Wieder Dubai-Dusel für Gawain Jones

Auch dieser Bericht kommt etwas verspätet, dafür ist es (im zweiten Teil) mal wieder ein „big pictorial report“ mit Fotos nicht nur von Grossmeistern. Alle Fotos ab Turnierseite über Facebook – Chessbase nennt als Fotografin Iva Videnova, deshalb war sie offenbar vor Ort ohne selbst zu spielen (und wurde auch mal selbst fotografiert).

Warum „Dubai-Dusel“? Sieben Spieler landeten punktgleich auf Platz eins – Buchholz musste entscheiden und die Reihenfolge war knapp und aus meiner Sicht nicht „nachvollziehbar“. Sieben Spieler erzielten nämlich sieben Punkte aus neun Partien und wurden dann so sortiert: Jones 50.5, Yilmaz 49.5, Vidit 47, Iturrizaga 46.5, Adly 45, Sergei Zhigalko 45 (da entschied der vierte Tiebreak TPR), Rakhmanov 42.5.

6,5/7 erzielten neben bekannten Grossmeistern auch zwei Indien-IMs: Praggnanandhaa (das war allerdings kurios und für den indischen Chessbase-Autor potentiell skandalös, wobei er sich nicht über seinen jungen Landsmann beschwert) und Rathnakaran. Wertungsbester mit 6/9 IM Santos Latasa aus Spanien, lange schien für ihn mehr drin als Platz 20. Auch in dieser Gruppe noch (inter)national bekannte Grossmeister, u.a. die ukrainischen Elofavoriten Korobov und Areshchenko, aus Deutschland Jan-Christian Schroeder, aus NL Benjamin Bok. Einige bekannte GMs erzielten noch weniger Punkte, z.B. Sargissian und Lokalmatador Salem Saleh 5,5/9, der an drei gesetzte Eltaj Safarli nur 5/9 (eigentlich waren es 5/8). Welches Land direkt hinter Safarli massiv vertreten war, da muss sich der Leser noch etwas gedulden.

Warum „wieder Dubai-Dusel“? Endstand beim Dubai Open 2016 war GM Jones 7.5/9(49.5), GM Akopian 7.5/9(49), usw. – damals nur zwei Spieler punktgleich vorne, auch damals hatte der nach Buchholz schlechtere eine deutlich bessere TPR (2831 zu 2769, Vorteil Akopian). Diesmal waren Vidit, Iturrizaga und Yilmaz nach TPR besser als Jones, aber das war nur der fünfte Tiebreaker. Nebenbei: Nicht immer ist besserer Tiebreak für Jones Dusel – dieses Jahr im B-Turnier in Wijk aan Zee war er zu Recht „gleicher“ als Markus Ragger, schliesslich hatte er das direkte Duell gewonnen.

Gawain Jones twitterte hinterher „Dubai is evidently my lucky place! 7-way tie for 1st but my ties edged ahead and I get to take another beautiful trophy home.“ Ob er sich wirklich für den Pokal interessiert? Vielleicht hat er noch Platz zu Hause für derlei Trophäen, vielleicht war es allerdings auch nur höflich den Ausrichtern gegenüber – wie auch die Tatsache, dass er, offenbar als einziger, die Bitte „Prizewinners are requested to follow the dress code of business casual (or elegant casual)“ erfüllte. Als Profi ist für ihn wohl auch angenehm, dass Preisgeld in Dubai strikt nach Buchholz verteilt wird: 13.000$ für ihn, 7.000$ für Yilmaz, 5.000 für Vidit, … noch 2.000 für Rakhmanov. Von zwölf Spielern mit 6.5/9 bekamen acht auch noch etwas Preisgeld.

Zum Turnierverlauf: Einer, mit dem wohl keiner rechnete (auch er selbst nicht?) sorgte anfangs für Furore:

Der Spanier IM Jaime Santos Latasa, an 31 gesetzt, an Brett 1!? Das Foto stammt aus Runde 7, da konnte ein gewisser Gawain Jones ihn doch vom Spitzenbrett vertreiben, das er zuvor zweimal gegen starke grossmeisterliche Gegner behielt. Seine Erfolge zuvor: nach drei „Pflichtsiegen“ gegen nominell unterlegene Inder besiegte er auch GM Sandro Mareco – der Argentinier spielte auf Königsangriff, dann dachte der Spanier „das kann ich auch“ und setzte seinen nominell besseren Gegner (2655 zu 2565, also kein sehr grosser Unterschied) matt! Damit übernahm er die alleinige Führung im Turnier, da vier weitere Partien zwischen Spielern mit zuvor 3/3 remis endeten.

