Wesley So gewinnt London und Chess Tour

Dieser Artikel kommt etwas verspätet: Samstag spielte ich selbst Schach, Sonntag habe ich zunächst die Partien dieses Mannschaftskampfs analysiert. Allzu viel ist in den letzten vier Runden in London nicht mehr passiert, daher wird „Runde sechs bis neun“ eher knapp und nun zunächst sehr knapp: In Runde 6 nochmals drei Entscheidungen, darunter das dritte Geschenk an Wesley So von – da muss sich der Leser noch etwas gedulden. In den verbleibenden Runden jeweils eine Entscheidung – immer war Nakamura oder Topalov beteiligt. So hatte gegen beide bereits gespielt und beendete das Turnier mit drei soliden Remisen. Schon vor dem Turnier war ja klar, dass nur Nakamura ihm den Tour-Gesamtsieg entreissen konnte – aber der fuhr zunächst weiterhin Achterbahn und beruhigte sich dann in den letzten beiden Runden. Alle Fotos von Lennart Ootes, Quelle Turnierseite, Titelfoto natürlich Wesley So.

„So“ stand es nach neun von neun Runden: So 6/9, Caruana 5.5, Nakamura, Anand, Kramnik 5, Giri 4.5, Vachier-Lagrave, Aronian, Adams 4, Topalov 2. Verglichen mit dem Stand vor dem Ruhetag hat sich Topalov verbessert bzw. noch schlimmeres verhindert (nach 0,5/5 immerhin noch 1,5/4), Verlierer der zweiten Turnierhälfte ist Aronian (nach 3/5 noch 1/4).

Ein Leitmotiv der ausgewählten Fotos ist „gute Laune“ – die hatte natürlich Wesley So hinterher und schon während dem Turnier, die hatten, teils ergebnis-unabhängig, auch andere, selbst

Veselin Topalov. Dann kam Runde 6, er hatte Weiss gegen

Wesley So. Das Ergebnis habe ich bereits eingangs verraten und auch angedeutet, wie es entstand. Noch ist nicht viel passiert, wobei in einem Italiener 7.Lg5 relativ selten ist – vielleicht da Schwarz mit -h6 und -g5 expandieren kann, was Schwarz dann auch tat. Es sieht etwas riskant aus, ist aber hier üblich. Topalov verging das Lachen:

Topalov-So 0-1: 17 Züge lang war es ausgeglichen, dann spielte Topalov 18.Le2?! – da tat sein „italienischer“ Läufer … nichts (18.Ld3!) während der schwarze von a7 aus seine Diagonale beherrschte. Weiss konnte ihn mit Sd2-b3-d4 neutralisieren, das tat Topalov nicht sondern spielte konsequent auf Verlust – nach 27 Zügen war Schluss, da Schwarz unparierbar Matt drohte. Vielleicht war das ja Absicht von Topalov? Nun hatte er gegen alle drei Amerikaner mit Weiss verloren, vielleicht steigen so seine Chancen auf eine wildcard nächstes Jahr bei der (auch organisatorisch) amerikanisch beherrschten Chess Tour? Zumal er lernfähig war: gegen Caruana stand er lange auf Gewinn, gegen Nakamura verpasste er zwischendurch Ausgleichschancen, gegen So keinerlei Umwege.

Die beiden anderen Amerikaner erwähnte ich bereits, sie spielten gegeneinander:

Caruana-Nakamura 1-0 war Najdorf-Sizilianisch mit 6.Lg5, inzwischen landete dieser Läufer via h4 auf f2 – theoretisch bekannt, das war nicht die erste Partie in dieser Subvariante, vielleicht ist es nach dem Turnier die vorletzte (siehe unten Runde 7). Im 19. Zug ein weisses „Damenopfer“ (Gänsefüsschen da es eventuell nur eine Abtauschkombination ist, Weiss bekommt die schwarze Dame zurück), im 21. Zug machte Caruana daraus ein Damenopfer – nicht 21.Sc6 sondern 21.Sf5!!. Während der Partie brauchte er nur eine Minute, um das richtig einzuschätzen – das lag aber daran, dass er bzw. sein Sekundant Kasimdzhanov (von ihm stammt offenbar die Idee) vor der Partie das bereits auf dem Brett oder dem Monitor hatten: Weiss bekommt zwar nur zwei Leichtfiguren für die Dame, aber hat mehr als ausreichende Kompensation da die schwarze Tante jedenfalls vorläufig gar keine Felder hat (ausser d8 wo sie bereits steht)! Eine Glanzpartie dank häuslicher Vorbereitung.

