Oleg Romanischin wurde 65

Wieder einmal kommt ein „Kalenderblatt“ etwas verspätet – Romanischins 65. Geburtstag war gestern (10.1.). Diesmal hatte ich es nicht vergessen, sondern nicht auf der Rechnung – bis Emil Sutovsky es auf Facebook erwähnte mit den begleitenden Worten „Eine der Legenden unseres Spiels, Oleg Romanischin, wird heute 65. Es war immer ein grosses Vergnügen, ihm zu begegnen und mit ihm über Schach und das Leben zu reden. Alles Gute, Oleg Mikhalych, ich freue mich auf weitere gemeinsame Turniere!

Kalenderblätter schreibe ich generell oder vor allem, wenn ich dem „Geburtstagskind“ mal persönlich begegnet bin. Diesmal war es nur bei einer Gelegenheit, dafür satte vier Stunden – dazu später (und schon 2014 anderswo) mehr. „Traditionell“ enthalten diese Artikel (Wikipedia-)Fakten, Fotos (auch oft Wikipedia, daneben mitunter auch andere Quellen) und eine persönliche Note. Als Titelfoto das wohl aktuellste – vor Weihnachten 2016 beim Sunway Chess Festival im spanischen Sitges.

Diesmal beginne ich etwas anders und erteile zunächst Romanischin selbst das Wort bzw. verlinke Interviews mit ihm: Sutovsky hat eines auf Youtube von Peter Doggers (chess.com) eingebaut, abgenommen in Hoogeveen 2014 einen Tag bevor ich Romanischin in Amsterdam begegnete. Ein anderes, 2010 im italienischen Roseto, stammt ursprünglich von Angelmann auf Scacchierando.net – dort offenbar nicht mehr online aber sekundär hier (mit einigen alten Fotos, Turniertabellen und Partien) und hier (mit eingangs einigen Bemerkungen zur italienischen Schachszene, u.a. „Caruana is clearly a talented young player, but I couldn’t say more without knowing him personally and playing and analysing with him.„). Das erwähne ich, da es „Wikipedia-Fakten“ teilweise ergänzt oder relativiert.

Wikipedia nennt (auf Englisch und Deutsch) diverse Turniersiege im Zeitraum 1969-1992, das kann ich nicht einordnen. Romanischin selbst betrachtet (laut Scacchierando-Interview) Odessa 1974, Hastings 1976, Leningrad 1977 (geteilt mit Tal, vor u.a. Smyslow und Karpow), Jurmala 1983 und Moskau 1985 als seine grössten Erfolge und ist ausserdem stolz auf den zweiten Platz in Tilburg 1979 (ein halber Punkt hinter Karpow, vor u.a. Portisch, Larsen, Spassky, Timman, Hübner und Hort). Aus deutscher Sicht: 1976 gewann er Dortmund, das war allerdings relativ schwach besetzt – er war Elofavorit recht klar vor Miles und noch klarer vor anderen Spielern, deren Namen mir kein Begriff sind. 1982 wurde er in Dortmund Zweiter hinter Hort, auch da sind die anderen Teilnehmer (bei mir) ziemlich unbekannt, bis auf Psakhis und Lobron, letzterer eher weil er Deutscher ist. Im WM-Zyklus konnte er sich 1994 für Kandidatenmatches qualifizieren und verlor dann im Viertelfinale gegen Vishy Anand, der dann im PCA WM-Match Kasparow unterlag.

Traditionelle Fakten sind auch Teilnahme an Olympiaden und anderen Mannschaftskämpfen: Bei der Olympiade spielte er (nur) 1978 für die Sowjetunion – Karpow war aufgrund eines WM-Matches gegen Kortschnoi verhindert – sowie 1992-2000 für die Ukraine, jeweils war es (starke Konkurrenz) Brett 3 bis Reservebrett. Bei der Europa-Mannschaftsmeisterschaft spielte er 1977, 1980 und 1983 für die Sowjetunion – damals wurde noch an acht Brettern gespielt mit Romanischin am siebten oder achten Brett, jeweils gewann er Doppelgold (im Team und den Brettpreis) – sowie 1992, 1997 und 2001 für die Ukraine. Bei Welt-Mannschaftsmeisterschaften ebenfalls dreimal (1993, 1997 und 2001) für die Ukraine.

