Le Quang Liem in Vietnam, David Howell in St. Louis

Neueste Entwicklungen in der Bundesliga werden in anderen Artikeln besprochen. Auch auf anderen Kontinenten waren Grossmeister aktiv – darunter auch einige, die Elo 2700+ haben, jedenfalls mal hatten oder vielleicht zukünftig (wieder) haben werden. Das ist – eher kurz und knapp – Thema dieses Beitrags.

Das HDBank Open in Ho-Chi-Minh-Stadt (Hauptstadt von Vietnam) war asiatisch, in der Breite und am Ende ganz an der Spitze vietnamesisch, dominiert. Allerdings hatten neben Le Quang Liem, der inzwischen in den USA lebt, auch einige andere längere interkontinentale Anreisen. Der bzw. die Winter Cups – es gab zwei Rundenturniere – in St. Louis (schachliche Hauptstadt der USA) war/waren halb US-amerikanisch, halb international besetzt.

Ich beginne in Vietnam: Auf dem Titelfoto (alle Vietnam-Fotos von der Turnierseite) hat der (fast) kleinste den grössten Pokal. So stand es am Ende: Le Quang Liem 7/9, Bu Xiangzhi, Wang Hao, Wei Yi, IM Tran Tuan Minh, Rozum, Vishnu Prasanna, Mareco 6.5/9, usw. . Ausser dem jungen Vietnamesen (*1997) Tran Tuan Minh sind alle erwähnten Spieler (bereits) Grossmeister. WGM Dinara Saduakassova aus Kasachstan ebenfalls auf dem Titelfoto, da 5,5/9 (und bessere Wertung als die punktgleiche Antoaneta Stefanova) für den ersten Damenpreis reichte.

Zum Turnierverlauf eher kurz und knapp: Le Quang Liem und die drei Chinesen Bu Xiangzhi, Wang Hao und Wei Yi spielten untereinander ein komplettes Miniturnier – alle Partien endeten Remis. Entscheidend also, wie viele bzw. wenige Punkte sie gegen andere Spieler einbüssten: Le Quang Liem ein Remis, Bu Xiangzhi und Wang Hao jeweils zwei Remisen, Wei Yi eine (krasse) Niederlage – Vorteil Le Quang Liem. Dafür bekam er neben dem grössten Pokal 13.000$, die insgesamt sieben Spieler auf dem geteilten zweiten Platz bekamen jeweils (Preisgeld gleichmässig geteilt) etwa 2300$. Jeweils 2500$ für Saduakassova und Stefanova. Von 103 Teilnehmern waren übrigens immerhin 23 weiblichen Geschlechts. Bei chess-results steht dann dankenswerterweise jeweils ein „w“; sonst wäre ich z.B. bei Pham Thi Thu Hien aus Vietnam überfragt und hätte Akila Kavinda aus Sri Lanka zu Unrecht verweiblicht.

Ein paar Fotos als Aufhänger für ein bisschen mehr zu einigen Spielern:

Ein wichtiger Sieg für Le Quang Liem war in Runde 6 gegen den an neun gesetzten Russen Aleksey Goganov, der – zuvor noch im Rennen um den Turniersieg – danach auch gegen Asiaten der Kategorie Elo unter 2500 nur 1/3 erzielte und auf Platz 34 landete. Auf dem Foto ist die Partie fast vorbei: 29.Le5 fesselt den schwarzen Sf6, das kostete dann russisches Material (bzw. Goganov gab auf, bevor es soweit kam). Zur Schlussrunde komme ich noch.

Zu Wei Yi eingangs zwei Fotos, Tief- und Höhepunkt seines Turniers:

Wer ist IM Viacheslav Diu? Ich weiss nicht, ob man sich den Namen merken muss – nur weil sein allenthalben umjubelter junger chinesischer Gegner die scharfe Anti-Moskau Variante offenbar gar nicht kannte und in 19 Zügen chancenlos unterging. Das war in Runde zwei, danach lief es für Wei Yi besser – tags darauf z.B. ein Weissieg in 13 Zügen gegen einen gewissen CM Le Huu Thai (Elo 2167). Zwei weitere Siege gegen IMs, Remis gegen Wang Hao und dann seine beste oder spektakulärste Partie im Turnier:

Wei Yis Gegner Xu Yinglun, titellos aber immerhin mit Elo 2540, verzichtete zwar (wie sein Landsmann und Gegner) auf ein generell übliches schwarzes Hemd; dennoch war es ein schwarzer Tag für den Schwarzspieler. Er riskierte Najdorf-Sizilianisch – das mag Wei Yi gerne, um so mehr wenn der Gegner es nicht ausreichend kennt. Xu Yingluns Neuerung 13.-Sc5 findet vielleicht keine Nachahmer, 14.-Le7 war wohl schon der Verlustzug. Der Fotograf oder die Fotografin war noch rechtzeitig in Brettnähe – Wei Yi hat bereits 21.e5 gespielt, Xu Yinglun noch nicht aufgegeben aber das tat er dann ohne noch einen Zug auszuführen.

