Van Foreest nach 114 Jahren wieder NL-Meister

Anne Haast und Iozefina Paulet unterhalten das Publikum (ebenfalls)

Jorden Van Foreest

 
Natürlich wurde nicht dieselbe Person (zuletzt) 1902 und (erstmals?) 2016 niederländischer

Männer

Schachmeister: Jorden Van Foreest (Titelfoto – fast alle Fotos von Harry Gielen, teils via die Turnierseite) ist gerade mal 17 – sein Ur-Urgrossvater Arnold (NL-Meister 1889, 1893 und 1902) und dessen Bruder Dirk (NL-Meister 1885, 1886, 1887) haben zwar beide ein gesegnetes Alter von über 90 erreicht, aber seit 1954 bzw. 1956 sind sie tot. Das wird ein etwas ungewöhnlicher Kombibericht: erst „normaler“ Turnierbericht (relativ knapp), dann Reisebericht (zur letzten Runde war ich – spontane Entscheidung – vor Ort in Amsterdam), dann noch ein bisschen Schachgeschichte mit Fotos in, kann man den Fotografen nicht verübeln, „abweichender“ Qualität.

Frauen

 

 

Der Untertitel bezieht sich auf den Tiebreak des Damenturniers – Anne Haast unterstrichen, da sie diesen am Ende 3-2 gewann. Zunächst wie üblich der Endstand in beiden Turnieren:

 

Herren bzw. „offenes Turnier“ (Zhaoqin Peng hat mal mitgespielt): Van Foreest 5.5/7 (TPR 2819!), Van Wely 5, l’Ami und Van den Doel 3.5, Reinderman und Bok 3, Werle 2.5, Ernst 2.

 

Damen: Haast 5/7 + 3/5, Paulet 5/7 + 2/5, Hortensius 4.5/7, Kazarian 3.5, Van Weersel und Padurariu 3, Jap Tjoen San 2.5, Middelveld 1.5. Bei den Herren ziemlich niederländische Namen (abgesehen von Erwin l’Ami der vielleicht Ahnen in Frankreich hat), bei den Damen „gemischt“ – zu den Gründen in zwei Fällen siehe unten.

 

Wie gesagt, ein eher kurzer und knapper Bericht zu den ersten sechs Runden – bei den Herren mit Schwerpunkt zwei der drei Vans die eben dominierten. Warum Jorden Van Foreest überhaupt mitspielen durfte, siehe unten – jedenfalls begann er furios …

 

van Foreest-l'Ami

 

und fegte Erwin l’Ami vom Brett – im 23. Zug ein Qualitätsopfer, sein erstes aber nicht letztes im Turnier. „Mitschuldig“ war offenbar eine junge Dame, die ich später noch ‚fotografiere‘ aber nicht namentlich kenne – Van Foreest nach der Partie: „Ich wusste nicht so recht was ich gegen l’Ami spielen soll. Dann habe ich schnell ein paar Files meiner Freundin gecheckt. Schottisch hat prima funktioniert.“ Auch in Runde 2 gegen van den Doel spielte er Schottisch – diesmal opferte der Gegner im Endspiel eine Qualität, das hatte nicht den gewünschten Erfolg, van Foreests zweiter Sieg. In Runde 3 hatte er dann Schwarz gegen Benjamin Bok, entschied sich für eine Philidor-Nebenvariante (generell war er, auch abseits ausgetretener Theoriegleise, gut vorbereitet) und gewann wieder. So ging es dann doch nicht weiter:

 

van Foreest-Reinderman

 

Das war der erste Händedruck zwischen ihm und Reinderman, ein weiterer kam (natürlich) später: Wieder opferte er eine Qualität – zumindest einigermassen korrekt, aber dann spielte er falsch weiter und verlor. Reinderman konnte (siehe unten) indirekt in den Kampf um den Turniersieg eingreifen, aber letztendlich doch nicht. In Runde 5 mit Schwarz Königsindisch gegen Sipke Ernst und – wer hätte das gedacht?  – ein Qualitätsopfer das Van Foreest hinterher so kommentierte: „Ich wusste nicht ob es wirklich gut ist, aber es sah gut aus“. Der junge Bursche macht das, was man „einem Norweger“ gerne unterstellt – er SPIELT einfach Schach!? Nach Ernsts Qualitäts-Rückopfer stand dann Weiss vorübergehend besser, aber Van Foreest übernahm wieder das Kommando und gewann im Endspiel – Zwischenstand für ihn 4/5.

