Blöder Bauer bei Basel

Das wird ein Bericht zum Schachfestival Basel teilweise aus deutscher Sicht, damit kann ich meine Vorliebe für alliterierende (Unter-)Titel mal wieder ausleben: Wie bereits in Zwischenberichten stand, waren drei deutsche Grossmeister – Schroeder, Svane und Donchenko – zeitweise gut im Rennen. Alle drei verloren dann gegen Christian Bauer, jeweils konnte der Franzose (Lothringer) einen Mehrbauern verwerten. Das machte er natürlich nicht nur, um Deutsche zu ärgern, nein er wollte selbst in den Kampf um den Turniersieg eingreifen. „Bei“ Basel (komplett alliterierend) passt/stimmt, da das Turnier seit 2015 im nahe gelegenen Riehen ausgetragen wird. Das ist, wie wenn ein Frankfurter Turnier in Offenbach ausgetragen wird, oder ein Berliner Turnier in Potsdam. Das Schachfestival Basel musste 2015 umziehen (der bisherige Austragungsort im Hilton Hotel Basel stand nicht mehr zur Verfügung, da das Hotel geschlossen und abgerissen wurde), den etablierten „Markennamen“ hat es behalten.

Das Titelfoto – alle Fotos von Uwe Zinke via Turnierseite – bekommt allerdings Elofavorit und Sieger Eltaj Safarli aus Aserbaidschan. Das ist der Endstand: Safarli, Bai Jinshi, Bauer 7/9, Svane, Gao Rui, Abasov, Deepan Chaccravarthy, Jorden Van Foreest 6.5, Donchenko, Schroeder, IM Karthikeyan, Heimann, IM Bellahcene, FM Mesaros, WIM Pratyusha 6. Alle „ohne Titel“ sind Grossmeister, wie zwei weitere Teilnehmer: Vitaly Kunin mit 5,5/9 und … Yannick Pelletier mit 4,5/9. „…“ bedeutet hier, dass es überraschend ist und/oder dass man bis zum 48. Platz scrollen muss um ihn zu finden. Diverse andere junge Deutsche (und Niederländer) haben auch mitgespielt, alle kann ich in diesem Bericht nicht erwähnen/besprechen. Nur soviel: Jorden Van Foreest war nicht alleine in Basel, dabei auch Bruder Lucas (noch titellos, zum IM-Titel fehlt wohl nach wie vor Elo 2400) und Freundin WFM Sonja Maria Bluhm.

Eine weitere Anreise hatten neben den zum Teil bereits genannten Chinesen und Indern auch FM Zhen Yu Cyrus Low aus Singapur und IM Alvarez Marquez aus Venezuela, allerdings wohl nicht der Japaner Simon Schweizer (dazu später mehr).

Statt „Runde für Runde“ kurz zum gesamten Turnier einiger Spieler: Eltaj Safarli musste sich in der zweiten Runde gegen IM Akshat mit Remis begnügen, dadurch spielte der Elofavorit erst ab Runde 5 wieder am Spitzenbrett, turnierentscheidend dann zwei Siege gegen GM-Kollegen. In Runde 5 ein Sturmsieg gegen Alexander Donchenko, der in einer seltenen (anti?-)sizilianischen Variante (1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.Sc3 Sf6 4.e5!?) den Überblick verlor (16.-Dc6?? war das falscheste Feld für die Dame, noch schlimmer als 16.-Dc7 17.Dxc7) und nach 19 Zügen wegen undeckbarem Matt aufgeben musste. In Runde 8 gegen Christian Bauer wieder eine unkonventionelle Eröffnung: 1.e4 d5!? 2.exd5 Dxd5 3.Sc3 Da5 4.g3!? (und erst im 13. Zug bewegte sich der weisse d-Bauer, nach d3). Objektiv ist das sicher keine Widerlegung von Skandinavisch, aber Weiss bekam doch Oberwasser. Die Remisen zwischendurch und danach waren unterschiedlich: mit Schwarz in 70 Zügen gegen Svane, der über weite Strecken der Partie zumindest gut/besser stand, mit Weiss in 19 Zügen gegen Bai Jinshi (Russisch ist eben Remis?), zum Schluss mit Schwarz in 12 Zügen (bekannte Berliner Nebenvariante) gegen Landsmann Abasov.

