“Hilfe, die Prüfung kommt!!!”

JULIA MÄTZKOW

Ein Beitrag von JULIA MÄTZKOW
Ehrlich, ich habe wirklich nicht gewusst, worauf ich mich da einlassen werde. Aber als ich die Ausschreibung für einen Schiedsrichterlehrgang auf der Webseite des Brandenburger Landesschachverbandes [http://www.lsbb.de/] Mitte Februar gelesen hatte, war mir sofort klar: Ich werde in Fredersdorf-Vogelsdorf an diesem Wochenendlehrgang im März an der Schiedsrichterausbildung, die vom Internationalen Schiedsrichter Martin Sebastian und dem Referenten für Aus-, Fort- und Weiterbildung Schach Brandenburg Carsten Stelter geleitet wird, in jedem Fall dabei sein!

Freitag 10.03.2017

17:00 Uhr Anreise. Die Zimmer sind schnell zugeteilt und die erste Lektion konnte ohne Zeitverlust begonnen werden. Schließlich sollten möglichst viele Informationen vermittelt werden.

Die wichtigsten Schiedsrichterregeln wurden erklärt. Entscheidend ist, die bestmöglichen Spielbedingungen für die Aktiven zu schaffen (da beim Schachspiel die wichtigsten Akteure die Spieler sind), das bedeutet:

  • Ruhe in den Spielsaal bringen.
  • Auf Regeleinhaltung achten (besonders wichtig in jungen Altersklassen).
  • Auf Fairness achten (obwohl Carsten Stelter selbst zugibt, dass es schwer ist, objektiv zu bleiben und es nicht selten beim Versuch bleiben würde: „Empathie, wenn ihr das kennt? Einfühlungsvermögen …“).

Die Betreuer übernehmen eine große Rolle für die Schachspieler, gerade bei den Kindern. Fortwährend muss Ruhe ausgestrahlt werden (wie Carsten Stelter es formulierte: „Das Kind hat nie Schuld, wenn es einen Fehler macht – also immer nett und freundlich bleiben!)“.

So kann es auch vorkommen, „dass zwei Schiedsrichter unabhängig voneinander zwei völlig unterschiedliche Entscheidungen treffen und trotzdem beide recht behalten sollen.“ Aber wie kann das sein? Es muss doch einen richtigen Weg geben? Doch den gibt es halt nicht! Es wurde dazu passend in das Vorwort der FIDE-Schachregeln geschrieben, dass es nicht geht, alle Eventualitäten abzudecken und somit ein geschlossenes System nicht möglich ist. Dem Schiedsrichter bleiben deshalb immer Interpretationsspielräume.

Das Wissen, welches besonders wichtig für den nächsten Tag sein sollte, wurde vermittelt, denn da wartete eine praktische Einheit auf uns unter der Anleitung des erfahrenen Teams der Schachabteilung der TSG Rot Weiß Fredersdorf-Vogelsdorf. Der Verein war Ausrichter der Landes-Schulschach-Mannschaftsmeisterschaften, zu denen über 100 Teams gemeldet hatten.

Dies sind Schulkinder und das merkt man auch“, stimmte Martin Sebastian die Teilnehmer des Schiedsrichterkurses auf ihre Aufgabe ein. „Die Arbeit mache ja nicht ich. Ich bin der Chef! Die Leute vor Ort machen die Arbeit. Die haben einen Knochenjob.“

Die Teilnehmer des Kurses durften sich also auf einen aufregenden Tag voller kreativer Schachideen in den Schulklassen 1 bis 12 freuen. Rayk Spory – Turnierleiter der WK G (also bei den Jüngsten) stimmte die Teilnehmer nochmals darauf ein: „Es ist ein Erlebnis. Es laufen morgen über 500 Kinder auf.“

Die Lehreinheit wurde von einer Abendbrotpause unterbrochen, und viele Teilnehmer tauschten ihre Erfahrungen über Schachturniere aus, bei denen sie selbst Spieler waren oder als Hilfsschiedsrichter mithelfen durften. Besonders spannend ist es, bei jenen Schachfreunden zuzuhören, die in den unteren Altersklassen schon Erfahrungen sammeln durften. So wurde berichtet, dass kreative Geister neue Züge erfinden, ihre eigenen Figuren schlagen, ohne König spielen, oder anderweitige wundersame schachliche Undinge geschehen … In diesem Redeschwall wollten viele ihre Berichterstattung nicht beenden. Doch der Lehrgang musste weitergehen.

