Caruana kommt, Karjakin bleibt

 

Das ist die kurze Zusammenfassung der letzten drei Runden (zusammen genommen, jede Runde für sich könnte Caruana interviewman auch anders beschreiben). Ergänzend könnte man noch sagen: Anand kommt und geht, Aronian geht, Giri remisiert, und nun haben wir bereits fünf von acht Spielern. Die drei anderen haben sich entweder verbessert (Svidler, Nakamura) oder verschlechtert (Topalov), haben allerdings – wie Giri – nach menschlichem Ermessen (in diesem Zyklus) keine Chance mehr auf ein WM-Match gegen Carlsen. Bei Topalov ist es bereits definitiv, denn drei Punkte Rückstand auf Platz eins kann man in zwei verbleibenden Runden nicht mehr aufholen. Eine kleine Chance auf den vorletzten Platz hat er immerhin noch.

 

So steht es momentan: Karjakin (nach Tiebreak vorne) und Caruana 7/12, Anand 6.5, Svidler, Giri, Aronian 6, Nakamura 5.5, Topalov 4.

 

Das Titelbild (Fotos, wenn nicht anders angegeben, wieder vom russischen Schachverband) zeigt Caruana mit rechts Peter Doggers – die anderen im Hintergrund (er)kenne ich nicht. Peter Doggers in Diensten des amerikanischen chess.com hat dieses Interview nach Runde 10 sicher gerne geführt, zumal Nakamura kaum Anlass zu Jubelarien liefert – nach Runde 12 kommen sie womöglich doch noch. Das WM-Match wurde ja bereits nach New York vergeben, und dann hiess es „jetzt muss sich ein Amerikaner qualifizieren, dann melden sich mehr Sponsoren und gibt es mehr Preisgeld“. Mal abgesehen davon, dass für mich (im Gegensatz zu anderen) Preisgeld nicht das Aller-Allerwichtigste ist, stört mich dieser Automatismus. Zumindest „interessant“, dass neben einem Wunschkandidaten derzeit der wohl unerwünschteste Spieler vorne liegt, und Karjakin hat den besseren Tiebreak: mehr Niederlagen bzw. offiziell heisst es „most wins“. Erster Tiebreaker ist das Ergebnis des Mini-Matches, das wird erst in der letzten Runde entschieden. Zwischen Karjakin und Anand steht es da 1-1 – schlauerweise im Tiebreak-Sinn nicht zweimal Remis, sondern zwei Weissiege. Caruana besiegte Anand 1,5-0,5 – das heisst de fakto muss Anand nicht einen halben, sondern einen Punkt Rückstand auf Caruana aufholen. Jetzt habe ich schon ein bisschen verraten, was in Runde 10-12 alles passierte, nun der Reihe nach:

 

Runde 10: Im Mittelpunkt stand Caruana-Anand 1-0:

 

Caruana-Anand

 

Anand verlor die Partie wohl – zumindest „im höheren Sinne“ – bereits in der Eröffnung. Team Caruana hatte in einem englischen Abspiel das erstaunlich giftige 12.Dc2!? vorbereitet; Team Anand kannte, jedenfalls aus eigener Erfahrung am Brett, zuvor nur 12.Lg5 (das hatte Anand beim Sinquefield Cup 2015 gegen Aronian, und sein Sekundant Gajewski in einer Blitzpartie gegen Tomashevsky). Anand grübelte und fand auf Dauer nicht die besten Antworten. Caruanas Figurenopfer 18.Lxh6!? war vielleicht etwas übereifrig, aber Anand musste die Figur zurückgeben und griff kurz danach mit 22.-Se4? definitiv daneben. Wer ist eigentlich Caruanas Sekundant? Rustam Kasimdzhanov, der früher in Anands Diensten war – seit sich ihre Wege trennten, half er der deutschen Nationalmannschaft, chess24, Karjakin und nun Caruana.

 

Was Eröffnungen betrifft, war es ein kurioser Tag: Dasselbe englische Abspiel stand auch in Svidler-Nakamura und Aronian-Topalov auf dem Brett, jeweils spielte Schwarz dann das etwas ruhigere 6.-d6 statt wie Anand unternehmungslustig 6.-e4, und im neunten Zug trennten sich auch die Eröffnungswege in den beiden anderen Partien. In Svidler-Nakamura opferte dann Schwarz eine Figur und direkt danach noch einen Turm, Sinn der Sache: Dauerschach forcieren. Aronian stand dagegen gegen Topalov klar besser, aber dann übersah er ein Detail und Topalov konnte sich befreien. Später stand er gar besser. Aber nicht gut genug – remis. Nach der Niederlage tags zuvor gegen Anand der nächste Sand im armenischen Getriebe, und das war noch nicht alles.

