Carlsen-Karjakin geht in die Verlängerung

Carlsen wollte es so (zwölfte Partie), für beide ist es ein Erfolgserlebnis?

 

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Ich beginne wieder mit einer ganz kurzen Zusammenfassung der vier letzten Partien. Neunte Partie: Karjakin war nahe am 2-0 (bzw. 5,5-3,5), dann wurde es remis. Zehnte Partie: Carlsen konnte ausgleichen, vor allem zu dieser Partie später mehr. Elfte Partie: Plusremis für Carlsen mit Schwarz, aber den Regeln entsprechend bekamen dafür beide jeweils einen wliveeiteren halben Punkt. Zwölfte Partie: Carlsen wollte ein Weissremis, Carlsen bekam ein Weissremis. (Dreizehnte bis sechzehnte und eventuell weitere Partien: bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt)

 

Das Titelbild (Max Avdeev, Quelle Turnierseite) zeigt mal wieder Magnus Carlsen und Sergey Karjakin, ausserdem Pamela Wasserstein und Ilya Merenzon – immer dabei, immer entspannt und gut gelaunt (ist schliesslich sein Beruf bei AGON). Wer ist Pamela Wasserstein? „Chief executive of New Yorker magazine“ – derlei Prominente durften bei der WM jeweils einen Zug lang mitspielen. Das ist der Beginn der zwölften und, wie sich später herausstellte, noch nicht letzten Partie. Es wurde eher Wasser (Isklar wird schliesslich auch ständig fotografiert) als Stein – lag nicht an Wassersteins 1.e4, sondern an Carlsens 5.Te1.

 

Andere Fotos teils von der Turnierseite, teils (dann ausdrücklich erwähnt) vom russischen Schachverband. Da die Leser wohl inzwischen wissen, dass Carlsen und Karjakin spielen sowie wer sie jeweils sponsort und auch genug Isklar-Wasserflaschen gesehen haben, zeige ich diesmal vor allem andere die, warum auch immer, ebenfalls in New York waren und vielleicht noch sind.

 

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Neunte Partie: Es war wieder ein Spanier mit 3.-a6, aber diesmal spielte Carlsen später das relativ aktive und dabei zweischneidige 6.-Lc5. Chess.com lobt Carlsen immer – diesmal dafür, dass er die Eröffnung gut kannte und die ersten 22 Züge herunterblitzte. Das war alles bekannt, bis 21.b3 aus einer Partie Nakamura-Kasimdzhanov (Olympiade Tromsö 2014), bis einschliesslich 23.Ta6 hatten es wohl auch diverse Amateure auf ihren Monitoren – das ist nämlich die Schlusstellung eines Eröffnungs-Videos von Peter Svidler, der dazu aus schwarzer Sicht sagte „This is playable, maybe drawable, but not particularly enjoyable and definitely not equal.“ [frei übersetzt: vielleicht kann man das mit Schwarz remis halten]. Livekommentator Svidler war sich sicher, dass Carlsen weiterhin blitzen würde – das Ende einer öffentlichen Analyse sollte doch der Beginn einer WM-Vorbereitung sein, oder? Vollmundig versprach er, andernfalls seinen Hut zu essen – hat er eigentlich einen? Vielleicht konnten andere (GM-Kollegen Tisdall oder Moradiababi, Familie von Leonard Cohen) aushelfen, bei der Redaktion nicht bekannt.

 

Carlsen überlegte hier nämlich eine satte halbe Stunde! 23.-Tfd8 war dann, jedenfalls für Computer, nicht der beste Zug, aber Carlsen konnte doch lange mithalten und an einer Stelle (33.-Tb4! statt 33.-Ta8!?) offenbar totalen Ausgleich erreichen. Der eventuell vorentscheidende Moment im Match dann nach 38.-Se7?!:

 

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Zuvor hatte der Springer auf d5 dem Lb3 die Aussicht versperrt – nun will er nach f5 aber zuerst ist Weiss dran. Karjakin, inzwischen auch auf der Uhr im Vorteil, verwendete fast seine gesamte Restbedenkzeit und spielte nach 26 Minuten den zweitbesten Zug 39.Lxf7+ – 39.Db3 war noch besser und gewinnträchtig. Karjakin hatte das auch erwogen aber genug Zeit, um eventuelle Probleme zu finden – nach eigener Aussage hinterher sah er (39.Db3) 39.-Sf5 40.Lxf7+ Kg7 41.Th3 De7 (Idee -Sh4+) aber nicht 42.Lg8! mit klarem weissem Vorteil (Carlsen wollte hier 40.-Dxf7 41.Dxf7+ Kxf7 42.Txh7+ Ke6 43.Txc7 spielen – mit schlechtem Endspiel und vielleicht, aber auch Carlsen selbst glaubte eher nicht daran, Remischancen für Schwarz). Die Partiefortsetzung führte zu einem Endspiel mit weissem Mehrbauern, das dennoch remis endete.

