100% Siberia, 100% Mamedyarov

Männer

Siberia (komplett Siberia-Sirius aus der Region Novosibirsk, jedenfalls der Sponsor) wurde russischer Mannschaftsmeister, warum eigentlich? Die einfachste Antwort ist: Sie haben alle sieben Mannschaftskämpfe gewonnen, aber warum eigentlich? Wenn man genug starke Spieler aufstellt – am zweiten Reservebrett noch Elo 2651 – zeigen schon einige starke Form. Dann kann man es sich sogar leisten, die beiden Spitzenbretter eher selten einzusetzen – nur in vier von sieben Runden. Damit war Mamedyarovs Punktausbeute einerseits etwas mager (nur deren vier), andererseits: mehr ging nicht, und in zwei Duellen gegen direkte Konkurrenten waren seine Siege wichtig. Daher bekommt er auch das Titelbild – alle Fotos vomRussischen Schachverband.

Das ist der Endstand nach Mannschafts- und in Klammern Brettpunkten: Siberia 14(31), SHSM ‚Legacy Square Capital‘ (Moskau) 11(24,5), Malakhit (Jekaterinenburg) 8(23,5), Bronze Horseman (St. Petersburg) 8(22,5), Central Federal District 5(17), Sports School (St. Petersburg) 4(18), Ladya (Kazan) 4(17), Zhiguli (Region Samara) 2(14,5).

Frauen

Dass Siberia (Kramnik, Mamedyarov, Giri, Nepomniachtchi, Grischuk, Andreikin, Korobov, Khismatullin) gewinnen würde war schon vor dem Turnier durchaus wahrscheinlich. Ebenso war relativ klar, welche vier Mannschaften sich für den Europacup qualifizieren werden – neben Siberia die drei anderen Teams mit durchgehend GMs der Kategorie 2600+ und zumindest am Spitzenbrett einer, der 2700+ hat oder jedenfalls mal hatte. Eines dieser vier Teams hatte am Spitzenbrett nur Elo 2624 – dahinter allerdings durchgehend mehr. Warum gaben sie ihrem ‚Patzer‘ mit Elo 2624 Brett eins? Weil er mal mehr hatte, also aus nostalgischen Gründen – gespielt hat er dann eine Partie.

Grösste (negative) Überraschung, dass „Bronze Horseman“ nur Vierter wurde, also nicht einmal die zum Teamnamen passende Medaille bekam – Ursachenforschung später. Ausserdem gab es Überraschungen in einzelnen Partien, teilweise auch in einzelnen Mannschaftskämpfen: die grossen vier haben gegen die kleineren vier dreimal nur 3-3 gespielt, und noch zweimal nur mühsam 3,5-2,5 gewonnen. Diese Überraschungen gingen auf das Konto von Malakhit und Bronze Horseman.

„Runde für Runde“ nur ein bisschen, gleich in Runde eins eine Überraschung an einem Spitzenbrett und u.a. deswegen im kompletten Match:

Den Herrn vorne rechts erkennen wohl einige Leser – Alexei Shirov, einer aus der Kategorie „hatte mal 2700+“. Ihm gegenüber ein gewisser Ivan Rozum – immerhin Grossmeister, immerhin Elo 2600 (jedenfalls vor dem Turnier, nun etwas weniger da er nach drei Runden dachte „zwei Punkte ist ein gutes Ergebnis“ und noch viermal verlor). In dieser Partie gewann er allerdings, und das auch noch mit Schwarz. Shirov opferte (theoretisch bekannt) zwei Bauern und wollte dann keine Zugwiederholung. Die Bauern bekam er dann zurück, aber alle schwarzen Figuren standen nun etwas besser als die weissen Klötze, und das war auf die Dauer partieentscheidend – Shirov-Rozum 0-1.

Auch an den übrigen Brettern war Malakhit im Schnitt ca. 100 Punkte elobesser als Central Federal District, aber nur am sechsten Brett (da waren sie fast 200 Punkte besser) reichte es für einen Sieg, sonst endete alles remis – per saldo ein nicht einkalkulierter Mannschaftspunkt für das zweite Moskauer Team.