Mit den elektronischen Uhren sollen sich die Teilnehmer als nächstes beschäftigen. Viele Fragen und Anmerkungen führten zu einer regen Diskussion mit dem Fazit: „Dir als Schiedsrichter sind so viele Möglichkeiten gegeben, etwas zu sehen oder nicht zu sehen. Doch wenn die Spieler sich etwa selbst einigen ohne den Schiedsrichter, dann ist das allemal die bessere Lösung. Denn der Schiedsrichter muss nicht „Kraft seiner Wassersuppe“ unbedingt auf jeden Tisch springen und auf eine Entscheidung pochen!“

Es kamen noch mehr Fragen, Anregungen und Bemerkungen, so dass bis tief in die Nacht diskutiert wurde. Das „populärwissenschaftliche“ Matt wurde thematisiert, um nur eines der vielen Themen zu nennen. „Ziel des Schachspieles ist es nicht, den Gegner Matt zu setzen oder gar fertig zu machen, sondern den gegnerischen König Matt zu setzen Da besteht ein kleiner aber feiner Unterschied.“

Die Heimfahrer waren gar nicht auf den Weg nach Hause zu bekommen und die im Hotel-Flora-Schläfer wollten auch nicht zu Bett gehen, doch der morgige Tag sollte anstrengend genug werden. So trafen sich noch einige Teilnehmer mit den Referenten an der Bar und plauderten in geselliger Runde weiter über ihre Erfahrungen, und einige holten sich auch den Rat von fachkundigen Personal ein: „Morgen bei einem Bier nehme ich mit Christian nochmals die Anfangsstellung durch, oder kennst du die etwa schon?“

Samstag 11.03.2017

Um 7:00 Uhr klingelte der Wecker und eine kurze Nacht war damit schnell zu Ende. Das einladende Frühstück im Hotel Flora verwöhnte die Teilnehmer und Kursleiter. Diese Stärkung war dringend nötig, denn ein anstrengender Tag liegt uns.

Ein Stunde später stehen alle Teilnehmer und Kursleiter versammelt vor der Fred-Vogel- Grundschule Schule in Fredersdorf-Vogelsdorf. Die zehn Teilnehmer des Schiedsrichterkurses wurden auf die Altersklassen verteilt. Alle haben ihre Aufgaben gut gemeistert, jeder auf seine Art und Weise und seiner Mentalität entsprechend. Zuvor hat uns Martin Sebastian noch mit auf den Weg gegeben: „Besteht nicht auf irgendeinen Buchstaben. Der Wein wird individuell geerntet.“

Ab 15:00 Uhr gingen die ersten Siegerehrungen los und Martina Sauer (Landesjugendwart Brandenburg) übergab dem Organisationsteam für seine langjährige Arbeit bei der Durchführung der Brandenburger Schulschachveranstaltung das Ehrenbanner des Landesschachbundes Brandenburg.

Anschließend ging es für uns mit dem theoretischen Teil weiter. Der Tag hatte allerdings schon sichtliche Spuren bei uns hinterlassen: Fünf Stunden Turnieraufsicht und anschließend auch noch Theorie … Doch die Referenten Martin Sebastian und Carsten Stelter lockerten die Stimmung auf. „Das ihr es alleine als `ungeschultes Personal´ geschafft habt, es so leise zu bekommen, ist großartig.“

Natürlich mussten nun einzelne Fragen zum Tag geklärt werden, da einige von uns sich nicht eindeutig bewusst waren, ob ihr Handeln hundertprozentig richtig war. Doch wie sich schnell herausstellte, wurden von dem noch „ungeschulten Personal“ keine groben Fehlentscheidungen getroffen.

Alles, was wir heute im Kinderschach gesehen haben, ist nicht wichtig. Jetzt kommen wir zum richtigen Schach“, wurden die FIDE-Schachregeln eingeleitet. Im Schnelldurchlauf wurden sich die einzelnen Paragraphen angesehen, bis es zum wirklich wichtigen Teil kommt: Abendessen.

Natürlich ist der heutige Turniertag Dauerbrenner. Peter Grabs berichtete, wie Sechstklässler ihn gefragt haben, ob es wirklich Matt wäre. Mein Bruder Maximilian “beschwerte” sich, dass er beim Zusehen der Klasse 1-4, DWZ verloren hätte, da die Kinder eine Regel einführten, bei der sie neuerdings zurück rochieren können, oder 13 Matt´s in einer Partie stehen, dies aber nicht erkannt wird und 50 weitere Züge gespielt werden. Tilo Weingart mokierte sich, dass die Eltern und Betreuer schlimmer als die Kinder waren. Carsten Stelter musste einem Vater die Rochade erklären, die er gerade falsch seinem Sohn vormachte und ganz wissenschaftlich die Situation durchging. Mein Vater Christian hatte einen relaxten Tag bei den „Großen“ und wurde in der letzten Runde von einem Fünfjährigen gefragt, ob er noch mitmachen dürfte. Benjamin freute sich über nur drei Schäfermattsituationen in einer Runde. Und so hatte jeder seine Erlebnisse mitzuteilen.