 

Die Livekommentatoren Svidler/Gustafsson spekulierten, dass Karjakin mit weniger Restbedenkzeit vielleicht 39.Db3 gespielt hätte („sieht gut aus, den Rest finde ich dann nach der Zeitkontrolle“). So war es ein aus Karjakins Sicht vergebener bzw. aus Carlsens Sicht abgewehrter „Matchball“ – stimmt natürlich nicht ganz: 5,5 Punkte sind noch weniger als 6,5 die man zum Matchsieg braucht, aber zwei Punkte Vorsprung im Match wären ‚komfortabel‘.

 

Zehnte Partie: Mit ‚dynamischem‘ Schach hatte Carlsen in der fünften und neunten Partie gewisse Probleme, und die achte Partie verlor er, da die von ihm selbst angezettelte Dynamik schlichtweg nicht funktionierte. Nun wieder betont ruhig – ich bespreche diese Partie vor allem bedenkzeittechnisch. Schwer zu sagen, wann man 10, 20 oder auch 30 Minuten für einen Zug investieren sollte – vorausgesetzt, man hat davor und am besten auch danach noch ein ordentliches Bedenkzeitpolster. Sicher in konkreten Stellungen, in denen man viel rechnen kann und muss, ansonsten eventuell auf der Suche nach einem langfristigen Plan. Umgekehrt: wann kann man a tempo reagieren? Natürlich, wenn der nächste Zug offensichtlich und erzwungen ist, z.B. 17.Sxc6 bxc6 (es sei denn, z.B. 17.-dxc6 geht auch). Natürlich ist auch legitim, die gegnerische Bedenkzeit selbst zu nutzen.

 

Nun zu einigen Momenten in der Partie, Carlsen mit Weiss:

 

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Zuvor alles im Blitztempo, hier 27 Minuten für 13.g3 – durchaus nachvollziehbar, dadurch entstanden (potentiell) Motive, die im weiteren Partieverlauf eine Rolle spielen konnten.

 

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Hier, zwei Züge später, ist es nicht einfach einen sehr sinnvollen Zug zu finden – allerdings auch quasi unmöglich einen sinnlosen zu entkorken. Wie dem auch sei, 7 Minuten für 15.Lc4 – „äääähm äääähhh“ – und nun ver(sch)wendete Karjakin eine satte halbe Stunde für 15.-c6. Das war wohl etwa genauso gut oder schlecht wie diverse Alternativen (Computer empfahlen 15.-b5!? was Vor- und Nachteile hat), diesen oder einen anderen Zug konnte man auch schneller spielen. Nun hat Carlsen seinen Gegner glatt angebrüllt: nach neun Sekunden 16.Lb3 „ÄHM ÄH!!!!!„. Ich habe einen Vereinskollegen, der gerne sehr schnell spielt – auf seinem Niveau (Elo unter 1700, so wissen nur Insider wer gemeint ist) bedeutet das mitunter Bauern- oder Figurenverlust bis Damenverlust oder Matt, auf höherem Niveau (Elo >2800, >2000 sollte auch reichen) passiert derlei selten. In dieser konkreten Stellung war allenfalls 16.Sg4? Lxg4!! ein bisschen plausibel. Mein Vereinskollege hat in clubinternen emails übrigens auch eine Vorliebe für Grossbuchstaben und viele Ausrufezeichen.