Einen anderen Spieler zeige ich fotografisch, da er in der Schlussrunde plötzlich an Brett eins spielte:

Der Ukrainer Stanislav Bogdanovich, gerade bekam er den GM-Titel, begann mit 0/2 gegen Asiaten mit Elo unter 2350, gewann dann allerdings seine sechs nächsten Partien – auch diese gegen Antoaneta Stefanova. Damit war er plötzlich einer von fünf mit 6/8, zusammen mit Le, Bu, Wang und Wei. Ergebnisse der Schlussrunde dann: Wei Yi – Bu Xiangzhi 1/2 (das wusste der mitdenkende Leser bereits), Cheparinov – Wang Hao 1/2 sowie Bogdanovich – Le Quang Liem 0-1. Da stand der Ukrainer anfangs vielversprechend und liess sich dann auskontern. Damit stand Le Quang Liems alleiniger Turniersieg fest, also wird er nochmal individuell fotografiert:

Noch zwei Fotos von hochkarätigen GM-Duellen:

Oben stehen beide Namen auf dem Foto, unten links nochmals Le Quang Liem (jedenfalls in Runde 6, siehe oben, und Runde 7 gegen Bu Xiangzhi immerhin mit schwarzer Hose). Jeweils wurde es remis, aber das hatte ich ja bereits erwähnt.

Ebenfalls zufrieden mit seinem Turnier ist sicher Tran Tuan Minh, der wie auch Le Tuan Minh (6/9) eine GM-Norm erzielte [ob sie womöglich miteinander verwandt sind, da bin ich überfragt]. Knapp daran gescheitert (TPR 2596) ist offenbar ihr vietnamesischer Landsmann Nguyen Anh Koi (*2002), der immerhin gegen fünf GMs der Kategorie 2600+ remislos blieb – Siege gegen Lu Shanglei und Zhou Jianchao, Niederlagen gegen Le Quang Liem, Wang Hao und Cheparinov.

Einer, der vermutlich nicht zufrieden ist, ist damit bereits erwähnt: der an vier gesetzte Ivan Cheparinov blieb zwar ungeschlagen, aber remisierte sechs seiner neun Partien – Schlussrunde gegen Wang Hao, zuvor fünfmal gegen Asiaten mit Elo unter 2500. Ebenfalls +3=6 für den an sechs gesetzten Venezolaner Eduardo Iturrizaga.

Weitere Bilder, auch aus dem B-Turnier, als Galerie und danach nochmals ein bisschen Text:

Damit habe ich auch Nguyen Anh Koi fotografiert – aus welchem Land kommt seine Gegnerin WGM Gulrukhbegin Tokhirjonova? Wer sich mit Flaggen nicht auskennt, kann das ja recherchieren – kleiner Tip: Rustam Kasimdzhanov weiss vermutlich Bescheid. IM Pham Le Thao Nguyen sorgte bei der Damen KO-WM noch für Furore, diesmal eher nicht (3,5/9, Elo -18 für sie). Antoaneta Stefanova hatte dagegen ein fast Elo-neutrales Turnier nebst ordentlichem Geldpreis.

Bei den beiden gezeigten Remispartien war vermutlich jeweils eine(r) zufriedener als der prominentere Gegner, und weiter geht es in unteren Tabellenregionen. Brett 50 und 51 Runde vier: jeweils Vietnamesen gegen Spieler mit Anreise per Flugzeug – vorne IM Vasilyev(UKR) gegen IM Lu Chan Hong, hinten CM Rowe(JAM) gegen CM Le Minh Hoang. Tags darauf gewann dann Duane Rowe (Elo 2162) gegen Mikhail Vasilyev (2165) – also nicht mehr IM-Niveau, das hatte Vasilyev (*1945) offenbar früher mal. Gerhard Schebler, Deutscher mit Wohnsitz Thailand, hat auch mitgespielt.