 

Karjakin und Giri sprachen bzw. spielten nicht Englisch sondern Südtirolerisch – wie zuvor in Nakamura-Giri die weit ausanalysierte Meraner Variante. Beide hatten ihre Hausaufgaben gemacht, also remis. In der Pressekonferenz wurde Giri auf sein zehntes Remis in zehn Partien angesprochen, Karjakin nahm ihn in Schutz: „Ich hatte Weiss, ich musste etwas beweisen.“

 

Runde 11: Zwei Sieger und zwei Verlierer, das gab es in diesem Kandidatenturnier zuvor noch nie. Verkehrte Welt: In den beiden entschiedenen Partien war Remis womöglich das „logische“ Ergebnis, in den Remispartien „musste“ eigentlich einer von beiden gewinnen. Im Mittelpunkt stand Anand-Karjakin 1-0:

 

Anand-Karjakin resignation

 

Warum ist der Schiedsrichter mit im Bild? Ausnahmsweise kein Foto von der Eröffnungsphase, die russischen Kollegen haben Karjakins Aufgabe fotografisch dokumentiert. Eröffnet wurde mal wieder mit einem Anti-Berliner (1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.d3). Schnell entstand ein Endspiel mit zwei Türmen und ungleichfarbigen Läufern, diesmal lag Anand-Sekundant Gajewski richtig: das war für Schwarz zumindest unangenehm. „Objektiv“ war es wohl remis, aber Karjakin leistete sich diverse kleine Ungenauigkeiten und zusammen reichte es für 1-0 (bzw. aus seiner Sicht 0-1, aber er hatte ja Schwarz).

 

Aronian-Svidler 0-1 lag wahrlich nicht an guter Arbeit von Svidlers Sekundant Matlakov. Svidler spielte wieder sein Hybrid aus Slawisch und angenommenem Damengambit (Grünfeld ist in diesem Turnier wohl gar nicht vorgesehen). Zweimal hatte es wunderbar funktioniert, gegen Karjakin und Nakamura stand er aus der Eröffnung heraus mit Schwarz eher besser. Hier und heute: Sie hatten – wie Svidler hinterher sagte – genau diese Variante erwartet, dennoch war ihre Vorbereitung löchrig. Aronian hatte aus der Eröffnung heraus klaren Vorteil, nach Engine-Kriterien wohl eine Gewinnstellung: 24.Sh6+! spielt man allerdings nur, wenn man das total richtig einschätzen kann, ansonsten verläuft sich der Springer da nur. Dann spielte er zu lange auf Gewinn und verdarb die Partie noch komplett. Deja vu für Aronian: auch in London 2013 lag er anfangs gut im Rennen und verlor dann in Runde 9 gegen Gelfand (diesmal gegen Anand) sowie in Runde 11, damals wie diesmal, gegen Svidler. Auch in Khanty-Mansiysk hatte er bei Halbzeit +2, verlor in Runde 9 gegen Mamedyarov, remisierte immerhin in Runde 11 gegen einen gewissen Peter Svidler und verlor dann seine beiden letzten Partien.

 

Topalov-Caruana

 

Topalov-Caruana 1/2 war turbulent – Topalov hat zwar keine Chance mehr auf den Turniersieg, aber unternehmungslustig ist er und jedenfalls eine Partie will er wohl gewinnen. Eröffnung war wieder Englisch, diesmal symmetrisch (1.c4 c5) aber auch das kann explodieren. Topalov opferte flott eine Qualität – macht er gerne und Kompensation hatte er sicher. Kompensation haben ist eine Sache, Kompensation dauerhaft behalten manchmal eine andere (vielleicht Wiederholung von mir aus früheren Beiträgen, aber es stimmt nach wie vor). Caruana stand wohl gewonnen, damit wäre er DER Favorit für den Turniersieg – aber dann verlor er den Faden und bot in inzwischen „unklarer“ Stellung remis, was Topalov akzeptierte.

 

Giri Nakamura press conference

 

Giri-Nakamura 1/2 (Foto aus der Pressekonferenz): Nakamura hatte hinterher gut lachen, während der Partie wahrlich nicht. Es begann piano, genauer gesagt Giuco Piano, aber dann konnte Giri seinen Gegner nach und nach total überspielen. Dann wollte er den Sack zumachen, aber seine Kombination hatte ein Loch. Wenn man so will, Stellungsglück dass er danach immerhin nicht schlechter stand. Giris elftes Remis, aber – wie zuvor gegen Caruana – absichtlich machte er das sicher nicht. Hohn und Spott ist aus meiner Sicht unangebracht. Aber einige im Internet mögen ihn ohnehin nicht – liegt vielleicht daran dass er über alle Witze macht: Über sich selbst geht wohl in Ordnung (wird allerdings kaum registriert), über Carlsen geht allerdings gar nicht – Carlsen ist heilig heilig heilig, Ave Carlsen Halleluja!