In der nächsten Runde bekam er Schwarz gegen einen „Brocken“ – Alexander Areshchenko, aktuell Elo 2686, dabei einer von vielen die auch mal etwas über 2700 hatten. Areshchenko opferte eine Figur, Idee war wohl Königsangriff aber die durchaus vorhandene und ausreichende Kompensation war eher positionell. Die Figur bekam der Ukrainer zurück, aber nun stand (Parallele zu Santos Latasa – Mareco tags zuvor) sein eigener König anfällig, während der schwarze Monarch nach abgelegter Reise (g7-f6-e7-d7-c6-b6-a7) sich am Damenflügel wohl fühlte. Das war noch nicht alles: später entstand ein Damenendspiel, das trotz schwarzer Mehrbauern „eigentlich“ remis war. Tablebase-Stellungen sind in der Praxis remis, wenn man es am Brett beweisen kann, sonst nicht – Sieg für Santos Latasa nach 79 Zügen.

Nach fünf Runden führte Santos Latasa mit 5/5 vor Iturrizaga, Vidit und Yilmaz mit 4,5/5. Das IVY-Trio blieb bis zum Schluss vorne dabei – nachvollziehbar, dass sie am Ende die besten TPRs hatten, eher nicht nachvollziehbar warum Gawain Jones (zu diesem Zeitpunkt 4/5) nach Buchholz vorne liegen sollte. Aber ich widme mich weiterhin dem Spanier: In Runde sechs war Santos Latasa – Iturrizaga 1/2 eher aus der Kategorie „nix los“. Bemerkenswert allerdings, dass Weiss fast durchgehend flott spielte, während Schwarz schon für die ersten zwölf Züge insgesamt knapp über eine Stunde investierte.

Dann allerdings Jones – Santos Latasa 1-0. Gawain ist zwar Engländer, aber spielt trotzdem Schottisch (oft, gerne und recht erfolgreich – so besiegte er u.a. auch Markus Ragger in Wijk aan Zee). Knackpunkt aus schwarzer Sicht war 20.-Lh5? (20.-Le6 =), was 21.Lxf8 Txf8 22.Tf5 erlaubte (nebst 23.Tc5 und 26.Ta5). So musste er seine Bauernschwächen am Damenflügel passiv verteidigen, was vorläufig funktionierte aber auf Dauer dann nicht mehr. Santos Latasa remisierte danach noch gegen Bassem Amin und verlor zum Schluss gegen Rakhmanov – ein Fehler reichte, und der Russe bekam vernichtenden Königsangriff. So bekam der Spanier am Ende kein Preisgeld, aber eine GM-Norm war bereits in trockenen Tüchern.

Jaime Santos Latasa (*1996) war mir gar kein Begriff: Elo 2565 ist natürlich „Edel-IM“, generell spielt er vor allem kleinere Turniere und (als einer von vielen) die spanische Mannschaftsmeisterschaft. Wie viele andere spielte er vor dem Dubai auch das Sharjah Open. Auch da erzielte er 6/9, da er seine Punkte anders über die Runden verteilte (nach 2,5/5 noch 3,5/4) war es allerdings nicht so toll und kostete 13 Elopunkte, 12 bekam er nun zurück.

Wer ist als nächster dran? Gut, da ich ihn bereits erwähnte und da er ja am Ende gewann, Gawain Jones. Er verlor früh im Turnier (Runde 3) gegen den Argentinier GM Pichot und verabschiedete sich dadurch vorläufig von vordersten Brettern. Gegen Inder erzielte er 4/4, weitere Siege gegen GM Mchedlishvili und wie bereits erwähnt Edel-IM Santos Latasa, zum Schluss noch zweimal Remis gegen die direkten Konkurrenten Iturrizaga und Yilmaz. Warum das dann die beste Buchholz-Wertung war: gute Frage, nächste Frage … .

Mustafa Yilmaz (von mehreren verfügbaren Fotos habe ich ein patriotisches ausgewählt) hatte – im Gegensatz zu Gawain Jones – keine Probleme mit Argentiniern: Siege gegen Alan Pichot und Sandro Mareco. Auch sonst machte er eigentlich alles richtig und hatte dann Buchholz-Pech.

Santosh Gujrathi Vidit ist Giri-Sekundant und dreieinhalbbester Inder (unklar ob er oder Adhiban Nummer drei ist hinter Anand und Harikrishna). Nach Pflichtsiegen in den ersten drei Runden gewann er später noch gegen GMs Antipov und Safarli. Bei ihm ist nachvollziehbar, warum er eine relativ schlechte Buchholz-Wertung hatte: es lag nicht an ihm selbst, sondern an seinen Gegnern Safarli und (Remis in Runde 8) Korobov! Korobov verlor in der letzten Runde mit Weiss gegen Sergei Zhigalko. Safarli verlor in Runde 8 mit Weiss gegen GM Indjic und hatte dann offenbar keine Lust mehr, also verlor er die letzte Runde kampflos gegen Praggnanandhaa.