 

Zurück zur Partie: der womöglich verdutzte Karjakin investierte weitere 12 Minuten für 16.-Sg6, das war allerdings auch eine Richtungsentscheidung: soll der Springer auf e7 bleiben und eventuell -d5 unterstützen, oder soll er am Königsflügel mitmischen? Karjakin entschied sich für letzteres, sollte es allerdings einige Züge später quasi vergessen haben. Die nächsten Züge: 17.De2 (8 Minuten) 17.-a5 (4 Minuten) 18.a4 (7 1/2 Minuten) 18.-Le6 (1 Minute) 19.Lxe6?! (nur 2 1/2 Minuten, wenig für eine „Richtungsentscheidung“) 19.-fxe6 (18 Sekunden – Karjakin konnte oder wollte nicht schon wieder Minuten für „das oder 19.-Dxe6“ investieren) 20.Sd2 (10 Minuten – dabei fast erzwungen, aber Carlsen merkte wohl „eigentlich“ zu spät was er angerichtet hatte):

 

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Schwarz am Zug, was tun? Ich hatte mir zufällig bzw. aus anderem Grund meine Berichte zur Sotschi-WM (Anand-Carlsen die zweite) angeschaut – damals für schachbund.de, steht alles noch zwischen anderen Artikeln im Monatsarchiv November 2014. Zur damaligen sechsten Partie schrieb ich unter anderem: „Karjakin musste sich zurückhalten: „Als Magnus mit Kd2 patzte, sass ich im Turniersaal und wollte SE5!!! herausschreien. Ich denke, es hätte die Schachgeschichte verändert:-).“ Was, wenn nun jemand „SxF2!!!“gerufen hätte??? Die Glaskabine der Spieler in New York ist zwar offiziell schalldicht, aber vielleicht nur bis zu einer gewissen Dezibel-Obergrenze. Zwei drei kurze Varianten müssen her: 20.-Sxf2+! und nun: 20.Kg2 Sh4+! 21.Kg1 (21.gxh4? Dg6+ ist klar besser für Schwarz) 21.-Sh3+ 22.Kh1 Sf2+ usw. – Remis mit Schwarz ist oft ein gutes Ergebnis, sicher in dieser Matchsituation. Komplizierter und etwas „unklar“ ist 20.Kg1 Sh3+ 21.Kg2 Shf4+ (oder auch -Sgf4+) 22.gxf4 Sxf4+ 23.Txf4 exf4:

 

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Wie ist das zu beurteilen? Computer sagen, dass Schwarz etwas besser steht; Menschen – auch Grossmeister – waren sich da nicht sicher. Zum Beispiel Erwin l’Ami sagte „ich mag die Springer“, und auch seine mit-tweetenden GM-Kollegen Twan Burg und Jonathan Rowson tendierten zu „jedenfalls unklar“. Wesley So für Chessbase behauptet gar, dass Carlsen mit 19.Lxe6 eine Falle stellte und dass Weiss in der obigen Diagrammstellung „jedenfalls nicht schlechter, vielleicht gar besser“ steht.

 

Aber nach der Partie sagte Karjakin, dass er in dieser Variante 21.-Sf4+ (egal welcher zuerst) übersehen hatte (!!?) und Carlsen meinte zur Diagrammstellung „dann stehst Du (Karjakin) besser“ – also hätte er zähneknirschend Dauerschach erlaubt. Nur wenn das nicht die zehnte, sondern die zwölfte Partie wäre, hätte er (zum Siegen gezwungen) wohl trotzdem weitergespielt.

 

Das alles geschah also nicht, da Karjakin (ab dem vorletzten Diagramm) nach nur 45 Sekunden 20.-d5!? spielte – objektiv kein schlechter Zug, nur in der Matchsituation unpassend. Etwas mehr Zeit hatte er noch, aber fühlte wohl schon sich anbahnende (und selbst verschuldete) Zeitnot. Einen Zug später konnte Karjakin nochmals Zugwiederholung erzwingen (das war allerdings schon etwas komplizierter), und im weiteren Partieverlauf bekam Carlsen Oberwasser. Nur noch ein Diagramm zum definitiv partieentscheidenden Moment:

 

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Stellung nach 56.Tb1 – Schwarz am Zug, was (nicht) tun? Zuvor hatte Carlsen Td1-d4-d2-d3 und Ta3-b3-b1 gespielt – Karjakin ging davon aus, dass sein Gegner erst nach der zweiten Zeitkontrolle im 60. Zug konkrete Massnahmen ergreifen würde. Er spielte 56.-Thh7? und nun ging 57.b5!, da Schwarz nach 57.-cxb5 58.Txb5 nicht 58.-Tc8 hat. „Der Rest war Technik“ für Carlsen, diesmal (im Gegensatz zur dritten und vierten Matchpartie) konnte er seinen Endspielvorteil verwerten.

