JANA SCHNEIDER: „Mein Weg zum Meistertitel …“

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Jana Schneider, Deutsche Meisterin 2017 (Foto: Bernd Vökler)

Jana Schneider, Deutsche Meisterin 2017 (Foto: Bernd Vökler)

Deutsche Frauen-Einzelmeisterschaft (DFEM) 2017 in Bad Wiessee. Ich erinnere mich noch, als die Mail mich erreichte, dass die Deutsche Schachjugend mir ihren Freiplatz für dieses Turnier anbieten wollte. Natürlich sagte ich zu. Diese Chance konnte ich mir nicht entgehen lassen. Als Setzlistenvierte wollte ich versuchen, meinen Freiplatz zu bestätigen, und als Ziel setzte ich mir unter die ersten Drei zu kommen und damit meinen Setzlistenplatz zu verbessern. Aber fast noch wichtiger war es mir, gute Schachpartien zu spielen und ein Turnier zu bestreiten, das ich in guter Erinnerung behalten würde.

Und das wird es auf jeden Fall!

Donnerstag, 30. März 2017, Anreisetag der DFEM in Bad Wiessee. Nachdem ich nach stundenlanger Zugfahrt im Hotel zur Post am Veranstaltungsort angekommen war, bestaunte ich erst einmal die Gegend. Es ist nicht so, als dass ich noch nie am Tegernsee war (ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich schon hier war, achtmal waren es jedoch mindestens), aber ich liebe die Gegend hier wirklich. Ich bezweifle, dass es einen schöneren Ort in Deutschland gibt, bisher habe ich jedenfalls noch keinen gesehen. Mit der warmen Frühlingssonne im Nacken könnte ich dann wirklich stundenlang auf den See und die Berge rundherum schauen. Aber ich bin ja nicht nur da, um die Landschaft zu genießen.

Am Freitag um 12 Uhr geht schon die erste von neun Runden los, der Grund, warum ich hier am Tegernsee sein darf. Davor gibt es noch eine kurze Begrüßung und der Bayerische Rundfunk ist da, um einen Fernsehbeitrag zu drehen. Doch danach heißt es: Konzentration. Denn Schachpartien spielen sich nicht von alleine.

Meine Gegnerin in der ersten Runde heißt Heidemarie Kluge und ich saß schon beim Frühstück mit ihr zusammen. Aus der Eröffnung heraus konnte ich mir gutes strategisches Spiel sichern, doch letzten Endes entschied dann doch ein taktisches Motiv die Partie zu meinen Gunsten.

Abends gibt es stets noch sehr leckeres Essen mit drei Gängen (mit einer Ausnahme, da waren es sogar vier!). Da kann ich der Küche nur ein riesiges Kompliment machen. Auch während der Partie wurden wir immer bestens mit kleinen Essenshäppchen versorgt. Doch natürlich wurde nicht nur gegessen, sondern auch Schach gespielt.

Die zweite Partie ging für mich mit Schwarz gegen die weibliche FIDE-Meisterin Alisa Frey, mit der ich zusammen in der gleichen Frauen-Bundesliga-Mannschaft vom SC Bad Königshofen spiele. Meine erste Begegnung gegen sie vor zwei Jahren hatte ich verloren, und nun wollte ich mich revanchieren. Aus einem Abtauschfranzosen heraus bekam die Partie dann doch noch einen ziemlich scharfen, taktischen Charakter mit entgegengesetzten Rochaden. Ende gut, alles gut, meine Figuren waren um die Nuance schneller, die nötig war, um zu gewinnen.

Mit 2/2 Punkten lag ich nun mit einigen weiteren Spielerinnen vorne und durfte in der nächsten Runde gegen die Setzlistenerste WGM Marta Michna antreten. Dafür bereitete ich mich besonders intensiv vor, aber auch die Spaziergänge am See, um den Kopf ein bisschen frei zu bekommen, durften nicht fehlen.

Meistens jedoch machte ich diese nicht alleine, sondern in Begleitung von Steffi Arnhold, ebenfalls Spielerin und Konkurrentin auf der DFEM, aber auch nur ein Jahr älter als ich und ein Mädchen, mit dem ich mich auf Anhieb super verstand.

Runde 3: Um 12 Uhr mittags geht es dann wieder um alles. Ich schaffte es, mir aus der Eröffnung heraus eine gute Stellung zu erspielen, jedoch gelingt es mir nicht, im entscheidenden Moment die richtigen Züge zu finden. Danach war die Partie lange Zeit ausgeglichen. Gegen Ende bekam ich noch eine Chance, einen Bauern zu gewinnen, aber meine Gegnerin verteidigte sich souverän und so reichte es mir nicht zum Gewinn. Aber ein Remis ist ein sehr gutes Ergebnis für mich.