Chessbase-Autor Priyadarshan Banjan, 23-jähriger indischer Vereinsspieler, schreibt dazu: „IM Praggnanandhaa R. (2447) finished with 6.5/9 after his opponent for the final round GM Eltaj Safarli failed (refused?) to turn up for the game. Strangely, one could see Safarli playing immediately after this tournament ended at the GRENKE Chess Open. For Pragg, each game matters as a learning experience to move forward. Even though he was not in the running for a norm, depriving him of a chance to play is cruel, if it was done intentionally.“ [Praggnanandhaa erzielte 6,5/9, nachdem sein Schlussrundengegner Safarli auf diese Partie verzichtete (sich weigerte anzutreten?). Übrigens spielt Safarli direkt nach diesem Turnier beim GRENKE Chess Open. Für Pragg zählt jede Partie, um Erfahrungen zu sammeln. Auch wenn er keine Chance mehr für eine GM-Norm hatte, ist es – falls es absichtlich geschah – grausam, dass er nicht spielen konnte.]. Der Herr ist, so sehe ich es, voreingenommen und nicht neutral. Es ist – leider – durchaus üblich (jedenfalls nicht total selten bis einmalig), dass Favoriten, die kein Preisgeld mehr gewinnen können, in der letzten Runde nicht antreten. Nichts deutet darauf hin, dass Safarli Praggnanandhaa persönlich beleidigen wollte oder gar Angst vor ihm hatte!? Trostpreis für Praggnanandhaa immerhin noch 900$ (Safarli hatte vor der letzten Runde einen halben Punkt weniger und damit null Preisgeldchancen).

Auch Eduardo Iturrizaga hat eigentlich nahezu alles richtig gemacht und spielte durchgehend an den vordersten Brettern – niedrigstes Brett war Brett 6 in Runde eins, da es eben sein Platz in der Setzliste war.

Die vier bereits erwähnten remisierten in der Schlussrunde gegeneinander. Die drei anderen von sieben spielten im Turnierverlauf nicht durchgehend vorne mit und brauchten daher einen Schlussrundensieg, um noch geteilt Erster zu werden – daher ist bei ihnen schlechtere Buchholz-Wertung nachvollziehbar. Zwei schafften es mit Schwarz gegen nominell überlegene Gegner, neben (bereits erwähnt) Korobov-Zhigalko 0-1 auch Areshchenko-Adly 0-1. Rakhmanov gewann, auch bereits erwähnt, mit Weiss gegen Santos Latasa. Im Gegensatz zu Jones, bei dem es dann prima funktionierte, war es allenfalls ein „halb-Schweizer Gambit“: Zhigalko, Adly und Rakhmanov blieben ungeschlagen, hatten aber jeweils ein Remis mehr in den ersten acht Runden.

Was wurde aus den Elofavoriten? Dass Areshchenko zwei Partien verlor, weiss der Leser bereits. Das gilt auch für Landsmann Korobov: ohne die erste und letzte Runde erzielte er respektable 6/7, aber neben der Schlussrunde gegen Zhigalko war da noch Abbasov-Korobov 1-0 in Runde eins – in einem Najdorf-Sizilianer kam der Favorit übel unter die Räder. Wer ist Vusal Abbasov? Ein Azeri mit Elo 2211, der übrigens im weiteren Turnierverlauf jedenfalls nicht brilliant spielte und am Ende 4/9 erzielte. Die drei Niederlagen vom an drei gesetzten Eltaj Safarli (passt doch?) hatten wir auch bereits: Vidit in Runde 7. Indjic in Runde 8 und dann, warum auch immer, Praggnanandhaa in Runde 9. Nummer 4 David Anton Guijarro konnte auch nicht vorne mitspielen. Nummer 5 Vladimir Akopian, letztes Jahr noch unglücklicher Zweiter, begann mit drei aus vier (Niederlage des Reimes wegen gegen Alexandr Fier) und dann war sein Turnier vorbei – das hatte sicher gesundheitliche oder andere konkrete Gründe.

Alle (oder jedenfalls viele) die Preisgeld bekamen wurden dann noch zusammen mit Sheikhs fotografiert, ich zeige nur zwei:

Sergei Zhigalko, zweiter von links, wollte offenbar nicht auffallen!?

Und noch einmal Gawain Dubaidusel Jones.