 

In seinen Analysen für chess.com, generell durch die Carlsen-Brille betrachtet, schreibt GM Hess „56.-Thh7?? Oh no. After defending for many moves, Karjakin cracks. This is the mistake Carlsen was waiting for. Black is totally stuck and can’t defend b7 and e6.“ [Oh nein. Nach langer Verteidigung bricht Karjakin. Das ist der Fehler, auf den Carlsen gewartet hat. Schwarz ist total passiv und kann b7 und e6 nicht verteidigen.] Alles plausibel (ja, Carlsen brauchte einen gegnerischen Fehler) aber warum „Oh no“? Er wollte wohl neutral wirken, während der Liveübertragung (für ihn als Amerikaner noch zu ’normaler‘ Zeit) dachte er vielleicht „YES!!!“. Eingangs schreibt Mike Klein im Artikel „GM Magnus Carlsen got to be Magnus Carlsen today.“ – etwas kurios, endlich konnte er mal wieder so spielen wie in jungen Jahren bevor er Grossmeister wurde?! Gemeint ist natürlich: letztendlich ein typischer Carlsen-Sieg, gegnerische Fehler gehören dazu. Ja, man kann sagen dass er Karjakin anhaltend unter Druck setzte – dann können Fehler passieren, aber müssen nicht unbedingt passieren. Wie dem auch sei, Ausgleich im Match.

 

Team Carlsen hatte, auch das steht bei chess.com, sogar noch ein zweites halbes Erfolgserlebnis: Zur Erinnerung, nach der achten Partie hatte Carlsen die Pressekonferenz verlassen, bevor sie begann. Laut Regelwerk kostet das 10% seines Preisgelds, so wurde auch zunächst (zum Zeitpunkt des letzten Schachticker-Berichts noch nicht bekannt) entschieden und Team Carlsen protestierte. Nun wurde die Strafe halbiert, aus zwei genannten Gründen: 1) Carlsen habe noch nie vergleichbare Pressekonferenzen geschwänzt – stimmt nicht unbedingt, bei Norway Chess dieses Jahr verzichtete er auf zwei Pressekonferenzen, allerdings mit Erlaubnis der Ausrichter (denen reichten Carlsen-Interviews für das norwegische Fernsehen). 2) FIDE-Vizepräsident Makropoulos sagte, dass Carlsen die Pressekonferenz aus Enttäuschung über seine Niederlage verliess, „nicht als Affront gegen Journalisten oder Schachfans“. Hmm, 1) man kann zwar Wiederholungstäter eventuell härter bestrafen, aber mildernde Umstände für Ersttäter – das steht nicht im Regelwerk. 2) Bei manchen Turnieren (z.B. Wijk aan Zee) wird ein Verlierer nicht ‚belästigt‘, aber das ist Sache der jeweiligen Organisatoren. Also gilt mal wieder „es gibt Regeln für andere, und (zumindest gewisse) Ausnahmen für Carlsen“.

 

Wie Karjakin im ähnlichen Fall behandelt würde, diese Frage stellt sich nicht – auch nach dieser Partie kam er zur Pressekonferenz und machte auch aktiv mit, statt nur dabei zu sitzen und griesgrämig-einsilbig ein bisschen was zu murmeln. Aber Carlsen ist bereits „ein Glücksfall für Schach und Medien“ (seine Fans sagen das ständig, also stimmt es) – dann muss er nicht auch noch etwas dafür tun, bzw. gelegentliche Interviews mit Boulevardzeitungen und befreundeten Journalisten reicht. Ave Carlsen Halleluja!

 

Elfte Partie:

 

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Mit diesem dynamischen Händedruck vor der Partie deutete Carlsen bereits an, dass er wieder etwas besonderes vorhatte. Es war wieder ein Spanier mit 6.d3 – laut Svidler-Videos für Weiss chancenreich (heisst natürlich nicht, dass Weiss „immer“ besser steht). Die muss ich mir vielleicht noch anschauen/anhören, denn auch beim zweiten WM-Versuch (nach der zweiten Partie, zwischendrin zweimal anti-Marshall und einmal 1.d4) erreichte Karjakin nichts, mit Weiss nur in der neunten Partie. Hoppla, das ist bereits etwas zum Match insgesamt, wollte ich mir eigentlich für eine Nachlese aufheben. Das Carlsen-Bauernopfer 19.-d5!? wurde „natürlich“ von chess.com gelobt („überraschend“, „wunderbar“, …) – Emil Sutovsky auf Facebook sieht es nüchterner und nennt es „im Stil der alten Meister modernen Computer“. Es war zwar wohl nicht konkrete häusliche Vorbereitung, aber diesen Stellungstyp hatten sie sicher vorab untersucht. Mit 20.Lg5 verzichtete Karjakin auf grosse Komplikationen – kurz danach war 24.-e3!? von Carlsen mehr Show als ernsthaft-realistischer Gewinnversuch, und es wurde remis.

