„Toiletten-Skandal“ in Mülheim und und nichts Neues unter der Sonne…

Wer hätte das gedacht??? Aber, getreu dem bekannten Werbespruch „Nichts ist unmöglich!“ hat nun auch die Schach-Bundesliga ihren „Toiletten-Skandal“. Am Tatort Mülheim kam der häufiger Klo-Gang von Falko Bindrich seinen Gegner Sebastian Siebrecht (SF Katernberg) verdächtig vor. Selbst wenn der Eppinger am Zuge war, hielt der sich nicht am Brett auf. Dass da etwas nicht stimmen konnte, war ganz offensichtlich, zumal sich der 22-jährige Großmeister bereits am Vortag in seiner Partie gegen Gastgeber Mülheim so verhalten hatte. Die Alarmglocken hatten aber auch bereits bei Schiedsrichter Dieter von Häfen geläutet, und so war er Bindrich gefolgt und fragte ihn, ob er ein Mobilgerät bei sich tragen würde. „Der Spieler bejahte die Frage, weigerte sich jedoch es auszuhändigen. Obwohl sein Mannschaftsführer Hans Dekan, ihn darum bat, und obwohl Dieter von Häfen darauf hinwies, dass er die Partie weiterlaufen lassen würde, wenn deutlich wird, dass auf dem Mobilgerät keine Anzeichen eines Betruges festzustellen sind“, wie Georgios Souleidis in seinem Beitrag zur zweiten Runde auf http://www.schachbundesliga.de schreibt. „Dem Unparteiischen blieb ob der ablehnenden Haltung Bindrichs keine andere Wahl, als den Katernberger Spieler Sebastian Siebrecht zum Sieger zu erklären.“

Fragt sich allerdings, warum sich Falko Bindrich, der in letzter Zeit nicht unbedingt als erfolgreicher Schachspieler, sondern als Geschäftsführer der im Herbst vorigen Jahres neu gegründeten und in der Slowakei ansässigen Amateur Chess Organisation (ACO) öffentlich in Erscheinung getreten ist, offensichtlich zu einem Betrug hinreißen lassen hat? Dem einst mit 16 Jahren jüngste deutsche Großmeister (September 2007) dürfte doch bekannt sein, dass nicht nur laut FIDE-Schachregeln selbst das Mitführen nichtausgeschalteter elektronischer Kommunikationsgeräte verboten ist. Auch in der Turnierordnung der Bundesliga ist unter dem Punkt 5.3.5 unmissverständlich festgeschrieben, dass die Spieler während ihrer laufenden Partie keinen Zugriff auf Mobiltelefone, Computer und sonstige elektronische Geräte ohne Zustimmung des Schiedsrichters haben dürfen oder sich diesen verschaffen:

Die Spieler sind bei begründetem Verdacht auf Benutzung von Geräten gemäß Satz 2 auf Verlangen des Schiedsrichters verpflichtet, diese Geräte einzuschalten und zur Überprüfung auszuhändigen. Bei begründetem Verdacht auf Benutzung von Geräten gemäß Satz 2 ist der Spieler auf Verlangen des Schiedsrichters verpflichtet, die Überprüfung des Inhalts seiner Kleidung, Taschen oder Gepäckstücke zuzulassen. Der Schiedsrichter kann gegen den Spieler bei Verstoß gegen Pflichten aus den Sätzen 2 bis 4 Ordnungsmaßnahmen nach Ziff. 8.1 der Turnierordnung verhängen.“

Dass der SV Mühlheim Nord sich nachträglich auch betrogen fühlt – immerhin hatte Falko Bindrich tags zuvor hier den Siegpunkt der Eppinger gegen Pawel Tregubow geholt – versteht sich. Deshalb wurde auch einen Protest gegen die Wertung der 3,5:4,5 verlorenen Begegnung eingelegt.

In jedem Fall besteht dringend Erklärungsbedarf. Und das vor allem, weil Falko Bindrich, der immerhin 34 Mal für die deutsche Nationalmannschaft im Einsatz war und dessen schachliche Entwicklung vom DSB u.a. nach dem Abitur zwei Jahre in die Sportfördergruppe der Bundeswehr unterstützt wurde, mit seinem unsportlichen Verhalten das Ansehen der Schach-Bundesliga erheblich beschädigt hat. Die Sponsorensuche dürfte sich angesichts des Mülheimer „Toiletten-Skandals“ jedenfalls nicht nur für Vereine schwieriger werden.

