiss konnte mit 16.Sxf7 interessant und vielversprechend eine Figur opfern und entschied sich für das positionelle 16.Sd3. Druck hatte er weiterhin, aber Karjakin verteidigte sich präzise – das kann er, laut Magnus Carlsen und anderen Schachkennern. Direkt nach der Zeitkontrolle bot Topalov selbst remis, Karjakin war einverstanden.

 

Aronian-Caruana vor -c5

 

Aronian-Caruana 1/2: Noch ahnt Aronian nicht, was gleich passiert – Caruana wird 3.Sf3 mit 3.-c5!? (Benoni) beantworten! Es entstand unvermeidlich eine komplizierte Stellung, Aronian entschied sich für Attacke, u.a. das typische Bauernopfer 20.e5!? dxe5 21.f5 und wollte nach eigener Aussage Caruana matt setzen. Offenbar hätte es funktioniert, wenn er im entscheidenden Moment seinem Bauchgefühl vertraut und richtig fortgesetzt hätte – so jedenfalls chess24 im Rundenbericht „Aronians verhinderte Glanzpartie“. Später hatte Caruana drei Mehrbauern und erlaubte eine Zugwiederholung, da Weiss ansonsten nach wie vor gefährlichen Königsangriff hätte. Diese Partie verdient eigentlich noch mehr Worte, sicherlich nicht „remis in 30 Zügen, buh!“, aber ich bin dafür nicht kompetent.

 

Caruana Aronian Pressekonferenz

 

Die anschliessende Pressekonferenz war auch sehr unterhaltsam.

 

Runde 6: Ich beginne mit den Remispartien: Topalov-Giri begann mit 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3. (hallo) h4!!? – was unterschiedlich kommentiert wurde. Pavel Eljanov auf Twitter: „It seems 3.h4!? was well-known to many people“, dagegen Emil Sutovsky auf Facebook „Feeling pretty proud for old good Grünfeld – we (the protagonists of the opening) must have been doing a great job, if white has to try something like 3.h4?!“. Versucht hatten es zuvor der ex-2700er Korobov (beim Aeroflot-Open 2016 erlitt er Schiffbruch gegen Jumabayev), der Eröffnungschaot Richard Rapport, der Serbe Ivanisevic und mehrfach der Kaffeehausspieler (im Gegensatz zu Ilja Schneider mit GM-Titel) Simon Williams. Giri entschied sich für 3.-c5 nebst Wolga-Gambit und wich im achten Zug mit 8.-d6 (statt 8.-e6) von Korobov-Jumabayev ab. Schwarz stand wohl immer bequem und erreichte später ein für ihn besseres Remisendspiel.

 

Karjakin + Caruana round 5

 

Zu Caruana-Karjakin 1/2 gibt es noch kein Foto, daher zeige ich beide aus Runde 5 (Caruana als Kibitz). Karjakin spielte, na klar, Damenindisch und erreichte, na klar, eine Stellung mit hängenden Zentralbauern. Diesmal spielte Weiss (17.)b4, Karjakin nahm diesen Bauern und musste (bzw. das war wohl so geplant) seine Dame für Turm, Leichtfigur und Bauer geben. Kann Weiss gewinnen, oder hat Schwarz eine Festung? Ganz klar ist es (mir) objektiv nicht, später setzte Schwarz alles auf seinen freien d-Bauern und bekam, so wie Caruana fortsetzte, sein Material zurück. Die nächste starke Verteidigungsleistung von Karjakin, eventuell die nächste verpasste Chance von Caruana.

 

Anand-Svidler 1-0, selbst Svidler war relativ sprachlos aber erschien zur Pressekonferenz. Eröffnung war Spanisch, was Svidler ziemlich gut kennt, aber dann unterschätzte er wohl den überfallartigen weissen Angriff am Königsflügel total. Seinen h-Bauern zog Anand erst mit 24.h4, und das war Verteidigung gegen Gegendrohungen auf der Grundreihe – sobald diese irrelevant waren, gab Svidler auf. Immerhin machte er es besser als Aronian, der in Zürich gegen Anand in 19 Zügen verlor.