Vachier-Lagrave -Aronian 1-0 war dagegen, milde ausgedrückt, keine Glanzleistung des Siegers – des Verlierers natürlich auch nicht. Mit Weiss verlor der Franzose das italienische Eröffnungsduell und entschied sich nach 18 Zügen für ein Figurenopfer gegen zwei Bauern. Da Aronian direkt danach ungenau fortsetzte, bekam MVL zwei Figuren für einen Turm und hatte so letztendlich eine Qualität weniger. Die zwei Bauern waren offenbar, obwohl einer ein recht wertloser Doppelbauer war, genug Kompensation. Dann verlor Aronian komplett den Faden bzw. spielte total unberechtigt auf Gewinn. Kurz vor Schluss kam 36.-b6 37.Lxb6 (merci!) 37.-c5 38.Lxc5 (merci encore!), das verstehe wer will. Nun hatte MVL fünf Bauern für die Qualität, darunter drei verbundene Freibauern am Damenflügel – die nicht mehr marschieren mussten da Aronian nach der Zeitkontrolle aufgab.

Auch in den Remispartien wurde geopfert: Bei Kramnik-Adams 1/2 gab Schwarz eine Figur für Dauerschach. Anand-Giri 1/2 war wieder ein Najdorf-Sizilianer, da wird gerne geopfert: Anand gab eine Figur für drei Bauern, Giri gab (richtig) die Figur zurück und hatte nun „eigentlich“ vernichtenden Königsangriff. Aber dann gab er das falsche Schach: 25.-Dd8+ war gewinnträchtig, 25.-Tb1+ trieb dagegen zwar den (zuvor lang rochierten) weissen König nach f3, aber da stand er erstaunlich sicher. Dann landete der weisse König wieder auf b2, und sie einigten sich auf remis – verpasste Chance für Giri.

Runde 7: Ich beginne wieder mit Gute Laune Fotos:

Kramnik kann das auch alleine, er braucht dafür nicht unbedingt Levon Aronian. Warum zeige ich ihn eigentlich, und gleich dreimal? Weil mir diese Fotos gefallen, und quasi auch als Anerkennung für seine Erfolge in letzter Zeit: dieses Jahr konstant Elo über 2800, das hatte sonst kein Chess Tour Teilnehmer (Carlsen war ja nur wildcard in Paris und Leuven). Gut, es lag auch daran, dass er im ersten Halbjahr 2016 kaum spielte – nachdem er beim Katar Open im Dezember 2015 zum dritten Mal in seiner langen Karriere Elo 2800+ erreichte. Aber wenn er spielte, dann fast immer auf diesem Niveau oder noch besser. Damit hat er sich, zusammen mit Carlsen und Vachier-Lagrave, nach durchschnittlicher Elo für die Chess Tour 2017 qualifiziert. In London hat er dagegen nicht unbedingt Bäume ausgerissen, abgesehen vom Sieg in Runde eins gegen die bulgarische Pappel Veselin Topalov. Zurück zum schachlichen Geschehen:

Zu So-Kramnik 1/2 reicht eigentlich „ist hiermit erwähnt“, aber das Foto zeigt ja auch das Publikum im Hintergrund – es gab durchaus zahlende Zuschauer, ausverkauft war es offenbar nicht. Adams-Caruana 1/2 und Aronian-Anand 1/2 ebenfalls hiermit erwähnt. Giri-Topalov 1/2 – „na klar, Giri spielt doch immer remis, auch gegen den Tabellenletzten“!? Es lag an zwei Dingen: Topalov spielte diesmal betont solide, und Giri nutzte die Chancen die er dennoch bekam (47.g5!, 51.g5!) nicht – auf diesen Durchbruch spekulierte er wohl immer, aber verzichtete dann darauf. Hinterher haderte er mit den vergebenen Chancen nun und tags zuvor gegen Anand. War da noch was?