Eingangs hatte ich noch mehr Fotos versprochen, los geht’s:

Turniersaal gehört traditionell dazu.

Gemeinsamkeiten der beiden Herren: Beide kommen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und hatten daher Heimspiel. Beide verloren in Runde eins: FM Mohannad (Elo 2319) – Salem Salem (1830) 1-0 war keine Überraschung, Pranav (2149) – GM Salem Saleh (2652) war eine. Der indische Knirps, Baujahr 2006, verlor dann zwar gegen IM Sachdev und GM Idani, konnte aber in den letzten beiden Runden immerhin zwei IMs besiegen und so auch (K-Faktor 40 hilft natürlich) 80 Elopunkte aus Dubai mitnehmen.

Unterschiede: Bart und/oder Kopftuch hat Salem Ahmed Salem vielleicht irgendwann mal auch (auch beim Heimspiel erschien der Grossmeister nicht immer mit Kopftuch). Die Elolücke wird vielleicht mal kleiner, auch wenn sie vorläufig noch grösser wurde – beide hatten ein insgesamt für ihre jeweiligen Verhältnisse schlechtes Turnier, aber für den titellosen Spieler gilt K-Faktor 40. Was bleiben wird ist der eine Buchstabe in den Nachnamen und der Altersunterschied – Salem Saleh *1993, Salem Salem *2002.

Nun eine Grossmeister-Galerie – alle mehr oder weniger fotogen, alles relativ bekannte Namen (jedenfalls wenn man sich neben Superturnieren auch für Opens interessiert:

Vielleicht vermissen Leser Jan-Christian Schroeder. Erstens hatte ich ihn schon mehrfach in Artikeln, zweitens hatte er ein eher mässiges Turnier – 6/9 war eigentlich 5/8 plus kampfloser Sieg zu Beginn, und das gegen (Ausnahme die Niederlage gegen Zhang Zhong in Runde 8) Elo unter 2400. Zu seiner anderen Niederlage siehe eine spätere Galerie.

Der Leser mag auch einwenden, dass der Norweger Johan Salomon nicht GM sondern IM ist. Stimmt bis auf weiteres, allerdings erzielte er in diesem Turnier seine dritte GM-Norm und verbesserte sich gleichzeitig auch auf Elo genau 2500 (bzw., gönnen wir ihm auch diesen Punkt, 2501 da Elo +13.5 aufgerundet wird). Reiner Bildergalerie-Zufall übrigens, dass Mikheil, Mikhail und Mikhailo nebeneinander erscheinen – ich habe da nicht manipuliert (weder bei der Foto-Auswahl noch bei der Reihenfolge innerhalb der Galerie).

Ich hatte angekündigt, nicht nur Grossmeister zu zeigen, also mache ich das:

Wer ist in dieser Galerie eigentlich fehl am Platz? Nicht was der Leser vielleicht denkt, sondern Nino Maisuradze. Sie ist Französin mit georgischen Wurzeln, alle anderen kommen aus Turkmenistan – immerhin 14 Teilnehmer(innen) aus diesem Land, nur ein Land schickte eine noch deutlich grössere Delegation. Welches Land das ist, da muss sich der Leser noch etwas gedulden – wobei es im Text bereits angedeutet wurde.

Teilgenommen haben aber auch Damen aus anderen Ländern:

Wer ist WIM Tijana Blagojevic? Ich kannte sie nicht, Jan-Christian Schroeder kennt sie nun – da er in Runde 2 in einer wilden Partie das Nachsehen hatte. Männer haben natürlich auch mitgespielt, letzte Galerie:

Da ist Marco Schaarschmidt (König Plauen) eigentlich fehl am Platz – nur er musste seine Uhr bei Ankunft in den Vereinigten Arabischen Emiraten vorstellen, alle anderen kommen aus derselben Zeitzone oder aus dem Osten. Schaarschmidt spielte im Rahmen seiner Elomöglichkeiten – Null gegen Tijana Blagojevic war ein normales Ergebnis, die meisten anderen Resultate auch. In dieser Bildergalerie ist angedeutet, aus welchem Land die grösste Delegation kam – Indien mit immerhin 91 Spielern. Das zeigt sich u.a. bei Platz 65-85 (5/9): oben nach Wertung Eltaj Safarli, dann 12 Inder, dann Tijana Blagojevic, wieder 6 Inder und dann noch ein Filipino und einer aus Bangladesh.

Ein Schach-Charterflugzeug wäre vielleicht eine Idee gewesen, vielleicht auch nicht: wahrscheinlich sind sie von verschiedenen indischen Flughäfen angereist, und einige aber nicht alle spielten zuvor auch in Sharjah mit.

TurnierseiteResultateRückblick 2016
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