Wie gut war er nach Elo? Auch dazu hat olimpbase.org (wie immer auch Quelle für Daten im vorigen Absatz) eine Übersicht: 1976-1985 etwa top20, dann zwischenzeitlich aus der top100 verschwunden und im Januar 1991 nochmals Nummer 25. Dann ging es bergab, dazu später mehr.

Wikipedia (auf Englisch) charakterisiert seinen Spielstil als aggressiv und gibt seinen Trainern die Schuld. Erster Trainer in Lwiw, seinem Geburtsort wo er immer noch lebt (wenn er nicht zu Turnieren unterwegs ist), war Viktor Kart, der neben Romanischin auch Michaltschischin und Beliavsky trainierte. Laut Wikipedia wurde dann Mikhail Tal Romanischins Tutor/Mentor, Romanischin selbst relativiert das: ja, sie waren gut befreundet aber hatten nur drei gemeinsame Trainingseinheiten.

Ebenfalls en.wikipedia.org schreibt, dass er eröffnungstheoretisch vor allem zu „rare, offbeat and sometimes, long since discarded systems“ beigetragen hat. Das mag der Fall sein für 1.Sf3 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 b6 4.e4 Lb7 5.Ld3!?, wobei das auch viele andere kopierten (u.a. Karpow und Kortschnoi). Aber im Nimzo-Inder ist 4.g3 vielleicht relativ selten, aber eher nicht „offbeat“, und mit Schwarz wurde sein (1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.Dc2 d5 5.cxd5 Dxd5 6.Sf3) 6.-Df5!? recht populär. Im Spanier kennt er sich – zumindest nach eigener Aussage – auch aus, siehe unten.

Noch deutsche Fakten, und dann reicht es: Romanischin ist ausgebildeter Germanist und spielte zeitweise für diverse deutsche Vereine (Lübecker SV, SV Hofheim und SC Kreuzberg). Nun Fotos im Lauf der Jahre:

1972 bei einem Jugendturnier in Groningen (Dutch National Archive)

1975 mit bzw. gegen Mikhail Tal (James Kulbacki auf Facebook) – das war dann bei der sowjetischen Meisterschaft in Jerewan

1978 beim IBM-Turnier (James Kulbacki)

1979 in Tilburg (James Kulbacki)

1982 in Dortmund (GF Hund)

1984 (James Kulbacki)

Dann konnte ich zu einigen Jahrzehnten nichts finden, weiter geht’s:

2006 in Kavala (Andreas Kostokanis nennt sich auf Wikipedia „karpidi“)

2013 in Wijk aan Zee (C-Gruppe, stefan64)

2014 beim Najdorf Memorial in Warschau (Przemyslaw Jahr) – da spielte Romanischin mehrfach, ich fand auch Fotos aus anderen Jahren.

2014 Masterclass im Cafe Batavia in Amsterdam (Fotograf Peter Doggers) – „Grund“ für dieses Kalenderblatt da ich dem Herrn mit rotem Pullover über dem Stuhl täglich im Spiegel begegne, den Herren hinten rechts (Robert Ris) und vorne links (Yochanan Afek) auch gelegentlich, wahrscheinlich demnächst wieder in Wijk aan Zee. Dazu hatte ich einen Artikel geschrieben, das will ich nicht komplett übernehmen, nur drei Punkte: Angekündigt wurde er vorab mit „Der ehemalige Weltklassespieler aus der Ukraine hat vor allem in Eröffnungen viele neue Ideen entwickelt. Er wird ausführlich eingehen auf Höhepunkte seiner imposanten Karriere, in der er u.a. mit Karpov, Kortschnoi und Ivanchuk gearbeitet hat.“ Thema des Nachmittags war dann die spanische Eröffnung. Romanischin hat akzeptiert, dass er auf hohem bis höchstem Niveau nicht mehr mithalten kann: „ich bin alt, mein Computer ist alt, meine Datenbank ist alt, ….“.