Natürlich wurde am vergangenen Wochenende auch Schach gespielt. Der erste Eindruck lautet: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Titelverteidiger OSG Baden-Baden steuert jedenfalls nach zwei Siegen gegen den Hamburger SK (5,5:2,5) und Neuling SK Norderstedt (7,5:0,5) unaufhaltsam der achten nationalen Meisterschaft entgegen. Dass das Team um unseren deutschen Spitzenspieler Arkadij Naiditsch ohne „Fünf“ antrat (es fehlten aus unterschiedlichen Gründen Anand, Carlsen, Aronjan, Swidler und Adams), zeugt von der Klasse der badischen Startruppe.

Der neue Kurs an der Weser wurde bei Dauerrivale Werder Bremen in der Aufstellung deutlich sichtbar. Neben „nur“ fünf Ausländern (Jefimenko, Arestschenko, Nybeck, Hracek und Babula) kamen auch drei deutsche Aktive (Fisch, Blübaum und Buchal) zum Einsatz. Gegen Wiederaufsteiger SV Griesheim, der mit Aleksander Mista, Marcin Tazbir und Krzysztof Bulski eine wichtige Dreierachse an Neuling Wiesbadener SV verloren hat, ging das beim 5,5:2,5-Erfolg noch gut. Wiesbaden, das mit seinen Spitzenkräften Alexejew Khenkin und Kurnussow sowie dem erwähnten Trio antrat, war dann allerdings eine Nummer zu groß, wie das 3:5 beweist. Was den Klassenerhalt angeht, sollte sich der Reisepartner von Griesheim keinerlei Sorgen machen müssen. Ganz im Gegenteil zum vierten Neuling SC Forchheim und den schon erwähnten Norderstedtern sowie den Griesheimern, die mit jeweils zwei Niederlagen sich am Tabellenende einrangieren, wo mit 0:4-Mannschaftspunkten auch die SF Berlin zu finden sind.

Wie im Liga-Keller so können wir auch an der Spitzen ein Quartett mit „weißer Weste“ registrieren, die lediglich durch die Brettpunkte getrennt sind (Baden-Baden 13,0, SC Solingen 11,5, SV Wattenscheid 11,0 und Wiesbadener SV 10,0). Sollte jedoch dem Einspruch des SV Mülheim Nord stattgegeben werden, so wird aus dem „flotten Vierer“ ein Quintett.

Natürlich sind auch Überraschungen zu vermelden. So gewann der 15-jährige „Schachprinz“ Rasmus Svane (Hamburger SK) gegen den FIDE-Weltmeister von 2004 Rustam Kasimdshanow (Baden-Baden). Marta Michna (Norderstedt) trotzte bei ihrer Premiere in der höchsten deutschen Spielklasse Livio-Dieter Nisipeanu ein Remis ab.

Die Nationalspielerin war übrigens nicht die einzige Frau, die am zurückliegenden Wochenende zum Einsatz kam. Längst eine „feste Größe“ ist beim SV Hockenheim Elisabeth Pähtz, die gegen Sebastian Siebrecht an Brett 7 ebenfalls zu einer Punkteteilung kam, um dann allerdings in Runde 2 gegen den deutlich stärkeren Pawel Tregubow die Segel streichen zu müssen…

Neben Rasmus Svane, der am zweiten Tag an Brett 4 gegen den Rumänen Constantin Lupulescu (SG Trier) verlor, waren von der HonorarKonzept-Schachprinzen auch noch Matthias Blübaum (Bremen/Brett7/1/2) und Dennis Wagner (Hockenheim/Brett8/1/2) in Aktion. Ich finde, dass das im Interesse der Nachwuchsförderung durchaus eine sehr begrüßenswerte Entwicklung ist und hoffentlich Signalwirkung bekommt…

Mehr Infos zur ersten Doppelrunde mit allen Einzelergebnissen und der aktuellen Tabelle finden sie bei http://schachbundesliga.de !

Raymund Stolze

PS. Eine Stellungnahme von Falko Bindrich ist zugesagt

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