Safarli hatte zuvor einen halben Punkt Vorsprung auf sechs Verfolger, erster Tiebreak war Fortschrittsscore – das ist berechenbar, nur Rasmus Svane konnte ihn nun eventuell noch einholen. Damit ist bereits angedeutet, dass auch die Konkurrenz früh im Turnier Federn liess.

Bai Jinshi remisierte ebenfalls in Runde zwei gegen den nominell unterlegenen Landsmann Bao Qilin – in 20 Zügen aber es war nicht unbedingt ein Freundschaftsremis, die Stellung war bereits recht vereinfacht-ausgelutscht. Entscheidend für den Tiebreak gegenüber Safarli dann, dass er bereits in Runde fünf wieder remisierte (Safarli erst ab Runde sechs wieder) – wieder gegen einen Landsmann (Gao Rui), diesmal in 21 Zügen durch Dauerschach. Bai Jinshis wichtigste Siege waren in Runde sechs gegen Jorden Van Foreest, und in der letzten Runde gegen Bellahcene. In der ersten Partie war nach 21 Zügen noch nicht Schluss, aber es war der Anfang vom Ende für den niederländischen Jungstar – Bai Jinshi hatte einen Bauern gewonnen, bzw. JvF hatte einen Bauern eingestellt, das war später partieentscheidend. Bai Jinshi-Bellahcene dauerte 24 Züge, dann war direkt Schluss da der Franzose eine kleine gemeine Taktik übersehen hatte. Dazwischen: das Remis gegen Safarli siehe oben, gegen Abasov wurden 14 Züge gespielt, bzw. zehn plus Wiederholung. Positiv ausgedrückt: Bai Jinshi spielte kräftesparend und effizient!?

Christian Bauer machte es anders. Sein erstes Remis bereits in Runde eins gegen WIM Pratyusha aus Indien, nach 82 Zügen war es (König gegen König) definitiv. Zuvor war der Elounterschied von fast 400 Punkten nie erkennbar, wobei die Dame auch sehr konsequent auf Remis spielte (1.d4 a6 2.e4 e6 3.Sf3 d5 4.exd5!). Am Ende war Bodda Pratyusha dann punktgleich mit diversen Grossmeistern, ohne gegen weitere GMs zu spielen – das geht im Schweizer System. Wie eingangs bereits erwähnt: Bauer punktete fleissig gegen deutsche GMs. Gegen Schroeder konnte er einen anfangs eher oder scheinbar leichten Endspielvorteil (bessere Bauernstruktur) zum Gewinn verdichten. Tags darauf gegen Rasmus Svane Fotos aus der Eröffnungsphase:

Bauer setzt an zu (1.c4 c6 2.d4 d5 3.cxd5 cxd5) 4.Lg5!?

Das war offenbar Svanes Reaktion (der luftleere Lg5 gerade so noch auf dem Foto). Nach 13 1/2 Minuten dann 4.-Sf6 5.Lxf6 (a tempo) 5.-exf6 (wieder 11 1/2 Minuten). Die Zeit fehlte Svane vielleicht später, Bauer hatte Endspielvorteil aufgrund der besseren Bauernstruktur – ja, ich wiederhole mich bzw. Bauer wiederholte sich. Daraus wurde ein Mehrbauer, zugleich freier a-Bauer. Daraus wurde eine Mehrdame, und am Ende machte Bauer gar „den Carlsen“: zum Schluss 44.Dh6+ Kxh6 45.Dh8 matt.

Nun lag Bauer alleine vorne, verlor jedoch (das hatten wir bereits) gegen Safarli. Zum Schluss gegen Donchenko wieder Eröffnungs-Kreativität: 1.e4 c5 2.Sa3!?. Schwarz opferte einen Bauern – es war wohl ein Opfer, kein Einsteller – und dann noch einen. Gewisse Kompensation hatte er wohl, aber auf Dauer nicht genug.