 

van Wely

 

Was machte Elofavorit Loek van Wely (später nochmal „zu zweit“ fotografiert) zwischenzeitlich? Zwei schöne Siege gegen, ja genau, Reinderman und Werle, dreimal Remis gegen Bok, Ernst und l’Ami, also 3,5/5. Ein halber Punkt Rückstand auf Jorden Van Foreest, alle anderen bereits abgeschlagen, und dann das direkte Duell:

 

van Foreest - van Wely

 

Es wurde ein Anti-Najdorf (1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.Lb5+ Sd7 4.0-0 Sf6 5.Te1 a6 6.Ld3!? b5 7.c4 Tb8). Soweit so bekannt, und nun neuerte Van Foreest nach 9 Minuten (diesmal war er offenbar nicht so gut vorbereitet) mit 8.Sa3?! – das haben Engines jedenfalls nicht in ihrer top10, also ist es wohl nicht gut. Van Wely investierte 25 Minuten für 8.-b4 und Van Foreest weitere 11 Minuten für 9.Sb1. Danach war Schwarz durchgehend am Drücker, aber konnte den Sack nicht zumachen – remis. Spielerkommentare dazu siehe unten. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich – vor allem mit Ziel ebendiese – spontan beschlossen, tags darauf vor Ort vorbeizuschauen. Aber bevor ich mit „Reisebericht“ weitermache, noch kürzer und knapper zum Damenturnier – es ging drunter und drüber:

 

Paulet-Haast

 

In Runde 2 verlor Iozefina Paulet (links) gegen Anne Haast, obwohl sie zwischenzeitlich (mit Türmen und ungleichfarbigen Läufern) drei(!) Mehrbauern hatte. Noch wussten beide nicht, dass sie weitere Partien gegeneinander spielen würden … . Turbulent wurde es dann in Runde fünf:

 

Haast-van Weersel

 

Anne Haast verlor mit Weiss gegen Arlette Van Weersel – im Damenendspiel bekam Schwarz plötzlich (aus weisser Sicht fatalen) Mattangriff.

 

Padurariu-Hortensius

 

Padurariu – Hortensius, ebenfalls Runde fünf: Noch sind alle vier Gläser fast voll, das sollte sich im Partieverlauf zweimal ändern, und dann gewann Schwarz aus zuvor glatter Verluststellung heraus. Stand nun: Hortensius 4/5, Haast und Paulet 3/5, usw. . Tags darauf:

 

Hortensius-Haast

 

Hortensius-Haast, beide Gläser ziemlich voll. Später brachte Haast ein „interessantes“, aber objektiv inkorrektes Figurenopfer, Hortensius fand die „versteckte“ Widerlegung nicht und verlor dann in beiderseitiger Zeitnot die Übersicht, also gewann Schwarz. Parallel Paulet-Kazarian 1-0, da war ein schwarzes Figurenopfer übermütig-inkorrekt und Weiss konnte das am Brett beweisen. Stand nun Haast, Hortensius, Paulet 4/6, Van Weersel und Padurariu 3/6, usw. – die beiden zuletzt genannten konnten eventuell auch noch einen Stichkampf um den Titel erreichen.

 

Zwischendurch noch ein Foto aller Teilnehmer(innen):

 

Teilnehmer

 

Die Damen in der ersten Reihe, Van Foreest mit Lockenkopf (vierter von links) fast unsichtbar, Van Wely gross genug dass er durchaus sichtbar ist.