 

Zwölfte Partie: Sie fand statt, dauerte 35 Minuten und endete Remis. Das passiert, wenn Weiss (5.Te1 gegen die Berliner Mauer) konsequent auf Remis spielt. Schon früh war es offensichtlich, aber beide spielten/blitzten brav bis zum 30. Zug – dann kann man regelkonform remis vereinbaren (vorher müsste man eine Zugwiederholung finden).

 

Zum Beispiel Niclas Huschenbeth kommentierte das auf Twitter mit „Smart decision by Carlsen. No need to risk everything in one game when he can play four on Wednesday.“ [Schlaue Entscheidung von Carlsen. Nicht nötig, in einer Partie alles zu riskieren, wenn er Mittwoch vier spielen kann.] Man kann darüber diskutieren, ob man nur „alles“ oder rein gar nichts riskieren kann, oder ob es eventuell auch Zwischenstufen/Mittelwege gibt. Ob es  „schlau“ war wissen wir nach dem nun fälligen Tiebreak – Schnellschach, eventuell Blitzschach, letzter Ausweg Armaggedon, dazu später Details. Dann wissen wir immer noch nicht, ob Carlsen mit diesem Remis mehr oder weniger Preisgeld bekommt als wenn die zwölfte Partie stattgefunden hätte, da wir ja ein eventuelles anderes Ergebnis nicht kennen. Ein Sieger nach zwölf Partien bekommt 60% des Preisgeldkuchens, der Verlierer 40% – nach Tiebreak ist das Verhältnis 55-45 (jeweils ja minus 5% für Carlsen).

 

Emil Sutovsky war dazu auf Englisch wortkarg, dafür mit Grossbuchstaben, und schrieb auf Facebook nur „DISAPPOINTING.“ – wohl jeder wusste, was gemeint ist. Später schrieb er etwas mehr auf Russisch – auszugweise Google-Übersetzung: „Carlsens Entscheidung, die letzte Partie mit Weiss einfach nicht zu spielen, ist als Matchstrategie diskutabel, aber natürlich enttäuschend für das Publikum. Millionen – ja, tatsächlich Millionen haben die Partie in Internet und Fernsehen verfolgt, und wurden Zeuge der kürzesten Partie der WM-Geschichte [nach verbrauchter Bedenkzeit, nach Zügen gab es kürzere] … der Norweger hat Caissa nun gründlich provoziert.“ Und dann nochmal auf Englisch „Quiet night sleep – sponsored by Magnus Carlsen.“

 

Immerhin gaben beide – neben Karjakin auch Carlsen – danach Fernsehinterviews, und dann gab es auch noch eine Pressekonferenz.

 

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Zu Beginn der Pressekonferenz wurde zwei anderen das Wort erteilt:

 

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Ilya Merenzon (AGON) sagte ein paar einleitende warme Worte, dann gab es die Auslosung für den Tiebreak – Karjakin hat in der ersten und dritten Schnellpartie Weiss – und Schiedsrichter Takis Nikolopoulos erklärte die Details: zunächst also vier Schnellpartien (25 Minuten plus 10 sekunden Inkrement). Dann wenn nötig bis zu fünfmal zwei Blitzpartien (5 Minuten plus 3 Sekunden Inkrement). Und dann wenn nötig Armaggedon. Merenzon meldete sich später nochmals und sagte, dass die Tickets für die zwölfte Partie auch für den Tiebreak gültig sind. Eintrittspreise für den ‚Höhepunkt‘ des Matches wurden verdoppelt, dafür bekommt das zahlende Publikum (sofern es auch Mittwoch Zeit hat) nun immerhin vermutlich (ausser wenn einer nach drei Schnellpartien bereits 2,5 oder 3 Punkte hat) mindestens vier tatsächlich gespielte Partien geboten, eventuell mehr.