Weiterhin vor allem zu deutschen Spielern: Rasmus Svane (Foto hatten wir bereits) spielte insgesamt überzeugend, nur die Niederlage gegen Bauer … . Tags zuvor hatte er vielleicht etwas Glück, dass sein chinesischer Gegner IM Wei Chao Chu plötzlich zusammenbrach. Beim Plusremis gegen Safarli kann man nicht meckern. Der Endspielsieg gegen den Inder IM Karthikeyan „im Stile von Magnus Carlsen“ – mit Schwarz hatte Svane kaum etwas, „objektiv“ war es wohl remis, am/auf dem Brett war es irgendwann nicht mehr remis. In der Schlussrunde hatte er Weiss gegen Jorden Van Foreest. Beide riskierten eher wenig (wobei Svane wieder früh viel Bedenkzeit verbrauchte), es wurde remis. Mit einem Sieg wäre Svane nach Punkten und Fortschrittswertung gleichauf mit Safarli, allerdings dann (was vor/während der Partie noch nicht ganz klar war) schlechtere Buchholz als nächster Tiebreaker. Aber eine Niederlage hätte auch Plätze und Preisgeld gekostet … . Sollte Van Foreest angesichts seiner schlechten Wertung mehr riskieren? Leicht gesagt, auch er war wohl mit dem Spatz in der Hand zufrieden.

Jorden Van Foreest, da haben wir ihn. Deutsche hatten Probleme mit Christian Bauer, er hatte Probleme mit Asiaten. Schon in Runde eins eine überraschende Niederlage gegen einen gewissen FM Zhen You Cyrus Low aus Singapur – im 17. Zug übersah er eine kleine Taktik, die einen Bauern und damit quasi die Partie kostete. In Runde 2 immerhin ein Sieg gegen den Japaner Simon Schweizer – Moment mal, das ist doch kein japanischer Name, ausserdem spielt er regelmässig (auch Mannschaftskämpfe) in der Schweiz? Simon Schweizer und Samuel Schweizer (offenbar, beide Jahrgang 1996, Zwillingsbrüder) waren und sind auch Schweizer, seit Mitte 2016 sind sie schachlich Japaner. Organisator Bruno Zanetti schrieb mir auf Anfrage: „relativ simpel beide sind Doppelbürger. Simon konnte somit an int. Turnieren teilnehmen, da er bester U20 Spieler Japans ist resp. war. Weiter kann er allenfalls für Japan irgendeinmal die Olympiade mitspielen.“

In Japan ist Simon Schweizer (Januar-Eloliste) mit Elo 2131 Nummer elf, ca. 150 Elopunkte fehlen zu top5. Da Japan bei der Olympiade in Baku nicht in Bestbesetzung spielte, hätte er bereits zum Team gepasst, war aber vielleicht noch nicht spielberechtigt. In der Schweiz war/wäre er nicht in der top100 – er glaubt wohl nicht, dass da sehr viel Luft nach oben (annähernd das Talent/Potential von Hikaru Nakamura) ist!?

Jordens Niederlage in Runde sechs gegen Bai Jinshi hatten wir bereits, auch da hatte er früh einen Bauern weniger und „ein Bauer ist ein Bauer“ (auch ohne den Vornamen Christian). Gegen Europäer erzielte er (bis auf das Remis gegen Svane) 100%. Gegen weitere Asiaten: Die gute Nachricht für Jorden Van Foreest war, dass „ein Bauer ist ein Bauer“ auch galt, als er einen mehr hatte – Runde 5 gegen den Inder Deepan Chakkravarth, ebenfalls übrigens Runde 7 gegen den Schweizer IM Branko Filippovic. Runde 8 gegen Gao Rui war kurios: mit noch Damen und Türmen auf dem Brett landete der schwarze (chinesische) König auf g4, das kann doch nicht gut gehen? Auch wenn der weisse König auf a1 ebenfalls nicht allzu sicher stand. Computer gewannen das, der Mensch JvF vergab seinen gesamten Vorteil. Direkt nach der Zeitkontrolle konnte Schwarz mit 41.-Dc4 matt drohen (-Dxa2), was Weiss nur mit Dauerschach vernünftig parieren kann. Stattdessen griff er daneben, und nun gewann Van Foreest – die gegnerische Dame und damit die Partie. Letzte Runde gegen Svane: wie gesagt, wie man es macht ist es richtig oder auch falsch.

