Ein Siegertrio in Taschkent

Alexander Morosewitsch, Sergej Karjakin (Foto) und Hao Wang beim 2. FIDE-Grand-Prix-Turnier punktgleich an der Spitze

Wie sich doch die Bilder gleichen. Beim ersten FIDE-Grand-Prix-Turnier in London (21.9- bis 3.10.) lag Schachrijar Mamedjarow vor der Schlussrunde mit einem halben Punkt Vorsprung an der Spitze. Da vermied der Aseri jedoch gegen Peter Leko jegliches Risiko, was ihm ein Remis einbrachte, aber den alleinigen Platz 1 kosten sollte. So schlossen Boris Gelfand, der Rustam Kasimdshanow bezwang, und Wesselin Topalow, der gegen Anish Giri in einem gleichstehendes Endspiel zum Erfolg kam, nach Punkten zu ihm noch auf, und hatten sogar die bessere Wertung. Nur gut, dass der Preisfonds brüderlich geteilt wurde, und auch bei den Punkte für die Grand-Prix Gesamtwertung erhielt das Trio jeweils 140 Zähler. Normal ist in dieser Wertung 120+50 für Platz 1, 110+30 für Platz 2, 100+10 für Platz 3. Dann geht es mit Platz 4 abwärts (90, 80, 70, 60, 50, 40, 30, 20, 10). Was die Preisgelder angeht, so sieht die Staffelungen von den Rängen 1 bis 12 wie folgt aus: 25.000, 22.000, 20.000, 17.000, 15.000, 13.000, 12.000, 11.000, 10.000, 9.000, 8.000, 7.000. Macht pro Turnier immerhin 170.000 €. Ob dazu noch Antrittsgelder gezahlt werden, ist nicht bekannt, aber kaum anzunehmen.

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Nun aber nach Taschkent, wo Schachrijar in der gleichen Situation war wie in London. Erneut bot sich ihm die Chance zum Turniersieg, obwohl er dieses Mal nur nach Wertung vor Alexander Morosewitsch in Führung lag. Doch Mamedjarow war dieses Mal gegen Hao Wang kämpferischer als aufgelegt – und verlor nicht nur die Partie, sondern auch Platz 1. „Bei seinem aggressiven Stil ist es nie leicht für ihn, ein ganzes Turnier ohne ‚Unfälle“ halbwegs konstant zu spielen“, merkte SCHACH-Berichterstatter John Saunders an (seinen lesenswerten Report finden Sie in SCHACH, Heft 11/2012, Seiten 40-48).

Der Chinese gewann allerdings nicht nur diesen Punkt, sondern reihte sich in das Siegertrio mit jeweils 6,5 Punkten ein.

Dazu gehört zuvorderst Alexander Morosewitsch, der in diesem Wettbewerb das kämpferischste Schach präsentierte. Sechs entschiedene Partien – das ist schon ein Signal! Vier Siege (gegen Fabiano Caruana, Peter Leko, Leinier Dominguez und Gata Kamsky) stehen zwei Niederlagen (gegen Ruslan Ponomarjow und Sergej Karjakin) gegenüber. Nach einem glänzenden Start mit zwei vollen Punkten auf die zwei Untenschieden folgten, begann der Russe zwar „Achterbahn zu fahren“, doch wie es sich zeigte, hatte er am Ende wieder alles im Griff. Man darf wirklich gespannt sein, wie „Moro“ in seinen weiteren drei Grand-Prix-Turnieren spielen wird. Wenn er gesund ist, und das scheint zumindest bei seinen Taschkenter Auftritten so gewesen zu sein, dann sollte der 35-jährige Weltklassemann (17. Juli 1977 in Moskau) nicht nur seine Anhänger, die ob seines bisweilen sogar romantischen Stils geradezu in Verzückung geraten können – siehe die Partie in Runde 10 gegen Peter Leko – noch viel Freude haben.

Der einzige Spieler ohne Niederlage war Lokalmatador Rustam Kasimdshanow. Der Usbeke gewann eine Partie gegen Sergej Karjakin (Russland) und spielte zehnmal Unentschieden. Der Russe seinerseits schaffte jedoch durch eine Energieleistung in seiner letzten Partie gegen FIDE-Exweltmeister Ruslan Ponomarjow (Ukraine) noch den Sprung in das „glorreiche Trio“. Was wieder einmal beweist, was noch in der letzten Runde möglich ist, wenn man Schach spielen will!

