Sigeman-Symmetrie

Die Schachwelt schaut momentan vor allem nach Moskau – bis auf diejenigen die, aus zumindest subjektiv plausibel-nachvollziehbaren Gründen, das dortige FIDE Grand Prix Turnier boykottieren/ignorieren. Auch in Malmö wurde Schach gespielt, nun sind fünf von fünf Runden vorbei – „Symmetrie“ bezieht sich auf das Endergebnis: Grandelius und Jobava 3/5, Blomqvist und Eljanov 2.5, Short und Harika 2. Man könnte vermuten, dass in diesem Turnier viel remisiert wurde – das stimmt eher nicht, wobei die beiden Sieger jeweils +1=4 erzielten.

Grandelius ist nach Sonneborn-Berger besser, da er gegen Landsmann Blomqvist gewann und Jobava nur gegen Nigel Short – zwar nominell besser als Blomqvist aber in diesem Turnier insgesamt nicht. Allerdings gibt es in diesem Turnier weder Tiebreaks noch Stichkampf, beide sind offiziell geteilte Sieger.

Das Titelfoto – wie alle anderen von der Turnierseite – ist das einzige das beide zusammen zeigt. Aus gebührendem Abstand (später sind sie noch einmal besser abgebildet) und ihre Partie in Runde eins war nicht die spannendste im ganzen Turnier – das Ergebnis (remis) kennt der mitdenkende Leser bereits.

Höchste Zeit um zu erwähnen, dass das Turnier diesmal Tepe Sigeman Chess heisst – dank eines zweiten Sponsors konnte es wiederbelebt werden. Die Tepe-Firmenseite ist nur auf Schwedisch, bis auf das Firmenmotto „We care for healthy smiles“ – demnach sind munhygienprodukter wohl Mundhygiene-Produkte. Sigeman & Co ist eine Anwaltskanzlei, 1991 von Johan Sigeman (und Co) gegründet.

Vor dem Schnelldurchlauf „Runde für Runde“ ein Foto von der Eröffnung:

Von vielen habe ich dieses ausgewählt, da Dronavalli Harika zum Ambiente passende Kleidung trägt.

Runde 1: Jobava-Grandelius 1/2 hatte ich bereits, auch zu Eljanov-Harika 1/2 reicht „hiermit erwähnt“. Dann war da noch Short-Blomqvist 1-0 – in dieser Partie war Short also doch besser. Kurz zusammengefasst: In einem Spanier wurde am Damenflügel aufgeräumt, und dann widmete Weiss sich dem Königsflügel – seine Drohungen da waren wichtiger als ein schwarzer Mehrbauer. Hinterher twitterte Nigel Short „One doesn’t need Viagra after a finish like this :)“ und meinte sicher das abschliessende Damenopfer 36.Dg7+. Das war ähnlich „kompliziert“ wie Carlsens Dxh6+ in der allerletzten WM-Partie gegen Karjakin – Carlsen musste in zwei Varianten Matt in eins sehen, Short in einer Variante Matt in zwei. Beides dabei ein nettes Knallbonbon. Was bekam Short für diese Partie? Einen Punkt in der Tabelle, vorübergehend Elo fast 2700 in der Liveliste und

einen Auftritt beim Livekommentar – links GM Stellan Brynell, hinter ihm der Beweis dass Tepe noch mehr Englisch kann.

Nach Runde 2 waren Short und Blomqvist wieder punktgleich, und ein anderer übernahm die Führung im Turnier – das lag an einem relativ normalen und einem überraschenden Ergebnis. Zum einen

Jobava-Short 1-0 – alle vorangegangenen Irrungen und Wirrungen der Partie lasse ich mal weg, zum Schluss hatte Jobava Turm, Springer und drei verbundene Freibauern gegen zwei Türme, also Überkompensation für eine Qualität die er bereits im Mittelspiel geopfert hatte. Ganz zum Schluss gab Short die Qualität zurück und erwischte dafür immerhin den weissen g-Bauern. Turm, f- und h-Bauer gegen Turm ist mitunter remis – hier war es laut Tablebases auch dann nicht remis, wenn Weiss auf den „Konter“ 70.-Txg4 71.Td8 matt verzichtet hätte.

Blomqvist-Eljanov 1-0! Es lag nicht an Eljanovs eigenwilligem Franzosen (1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sd2 Le7!? 4.e5 c5 5.c3 Sc6 5.Ld3 h5!? – viel wurde bereits gespielt, das ist offenbar eine Neuerung). Aber später bekam Weiss im Schwerfigurenendspiel unwiderstehliche Freibauern am Damenflügel. Es waren a- und c-Bauern, auch hier war es in keinster Weise remis.

Zu Grandelius-Harika 1/2 mehr als „hiermit erwähnt“: Schwarz hatte nicht nur keinerlei Probleme, nein sie stand fast durchgehend besser und verpasste vor der Zeitkontrolle den Gewinn.