 

Dann war da noch …

 

Aronian-Nakamura

 

Aronian-Nakamura 1-0 – ebenfalls Damenindisch, aber Aronian wählte eine schärfere Variante mit dem Bauernopfer 5.Dc2 c5 6.d5 – theoretisch recht bekannt aus Partien von Aronian und vielen anderen. Generell gilt da: irgendwann bekommt Weiss den Bauern zurück, und Schwarz hat entweder Ausgleich oder nicht ganz. Letzteres war wohl hier und heute der Fall – Aronian behielt auch im Endspiel die Initiative. Nakamura wickelte in ein reines Turmendspiel ab, das war nicht nötig und wohl nicht am besten, Aronian gefiel es jedenfalls. Dieses Endspiel zu analysieren überfordert mich, nicht nur angesichts meiner Zeitnot (es ist bereits nach Mitternacht), im 74. Zug dann … Nakamura berührt seinen König für ungefähr drei Sekunden und will dann doch einen anderen Zug spielen. Aronian protestiert, der daneben stehende Schiedsrichter kennt ebenfalls die „Berührt geführt“ Regel. Nach dem nun „erzwungenen“ 74.-Kf8 (bzw. andere Königszüge verlieren auch) hat Aronian eine glatte Gewinnstellung. In der anschliessenden Pressekonferenz überraschte er die Kommentatoren Miroshnichenko und Kosteniuk mit der Aussage „ich stand ohnehin gewonnen“. Ich kann das nicht beurteilen, wieder Sutovsky auf Facebook legt sich fest: „I am sorry, but Aronian pretending this endgame to be winning left me speechless. I put it mildly. This sounds like a complete rubbish. The plan he claimed to „know“ and to be „simply winning“ just doesn’t work and has more than one refutation. Top player is not supposed to mislead hundreds of thousands people this way.“ [Es tut mir leid, aber ich bin sprachlos angesichts Aronians Aussage, dass dieses Endspiel gewonnen ist. Ich bin diplomatisch. Das klingt wie völliger Unsinn. Sein Plan funktioniert einfach nicht und hat mehr als eine Widerlegung. Ein Spitzenspieler sollte nicht hunderttausende Zuschauer so täuschen.] Noch schärfere Kritik hat er an Nakamuras Verhalten – Nakamura war auch danach sichtbar wütend, nachdem er später auf Zeit (und Stellung) verlor unterschrieb er widerwillig die Formulare und verzichtete offenbar auf einen Händedruck mit Aronian, zur Pressekonferenz (beim Kandidatenturnier sonst mit Sieger und Verlierer) erschien er nicht.

 

Partien der siebten Runde: Svidler-Caruana, Karjakin-Aronian, Nakamura-Topalov und Giri-Anand. Am wichtigsten wohl das Spitzenduell zwischen Karjakin und Aronian, am unwichtigsten (es sei denn einer oder beide berappeln sich und haben in der zweiten Turnierhälfte einen Lauf) das Kellerduell Topalov-Nakamura.

 

Da es schon sehr spät ist, verzichte ich auf Neues zum Thema „Agon gegen andere (die die Partien ebenfalls live übertragen)“ bzw. erwähne nur für der französischen Sprache mächtige Leser die Analyse von Europe Echecs in ihrem Bericht zu Runde 5. Deren Fazit: „En résumé, si une guerre picrocholine « Agon contre les rebelles » existe, c’est uniquement parce que le site officiel n’est pas à la hauteur.“ [Zusammenfassend, wenn es einen Mikro-Krieg zwischen Agon und den Rebellen gibt, dann nur weil die offizielle Turnierseite ’schwächelt‘]

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