Anschließend haben wir uns wieder in die FIDE-Schachregeln und die Spielordnung vom Land Brandenburg vertieft und diese anhand von Beispielen erklärt. Es hielt uns ehrlich gesagt kaum noch auf den Stühlen, als der Tag endlich beendet war, und wir uns in unsere Betten fallen lassen durften. Endlich Nachtruhe! Aber freut euch nicht zu früh, morgen wird auch wieder ein anstrengender Tag, denn die Abschlussprüfung steht noch auf dem Plan…

Sonntag, 12.03.2017

Um 7:00 Uhr wurden die Teilnehmer wieder von dem schrillen Alarmgeräusch aufgeschreckt. Nach einer noch kürzeren Nacht, als die vorherige (da viele bis tief in die Nachtstunden gelernt hatten), versammelten wir uns wieder im Frühstücksraum.

Auch an diesem Vormittag gab es erneut theoretischen Unterricht. Vorbereitend auf die anschließende Prüfung, wurden Problemstellungen analysiert oder andere verzwickte Situationen erklärt. Der Druck unter den Teilnehmern war sichtlich zu spüren. „Was ist wenn ich durchfalle?“ fragten sich viele, „Oder bin ich ein geeigneter Schiedsrichter, der in Streitsituationen immer richtig entscheidet?“ Verunsichert wurden nochmals viele Fragen gestellt, um alle erdenklichen Situationen durchzuspielen und ein Sicherheitsgefühl zu geben.

Auch die Mittagspause war an jenem Tag ein wenig anders, denn die anstehende Prüfung konnten wir nicht aus unseren Köpfen bekommen. Wie an einen letzten Strohhalm klammernd, wurden nochmals wiederholt Fragen an die Referenten gestellt und untereinander diskutiert.

Hilfe die Prüfung kommt!!! Schnell noch ein letztes Stoßgebet gesprochen und auf geht es. Im Raum ist es mucksmäuschenstill. Konzentriert blätterten alle Teilnehmer in der Fragestellung. Mein Vater Christian glaubte nach der Hälfte der Fragen fertig zu sein. Doch da hatte er die Rechnung nicht mit dem Ausbilder Martin Sebastian gemacht. Alle anderen Fragen mussten auch noch beantwortet werden, da ist nichts mit der 50 Prozent-Regel aus seiner Schulzeit gleich Note 3 (also bestanden).

Nach einer Ewigkeit des Schweigens war endlich die Prüfung vorbei. Erschöpft und froh, endlich alles hinter sich zu haben, lassen die Teilnehmer den Referenten Zeit die Arbeiten durchzugehen. Einige Fragen wurden von dem gesamten Teilnehmerfeld, immerhin zehn Teilnehmer, einstimmig falsch beantwortet, wie gleich die erste Frage: „Was ist für den Schiedsrichter zu tun, wenn die Heimmannschaft, mit aufgebauten Bretter und vorliegender Mannschaftsaufstellung auf ihren Gegner (ohne Rückmeldung) wartet?“ Wissen Sie es?

Trotz diesem einstimmigen Nichtwissen, haben es am Ende alle geschafft, genügend Punkte zu erreichen, und so dürfen wir uns nun Regionale Schiedsrichter nennen. So schnell werden wir aber dieses Szenario nicht vergessen.

Trotzdem konnte unser “Romanschreiber” Peter nicht verstehen, warum seine Antwort der ersten Frage, als falsch gewertet wurde. Auch Tilo verzweifelte an einigen Fragen und wollte den Schiedsrichterschein am liebsten wieder zurückgeben, da er sich nicht im Stande fühlte, alle Situationen konkret und richtig einzuschätzen. Des Weiteren hätte der Anwalt gerne Paragraphen auswendig gelernt und ist sehr unzufrieden, da der theoretische Teil, seiner Meinung nach viel zu kurz abgehandelt worden wäre.

Diese kritischen Stimmen wurden auch vereinzelt während der Auswertung des Schiedsrichterlehrgangs deutlich. Aber der Großteil von uns hat den Lehrgang genossen und neue Informationen dazugelernt, die bestimmt dabei helfen werden, zukünftig bessere und genauere Entscheidungen zu treffen.

Das Lehrgangsprinzip bestach durch eine Ausgewogenheit zwischen Theorie und Praxis, da beides wichtig ist, sich jedoch deutlich voneinander unterscheidet, wie mein Vater ebenfalls feststellen musste, weil Begriffe wie „Kindgerechte Auslegung der Regeln“ sehr dehnbar sein können. Auch die ausgeglichene und freundliche Art der Referenten suggerierte den Teilnehmern eine sehr gute Lernplattform. Der häufige praktische Einsatz ist die beste Quelle, um Erfahrungen zu sammeln, die auf dem Weg zu einem guten Schiedsrichter bzw. Profischiedsrichter ausschlaggebend sind …

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