 

In der Pressekonferenz entschuldigte sich Carlsen dann beim Publikum: „Fans wollten sicher eine längere Partie, aber es kam anders“ – offenbar war es ‚höhere Gewalt‘? Einen Screenshot habe ich:

 

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Beide wurden gefragt, ob sie nach zwölf Partien müde sind. Lange Stille und vielsagende Gesichter, dann Carlsen „I am OK“ und auch Karjakin „natürlich war es kräfteraubend, aber es geht schon …“.

 

Wie angedeutet, allgemeine Bemerkungen zum (bisherigen) Match später – auch wenn ich den klassischen Teil als abgeschlossen ansehe und Tiebreaks recht separat betrachten werde. Nur ein paar Daten zu den Schnellschach-und Blitzspielern Carlsen und Karjakin: Die chessgames.com Statistik ist scheinbar eindeutig:  „Only rapid/exhibition games: Magnus Carlsen beat Sergey Karjakin 14 to 7, with 6 draws.“ Aber schon das kann bedeuten, dass in einem recht kurzen Match alles möglich ist. Und wenn man es weiter aufbröselt, gilt „Vorteil Carlsen“ nur für Blitz- und (hier irrelevant) Blindschach; im Schnellschach gewannen beide dreimal bei zwei Remisen. Auch im Blitz steht es zuletzt unentschieden: Carlsen gewann 2013 (Tal Memorial) und 2014 (Norway Chess), Karjakin gewann 2013 (Norway Chess) und 2015 (Blitz-WM in Berlin). Beide waren auch gegen andere Weltklassespieler durchaus erfolgreich, das will ich nun nicht im Detail untersuchen. Wer hat mehr rezente Erfahrung mit verkürzter Bedenkzeit? Carlsen spielte mehr Superturniere mit integriertem Blitzturnier, und zuletzt auch bei der Chess Tour in Paris und Leuven. Karjakin spielte mehr derartige Turniere in der ehemaligen Sowjetunion. Carlsen spielte mehrfach Blitz-Tiebreaks bei Superturnieren, Karjakin musste beim Weltcup oft in die Verlängerung.

 

Wer Carlsen als haushohen Favoriten betrachtet, sagt dass Carlsen haushoher Favorit ist – derlei „Experten“ irrten sich bereits bei den zwölf Partien mit klassischer Bedenkzeit. Warum ist – siehe Untertitel – das Erreichen des Tiebreaks für beide bereits ein Erfolg? Für Karjakin, da er durchaus Aussenseiter war – dabei aus meiner Sicht nicht so klar, quasi chancenlos, wie andere vorab behaupteten. Für Carlsen: Er sagte selbst „mit noch drei Partien lag ich hinten, so betrachtet ist das Erreichen des Tiebreaks ein Erfolg für mich“. Wenn einer das Match bereits für sich entscheiden konnte, dann Karjakin!!? Er hätte „nur“ seine Gewinnchancen in der neunten und/oder Remischancen in der zehnten Partie nutzen müssen – wenn eines aber nicht beides der Fall gewesen wäre, hätte es allerdings natürlich eine andere zwölfte Partie gegeben, die (zahlende) Zuschauer nicht enttäuscht hätte. Früh im Match hatte Carlsen Chancen nicht genutzt – das war früh im Match, nicht in der entscheidenden Phase.

 

Tiebreaks bei Superturnieren verliefen mitunter recht einseitig, manchmal auch dramatisch. Letzteres kennen beide aus eigener Erfahrung: Carlsen in Baden-Baden als klarer Favorit gegen Naiditsch, Karjakin etwa auf Elo-Augenhöhe beim Weltcup gegen Svidler.

 

Was bleibt, sind Bilder – als Galerie:

 

 

Zu den meisten Partien erschien Karjakin gemeinsam mit Sekundant Potkin, aber dann – nachdem sie, offenbar für ihn überraschend, wieder in New York auftauchte – mit weiblicher Begleitung. Es gibt noch „romantischere“ Fotos, aber dieses reicht. Fabiano Caruana war doch nah am WM-Geschehen, wenn auch nicht in der Zone ohne Zuschauer direkt neben dem Brett. Hier steht er offenbar schlecht, oder ist das (Lichtverhältnisse) eine optische Täuschung? Ich sehe vor allem schwarze Figuren, kaum weisse. Nepomniachtchi spielte auch noch gegen andere – welche Rolle er genau im Team Karjakin hatte, vor und/oder während dem Match, ist „unklar“. Vladimir Barsky, Reporter für den russischen Schachverband, war auch in New York unterwegs – jedenfalls einmal nicht alleine, da ein anderer ihn fotografiert hat.

 

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