 

Und nun der Reisebericht – Turnierdirektor Paul Rump hatte ich vorab informiert (email hatte ich noch vom letzten Jahr) und bekam Antwort „gerne empfangen wir Dich und beantworten Deine Fragen!“. Rundenbeginn war um 12:00 – da ich das nicht verpassen wollte und die Fähre von Texel ans Festland stündlich verkehrt, war ich bereits 11:15 vor Ort im Tropentheater. Wo genau Schach gespielt wird war ab der Strassenbahn-Haltestelle offensichtlich:

 

Eingang

 

Etwas kleiner, auf dem Foto nicht so offensichtlich, wird auch der Sponsor Deloitte erwähnt. Zu diesem Zeitpunkt war sonst noch kaum jemand da, ich konnte mich immerhin orientieren: Aha, da ist der Spielsaal, da der Kommentarraum, und wo ist der Presseraum? Wie sich später herausstellte, etwas abseits in einem anderen Gebäude – später war, wie so oft, „an drei Orten gleichzeitig“ schlichtweg unmöglich. Um nichts zu verpassen, bräuchte ich der niederländischen Sprache mächtige Assistenten? Aber – mal abgesehen davon dass die Reise eine ziemlich spontane Aktion war – Vereinskollegen kann ich dazu nicht unbedingt motivieren. Etwa eine halbe Stunde musste ich warten, dann tat sich etwas. Vor dem Eingang überhörte ich ein Gespräch zwischen Anne Haast, Martine Middelveld und zwei jungen männlichen Zuschauern – einer von ihnen meinte „ein Tiebreak-Match wäre toll für die Zuschauer!“. Haast darauf lakonisch-vielsagend „Ja, für die Zuschauer ….“ – zu diesem Zeitpunkt wusste sie, dass derlei (aus ihrer Sicht) „drohte“, aber wie das verlaufen würde war natürlich ‚unklar‘. Wer bei den Männern Lust auf einen Tiebreak hatte und wer eher nicht, siehe unten. Andere Spieler erschienen auch, ebenso Paul Rump – im Gegensatz zu letztem Jahr mit Bart. Will er etwa Grosssmeister werden?? Auf top10 Niveau weltweit machen das Aronian und Nakamura regelmässig und „erfolgreich“, Carlsen, Karjakin und Vachier-Lagrave ab und zu und nicht so erfolgreich. In den Niederlanden macht es allerdings tendenziell nur die zweite Garnitur.

 

Um alle (natürlich bei weitem nicht alle!) Fotos zu zeigen, oft aus früheren Runden, brauche ich ein paar Galerien:

 

 

 

Zum Teil fiel das unter „kulturelles Rahmenprogramm“, dazu später mehr. Tom Bottema (für mich alter Bekannter aus Wijk aan Zee) war täglich im Kommentarraum, dazu jeden Tag ein anderer Gast – nicht gezeigt John van der Wiel, Robert Ris und Paul van der Sterren, noch nicht gezeigt Hans Böhm.

 

Nun zum Geschehen der letzten Runde, bei den Herren diese Schlüsselpartien:

 

van Wely-van den Doel

 

Werle - van Foreest

 

Oben steht es auf dem Foto, unten muss ich selbst ergänzen, dass Van Foreest – diesmal auch in schickem Outfit – Schwarz gegen Jan Werle hatte. Der mitdenkende Leser weiss bereits, dass beide Partien nicht remis endeten und wer jeweils gewann. Wie – das ist ansatzweise auf dem nächsten Foto erkennbar, jetzt ist Hans Böhm an der Reihe:

Links bei van Wely – van den Doel eine Stellung (angenommenes Damengambit) mit heterogenenen Rochaden, wobei die Entscheidung dann nicht im Königsangriff fiel. Rechts hat van Foreest bereits Oberwasser, es folgte 24.hxg3 Dxb2 – Mehrbauer und Läuferpaar. Van Foreest war wieder mal vorbereitet und hatte seinen Gegner (Jan Werle ist kein Schachprofi, sondern als Jurist berufstätig) mit (1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sf3 Lg7 4.g3 0-0 5.Lg2 d6 6.0-0) 6.-Lf5!? überrascht. Das ist vergleichsweise selten, wurde allerdings – jeweils mehrfach – schon von Caruana, Ivanchuk, Sadler und Romanischin gespielt. Meistens spielt Weiss einfach 7.Sc3, Werle akzeptierte stattdessen die Einladung mit 7.Sh4 Le4 8.f3 Lc6 9.Sc3 e5 10.d5 Ld7 – viel Gymnastik für den schwarzen Läufer, aber es ist aus schwarzer Sicht OK und im weiteren Verlauf – siehe Demobrett auf dem Foto. (Vor)entscheidend war, dass Weiss das taktische Motiv (11.e4 Sh5 12.Lh1 [muss offenbar sein um eventuell Sg2 zu ermöglichen] 12.-f5 13.exf5 gxf5 14.f4?!) 14.-Sxf4! nicht gesehen oder nicht richtig eingeschätzt hatte, so bekam Schwarz das Läuferpaar.

 

Zwischendurch – etwa chronologischer Reisebericht – sprach ich Paul Rump. Das letztes Jahr geführte Interview musste ich natürlich nicht wiederholen, eigentlich hatte ich nur eine konkrete Frage: Warum diesmal nicht im „Hotel The Manor“ (Limnaeusstraat 89) sondern quasi nebendran im Tropentheater (Limnaeusstraat 2)? Das Hotel ist inzwischen auch im Sommer weitgehend ausgebucht und hatte keinen Platz für Schachspieler bzw. konnte/wollte keine Sondertarife mehr bieten. Ein Mitglied des Hotelmanagements hat auch Verbindungen zum Tropentheater und wollte dieses wieder beleben – auf Wikipedia steht noch „da Subventionen gestrichen wurden, musste es zum 1. Januar 2013 schliessen“. Die meisten Spieler übernachten in einem anderen Hotel direkt neben dem Tropentheater, van Wely bekam dagegen ein Apartment – warum, siehe unten. Andere Informationen bekam ich nebenbei, Rump: „letztes Jahr machte ich fast alles alleine, diesmal bekomme ich Unterstützung von Johan Booij („Koordinator“) und Arnth van Tuinen („Pressechef“). Sowie warum Van Foreest überhaupt mitspielen durfte – Qualifikation nach Elo im Januar 2016 und damals war er eigentlich noch nicht gut genug, bzw. nur für einen Platz im Qualifikationsturnier. Aber einige Spieler (Sokolov, Smeets, Spoelman) galten als inaktiv (zu wenige Elo-ausgewertete Partien), andere verzichteten auf ihren Platz im Turnier – nach Giri und van Kampen auch Tiviakov, und nun war Van Foreest als nächster dran. Was machte Tiviakov stattdessen? IM Robert Ris, in Hörweite am Computer, wusste Bescheid: er spielte parallel ein Open im Iran. Womöglich machte der Groninger Tiviakov gerne Platz für den Groninger Van Foreest, den er jedenfalls früher mal trainierte.

 

Dann wollte/musste ich aus dem Presseraum zurück in den Kommentarraum, wegen kulturellem Rahmenprogramm:

 

K_Krabbe

 

Wer ist das denn? Einige Leser kennen ihn vielleicht – Tim Krabbé. Seine Webseite ist weitgehend auf Englisch, aber da sind auch Kolumnen archiviert, die er 1999-2006 für die Wochenendbeilage von Algemeen Dagblad schrieb. Er präsentierte drei dieser Kolumnen, und dann gab es noch einen schachlichen Nachtisch: Vor langer Zeit hatte er als Gymnasiast, so dachte er jedenfalls, zu riskant auf Gewinn gespielt und der Gegner gönnte ihm dann in Verluststellung ein Remis. Viele Jahre danach befragte er den Computer zur Schlusstellung, und dieser sagte dass er eine gewonnene Stellung hatte! Das kulturelle Programm an anderen Tagen habe ich nicht mitbekommen, u.a. gleich am ersten Tag ein Konzert von schachspielenden Musikern des Concertgebouw-Orchesters. „Schach für alle“ war auch Teil des Rahmenprogramms, dazu komme ich noch.