Meine vierte Partie durfte ich mit Schwarz gegen Titelverteidigerin IM Zoya Schleining spielen. Aus der Eröffnung heraus kamen wir relativ schnell in ein ruhiges Endspiel, in welchem wir beide einmal das Remisangebot der Gegnerin ablehnten und uns schließlich doch auf einen Friedensschluss einigten. Anschließend noch zur Dopingkontrolle … .

Meine Gegnerin in der fünften Runde ist mir nur allzu bekannt: WFM Lara Schulze. Wahrscheinlich war das die Partie, vor deren Ausgang ich mich am meisten fürchtete, auf die ich mich aber auch am meisten freute. Denn mein Score gegen sie ist leider ziemlich schlecht. Das erste Mal auf diesem Turnier brachte ich meine Eröffnungsvorbereitung vollends durcheinander, doch da sie nicht genau genug rechnete, kam ich in ein ausgeglichenes Endspiel, während ich zuvor, ebenfalls zum ersten Mal in diesem Turnier, schlechter stand. Wir einigten uns auf Remis, für mich das dritte in Folge, aber das erste gegen Lara. Dass es für mich das letzte sein würde, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen. Mehr als die Hälfte des Turniers war nun schon vorbei, genauso wie die Ortswanderung.

Siegerpokal und Jana

Siegerpokal und Jana

In der sechsten Runde heißt meine Gegnerin WIM Filiz Osmanodja, die ebenfalls der gleichen Damen-Bundesliga-Mannschaft angehört wie ich. Gegen sie habe ich aber bisher noch nie gespielt. Aber irgendwann ist immer das erste Mal. Und das erste Mal war ich auf diesem Turnier auch in Zeitnot. Zwar war mir klar, dass meine Stellung besser sein musste, jedoch mit knapper Zeit auf beiden Seiten, schaffte ich es nicht, den Vorteil zu verwerten. Letzten Endes hatte ich keine bessere Möglichkeit als der Zugwiederholung zuzustimmen. Doch nun wollte meine Gegnerin gewinnen! Aber das Ausweichen aus dem Dauerschach ist nur für mich gewonnen, und so siegte ich und brachte mich damit auf Punktegleichheit mit der führenden Zoya Schleining, was den ersten Rang nach Buchholzwertung für mich bedeutete.

Aber drei Runden lagen noch vor mir und WGM Natalia Straub würde es mir in der siebten Runde nicht einfach machen, diese Platzierung zu behaupten. Ich lehnte gegen sie ein Remisangebot ab und wollte gewinnen. Mit einem Qualitätsopfer und dem danach vernichtenden Angriff, den sie in Zeitnot nicht abwehren konnte, machte ich zum ersten Mal einen vollen Punkt gegen eine weibliche Großmeisterin.

Auch Zoya gewann gegen Alisa Frey, und so ging der Kampf um den ersten Platz in die nächste und vorletzte Runde. Davor gab es am Abend jedoch die Cocktailverkostung (für mich alkoholfrei) und dabei ein nettes Miteinander vor dem erneuten Aufeinandertreffen als Rivalinnen am Schachbrett.

Gegen Jutta Ries (in Runde 8) spielte ich vielleicht die Beste meiner Partien hier am Tegernsee und wurde mit einem Punkt belohnt. Das letzte gemeinsame Abendessen bestand nun aus vier Gängen und war absolut köstlich. Schachlich war der Stand vor der letzten Runde: Zoya Schleining und ich jeweils 6,5 Punkte, Marta Michna 6, Filiz Osmanodja 5,5.

Unter den ersten Vier war ich also auf jeden Fall, doch reichte es für mehr? WFM Nadja Jussupow war auf jeden Fall keine leichte Gegnerin, zumal ich selbst schon von ihr trainiert und vorbereitet wurde. In der Nacht vorher konnte ich kaum schlafen, zu viel ging mir durch den Kopf. Hätte, wäre, wenn …

Runde 9: Am Brett versuchte ich jedoch das alles aus meinem Kopf zu verbannen und nur Schach zu spielen. Leichter gesagt als getan. Souverän war meine Partie nicht, glücklich sehr. Durch ein Qualitätsopfer, das ich vollkommen unterschätzt hatte, erarbeitete meine Gegnerin sich großen Vorteil. Doch in Anbetracht der vielen scheinbar allen guten Möglichkeiten entschied sie sich für die falsche und auf einmal war die Stellung wieder ausgeglichen.