Für die beiden Amerikaner in FIDE-Grand-Prix-Serie, scheint diese kein gutes Pflaster zu sein. Nachdem Hikaru Nakamura in London auf dem zwölften und damit letzten Platz mit 4,0 Punkten ladete, erging es Gata Kamsky in Taschkent genauso schlecht, wobei er sogar noch einen halben Zähler weniger verbuchte und nur eine einzige Partie gegen Boris Gelfand gewinnen konnte.

Was die Gesamtwertung angeht, so ist sie nach zwei von sechs Turnieren wohl eher Momentaufnahme, zumal jeder der 18 gesetzten Großmeister vier Turniere spielen kann, von denen die besten drei in die Wertung kommen. Je zweimal waren bisher Gelfand, Mamedjarow, Leko, Hao Wang, Kasimdshanow und Dominguez im Einsatz. Der Anreiz jedoch ist groß, denn bekanntlich berechtigen am Ende die ersten beiden Plätze zur Teilnahme an den WM-Kandidatenwettkämpfen im März 2014. Und auch das Preisgeld entsprechend üppig ausfällt: 100.000 € für den Gesamtsieger, 80.000. für den zweiten Platz und 60.000 € für Rang 3. Selbst der Elfte kann sich noch über 15.000 € freuen – der neue Vermarkter AGON macht es möglich. Da sage nur jemand, dass es sich nicht lohnt, Schachprofi der Spitzenklasse zu sein. Zumal bei der Grand-Prix-Serie immerhin mit Carlsen, Kramnik, Anand und Aronjan ein Top-Quartett nicht ins Geschehen eingreift.

Die weiteren Termine sind im kommenden Jahr Lissabon (17.4.-1.5.), Madrid (22.5.-4.6.), Berlin (3.-17.7.) und Paris (18.9.-2.19.). Was das Turnier im Juli 2013 in der deutschen Hauptstadt angeht, gibt es jedoch noch keine Informationen über die Austragungsort. Allerdings stehen die zwölf Teilnehmer bereits fest. Es sind Teimour Radjabow, Sergej Karjakin, Alexander Morosewitsch, Wassili Iwantschuk, Alexander Grischuk, Wesselin Topalow, Boris Gelfand, Peter Leko, Schachrijar Mamendjarow, Anish Giri und Ruslan Kasimdshanow. Wer den schwer erkrankten Aserbaidschaner Wugar Gaschimow ersetzen wird, steht noch nicht fest. Für Taschkent bekam Gata Kamsky eine Wildcart, der ansonsten für diesen Zyklus 2012/13 nicht gesetzt ist.

Raymund Stolze

Endstand nach 11 Runden:

1 7 GM Karjakin Sergey 2775 RUS 1 * ½ ½ 0 ½ 1 ½ ½ ½ 1 ½ 1 3 34,75
2 8 GM Wang Hao 2737 CHN ½ ½ * 1 1 0 ½ ½ ½ ½ ½ 1 0.5 3 34,50
3 1 GM Morozevich Alexander 2748 RUS * 0 ½ 1 ½ ½ 0 ½ 1 ½ 1 1 0 4 33,25
4 2 GM Caruana Fabiano 2786 ITA 0 ½ 0 * ½ ½ ½ ½ ½ 1 1 1 6   3 29,50
5 4 GM Mamedyarov Shakhriyar 2764 AZE ½ 1 0 ½ * ½ ½ 1 ½ ½ ½ ½ 6   2 32,75
6 9 GM Kasimdzhanov Rustam 2696 UZB ½ ½ 1 ½ ½ * ½ ½ ½ ½ ½ ½ 6   1 33,25
7 5 GM Ponomariov Ruslan 2741 UKR 1 0 ½ ½ ½ ½ * 0 ½ ½ 1 ½   2 29,50
8 11 GM Svidler Peter 2747 RUS ½ ½ ½ ½ 0 ½ 1 * ½ ½ ½ ½   1 30,00
9 10 GM Leko Peter 2732 HUN 0 ½ ½ ½ ½ ½ ½ ½ * ½ ½ 1   1 28,75
10 3 GM Gelfand Boris 2751 ISR ½ ½ ½ 0 ½ ½ ½ ½ ½ * ½ 0   0 26,00
11 6 GM Dominguez Perez Leinier 2726 CUB 0 0 ½ 0 ½ ½ 0 ½ ½ ½ * 1 4   1 20,50
12 12 GM Kamsky Gata 2762 USA 0 ½ 0 0 ½ ½ ½ ½ 0 1 0 *   1 19,25

 


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