Kopftuchzwang bei der Frauen-WM ?

Eine Betrachtung von Werner Fischer

 

Jordan-Alshaeby-Razan-by-David Llada

Jordan-Alshaeby-Razan-by-David Llada

Ja, es ist eine Zwangsmaßnahme, denn bei Nichtbefolgung ist eine WM-Teilnahme nicht möglich. Auch die Tatsache, dass im Iran bereits seit 1979 eine Kopftuchpflicht besteht, macht die Sache nicht besser. Sie ist weder kulturell, noch traditionell begründbar, sondern wurde den Frauen in diesem Land aufoktroyiert. Interessant an der diesbezüglichen Situation im Iran ist allerdings, dass die Kopftuchpflicht z.Zt. tendenziell eher auf ein liberaleres Fahrwasser zusteuert.

 

UAE-Wadima-HumAid-Al-Kalbani-by David Llada

UAE-Wadima-HumAid-Al-Kalbani-by David Llada

So hat Präsident Hassan Ruhani die Kompetenzen der sogenannten Sittenwächter drastisch eingeschränkt. Sie dürfen Frauen zukünftig auf der Straße nicht mehr aufhalten, sollte ihre Kleidung nicht den islamischen Vorschriften entsprechen. Wie die Zeit-Online bereits am 16.11.2013 geschrieben hat, äußerte sich der Präsident schon im Oktober vor Absolventen der Polizeiakademie dahingehend, „…dass Frauen sich auf der Straße und im Umgang mit der Polizei wieder sicher und entspannt fühlen sollten, wie die Khaleej Times aus Dubai berichtet. Er rief die Polizei zur Nachsicht auf und sprach den iranischen Frauen Mut zu. …….  Nun hat der als moderat geltende Politiker angeordnet, die sogenannten „Patrouillen des Wohlverhaltens“ künftig dem Innenministerium zu unterstellen. Dieses Vorgehen schwächt die Sittenpolizei und schränkt ihre Befugnisse ein.“. Dieser Weg der Liberalisierung wurde in den vergangenen Jahren fortgesetzt und mündete darin, dass die progressiven Kräfte nach dem Atomabkommen das Land wirtschaftlich und gesellschaftlich weiter öffnen wollen.

 

Natürlich stößt das innenpolitisch bei den konservativen Hardlinern auf erheblichen Widerstand. Eine Situation, mit der man rechnen konnte und bis in breite Bevölkerungsschichten hineinwirkt. Schließlich könnte eine Öffnung nach Westen auch Einfluss auf die derzeitigen Moralvorstellungen und Lebensart haben. So kann man schon heutzutage beispielsweise Kopftuch tragende Männer sehen, die dadurch signalisieren, was sie von der Kopftuchpflicht für Frauen halten.

 

Soviel zur aktuellen Situation im Iran. Im ach so fortschrittlichen Westen sieht es dagegen ganz anders aus – hier versucht man eher das Anlegen bestimmter Kleidungsstücke zu verbieten (Stichwort Burkaverbot).

Zu Kopftuch und Burkastreitereien kam es vor allem in Frankreich und Deutschland. Insbesondere, nachdem Muslimas deren Nutzung auch im Staatsdienst und „im Angesicht“ der Justiz, gerichtlich durchzusetzen versuchten. Unter dem Strich bleibt festzuhalten, dass zwangsweise durchgesetzte Verhaltensweisen immer kritikwürdig sind. Ausnahmen bestätigen hier die Regel, wie z.B. zur Verhinderung von Straftaten.
Vor diesem Hintergrund sollte die Frage nach der Kopftuchpflicht bei der Schach-WM der Frauen im Iran beurteilt werden. Abgesehen davon, dass das Thema – je nach politischer, religiöser, oder sozialer Verortung – auf unterschiedlichste Art und Weise interpretiert wird (Religionsfreiheit, Vermummungsverbot, Freizügigkeit, Selbstbestimmung etc.), sei an dieser Stelle lediglich auf die möglichen Wirkungen einer Entscheidung pro oder Kopftuchpflicht hingewiesen.

 

Sarasadat Khademalsharieh (Iran)–Natalja Schukowa (Ukraine)

Sarasadat Khademalsharieh (Iran)–Natalja Schukowa (Ukraine)

Zunächst mal hat sich die FIDE mit der WM-Vergabe an den Iran auf vermintes Gelände begeben. Egal ob beabsichtigt oder nicht, mischt man sich damit nämlich in eine innere Angelegenheit des Iran ein und bringt – zumindest einen Teil der Qualifikantinnen – in einen Handlungsnotstand, um nicht zu sagen, man schiebt die Verantwortung auf die Spielerinnen ab. Schließlich müssen sie über ihre Teilnahme selbst entscheiden und mit den Konsequenzen leben (Ruhm, Ehre und Preisgeld). Für viele von ihnen wird das evtl. kein großes Problem sein, z.B. für Iranerinnen, oder Muslima aus anderen Ländern. Auch werden sich Spielerinnen leichter tun, die den beruflichen und/oder sportlichen Aspekt in den Vordergrund stellen. Problematischer wird es für Akteurinnen sein, die ihr Handeln in einen größeren Zusammenhang setzen. Welche Folgen hat die Teilnahme unter den vorgegebenen Bedingungen. Nutze, oder schade ich durch die Teilnahme meinen eigenen Wertvorstellungen. Keine einfache Aufgabe.

 

Keine schlechte Idee => http://www.handelsblatt.com/politik/international/alinejad-mit-meninhijab-warum-maenner-ploetzlich-kopftuch-tragen/13968894.html

 

Schacholympiade Baku: QATAR – Kholoud Al-Khelaifi – Foto: David Llada