In Runde 3 war Eljanov-Jobava 1/2 dramatisch. Es begann mit einem etwas unkonventionellen Sizilianer: 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 – soweit so Najdorf, aber nun 6.Le2 g6, was ist das denn, Najdorf oder Drache oder beides? Gespielt wurde es bereits, auf hohem Niveau u.a. von experimentell veranlagten Spielern wie Baadur Jobava oder auch Nigel Short. Weiss rochierte lang, Schwarz kurz – das wieder nach bekannten sizilianischen Mustern. Gegenseitiger Königsangriff schien sich erledigt zu haben, da danach alle Leichtfiguren abgetauscht wurden – nur noch mit Schwerfiguren stand erst Weiss jedenfalls klar besser (doch noch quasi Königsangriff), dann Schwarz, und dann verflachte es zum Remis.

Genug Gesprächststoff hinterher – für beider Nerven war es nicht unbedingt „a healthy day“.

Harika-Blomqvist 0-1 war weniger, oder auf eine andere Art dramatisch: Harika, die in den ersten beiden Runden einen recht guten Eindruck machte, patzte diesmal: 28.Td4?? kostete eine Qualität, die war damit weg (ohne Kompensation) und dabei blieb es bis zum 50. und letzten Zug der Partie.

Short-Grandelius 1/2: Short hatte fast durchgehend einen Mehrbauern – logisch, den hatte Grandelius (Marshall-Gambit) geopfert. Aber hier und heute war seine Kompensation wohl nicht vollständig, er musste lange leiden. Das Gröbste schien dann im Endspiel mit Türmen und ungleichfarbigen Läufern überstanden, und dann hatte Short nach gegnerischem Lapsus plötzlich (sagen Computer) über 50 Mehrbauern. Er konnte Turmtausch forcieren und danach, da der schwarze Läufer nicht beide Freibauern kontrollieren konnte, einen umwandeln. Grandelius sah das nicht, Short auch nicht – beide hatten nach gemeinsamer Aussage hinterher zu diesem Zeitpunkt die Partie bereits als Remis abgehakt.

Runde 4 hatte dann endlich mal wieder eine Remispartie eher aus der Kategorie „hiermit erwähnt“, und zwar Jobava-Harika 1/2. Zwischendurch zwei allgemeinere Fotos:

Das ist der „Turniersaal“ mit genug Sitzplätzen auch für Zuschauer.

Beim Livekommentar gab es dagegen, jedenfalls zu diesem Foto-Zeitpunkt, mehr Zuschauer als Stühle.

Zurück zum schachlichen Geschehen:

Short-Eljanov 0-1, damit war klar dass Short nach dem Turnier Elo unter 2700 hat. Es begann mit 1.e4 c6 2.f4!?, auf hohem Elo-Weissniveau bereits einmal gespielt von, ja genau, Nigel Short (allerdings auch einmal von Ponomariov und viermal Movsesian). Später liess Short sich nicht lumpen und opferte eine Figur, dafür trieb er den schwarzen König von e8 (rochiert hatte er noch nicht) bis nach a6. Aus schwarzer Sicht ein Feld zu weit – nach 24.-Kc6 sehen Computer keine weisse Kompensation, nach dem gespielten 24.-Ka6? sagen sie dagegen „Weiss gewinnt!“. Short sah es nicht, Eljanov konnte dann die Damen tauschen, mit 33.-Sd7 endlich den Damenspringer entwickeln, und dann war sein materieller Vorteil siegbringend.

Grandelius-Blomqvist 1-0 schien zunächst „Remis, hiermit erwähnt“, dann kam es anders: nach 24.-Txc8? 25.Dg4! (deshalb war 24.-Dxc8 Pflicht) bekam Weiss aus dem Nichts heraus vernichtenden Königsangriff.

Runde 5 änderte nichts mehr am Turnierstand, dreimal Remis: Harika-Short 1/2 bezeichnete der Schwarzspieler auf Twitter als „Giuco Comatoso against Harika to finish a disappointing tournament“ – er konnte sich offenbar nicht noch einmal motivieren?

Blomqvist-Jobava 1/2: ohne Sonnenbrille ist Jobava offenbar auch zahm (die fehlte auch in Runde eins gegen Grandelius) – Russisch, 24 Züge, remis. So spielte auch Blomqvist remis, für ihn das erste im Turnier.

Eljanov-Grandelius 1/2 war dagegen voll ausgekämpft – mit einem Sieg konnte Eljanov Grandelius über- und (so wie die gerade besprochene Partie lief) Jobava einholen. Anfangs hatte er dabei eher zuviel riskiert, dann stand er besser, dann wurde es remis.

Analysiert wurde zuerst am Brett – die beiden anderen Partien waren offenbar bereits beendet, Jobavas ohnehin also konnte er kibitzen und vielleicht mitmachen.

Dann auch noch beim Livekommentar.

Die Rückrunde wird spannend – nein es gibt keine Rückrunde, das ist nicht der Bericht zum Ruhetag sondern der Abschlussbericht, das Turnier ist vorbei. Grandelius und Jobava sind Turniersieger, dabei bleibt es. Wenn man, wie in diesem Bericht geschehen, das komplette Turnier Revue passieren lässt hatte Grandelius dabei durchaus eine bzw. zwei oder gar drei Prisen Glück – Remis aus zwischenzeitlichen Verluststellungen gegen Harika und Short, „plötzlicher“ Sieg gegen Blomqvist. Für Jobava war gegen Eljanov mehr drin, allerdings auch weniger. Von den vier anderen sind Blomqvist und Harika wohl zufriedener als Eljanov und Short.