Und dann noch ein Niveau tiefer zum B-Turnier für Elo unter 2100. Viele Damen auf dem Siegerfoto und überhaupt im Turnier – ich habe nicht durchgezählt, etwa die Hälfte von 133. Da ist auch U12 reichlich vertreten, und S60 immerhin fünfmal. Auf den weiteren Fotos Spieler mit weiter Anreise: Stanley Yin, spielt in Deutschland für Caissa Schwarzenbach, fällt „optisch“ nicht unbedingt auf – keine Ahnung, ob und welchen „Migrationshintergrund“ er hat. Platz sechs der Setzliste konnte er nicht bestätigen und wurde 50. mit fünf Siegen, vier Niederlagen und nullmal Remis. Da die Niederlagen auch gegen nominell klar unterlegene Gegner waren, kostete es 53 Elopunkte. Die Niederlage gegen Pham Tran Gia Phuc (Elo 1439, *2009) ist nicht überliefert. Aktuell ist Stanley Yin (*1989) mehr als dreimal so alt oder weniger jung – das wird im Laufe der Jahre relativ weniger, die Elolücke von knapp 600 Punkten reduziert sich vielleicht auch. Laut Eloprofil ist Stanley Yin ein recht aktiver Turnierspieler, gerne auch international.

Der Engländer Geoffrey Brown (*1953) landete mit 6/9 recht weit oben in der Abschlusstabelle und war bester der Kategorie S60. Elo hat er erst seit 2015, Turnierschach spielt er in England und Südostasien. Gero Kuich (*1942) aus der Schwyz hatte vielleicht auch doch keine weite interkontinentale Anreise, da auch er zuvor bereits mehrfach in Malaysia, Thailand und Vietnam spielte. Sein Ergebnis: 4/9 gegen durchweg Vietnamesen, alle bis auf den letzten zuvor elolos.

Und nun nach St. Louis, ebenfalls zunächst die Ergebnisse: A-Turnier Howell 6/9, Fedoseev und Swiercz 5.5, Shankland, Ipatov, Zerebukh 5, Xiong und Cordova 4, Sevian und Li Ruifeng 2.5. B-Turnier Baryshpolets 6.5/9, Chirila 6, Hess 5, Ramirez und Finegold 4.5, Rambaldi, Ali Marandi, Krush, Sukandar 4, Chandra 2.5.

Jeweils dominierten also insgesamt die Nicht-Amerikaner – vor allem für Jeffery Xiong und Samuel Sevian war es ein Rückschlag der auch 10 bzw. 13 Elopunkte kostete. Immerhin konnte Samuel Shankland noch indirekt in den Kampf um den Turniersieg eingreifen – in der letzten Runde besiegte er den zuvor führenden Fedoseev. Gewonnen hat so der mit 26 Jahren älteste Teilnehmer David Howell, daher zuerst zu seinem Turnier im Schnelldurchlauf: Er besiegte drei Amerikaner und remisierte seine übrigen Partien. Runde 2 war flott gegen Jeffery Xiong (29 Züge), in Runde 3 dauerte es gegen Sevian 62 Züge – lag allerdings auch daran, dass der Gegner, der zuvor klar besser stand, mit Minusfigur lange weiterspielte. Die Schlussrunde gegen Li Ruifeng dauerte noch viel länger: nach 20 Zügen hatte Howell eine Mehrqualität, nach 129 Zügen dann den vollen Punkt.

Vladimir Fedoseev spielte rhythmischer: Niederlage in Runde 1, zwei Siege, dreimal Remis, zwei Siege und dann kam aus seiner Sicht leider noch eine Null dazu. So konnte er doch nicht ganz an seinen Erfolg beim Aeroflot-Open anknüpfen. Dariusz Swiercz, Pole der in den USA studiert, machte es ähnlich wie Howell, gewann allerdings nur zwei Partien. Nur einen von den anderen Teilnehmern will ich noch kurz beleuchten: Yaroslav Zherebukh war mal ein ukrainisches Jungtalent. Bekannt wurde er vor allem durch den Weltcup 2011, bei dem er Eljanov und Mamedyarov eliminierte und erst im Achtelfinale gegen Navara ausschied. Bis 2013 war er auch Bundesligaspieler für den Hamburger SK. Und dann? Er studierte in den USA, spielte zwar weiterhin Schach aber eher kleinere Turniere, 2015 bekam er auch die US-Schachbürgerschaft. Nun offenbar wieder öfter, demnächst auch bei der US-Meisterschaft. Laut Video auf der Turnierseite wäre da „obere Tabellenhälfte“ bereits ein tolles Ergebnis, gerne will er sich so für den Weltcup qualifizieren.