Siberia zu Beginn ohne Kramnik und Mamedyarov – die hatten gerade erst in Shamkir gespielt und durften sich noch ausruhen. Giri-Artemiev und Kamsky-Nepomniachtchi wurde remis, wie auch FM Makhmutov-GM Khismatullin an Brett sechs. Aber Siberia-Ladya 4,5-1,5 war standesgemäss. Die beiden anderen Favoriten gewannen auch, St. Petersburg (Bronze Horseman) im Lokalderby gegen St. Petersburg (Sports School) allerdings nur 3,5-2,5, u.a. wegen Palchun-GM Goganov 1-0 an Brett sechs. Wer ist Grigory Palchun? Ein titelloser Spieler mit Elo 2330, jedenfalls vor dem Turnier. Zunächst sah es danach aus, dass der favorisierte GM (Elo 2605) gewinnen würde, dann kippte die Partie.

In Runde zwei durchgehend knappe Ergebnisse trotz oft grosser Elounterschiede. Central Federal District holte beim 3-3 gegen Bronze Horseman den zweiten nicht einkalkulierten Mannschaftspunkt, im anderen Duell Moskau-St. Petersburg gewann SHSM Legacy Square nur knapp 3,5-2,5 gegen Sports School (Palchun gewann schon wieder, heute gegen IM Vavulin, Elo 2599).

Beim Ossi-Duell Siberia-Malakhit gewannen die Favoriten aus Nowosibirsk gegen die relativen Underdogs aus Jekaterinenburg 3,5-2,5.

Kramnik konnte eine Gewinnstellung gegen Shirov nicht gewinnen, die fünf Elopunkte fehlen ihm vielleicht später im Elorennen zum Kandidatenturnier. Was Gewinnpartien betrifft war es ein schwarzer Tag: Schwarzsieg für Rublevsky gegen Nepomniachtchi nach sizilianischen Komplikationen – gut für Malakhit. Schwarzsiege für Korobov gegen Lysyj sowie für Mamedyarov gegen Riazantsev, jeweils ebenfalls nach Komplikationen – gut für Siberia. Dieses war Shaks erster Streich, und der zweite ….

schon sind wir bei Runde 3. Siberia – Bronze Horseman 3,5-2,5 war hart umkämpft.

Kramnik spielte schon wieder remis – gegen Svidler war sein Mehrbauer im Springerendspiel wohl nie gewinnträchtig, und heute waren im Match Weissiege angesagt: Grischuk erstürmte Rodshteins Berliner Mauer, aber Fedoseev gewann ebenfalls im Endspiel gegen Andreikin. Beim Stand von 2,5-2,5 lief noch Mamedyarov-Vitiugov – der aufmerksame Leser kennt das Ergebnis bereits: Mamedyarov hat seinen Gegner im Springerendspiel ausgetrickst. Dieses war Shaks zweiter Streich, und der dritte … aber erst noch was anderes:

Wer ist das denn? Ein gewisser Anatoly Karpov – wer ihn nicht kennt ist wohl relativ jung und hat im Schachgeschichts-Unterricht gepennt. Wie bei der zentralen Endrunde der Schachbundesliga war er zunächst als Kibitz vor Ort, und tags darauf:

Runde 4:

Svidler spielte gegen den nächsten Ex-Weltmeister, nebendran Shirov heute an Brett zwei. Wieder landete Svidler in einer Stellung mit Minusbauer: Er spielte Grünfeld und hatte wohl nicht mit der Nebenvariante 7.Da4+ gerechnet, jedenfalls begann er ab hier nachzudenken und opferte später einen Bauern – durchaus Grünfeld-typisch und gewisse Kompensation hatte er, aber dauerhaft ausreichende? Später wurde es remis. Dieses war, wenn man so will, Karpovs erster Streich, und der zweite … kam nicht mehr, jedenfalls nicht bei diesem Turnier in Sotschi.

