Kadetten-WM(s) am Ruhetag

Praggnanandhaa top, Sindarov (und Sindarov) flop, Keymer zwischendrin

keymer
In Batumi (Georgien) werden derzeit sechs parallele Turniere gespielt (Altersklassen U8, U10 und U12 jeweils für „alle“, de fakto Buben, und für Mädels). Klarer Schwerpunkt dieses Berichts zum Ruhetag nach sechs von elf Runden ist die Altersklasse U12 ohne G für „girls“ dahinter, die ist aus deutscher und international-globaler Sicht am interessantesten. Aus deutscher Sicht, da „wir“ da einen Medaillen- oder gar Titelkandidaten haben, gemeint ist natürlich Vincent Keymer (Titelfoto, alle Fotos von der Turnierseite). In den anderen Gruppen ist Elo bedingt aussagekräftig, insofern gibt es da teilweise keine Favoriten, aber soviel kann man aus deutscher Sicht kurz nach Halbzeit bereits sagen: von elf Teilnehmer(inne)n hat derzeit keine und keiner ausser Keymer Medaillenchancen.

 

Aus internationaler Sicht, da Keymer nicht der einzige ist, der vielleicht schon offensichtliches Weltklassespieler-Potential hat, das haben auch andere – teils im Untertitel bereits genannt (warum Sindarov doppelt genannt wird, da muss sich der Leser noch etwas gedulden – es sei denn, er kennt den Vorbericht des Schachtickers). Im Teaser noch der Zwischenstand der Gruppe U12: Praggnanandhaa (IND) 6/6, Hong (USA) 5.5, Keymer (GER), Cai Yuhao (CHN), Amartuvshin (MGL), Huang (CHN), Nihal (IND), Skatchkov (RUS), Kumar (USA) 5, usw. . 4,5/6 haben unter anderem (Wertungsbester) der Mitfavorit Jonas Bjerre aus Dänemark, und der nach Elo drittbeste Deutsche Ruben Gideon Köllner. 4/6 hat unter anderem, auf Platz 25, der an zwei gesetzte Usbeke Javokhir Sindarov.

TurnierseiteResultateLIVE

Runde 1 war ein eher lockerer Aufgalopp für die Favoriten, das erste nicht zu den Elozahlen passende Ergebnis an Brett 14. Praggnanandhaa (zum Schluss ein Damenopfer) und Keymer (am Ende 22. – 0-0-0+ 23.Ke6 Df6 matt) konnten sich austoben, dass andere weniger spektakulär gewannen, sei’s drum. Ich zeige mal die vorderen Bretter zu Beginn der Runde:

 

turniersaal

 

Vorne rechts – ja genau das ist ein Inder, Nihal Sarin. Ihm schräg gegenüber an Brett 4 – ja genau ein Däne, Jonas Bjerre. Wo ist Vincent Keymer? Er hatte Schwarz an Brett 3 und versteckt sich auf dem Foto.

 

Schon in Runde 2 dann die erste Überraschung: Aydin Turgut (Elo 2014) aus den USA besiegte Javokhir Sindarov (2411) aus Usbekistan – bei der US-amerikanischen Delegation haben, den Namen nach, viele (oder ihre Eltern) einen „Migrationshintergrund“. Zur Partie: es war lange eine verrammelte Stellung, ab dem 26. Zug nur noch die sechs Schwerfiguren, im 66. Zug fand dann Weiss (Turgut) mit gegnerischer Hilfe den Dosenöffner. Die anderen Favoriten (P. R um nicht immer Praggnanandhaa auszuschreiben, Keymer, Bjerre, Nihal, der US-Chinese(?) Hong, usw.) marschierten weiterhin.

 

Runde 3: Wieder sichere Siege für P. R und Vincent Keymer, an Brett 3 gewann der Däne Jonas Bjerre etwas glücklich – sein Gegner Altay Eynullayev aus Aserbaidschan (immerhin Elo 2042, manche schaffen das nie im Leben) stand lange gut, am Ende nicht mehr wobei er (wenn er zum Schluss den richtigen Zug gesehen hätte) noch nicht aufgeben musste. Dahinter musste sich der Inder Nihal Sarin vorläufig von den vordersten Tischen verabschieden – Niederlage gegen Renjie Huang (nicht etwa Amerikaner, sondern Chinese).

