Vom Finale der Frauen-Bundesliga ein Beitrag von Dr. THOMAS MARSCHNER

 

Blick in die Aula der Max-Planck-Schule

Blick in die Aula der Max-Planck-Schule

Der SK Schwäbisch Hall hat beim Finale der Frauenbundesliga den Meistertitel um 1,5 Brettpunkte verpasst. Trotz zweier Siege gegen Kiel und Hamburg, die in der Endabrechnung Dritter wurden, reichte es „nur“ zur erneuten Vizemeisterschaft hinter Baden Baden. Raymund Stolze hat schon über die Dramaturgie des letzten Spieltags, die insbesondere aus den verschiedenen Internetblogs hervorging, berichtet, daher hier jetzt noch ein paar Impressionen aus Schwäbisch Haller Sicht vom Bundesligawochenende in Kiel.

 

Die Kielerinnen um die gerade erst aus Reykjavik vom Open zurückgekehrte Ulla Hielscher erwiesen sich bei ihrem vorerst letzten Bundesligaauftritt als vorbildliche Gastgeberinnen. Spielerinnen, Betreuer und Zuschauer wurden bestens versorgt. Vielleicht klappt es ja schon in der nächsten Saison mit dem direkten Wiederaufstieg.

 

Gespielt wurde in der geräumigen Aula der Max-Planck-Schule, und die Hamburger sorgten mit ihren DGT-Brettern für eine Liveübertragung aller Partien.

Am Samstag hatte Schwäbisch Hall mit den Kielerinnen relativ leichtes Spiel. Die Spitzenbretter Irina Bulmaga und Ekaterina Atalik schossen eine schnelle 2-0 Führung heraus. Irina Bulmaga nutzte die zweifelhafte Eröffnungsbehandlung von Luba Kopylov aus und konnte einen weißen Springer auf e6 einpflanzen, der das schwarze Spiel völlig lähmte. Ekaterina Atalik schaffte es schon zum zweiten Mal in dieser Saison, nach weniger als 12 Zügen mit Schwarz auf Gewinn zu stehen. Alina Raths Springer geriet auf a4 auf Abwege, die folgende Abwicklung kostete am Ende einen ganzen Turm.

 

 

Ekaterina Atalik nutzte die gegnerischen Eröffnungsfehler gnadenlos aus

 

Als nächstes gewann Deimante Daulyte, die mit einer „petite combinaison“ einen Bauern gewann und sich den Vorteil nicht mehr nehmen ließ. Mutter und Tochter Zpevakova legten nach. Am längsten wehrte sich Ulla Hielscher gegen Karina Ambartsumova, musste am Ende aber auch die Waffen strecken. Im Parallelspiel musste Hamburg deutlich länger um den 4-2 Sieg gegen Deizisau kämpfen. Hervorzuheben ist der Sieg von Judith Fuchs, die die ungestümen Angriffe von Hanna Marie Klek auf ihre Königsstellung cool abwehrte und im Endspiel gewann.

 

 

Mutter und Tochter Zpevakova

 

Damit war alles gerichtet für den Showdown zwischen Schwäbisch Hall und Hamburg am Sonntag.

 

Schwäbisch Hall verstärkte die Mannschaft für Sonntag noch mit Alina Kashlinskaya und Iva Videnova. Letztere nahm den weiten Weg von Dubai, wo sie aktuell gemeinsam mit ihrem Verlobten als Schachtrainerin arbeitet, nach Hamburg auf sich, um das Team zu unterstützen. Iva war vor einigen Jahren die erste „Verpflichtung“, als die Haller Damenmannschaft noch in der Regionalliga gegründet wurde, sie spielte auch schon für die Haller Herrenmannschaft noch zu Oberligazeiten. Die „georgische Achse“ Bella Kotenashvili und Nino Batsiashvili stand wegen der in Kürze beginnenden georgischen Meisterschaft nicht zur Verfügung.

 

Nachdem die Flüge beider Spielerinnen mehr als eine Stunde Verspätung meldeten, schwangen sich der Autor und Chefbetreuer Mario Meinel kurzentschlossen ins Auto und holten beide direkt am Hamburger Flughafen ab, da nicht klar war, ob sie noch einen Bus nach Kiel erwischen würden. Beide dankten es ihnen am nächsten Tag mit 2 Punkten, aber dazu später mehr. Die Gruppe schaffte es mit einstündiger Verspätung durch die vielen Autobahnbaustellen zwischen Hamburg und Kiel zum gemeinsamen Abendessen, bei dem sich Iva endlich mal wieder auf ein Stück Schweinefleisch freute, das man in Dubai ja nicht bekommt. Die beiden ersetzten Mutter und Tochter Zpevakova, die so am Sonntag bei ihrem ersten Ostseeaufenthalt noch in den Genuss einer Hafenbesichtigung in Kiel kamen.

 

Bei Hamburg saß am Sonntag für Sarah Hoolt die Grand-Prix-Zweite Sara(sadat) Khademalsharieh am Brett. Sie durfte am Samstag aus politischen Gründen nicht spielen, da Yuliya Naiditsch israelische Staatsbürgerin ist, und mögliche Probleme mit ihrer Regierung wollte man Sara natürlich ersparen.

 

 

Irina Bulmaga gegen Sara Khadelmalsharieh

 

Zunächst verliefen die Partien, obwohl fast alle Partien relativ scharf angelegt waren. Erst nach 2,5 Stunden und zunehmender Zeitnot überschlugen sich die Ereignisse. Iva Videnova sorgte gegen Marta Michna, immerhin die aktuelle Nummer 2 Deutschlands, für die 1-0 Führung, sie stand die ganze Partie über mit Schwarz aktiver und gewann im Königsangriff. Wieder einmal war Iva exzellent vorbereitet und kam schon deutlich besser aus der Eröffnung. Die fehlende Turnierpraxis aufgrund ihres Dubai-Aufenthalts merkte man ihr in keiner Phase der Partie an.