Ich konnte es kaum glauben. Plötzlich hatte ich wieder Chancen auf den Titel. Noch ein falscher Zug von ihr und ich stand gut. Dann stand ich auf Gewinn, und dann hatte ich gewonnen und konnte es selbst kaum fassen. Nachdem Zoya gegen Lara Remis gespielt hatte, war klar, dass ich als Deutsche Meisterin feststand.


Gastgeber Horst Leckner, Martha Michna (3), Jana Schneider (1), Zoya Schleining (2), Turnierleiter Wolfgang Fiedler

Vor der Siegerehrung hatte ich noch mit meiner Familie Zuhause telefoniert. Nun bekam ich den riesigen Pokal, das Preisgeld, eine WGM- und eine WIM-Norm. Aber vor allem den Titel „Deutsche Meisterin“! Als ich spätabends Zuhause ankam, wurde ich noch von meinem Verein in Stetten begrüßt. Mit Feuerwerk, Blumen und auch Gegrilltem überraschten und beglückwünschten sie mich.

Ich weiß nicht, ob es einen schöneren Moment gibt, als nach einem Erfolg Zuhause anzukommen und diese ganzen wundervollen Menschen, die in Gedanken immer mit dabei waren, mitgefiebert und Daumen gedrückt haben, wiederzusehen, mit ihnen zu feiern, zu lachen, sich zu freuen.

Und deshalb möchte ich nun die Gelegenheit nutzen, um Danke zu sagen.

  • Danke natürlich an alle, die bei der Organisation der DFEM mitgewirkt haben.
  • Danke an das Hotel zur Post, das ich wirklich nur weiterempfehlen kann.
  • Danke an all die Schachspielerinnen, meine Konkurrentinnen, die ich kennenlernen durfte und mit denen ich diese Zeit am Tegernsee verbracht habe.
  • Danke an alle, die uns beim Schach spielen besucht und zugeschaut haben, aber auch an die, die die Liveübertragung im Internet mitverfolgt haben. Vor allem danke an die, die mit mir mitgefiebert und mir die Daumen gedrückt haben.
  • Danke an Herrn Raymund Stolze, der wohl dafür verantwortlich ist, dass ich nun diesen Bericht für den Schach-Ticker schreibe und der mir immer wieder Mut gemacht hat.
  • Danke an meinen Verein, die SpVgg Stetten, ihr seid echt die Besten.
  • Danke an meinen Trainer, GM Michael Prusikin, mit dem ich nun glaube ich schon seit mehr als sechs Jahren trainiere. Ohne ihn wäre ich nie so weit angekommen. Und danke an meinen Trainer aus Stetten Alexander Wurm, den ich sogar noch länger kenne und von dem ich immer noch lernen kann. Ich weiß nicht, was ohne ihn aus mir geworden wäre.
  • Und ganz besonders danken möchte ich meiner Familie, die mich zum Schach spielen gebracht hat und immer unterstützt, auch wenn es mal nicht so gut läuft. Auf sie kann ich mich immer verlassen und ohne sie wäre ich wohl nie eine Schachspielerin geworden.

Es gibt so viele weitere Menschen, denen ich noch danken möchte und es tut mir leid, dass ich hier nicht alle nennen kann. Trotzdem: Danke!!!


Die neun Partien der neuen Frauenmeisterin Jana Schneider gibt es auf der Turnierseite oder bequemer hier als  „Theater“.

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ZUR PERSON:

JANA SCHNEIDER (11. April 2002) hat Schach im Alter von 4 Jahren von ihren Vater gelernt, der sie dann auch im Kindergarten und bis 2010 in der Grundschule in einer Schulschach AG betreute. Seit 2008 spielt sie bei der SpVgg Stetten 1946 und trainiert seit 2010 regelmäßig bei GM Michael Prusikin. Sie wurde dreimal Deutsche Jugendmeisterin [2012/U10, 2013/U2, 2016/U14). Von der Kommission Leistungssport des DSB wurde die Gymnasiastin für dieses Jahr erstmals in den C-Kader weiblich aufgenommen. Der Gewinn der Deutschen Frauen-Einzelmeisterschaft ist ihr bisher größter sportlicher Erfolg.

2 thoughts on “JANA SCHNEIDER: „Mein Weg zum Meistertitel …“

  1. Tolles Turnier, freue mich, dass der Titel wieder nach Bayern geht.
    Auch Jana hat mit dem Schulschach angefangen. Aus Schulschach kann also auch Leistungsschach entstehen, muss aber nicht!

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