 

Runde 4: Wieder gewann P. R (der mitdenkende Leser weiss, dass er das bisher immer tat) – diesmal profitierte er davon, dass sein kolumbianischer Gegner mit 29.-f5?! die Geduld verlor; zuvor hatte „Double Anand“ (auch so wird er manchmal genannt) genug Kompensation für eine geopferte Qualität aber nicht mehr. Keymer war vorgewarnt, dass Renjie Huang Schach spielen kann, und gewann deswegen oder trotzdem. Bjerre gewann wieder souverän, wie auch Andrew Hong. Diese vier (Nummer 1, 3, 4 und 6 der Setzliste) hatten noch 100%, wie auch der mit Elo 1860 an 66 gesetzte Chinese Cai Yuhao – nach dem Pflichtsieg zu Beginn gegen Elo 0 drei Erfolge gegen nominell stärkere Gegner.

 

Runde 5: Praggnanandhaa gewann, mit Schwarz gegen einen fast gleichwertigen Gegner – Jonas Bjerre, der damit etwas zurückfiel. Wie auch Vincent Keymer nach Niederlage mit Schwarz gegen Andrew Hong, zu dieser Partie ein paar Worte: trotz Najdorf-Sizilianisch eher positionell-manövrierend, Schwarz wurde allmählich überspielt und konnte sich dann mit einem Qualitätsopfer befreien/konsolidieren. Chessbase und schachbund.de schreiben dann identisch (Autor jeweils Bundesnachwuchstrainer Bernd Vökler) „Das Turmscheinopfer auf e5 zerschlug allerdings die schwarze Stellung und Hoffnung.“ – ohne zu erwähnen, dass dies aus schwarzer Sicht vermeidbar war: 55.-Sce6? war doppelt falsch, der schwarze Turm musste entweder das Feld d7 verlassen, oder der Sc5 musste ihn weiterhin decken. So kam 56.Sf3+ Kg6 57.Txe5! fxe5 58.Sxe5+ Kg5 59.Sxd7 und kurz danach 1-0. An Brett 3 gewann Cai Yuhao schon wieder – er hat auch gar keinen Respekt vor (in diesem Fall gut 250 Punkte) „besseren“ Gegnern!

 

Runde 6: Schluss mit lustig für Cai Yuhao, Praggnanandhaa (fast 600 Elopunkte besser) besiegte ihn. Da Bjerre und Hong an Tisch zwei remisierten, übernahm der einzige IM im Teilnehmerfeld die alleinige Führung. Vincent Keymer besiegte den Bulgaren Momchil Petkov, zum Schluss mit sauberer Technik im Endspiel Turm und vier Bauern gegen kein Turm und zwei Bauern – in dieser Altersklasse stirbt auch mit Elo 2040 die Hoffnung zuletzt, aber Matt beendet die Partie. Wer ausserdem nach der Runde 5/6 hat, hatte ich bereits erwähnt. Am überraschendsten neben Cai Yuhao der Mongole Ganzorig Amartuvshin (Elo 1909, Nummer 55 der Setzliste), der Augen und Ohren offen hatte: nach Elo 1031 in Runde eins durchgehend Gegner mit ca. 2100 oder noch etwas mehr. Insgesamt spielen übrigens satte 18 Mongolen in den diversen Turnieren.

 

Zwischenbilanz: Praggnanandhaa da, wo er laut Setzliste hingehört, Keymer ebenfalls (als Wertungsbester mit 5/6). Wenn er Weltmeister werden will, muss er wohl den Inder im direkten Duell (in einer der fünf verbleibenden Runden) besiegen. Es sei denn er bekommt von einem anderen Schützenhilfe – besser nicht in Runde sieben von Andrew Hong, da er gegen den bereits spielte und verlor. Von den Elo-Favoriten hat Nihal Sarin ebenfalls noch Medaillenchancen, wohl auch – da er schon zwei sehr starke Gegner hatte – Jonas Bjerre. Sindarov hat dagegen nach seiner Niederlage gegen Elo 2014 auch noch gegen Elo 1872 und 1987 remisiert und muss sich erst wieder an die vorderen Bretter durchkämpfen. Aus deutscher Sicht: Ruben Gideon Köllner erzielte bisher 4,5/6 gegen Elo unter 2000, der Kolumbianer FM Pavas Santiago Avila (Elo 2154) wird in Runde sieben ein schwererer Brocken, vielleicht ist er ja (wie gegen Praggnanandhaa) lieb und kooperativ. Noch die Paarungen an den vorderen Tischen, zum Teil schon erwähnt: Hong(2296)-Praggnanandhaa(2442), Skatchkov(2104)-Keymer(2402), Cai Yuhao(1860)-Sarin(2324), Huang(2084)-Kumar(US-Inder mit 2076), Batsuren(2222)-Amartuvshin(1909) – da machen sich Mongolen auf die weite Reise nach Batumi und spielen dann gegeneinander.