 

Nun wieder zu Schach für Grossmeister: Van Wely, der gewinnen wollte und musste, entkorkte das Qualitätsopfer 25.Txb6!? – Idee starker e-Freibauer und weitere „Reserve-Freibauern“ am Königsflügel. Überraschung im Kommentarraum – geht das?? „Es ging“, jedenfalls im weiteren Partieverlauf und auch in der gemeinsamen Analyse hinterher sah es gut aus für Weiss – Computer kritisieren dabei das schwarze Rückopfer 29.-Txh5 und betrachten die Stellung zuvor als dynamisch-ausgeglichen. So gewann van Wely und musste abwarten, ob Van Foreest seinen Vorteil verwerten würde – ansonsten Stichkampf. Wie bereits erwähnt, van Wely und van den Doel analysierten im Presseraum – van den Doel mit Bier, van Wely (der ja eventuell noch nicht „fertig“ war) mit Orangensaft. Das verfolgte ich interessiert, gespannt und doch ein bisschen ungeduldig – schliesslich wollte ich van Wely noch befragen ohne deswegen van Foreest zu verpassen! Das Interview dann quasi gemeinsam mit dem offiziellen für die Turnierseite. Van Wely war mit seinem Turnier durchaus zufrieden, allerdings enttäuscht, dass er van Foreest im direkten Duell nicht besiegen konnte. Er zu van Foreest: „Sechs von sieben Partien spielte er wie ein Mann, gegen mich wie ein mietje“ – wie soll ich das übersetzen? Etwa „Angsthase“ oder „Feigling“ – wobei es noch eine andere Übersetzung gibt, durchaus möglich, dass van Wely (gerne mal politisch etwas inkorrekt) auch das meinte … . Van Wely deutete an, dass dies womöglich seine letzte NL-Meisterschaft war („wenn ein Bursche wie Jorden Meister werden kann, ist irgendwann Schluss“), aber Erwin l’Ami (in Hörweite bei der Analyse mit Reinderman) meinte „Loek ist nächstes Jahr sicher wieder dabei“.

 

Zwischendurch meinte jemand zur Partie Werle – van Foreest auf dem Monitor „das sieht gut aus“, was van Wely mit „das sieht nicht gut aus!“ kommentierte. Er hätte gerne einen Stichkampf gespielt – „da hatte ich fast immer gute Ergebnisse!“. Ich hatte noch eine allgemeine Frage an van Wely: „Oft wird behauptet, dass Grossmeister bis zum 25. Zug vorbereitet sind. Du hattest in kurzer Zeit zweimal dieselbe Variante auf dem Brett – hier gegen Van Foreest, beim Leiden Open – vielleicht hörst Du das nicht so gerne – gegen Beerdsen [van Wely: „kein Problem!“]. Jeweils hast Du schon vor dem 10. Zug viel Bedenkzeit verbraucht!?“. van Wely: „Ich stand ja zweimal aus der Eröffnung heraus gut – diesmal hatte ich vor allem 6.Lg5 gegen Najdorf vorbereitet, da habe ich gewisse Schwächen.“ TR: „Diesmal ist 25 Minuten für den achten Zug nachvollziehbar, mit 8.Sa3?! konntest Du sicher nicht rechnen, aber in Leiden?“. van Wely: „Da sass ich ja auch viel an der Bar und habe mit Menschen gequatscht … .“ TR: „Und in Vlissingen warst Du, sozusagen, professioneller?“ van Wely: „Auch da habe ich neben Schach andere Dinge getan, z.B. nachts Olympiade gucken – aber da hat es funktioniert. Hier bei der Landesmeisterschaft sass ich natürlich nicht während der Partie an der Bar.“