Zwischendurch zeige ich Zhen Yu Cyrus Low. Ob man sich den Namen merken muss, wird die Zukunft zeigen. Jedenfalls erzielte er am Ende 5,5/9 gegen durchgehend Elo-bessere Gegner. Nur Deutsche konnten ihn besiegen – nicht Luis Engel und Georg Seul, allerdings Alexander Donchenko und Andreas Heimann.

Alexander Donchenko: Vier „Pflichtsiege“ zum Auftakt, wobei das sonst keiner schaffte – nur er hatte nach vier Runden noch 100%. Dann die verunglückte Kurzpartie gegen Safarli, dann ein Duell gegen Kunin das plötzlich mit einem akzeptierten Remisangebot endete. Gegen Van Foreest (Lucas, nicht Jorden) hatte er vielleicht Stellungsglück, dass ein verdaddelt-eingestellter Bauer hier nicht partieentscheidend war – remis. Den nächsten NL-Jungstar IM Robby Kevlishvili besiegte er glatt, überfallartig, taktisch. Zum Schluss spielte er gegen Christian Bauer, das Ergebnis kennt der Leser bereits.

Jan-Christian Schroeder: ebenfalls 6/9, dabei bis auf Bauer und zum Schluss ein gepflegt-ausgekämpftes Remis gegen Heimann keine grossmeisterlichen Gegner.

Andreas Heimann ist vergleichsweise „unbekannt“, da ein bisschen Spätzünder und da er nach wie vor für Baden-Baden spielt, und die haben nur in der zweiten Mannschaft Platz für ihn. Ebenfalls 6/9, dabei – da er kaum starke Gegner hatte – deutlich im Elosoll. Knackpunkt war Runde 7 gegen Gao Rui, wo er mutig und offenbar (sagen Computer) korrekt eine Figur opferte aber später doch die Partie verlor. Müsste man sich näher anschauen, aber im Turnierbericht ist es nur ein ‚Detail‘.

Vitaly Kunin: zu viele Remisen gegen nominell unterlegene Gegner, zuletzt eine Niederlage mit Schwarz in einer ebenfalls „komplizierten“ Partie gegen den Inder Deepan Chakkravarthy – wobei da Computer durchgehend Weiss bevorzugen. Das Opfer 22.Sd5 sollte Schwarz offenbar am besten ablehnen, Kunin spielte 22.-exd5.

Yannick Pelletier ist zwar kein Deutscher, aber kurz zu seinem Turnier: Er hatte durchgehend Gegner der Eloklasse 2100-2400 – zweimal gewann er, fünfmal remisierte er, zweimal (Runde sieben und acht) verlor er, zusammen 50%.

Zu Lucas van Foreest will ich nur einen Moment erwähnen, den Beginn seiner Partie gegen IM Bellahcene: Für (1.e4) 1.-e5 brauchte er gut zwölf Minuten – wohl nicht da er sich nicht entscheiden konnte, sondern er hatte sich vermutlich bei Rundenbeginn verspätet. Wie sorgte er dann für Gleichstand auf der Uhr? 2.f4!? Sh6!??!! – auch das gab es bereits, aber der Gegner überlegte nun 13 Minuten, später gewann dann Bellahcene.

Abschliessend noch ein paar Fotos:

Bruno Zanetti, langjähriger Organisator, hört nun auf – aber sein Nachfolger Claudio Boschetti ist bereits gefunden.

Turnierort drinnen

Turnierort draussen, leicht winterliche Bedingungen

Turnierseite

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