 

Runde 12: Schon wieder zwei Entscheidungen, diesmal sogar die vom Partieverlauf her „richtigen“ Ergebnisse.

 

Nakamura-Anand Worldchess

 

Nakamura-Anand 1-0 [Fotos zu Runde 12 von worldchess.com, da beim russischen Schachverband aktuell noch nicht vorhanden] lag einerseits vielleicht an Anands Nakamura-Allergie, andererseits wieder an der Eröffnung.  Wieder war es Englisch – dasselbe Abspiel nach 1.c4 e5 das in Runde 10 ausgiebig geübt wurde. Nakamura war besser vorbereitet und gewann glatt. Anand spricht zwar fliessend Englisch, aber spielen kann er es – jedenfalls mit Schwarz und in diesem Turnier – gar nicht. Auch die Niederlage in der Hinrunde gegen Karjakin war eine Art Englisch, allerdings eher ein Reti-Aufbau. Damengambit funktionierte mit Schwarz gegen Aronian und Giri besser (remis), und mit Weiss erzielte er ungeschlagen satte 5/6.

 

Karjakin Worldchess

 

Karjakin-Topalov 1-0 – da zeige ich Karjakin alleine, da er nach dieser Runde wieder im Mit-Mittelpunkt steht, im Gegensatz zu Topalov. Ich konnte es zwar nicht finden, aber im Regelwerk steht offenbar, dass Schwarz 1.e4 mit 1.-e5 beantworten muss. Auf 1.c4 geht dagegen sowohl 1.-e5 als auch 1.-e5, und auch auf 1.d4 oder 1.Sf3 muss Schwarz nicht 1.-e5 spielen (sonst wäre der Weissvorteil auch extrem). Aber Topalov macht was er will: Erst schwänzte er die Eröffnungsfeier, und nun spielte er einfach so Sizilianisch. Vermutlich wollte er tatsächlich eine Partie gewinnen, aber hier und heute erlitt er Schiffbruch.

 

Caruana-Aronian 1/2 begann dagegen mit 1.e4 e5 – keine Überraschung, das spielt Aronian immer, überall und fast ausschliesslich. Ob Aronians Bauernopfer völlig korrekt war, mögen andere beurteilen, später hatte er jedenfalls Kompensation. In beiderseitiger Zeitnot patzte Caruana mit 38.Ta1? und Aronian übersah 38.-Txd3! mit vermutlicher Gewinnstellung – dann sind zwei bis drei Freibauern am Damenflügel stärker als ein weisser Turm, bestenfalls erreicht Weiss danach ein sehr schlechtes Damenendspiel mit Minusbauer. Vorwürfe an einen oder beide wären harsch oder frech, aber das Turnier konnte wiederum eine andere Wendung nehmen – ein halber Punkt mehr für Aronian und ein halber Punkt weniger für Caruana ergäbe ein ziemlich anderes Tabellenbild. So erreichte Aronian nur ein zumindest optisch besseres, allerdings nicht gewinnträchtiges Schwerfiguren- (später Turm-)Endspiel.

 

Svidler-Giri 1/2: Sie redeten/spielten Englisch miteinander, nach 1.c4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Sf6 4.g3 diesmal nicht das ausgiebig geübte 4.-Lb4 sondern das andere (insgesamt noch etwas populärere) Abspiel mit 4.-d5. Es war wohl ein korrektes Remis mit anschliessend immerhin einer unterhaltsamen Pressekonferenz: beide reden gerne, das machten sie dann auch – nicht immer abwechselnd, manchmal auch gleichzeitig.

 

Ich verzichte weiterhin auf Prognosen, immer noch ist (fast) alles möglich. Auch eventuelle Tiebreak-Szenarien diskutiere ich erst hinterher. Die Partien der letzten beiden Runden:

Runde 13 Caruana-Svidler, Aronian-Karjakin, Topalov-Nakamura („must win“ für Topalov im Kampf gegen den letzten Platz), Anand-Giri (wenn Giris Remisserie reissen sollte, ist Anand wieder im Rennen um den Turniersieg bzw. gar nicht mehr).

Runde 14 Svidler-Anand, Giri-Topalov, Nakamura-Aronian und (Trommelwirbel) Karjakin-Caruana.

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