 

Zwischendurch mal wieder zwei Fotos:

 

turniersaal-maedels

 

Immer ein beliebtes Fotomotiv – Händedruck zu Beginn der Partien. Ich habe nicht untersucht, wer da alles fotografiert wurde.

 

turniersaal-maedels2

 

Quasi dasselbe bei den Mädels U8. Denkt die junge Dame in Schwarz, dass sie gegen Vlad Kramnik, Loek van Wely oder gar den vielleicht grössten Grossmeister Sebastian Siebrecht spielt, oder warum geht ihre Hand diagonal nach oben?

 

Zu den anderen Altersklassen eher kurz und knapp: In der offenen Gruppe U10 bestätigt der an zwei gesetzte Russe Ilya Makoveev derzeit seine Mit-Favoritenrolle, hat allerdings bereits ein Remis abgegeben und mit 5,5/6 derzeit Gesellschaft von den Amerikanern Jason Wang und Nico Werner Chasin. Der an eins gesetzte Islombek Sindarov(2229) verlor bereits gegen Chasin (1903) und remisierte noch zweimal gegen Elo unter 2000. Damit ist er derzeit leicht schlechter als sein, so vermute ich, Bruder – beide 4/6, Platz 25 für Javokhir, Platz 26 für Islombek. Die deutsche Hoffnung Leopold Franziskus Wagner – mit Elo 1997, jedenfalls vor dem Turnier, immerhin an neun gesetzt – derzeit mit 3,5/6 auf dem 53. Platz.

 

Bei den Mädels U12 bestätigt die nach Elo recht klar favorisierte Russsin Bibisara Assaubayeva bisher diese Rolle, ebenfalls 5,5/6 aber als einzige im Turnier. Auch da die Nummer zwei nach Elo (Nazerke Nurgali aus Kasachstan) schlechter als wohl erwartet – Platz 35. In den anderen Turnieren sind die Elozahlen wohl wenig aussagekräftig, am klarsten ist das bei den Mädels U8: die derzeit führende Kasachin Aisha Zakirova hat noch gar keine Elo, trotzdem erzielte sie 6/6 gegen Elo 1165-1397 und spielt nun gegen die ebenfalls elolose Landsfrau Deniza Kurmalanina. Nicht ganz klar ist zunächst, warum Kurmalanina keine Elo aber doch den Titel WCM hat – den bekam sie bei der FIDE World Schools Championship U7 anno 2015 in der Altersklasse U7, die Reise nach Pattaya, Thailand (ohnehin ein netter Ort) hatte sich also gelohnt.

 

Zum Schluss noch zwei Fotos:

 

konzentration

 

Wer ist das denn? Keine Ahnung, jedenfalls kommt er nicht aus Katar (im Turnier nicht vertreten) also interessiert er sich wohl auch (jedenfalls passiv) für Fussball. Konzentrieren kann er sich schon wie ein Grossmeister, oder jedenfalls so posieren – schon (soweit auf dem Foto erkennbar) vor Partiebeginn.

 

konzentration2

 

Auch dieser Bursche konzentriert sich, da sind schon einige Züge gespielt. Er kommt wohl aus Georgien, die haben Heimspiel und daher mehr Teilnehmer als ich zählen kann oder will.

 

3 thoughts on “Kadetten-WM(s) am Ruhetag

  1. Kritik an Fotos bitte an iashviliakaki@gmail.com (Kontaktadresse auf der Turnerseite) richten. Bin selbst kein (professioneller) Fotograf – vielleicht stimmen auch die Lichtverhältnisse im Turniersaal nicht, ist bei hunderten Teilnehmern schwieriger als bei einem Superturnier, und wären mit längerer Belichtungszeit die Personen im Vordergrund überbelichtet.

  2. Leider waren wir in Batumi nicht persönlich anwesend. Deshalb müssen wir uns mit den Fotos zufrieden geben, die auf der offiziellen Seite stehen. Übrigens: Nicht nur beim Schach kann man gute Fotos machen.

  3. Schreckliche Fotos. Sorry, aber beim Schach kann man problemlos die paar Millisekunden mehr Belichtungszeit verwenden und bekommt dafür gute Bilder mit satten Farben.

Kommentare sind geschlossen.