 

l'Ami

 

Wie gesagt, Erwin l’Ami sass nebendran – ihn kann ich (wobei er ein „neutrales“ Turnier spielte) auch noch kurz befragen. TR: „Zu Deinem Turnier gibt es wohl nicht viel zu sagen?“ l’Ami: „Nun, ich bin nach schlechtem Start mit 50% zufrieden. In der ersten Runde verlor ich gegen Jorden, in der zweiten Runde entwischte ich aus schlechter Stellung mit remis.“ TR: „Du legst ja auch wert auf Deine Elozahl, einen kleinen Eloverlust kannst Du aber verkraften?“ l’Ami: „Ein Pünktchen oder so [es waren zwei] ist schon OK.“ TR“: „Dein Kommentar zu Van Foreest?“ l’Ami „Geweldig!“ [grossartig oder so ähnlich]. Paul Rump kam dazu und wies darauf hin, dass l’Ami (nach Wertung vor van den Doel) mit 50% Dritter wurde und damit für die nächste NL-Meisterschaft nun doppelt qualifiziert ist (er gewann dieses Jahr auch die offene niederländische Meisterschaft) – „ohne, wenn ich das so sagen darf, allzu viel gezeigt zu haben“, eben ein recht solide-unauffälliges Turnier!?

 

Auch während meiner Zeit im Presseraum das:

 

Werle - van Foreest 0-1

 

Werle – van Foreest 0-1 war offiziell. Werles Wasserglas steht etwas im Weg, nach 52.-Kf2 war die schwarze Mattdrohung im Endspiel unparierbar. van Wely nahm nicht sofort ein Bier, sondern ging zu seinen angereisten Eltern. Wo ist Jorden Van Foreest? Ich vermutete ihn im Kommentarraum, dem war auch so aber als ich wieder dahin ging war er weg. Sollte ich ihn noch erwischen?? Da muss der Leser sich noch etwas gedulden, erst zum bunten Treiben im Damenturnier. Anne Haast (niederländisch für „Eile“) beeilte sich, ihre Partie gegen Jap Tjoen San zu gewinnen – nach 29 Zügen war Schluss, 29.Txe6! mit Abwicklung in ein total gewonnenes Bauernendspiel hatte ich gesehen, bevor Haast nach 3 Minuten so spielte. Sie tat also was sie konnte bzw. musste, was machten die Konkurrentinnen? Hortensius hatte mit Schwarz gegen Middelveld nie Gewinnchancen, nach 31 Zügen wurde es remis, Haast war sicher einverstanden. Aber da war noch

 

Padurariu-Paulet

 

Die beiden ursprünglich rumänischen Spielerinnen sind gute Freundinnen und spielen daher (sagte Tom Bottema im Kommentarraum) „immer“ remis gegeneinander, aber heute nicht. Paulet stand über weite Strecken der Partie besser, aber dann vergab sie (sagen allwissende Computer) innerhalb von zwei Zügen „eigentlich“ zwei halbe Punkte. Padurariu wählte im 32. Zug die richtige Figur, aber das falsche Feld. Richtig war 32.Df4! mit undeckbarem Matt, nicht ganz falsch war 32.Dh5 oder 32.Dh3 mit am Ende Dauerschach, falsch war 32.Dxd5? und Schwarz gewann doch – also Stichkampf gegen Haast.