Nakamura – Vachier-Lagrave 1-0 war Najdorf-Sizilianisch, dieselbe Variante wie tags zuvor in Caruana-Nakamura. MVL wich ab und verlor trotzdem – auf dem Foto kann man die Stellung auf dem Brett nicht erkennen, deshalb Hochformat einschliesslich an die Wand projezierte Stellung kurz vor Schluss. Was genau für Schwarz schief lief? MVLs Neuerung 16.-Sc5 (nach 26 Minuten, 16.-Sh7 ist noch aus Fernpartien bekannt) war wohl suboptimal, Nakamuras 18.Sf5 ein korrektes Opfer das Schwarz nicht annehmen konnte, MVLs brutales 18.-Scxe4 funktionierte nicht. Vielleicht, siehe oben, ist die gesamte Variante (6.Lg5 e6 7.f4 h6 8.Lh4 Db6 9.a3 – deckt den Bauern b2 indirekt) für Schwarz nicht mehr spielbar – oder Najdorf-Spieler können sie wieder reparieren.

Und danach hatte Nakamura gute Laune.

Runde 8 – wieder geschah eher wenig:

Das war der erste Händedruck zwischen Caruana und So, der zweite 37 Züge später – remis. Caruana versuchte ein bisschen etwas, ohne viel zu riskieren, So war solide. Nakamura-Aronian ebenfalls remis – offenbar beschwerten sich hinterher beide über den Gegner, der nichts riskierte. Sie spielten 27 Züge. MVL-Adams und Kramnik-Giri erreichten die zweite Zeitkontrolle und dann wurde es remis. Giri spielte immerhin Najdorf (Kramnik reagierte mit dem positionellen 6.g3) und opferte/tauschte eine Figur gegen drei Bauern – ausgeglichen war die Stellung vorher und hinterher und überhaupt.

Dann eben mal wieder ein Foto von der Bühne. War da noch was?

Topalov-Anand 0-1: Topalov wollte doch noch zeigen, dass er auch gegen Nicht-Amerikaner mit Weiss verlieren kann – und das war (so wollte es die Auslosung) seine einzige Chance in diesem Turnier. Es lag vielleicht ein bisschen an Anands spektakulärer Neuerung 12.-b5!?, aber vor allem daran, dass Topalov am Ende schwer patzte.

Runde 9 verlief ähnlich:

So-MVL 1/2: Das ist der zweite Händedruck, etwa eine Stunde nach dem ersten – im Hintergrund (mittlere Partie oben) sieht man, dass die Stellung nach 35 flott ausgeführten Zügen tatsächlich total remis ist. So stand als Turniersieger fest, es sei denn Caruana gewinnt mit Schwarz gegen Giri – dann wären beide punktgleich und es gäbe einen Stichkampf. Aber das wurde remis, wie auch Anand-Kramnik und Adams-Nakamura – alles „hiermit erwähnt“. War da noch was?

Aronian-Topalov 0-1!? – ich kann nicht erkennen, wann dieses Foto entstand. Topalov dominiert farblich – man beachte die knallblaue Hose – auf dem Brett vielleicht nicht. Er gab eine Figur für zwei Bauern – objektiv wohl nicht genug, aber Aronian konnte seinen Vorteil nicht verwerten und schaffte es dann, die Partie noch zu verlieren – nächstes Foto kurz vor Partieende:

Aronian hatte in ein Remisendspiel abgewickelt und dann vergessen, sich um den schwarzen d-Bauern zu kümmern. Topalov meinte hinterher, dass es für ihn egal war, ob er am Ende -5 oder -7 hat und freute sich, dass er Aronians Turnier ruinierte. Damit ist „Einzelkritik“ bereits angedeutet, aber für heute mache ich Schluss – der Vereinsabend ruft! Rückblick auf das gesamte Turnier und ein bisschen zu den anderen Londoner Turnieren (Open und Schnellturnier) dann in einem separaten Artikel.

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