Malakhit-Bronze Horseman wurde insgesamt 3-3, gut für Siberia. Und was machten sie selbst? Sie besiegten SHSM Legacy Square 4-2 – Tag der Angriffssiege: zum einen Grischuk-Grachev 1-0 „aus dem Nichts heraus“ – bei 33.-Tb1? übersah Grachev den ungewöhnlichen „Doppelangriff“ 34.Tb5!, kann passieren. Zum anderen Najer-Mamedyarov 0-1, ansatzweise bereits aus der Eröffnung heraus – Mamedyarov wurde für seine riskante Partieanlage belohnt. Dieses war Shaks dritter Streich, und der vierte … kam erst in Runde 7, denn nun durften er und Kramnik bis auf weiteres pausieren. Das Turnier war quasi bereits entschieden, da Siberia nacheinander drei direkte Konkurrenten (wenn sie denn Konkurrenz hatten) besiegt hatte und nun nur noch „Pflichtsiege“ gegen Aussenseiter brauchte.

Daher zu den verbleibenden Runden weniger ausführlich. In Runde 5 endete SHSM-Malakhit 3-3, sechsmal Remis – aus Moskauer Sicht eher verständlich: Platz eins war wohl ohnehin nicht mehr drin, Platz zwei wurde so wahrscheinlicher, da Malakhit und Bronze Horseman bereits gegen nominell unterlegene Teams Mannschaftspunkte eingebüsst hatten.

Runde 6: Am turnierrelevantesten SHSM-Bronze Horseman 3,5-2,5 – damit war auch Platz zwei vergeben zugunsten der Moskauer Truppe. Matchwinner war an Brett sechs Grigory Oparin, der Goganovs Franzosen regelrecht erstürmte. Da konnten seine Kollegen ruhig alle remisieren, sie waren auch alle nach Elo etwas im Nachteil. Siberia hatte keine Probleme mit Sports School –

auch Giri gewann nach zuvor viermal remis. Und zwar im Stil von Magnus Carlsen oder Wesley So – Giris Gegner Evgeny Romanov beging in ausgeglichener Stellung Selbstmord, Giri musste dabei nur ein kleines bisschen helfen. Sibirische Siege auch an Brett 2-5, war da noch was? Ja, Sports School hatte Grigoriy Palchun, und der erzielte den Ehrentreffer gegen GM Khismatullin – dessen Qualitätsgewinn 31.-Se5?!? kostete nach 32.dxe5! TxTd2 33.exf6 usw. kurzzügig die Partie. Palchun erzielte insgesamt 5/7, TPR 2685 – eine GM-Norm ist es vermutlich nicht, da nur sieben Runden gespielt wurden, aber 60 Punkte Elo-Zugewinn ist auch nicht schlecht.

In Runde 7 ging es eigentlich nur noch um Details: Giri und Kramnik konnten Elo-Schadensbegrenzung betreiben, indem sie jeweils gewannen – beide wenn man so will in damenlosen Mittelspielen. Bei Rozum-Kramnik 0-1 passt das sicher, Esipenko-Giri 0-1 war vielleicht eher ein Endspiel mit noch beiderseits Turm und Leichtfigur – entscheidend allerdings Mattangriff gegen den weissen König der irgendwie zuvor auf a5 landete. Mamedyarov gewann nochmals und hat sich nun auf Elo 2795 verbessert, Platz sechs in der Live-Weltrangliste vor Aronian, Nakamura und Anand! Malakhit sicherte Platz drei, allerdings wurde es, da nur 3-3 gegen Sports School, knapp (ein Brettpunkt mehr als Bronze Horseman).

Team-Einzelkritik: Siberia hatte neben Mamedyarov auch Grischuk (5/6, nominell an Brett 5, da spielte er einmal sowie zweimal an 4 und dreimal an 3) und Korobov (5,5/6 an Brett 5 und 6, nominell war er Ersatzspieler). Korobov hatte ich schon des öfteren „fotografiert“, Grischuk bekommt nun sein individuelles Foto:

SHSM ‚Legacy Square‘: die meisten Spieler um 50%, besser machten es die Jungstars: Dubov erzielte zunächst 4/5, hatte dabei allerdings – Zufall oder Absicht? – fünfmal Weiss. In der letzten Runde hatte er Schwarz gegen Kamsky, prompt verlor er. Oparin erzielte im Schlusspurt – zuletzt zwei Siege – beachtliche 4,5/6.