Seine Elozahl bewegte sich in diesem Jahrtausend, mit zwischendrin relativen Höhen und Tiefen, nach unten – aktuell hat er Elo 2452, damit ist er weltweit Nummer 1266 und in der Ukraine Nummer 70. Dabei ist er nach wie vor recht aktiv – fast jeden Monat oder im Mittel mindestens jeden zweiten Monat irgendein offenes Turnier, grössere und auch kleinere. Oft zu klein um darüber zu berichten, recht aktuelle Fotos hatte ich eingebaut in Artikel zum, na klar, Najdorf Memorial 2016 sowie zum Isle of Man Open. Im Hoogeveen-Bericht hatte ich Romanischin nicht „fotografiert“, aber doch erwähnt bzw. Zeitungskolumnist IM Ligterink zu ihm zitiert: „Ein echter Dinosaurier ist der Ukrainer Oleg Romanischin. Obwohl dreizehn Jahre älter, gehört er wie Short zur Generation, die 1980-1995 zur Weltspitze zählte. Aber inzwischen merkt man den Altersunterschied. Einladungen bekommt Romanischin aufgrund früherer Erfolge immer noch, aber Erfolge hat er nur noch selten. Wer sieht, wie er sich abmüht gegen Spieler, die er früher im Simultan besiegt hätte, denkt wehmütig an Viktor Kortschnoi. Nicht jeder ist immun gegen den Zahn der Zeit.

Ich habe nicht alle neueren Ergebnisse von Romanischin betrachtet, aber beim Durchklicken entsteht der Eindruck, dass er recht selten verliert aber inzwischen auch gegen Spieler mit Elo 2200-2300 oft remisiert. Dabei wurde er „irgendwo im Internet“ (bei Recherchen zum Artikel gesehen, nun habe ich es nicht mehr parat) zitiert mit „ich verliere lieber fünfmal, als dass ich fünfmal nacheinander remisiere“ – das Zitat ist ein paar Jahrzehnte alt. In Hoogeveen 2014 hatte Peter Doggers auch ein Video-Interview mit (dem bereits erwähnten) Alexander Beliavsky, der zum Schluss (nach etwa sechs Minuten) sagte „ich bin nicht mehr so motiviert wie vor 35 Jahren“. Wobei Beliavsky, fast zwei Jahre jünger als Romanischin (*17.12.1953), nach wie vor Elo knapp über 2600 hat – allerdings spielt er etwas weniger als Romanischin und hat auch weniger verbliebene Haare auf seinem Kopf.

In Hoogeveen 2016 erzielte Romanischin zum Schluss (nach Redaktionsschluss von Ligterinks Zeitungskolumne) noch 3,5/4 und „reparierte“ damit sein Turnier – leichter Elo-Zugewinn. Zuletzt in Sitges erzielte er insgesamt +3=6 – die Remisen gegen GMs (Vorobiev und Epischin) waren „akzeptabel“, die anderen Remisen gegen Elo 2253-2307 in der Häufung vielleicht nicht. Zwei Fotos aus Sitges zum Abschluss:

Das NL-Jungtalent FM Thomas Beerdsen hat immerhin Elo 2407 und besiegte dieses Jahr bei einem anderen offenen Turnier Loek van Wely, „trotzdem“ verlor er gegen Romanischin. Auf dem Foto ansatzweise erkennbar: Schwarz setzte (vielleicht notgedrungen) alles auf Königsangriff, aber Weiss konnte die Drohungen neutralisieren und dann entschied sein materieller Vorteil mit wichtiger Rolle für den b-Freibauern.

Zum Abschluss spielte Romanischin gegen das Schwergewicht Vladimir Epischin – remis (wie bereits erwähnt), Partie nicht überliefert.

Ich wünsche Oleg Romanischin noch viele Jahre mit Gesundheit und Spass am Schach – den hat er, war jedenfalls im Herbst 2014 bei der Masterclass offensichtlich, auch wenn Erfolge inzwischen eher selten sind. Ob ich ihm nochmals begegne wird sich zeigen – im Gegensatz zu Emil Sutovsky bin ich nur (als Reporter) bei Turnieren in den Niederlanden, und auch Hoogeveen ist für mich eine relativ/zu weite Reise. Populär und vernetzt/im Internet-Zeitalter angekommen ist Romanischin jedenfalls – auf seiner eigenen Facebook-Seite bekam er zum Geburtstag 235 Glückwünsche in verschiedenen Sprachen.

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