 

Warum eigentlich zwei Rumäninnen bei der NL-Meisterschaft? Bei Paulet habe ich die fotografische Erklärung:

 

Werle+Paulet

 

Sie ist die Freundin von Jan Werle und wohnt deswegen in NL. Auch bei Padurariu hat es private Gründe, aber „ihr Jan“ (Nachname Smeets) war offenbar nicht vor Ort. Alina l’Ami hiess früher mal Motoc, spielt immer noch für Rumänien und ist deshalb bei der NL-Meisterschaft nicht spielberechtigt. Aber nicht alle NL-Grossmeister haben rumänische Partnerinnen: Giri hat bekanntlich eine Georgierin geheiratet und wird demnächst Vater – vielleicht auch deswegen verzichtete er diesmal auf dieses Turnier. Noch hat er trotzdem einen komfortablen Elovorsprung auf alle anderen Niederländer, auch wenn van Wely meinte „er spürt nun den heissen Atem von mir (noch etwa 100 Punkte) und Jorden (noch ca. 130 Punkte)“. Van Welys zweite Ehefrau (die erste, keine Schachspielerin, war Niederländerin) stammt aus El Salvador, ein Ergebnis dieser Beziehung hat er (an mindestens einem anderen Tag) stolz präsentiert:

 

R5_VanWely_mit_Sohn

 

Deshalb bekam Familie van Wely ein Apartment in Amsterdam. Auch Van Foreest erschien dann wieder mit weiblicher Begleitung:

 

Jorden_mit_Freundin

 

 

Bei den Herren war die Entscheidung gefallen, bei den Damen noch nicht, aber zunächst noch zum Drumherum. Wieder ging ich Richtung Presseraum, ohne dort anzukommen – denn draussen auf der Terrasse des Cafés sass u.a. Manuel Bosboom. Er war nach eigener Aussage jeden Tag vor Ort, jeweils zweimal ca. 20km mit dem Fahrrad aus Zaandam und zurück. Einmal hat er auch selbst Schach gespielt, tags zuvor durchaus erfolgreich bei der „NL-Meisterschaft für Schachcafes“. Auch dazu hat Schachfreund (FM) Harry Gielen jede Menge Fotos, eines zeige ich:

 

Team Bosboom

 

Mit Krawatte und bunten Shorts Bosboom, links im schwarzen Hemd der Zaandamer Rene Hennipman (dem ich bereits am Brett begegnete), die anderen (er)kenne ich nicht. Wer (mit Schachtitel) war eigentlich Sonntag ausserdem noch „grundlos“ (d.h. nicht als Kommentator oder so) vor Ort? IM Ris und IM Bosboom hatte ich bereits erwähnt, ausserdem jedenfalls auch IM Afek, GM Ree und GM Seirawan (wohnt in Amsterdam). Ein Bierchen mit Bosboom, Hennipman und noch einem Schachspieler musste sein, dann kam Paul Rump mit den Worten „der Tiebreak beginnt jetzt!“.

 

Auch das musste sein, schliesslich „toll für Zuschauer“ und dann wurde es quasi ein Tollhaus – Haast beeilte sich, das Ding zu gewinnen, oder auch nicht. Laut Regelwerk zunächst zwei Blitzpartien – Haast gewann die erste Partie mit Schwarz, Paulet gewann die zweite Partie mit Schwarz – jeweils war es turbulent. Was nun? Zehn Minuten Pause und dann nochmals zwei Blitzpartien mit vertauschten Farben. Die erste (dritte) schien lange remislich, dann erreichte Haast doch ein besseres Turmendspiel, dann … Ausfall der Liveübertragung. Immer mehr Leute standen auf und versuchten, aus einigen Metern zu erfassen was auf dem Brett geschah. Dann eine Geste von Haast und Paulet streckte ihre Hand aus – ich vermutete Zeitüberschreitung, aber kurz erschien die Schlusstellung auf die Wand projeziert. Wenn das stimmte, hatte Paulet (in nun glatt verlorener Stellung) f5+ mit -Ta4+??!? pariert, und das geht eben nicht. In der vierten Partie hatte Paulet Weiss, gewann einen Bauern, noch einen, noch einen, wenn ich es richtig in Erinnerung habe noch einen vierten – und im Gegensatz zur Partie mit klassischer Bedenkzeit auch den vollen Punkt.

