So sehe ich das …

Nur das Schach hat wieder einmal verloren…

Bad news ist good news – eine schlechte Nachricht ist eine gute Nachricht. Nach diesem Prinzip funktioniert heute nicht nur der Boulevard-Journalismus. Und selbst das Schachspiel muss dafür herhalten, wenn es sich anbietet – und kann dabei nur verlieren…

Als unsere glorreiches Männer-Quintett im November 2011 sensationell erstmals Europa-Mannschaftsmeister wurde, war dieser geradezu historische Erfolg den Printmedien hierzulande bestenfalls eine Meldung im Nachrichtenteil wert. Viel interessanter war indessen der bekannt gewordene Konflikt zwischen Bundestrainer Uwe Bönsch und Deutschlands Nummer 1 Arkadij Naiditsch, auf den man sich gern stürzte.

Seit Wochenbeginn sorgt nun Peer Steinbrück (Foto, Quelle: Wikipedia) mit seiner „Briefkopf-Panne“, die FOCUS-Recherchen „aufdeckten“, für ungewollte Schlagzeilen. Am 10. April 2006 hatte der einstige Finanzminister unter dem Briefkopf „Peer Steinbrück, Bundesminister für Finanzen“ die Post und Telecom, zwei frühere Staatsunternehmen, um ein Sponsoring für ein Match Mensch–Maschine in der Bundeskunsthalle Bonn gebeten. Als Summe für das Duell zwischen dem damaligen Weltmeister Wladimir Kramnik und dem Schachcomputer Deep Fritz waren in den zweiseitigen Schreiben, das FOCUS vorliegt, ein Betrag von 950.000 bis eine Million Euro aufgerufen.

Wie Focus-Online am 24. September berichtet, habe der private Organisator dieses Wettkampfes, Josef Resch die Ausrichtung einer offiziellen Schach-WM in Steinbrücks Wohnort Bonn davon abhängig gemacht, dass „sein Investment für den Kampf Deep Fritz– Kramnik hereingespielt wird“, schreibt Steinbrück in diesem Brief.

Darüber, ob der damalige Bundesfinanzminister sich einer Pflichtverletzung schuldig gemacht hat, streiten nun die Experten. Fakt ist, dass dieser Brief nicht den offiziellen, amtlichen Briefkopf des Ministeriums trägt, wie bei http://www.stern.de zu lesen ist. „Ein aufrechter Schwabe würde die so genannte ‚Schach-Affäre’ eher ein ‚Stickbömble’ nennen, das einigen Rauch und moralisches Nasenrümpfen produziert, aber keine politisch wirkungsvolle Sprengkraft besitzt“, so Autor Hans Peter Schütz.

Es ist mit gesunden Menschenverstand auch kaum anzunehmen, dass sich der passionierte Schachspieler Steinbrück mit seinem damaligen Engagement für das Schach, selbst matt setzen wollte. In der Süddeutschen Zeitung erklärte er denn auch, warum er sich um diese Großspende bemüht hatte: „Das Ganze war auch ein Aufschlag, um nach etwa 80 Jahren wieder eine Schach-Weltmeisterschaft in Deutschland auszurichten.“

Nun, bekanntlich haben sich Post und Telekom gegen ein Sponsoring entschieden. Ausrichter Universial Event Promotion (UEP), der von Kramniks russischstämmigen Geschäftsmann Josef Resch erst einmal finanziell abgesichert war, wurde danach bei der Sponsorensuche fündig. Eine Million Dollar Preisgeld, von denen der Weltmeister allein die Hälfte als Antrittsgage erhielt, stellte großzügig die Ruhrkohle AG, einem industriellen Großkonzern aus dem Ruhrgebiet, bereit. Dessen Vorstandsvorsitzender Werner Müller war von 1998-2002 Bundesminister für Wirtschaft und Technologie. „Ein neuer, im konkreten Fall erfolgreicher Weg, eine Schachveranstaltung zu organisieren, der allerdings mangels ‚verfügbarer Reschs’ kaum von anderen zu kopieren ist“, stellte ernüchternd Schach-Chefredakteur Raj Tischbierek in seinem Bericht fest (siehe Schach Heft 1/2007, Seiten 4-14).

Das Match Kramnik–Deep Fritz wurde tatsächlich zu einem Medienereignis ersten Ranges, bei dem es einen großen Imagegewinner gab: die Ruhrkohle AG. Und das lag nicht zuletzt daran, dass der Mensch dieses Spektakel über sechs Partien unter dem bedeutungsschweren Motto „HINTER DEN SPIEGELN – ZUR KULTUR DES SPIELS UND DER SCHONHEIT DES TIEFEN DENKENS“ (25. November bis 5. Dezember 2006) mit 2:4 verlor. Was gleichbedeutet damit war, dass Wladimir Kramnik weitere 500.000 Dollar verlustig gingen die er im Falle eines Matchsieges erhalten hätte. Es ist halt auch im Schach nicht so einfach, die „Ehre der Menschheit“ und nicht zuletzt des Königlichen Spiels zu retten…

Raymund Stolze