 

 

Iva Videnova (links) gewann glatt gegen Marta Michna

 

Die Partie zwischen Judith Fuchs und Deimante Daulyte endete remis, ebenso kurz darauf die Partie von Ekaterina Atalik gegen die zweite Hamburger Iranerin Atousa Pourkashiyan.

 

Deimante spielte eine seltene Variante im sizilianischen beschleunigten Drachen und erlange bequemes Spiel, das aber gegen die umsichtige Verteidigung von Judith Fuchs nicht reichte, beide ließen es sich dann nicht nehmen, bis zum blanken König zu spielen, obwohl der Schiedsrichter die Partie abrupt beendete, bevor Judith den letzten Läufer schlagen konnte. Ekaterina war die ganze Partie am Drücker, stellte dann einen Bauern ein, als sie „vergaß“, dass der gegnerische Turm einen ihrer Bauern angriff, konnte aber dank ihrer aktiven Stellung das Remis retten.

 


Judith Fuchs (links) und Deimante Daulyte trennten sich remis

Diana Baciu (rechts) verlor gegen Karina Ambartsumova,

 

Die Entscheidung für Schwäbisch Hall fiel am Spitzenbrett. Monika Socko, die alle ihre bisherigen Partien gewonnen hatte, stand gegen Alina Kashlinskaya mit Mehrbauer und Läuferpaar glatt auf Gewinn, als sie versuchte, auf Matt zu spielen und aufgrund einer ziemlich tückischen Springergabel einen Läufer einstellte. Schon direkt nach Ausführung ihres Zugs schüttelte sie den Kopf, als sie ihr Versehen erkannte. Die entstandene Stellung verwertete Alina sicher zum Sieg.

 

 

Alina Kashlinskayas Sieg gegen Monika Socko (links) brachte die Entscheidung

 

Das war die Vorentscheidung, da Karina Ambartsumova an Brett 6 gegen Diana Baciu 2 Mehrbauern hatte, die sie schon in der Eröffnung, einem scharfen Winawer-Franzosen, gefressen hatte. Ihren Vorteil ließ sie sich nicht mehr nehmen und schob die Partie sicher nach Hause.

 

Als letztes spielte wie so oft Irina Bulmaga, diesmal aber ohne Happy-End. Gegen ihre starke iranische Gegnerin Sara Khademalsharieh gab sie zunächst einen Bauern, ließ dann ein Dauerschach aus, um selber auf Gewinn zu spielen und verlor nach einigen Verwicklungen und beiderseitigen Fehlern am Ende im Endspiel. Wahrscheinlich war die Stellung zwischendurch auch mal für Irina gewonnen, allerdings war die Niederlage nur noch Ergebniskosmetik für die Hamburgerinnen, die trotz der Niederlage den Saisonabschluss als Dritter nach einer fantastischen Saison mit T-Shirts „Meister der Herzen“ feierten.

 

 

Während der Wartezeit auf das Endergebnis aus Friedberg zwischen Baden Baden und Bad Königshofen analysieren die Haller Damen Irina Bulmagas Partie. Von links: Ekaterina Atalik, Deimante Daulyte, Irina Bulmaga, Iva Videnova

 

Die andere Begegnung am Sonntag zwischen Deizisau und Kiel ging vor dem Showdown um die Meisterschaft etwas unter. Deizisau gewann glatt mit 6-0, musste aber für den Sieg deutlich länger arbeiten als Schwäbisch Hall am Vortag. Damit wurde Deizisau am Ende in der Tabelle guter Sechster.

 

Obwohl es am Ende nicht ganz reichte, ist die zweite Vizemeisterschaft in Folge ein Riesenerfolg für das Schwäbisch Haller Team. Die Hallerinnen spielten eine fantastische Saison, schlugen mit Baden Baden, Bad Königshofen und Hamburg alle 3 Topmannschaften der Liga und sorgten für das wohl spannendste Ligafinale aller Zeiten. Nach den Schwierigkeiten mit der Finanzierung zu Saisonbeginn konnte mit einem solchen Erfolg überhaupt nicht gerechnet werden.

 

 

Schwäbisch Haller Spielerinnen und Betreuer, von links: Ekaterina Atalik, Katerina Zpevakova, Iva Videnova, Thomas Marschner, Karina Ambartsumova, Alina Kashlinskaya, Deimante Daulyte, Gregor Krenedics, Jana Zpevakova, Irina Bulmaga und Mario Meinel

 

Zu guter Letzt gab es noch einen unerwarteten Erfolg für eine Schwäbisch Haller Spielerin: Irina Bulmaga gewann den Preis des Schach-Tickers als beste Nachwuchsspielerin U23 der Liga. Fast wäre Irina den Preisverleihern entgangen, spielt sie doch schon seit ihrem 17. Lebensjahr in der deutschen Bundesliga, sie spielte ja früher für Friedberg. Den Preis schnappte sie ganz knapp ausgerechnet einer ihrer besten Freundinnen weg, der Hamburgerin Diana Baciu. Beide kommen ursprünglich aus Chisinau in Moldawien und kennen sich schon seit sie 8 Jahre alt sind.

 

Spielerinnen, Fans und Betreuer feierten den Vizemeistertitel dann noch gemeinsam im Hamburger portugiesischen Viertel und freuen sich schon auf die nächste Saison und da besonders auf die zentrale Endrunde in Berlin. Sie sind guter Hoffnung, dass die Finanzierung dieses Mal einfacher und vor allem früher als im Vorjahr gesichert werden kann.

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