 

Wieder zehn Minuten Pause und dann „sudden death“, die nächste Gewinnpartie entscheidet. Aber nun musste ich leider weg, zuvor ging ich noch einmal in den Kommentarraum um mich von Paul Rump und Tom Bottema zu verabschieden. Eine Dame meinte „hier ist es viel interessanter, mit Livekommentar!“ – wieder mal gilt: man kann nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. Auf dem Weg zur Strassenbahn-Haltestelle sah ich, dass Anne Haast sich „entspannt“ draussen unterhielt, Bosboom nachdem ich darauf hinwies „was soll sie denn sonst machen?“. Da hat er auch wieder recht, Eröffnungsvorbereitung oder so ist wohl auch nicht angebracht? Wie eingangs erwähnt, Haast gewann die fünfte Blitzpartie und das war’s dann. Beide nochmal individuell fotografiert:

 

Haast2

 

Paulet2

 

Und nun noch ein paar etwas ältere Fotos – alle von der Homepage von Oud Zuylen Utrecht (zwei Utrechter Schachvereine, die 2016 fusionierten), Rubrik „1800-1918„:

 

dirkforeest

 

Das ist Dirk Van Foreest – jedenfalls aus NL-Sicht scheint die Kategorie „Schachlegenden“ berechtigt, wie Hans Böhm zu Beginn des Livekommentars sagte: Er war quasi, noch vor Max Euwe, der Gründervater des niederländischen Schachs.

 

nk1887

 

Die NL-Meisterschaft 1887 – ganz rechts sitzend Dirk Van Foreest, dahinter stehend Arnold Van Foreest

 

nk1898

 

Die NL-Meisterschaft 1898, rechts am linken Tisch (also vierter sitzend von links) Arnold Van Foreest.

 

foreesten Donner Bouwmeester

 

Und ein paar Jahrzehnte später: die etwa 90-jährigen Arnold (links) und Dirk (rechts) Van Foreest am Brett, kibitzend die nächste Generation – Jan Hein Donner und Hans Bouwmeester. Die Geschichte des Adelsgeschlechts Van Foreest detailliert zu beschreiben, sprengt den Rahmen des Artikels – u.a. lebte ein Namensvetter von Jorden Van Foreest 1494-1559 und war Bürgermeister von Alkmaar.

 

Warum die Familie drei Generationen lang kein Schach spielte (jedenfalls nicht auf hohem Niveau), da bin ich überfragt. Aber nun ist es wieder soweit: Jorden hat fünf Geschwister, die alle auch Schach spielen. Manche sagen, dass sein zwei Jahre jüngerer Bruder Lucas noch talentierter ist, und die 9-jährige Schwester Machteld für ihr Alter auch schon sehr gut spielt. Wie geht es weiter? Das wird die Zukunft zeigen, auch ob Giri elomässig irgendwann wirklich den heissen Atem von Jorden (oder auch Lucas) spüren wird.

2 thoughts on “Van Foreest nach 114 Jahren wieder NL-Meister

  1. Danke, aber warum verraten Sie nicht Ihren Klarnamen??
    Der Elounterschied ist übermorgen-aktuell „nur“ ca. 350 Punkte, da sie beim letzten gemeinsamen Turnier (Open in Vlissingen) für ihre Verhältnisse erfolgreich spielte (Elo +41) und er für seine nicht (Elo -4,5 wegen Weissniederlage in der Schlussrunde gegen Sipke Ernst). Und derlei Elounterschiede sind, jedenfalls in NL, durchaus üblich – siehe auch Giri-Guramishvili, van Wely-Zepeda (über 500 Punkte!), l’Ami-l’Ami und Smeets-Padurariu. Das (fast) gleichwertige Ehepaar Lubbe in Deutschland ist eher die Ausnahme … .

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