Im selben Video sagte Robert Hess „gut, dass es in den USA nun auch derlei Rundenturniere gibt“ – bisher gab es ja die US-Meisterschaft (schön für diejenigen, die sich qualifizieren) sowie Sinquefield Cup (schön für die engere Weltelite).

Zum B-Turnier noch knapper: Andrey Baryshpolets schien total zu dominieren – nach sechs Runden 5,5/6 und anderthalb Punkte Vorsprung auf Chirila. Dann verlor er überraschend gegen Elo-Schlusslicht Irine Sukandar und remisierte seine beiden letzten Partien, es reichte zum Turniersieg. Wer ist Andrey Baryshpolets? Da bin ich überfragt, jedenfalls war er Elofavorit leicht vor dem zuletzt relativ inaktiven Robert Hess.

Fotos auf der Turnierseite weitgehend Fehlanzeige, ich zeige zwei kleine Fotos der beiden Sieger und drei atmosphärische Screenshots aus Videos:

Statt dem üblichen „Wie geht es weiter?“ – keine Ahnung, was (abgesehen von der US-Meisterschaft für einige) diese Spieler als nächstes vorhaben – noch eine kurze Vorschau auf zwei Turniere: Das Shenzhen Chess Masters ist, etwas aus der Mode gekommen, ein doppelrundiges Turnier mit sechs Teilnehmern – und zwar Giri, Adams, Ding Liren, Harikrishna, Yu Yangyi und Svidler. HomepageAlso erweiterte Elite knapp unterhalb von top10/Chess Tour Niveau. Gespielt wird, mit Ruhetag bei Halbzeit, vom 23.3-2.4. jeweils ab 7:00 mitteleuropäischer Zeit. Chess24 nennt diese – leider kann ich kein Chinesisch!

Das Sharjah Chess Masters beginnt ebenfalls am 23.3. und ist, da ohne Ruhetag, am 31.3. beendet – Rundenbeginn jeweils um 17:00 Ortszeit (14:00 in Mitteleuropa). Da gibt es eine – bisher noch nicht allzu ergiebige – Homepage auf Englisch. Mit Preisgeld (15.000/10.000/7.000/6.000/5.000$ usw.) und wohl auch Konditionen konnten sie starke Grossmeister anlocken, ich nenne zunächst die ersten 10 der Setzliste: Wojtaszek, Kryvoruchko, Matlakov, Naiditsch, Bacrot, Mamedov, Wang Hao, Adhiban, Areshchenko, Safarli. Da haben wir doch einen oben bereits genannten Spieler, auch Iturrizaga und Mareco (und einige weitere weiter unten in der Setzliste) spielen nach HD Bank Masters gleich das nächste Open. Wang Hao war vermutlich ein paar Tage in China, Iturrizaga spielte zwischendurch auch Bundesliga, unbekannt wie/wo der Argentinier Sandro Mareco die Zeit zwischen den Turnieren verbrachte. Natürlich ist auch Lokalmatador Salem Saleh dabei, aus Deutschland GMs Bluebaum, Heimann, Svane und Schroeder sowie IM Erik Zude.

Aus der Kategorie junge Jugend R Praggnanandhaa, Nodirbek Abdusatturov, Nihal Sarin und Javokhir Sindarov (Liste wohl unvollständig, jedenfalls kein Vincent Keymer). Da geht es wohl weniger um Geldpreise (einer á 500$ in diversen Altersklassen) sondern um Erfahrungen gegen – wenn Losglück und eigene Leistung stimmt – starke Gegner. Damen sind auch dabei, auch wenn der einzige Damenpreis von 500$ nicht allzu attraktiv ist – u.a. Harika, Lei Tingjie, Khademalsharieh, Abdumallik, Padmini, usw. .

One thought on “Le Quang Liem in Vietnam, David Howell in St. Louis

  1. Hi Thomas,
    es ist einfach klasse, wie ausführlich und informativ Deine Zusammenfassungen weiterhin sind.
    Mag mir gar nicht vorstellen, wieviel Zeitaufwand dies beansprucht.
    Was mir darüberhinaus besonders gut gefällt, ist Deine Vorschau. Erst so werde ich manchmal auf Turniere aufmerksam, die mich sonst wenig tangiert hätten.

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