Malakhit: Die echten Spitzenbretter Shirov und Riazantsev gewannen keine einzige Partie – Karpov, der Shirov einmal ablöste, auch nicht aber er blieb ungeschlagen, während Shirov gleich zu Beginn einmal und Riazantsev später zweimal verlor. Bester Spieler war Motylev mit 5/7, trotzdem zeige ich nun Shirov:

Bronze Horseman hatte vielleicht dasselbe Problem: zu wenige Siege an den vorderen Brettern – Svidler 3,5/6, Vitiugov 2,5/6, Matlakov 3/6. Schlechter machte es Rodshtein mit ziemlich katastrophalen 2/6 (zum Schluss auch Niederlage gegen einen gewissen FM Elistratov), damit hat er den Club 2700+ bis auf weiteres definitiv verlassen. Besser machte es Fedoseev mit 6/7, aber ein Fedoseev war zu wenig für mehr als Blech.

Fedoseev ist damit neuestes Mitglied im Club 2700+ – das ist beachtlich, sein Bart (so sehe ich es) gewöhnungsbedürftig. Ist er damit nun König der russischen Prinzen? Im Prinzip ja, wobei Artemiev an Brett 1 von Ladya auch überzeugte – jedenfalls in den ersten sechs Runden, dann noch eine Niederlage gegen Najer, insgesamt 4,5/7 und live-aktuell nun Elo 2691.

War da noch was? Zum Damenturnier nur kurz und knapp: Ugra aus Khanty-Mansiysk (Ushenina, Pogonina, Girya, Nechaeva, Kovanova) gewann alles und wurde so Meister. SHSM Legacy Square aus Moskau (Kosteniuk, Kashlinskaya usw.) gewann sieben von acht Matches, verlor allerdings gegen Ugra und wurde so Vizemeister. Sports School aus St. Petersburg (Bodnaruk usw.) gewann sechsmal, verlor nur gegen die beiden bereits genannten Teams und gewann so Bronze. Stellvertretend für Team Ugra Spitzenbrett Anna Ushenina:

Zum Rahmenprogramm: Eine andere blonde Dame wurde auch des öfteren fotografiert, auf dem nächsten Foto allerdings – obwohl Hauptperson – im Hintergrund:

Natalia Zhukova feierte während dem Turnier ihren Geburtstag (laut 2700chess.com und Wikipedia ist der am 5. Juni, aber in Sotschi waren viele Prominente vor Ort?). Selbst spielte sie übrigens nicht bei den Damen sondern, wie auch Goryachkina, in der „Higher League“ (zweite Liga) der Herren.

Hier ist sie besser im Bild – mit der rechten Hand ziehen, in der linken Hand Figuren verwalten, was ist das denn? Auf Russisch heisst es „schwedisches Schach“, auf Deutsch Tandem, auf Englisch bughouse. Gelegenheits-Partner Nepomniachtchi ist mit ihrer Stellung offenbar nicht zufrieden (auch Korobov habe ich nun doch zweimal ein bisschen fotografiert).

Gewonnen haben dieses Turnier am Ruhetag die Jungstars Yuffa und Alekseenko, dafür gab es immerhin 80.000 Rubel (etwa 1250 Euro) Preisgeld.

Noch jüngere Kids haben in Sotschi auch Schach gespielt – parallel lief auch die Mannschaftmeisterschaft U15 für Buben und Mädels.

Diesmal war ruchess.ru sparsam betrifft Fotos von Sotschi und Umgebung, immerhin zum Schluss noch der Austragungsort des Ganzen, das Hotel Pearl:

Wie geht es weiter? Offenbar ab Freitag mit dem zweiten Turnier der FIDE Grand Prix Serie in Moskau – Informationspolitik von AGON dazu nach dem Motto „lasst Euch überraschen!“.

One thought on “100% Siberia, 100% Mamedyarov

  1. Ist das 3. Foto, Giri-Artemiev, aus ‚Zurück in die Zukunft‘?
    Giris Gegner sieht aus wie der junge Magnus C.

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