Kalenderblätter [1]

Ein „stiller“ Niederländer – Lodewijk Prins zum 100. Geburtstag am 27.Januar 2013

 

Wie die aufmerksamen Besucher des Schach-Ticker längst mitbekommen haben, hat es inhaltlich in den zurück liegenden Monaten einige Veränderungen gegeben. So haben wir u.a. einen Schwerpunkt mit Frauenschach gesetzt, neue Rubriken wie „Kurz & Knapp…“ oder die Serie „Bedeutende Schachturniere…“ eingeführt. Eine weitere Ergänzung unseres thematischen Angebotes sollen künftig „Kalenderblätter“ sein, die wir unregelmäßig aber aus gegebenen Anlässen veröffentlichen wollen. Den ersten Beitrag widmen wir einem „stillen“ Niederländer zu seinem 100. Geburtstag am kommenden Sonntag [27. Januar].

 

Ich gebe es ja zu: Auf Lodewijk Prins [27. Januar 1913 bis 11. November 1999] bin ich ernsthaft erst im aktuellen Schach-Kalender 2013 aufmerksam geworden. Dabei wäre es viel früher möglich gewesen. So beispielsweise als ich seinerzeit mit Schwarz noch die Grünfeld-Indische Verteidigung zu fast jeder Gelegenheit wählte und dabei nach 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.Sf3 Lg7 5.Db3 dc4 6.Dxc4 O-O 7.e4 seine Variante mit 7…Sa6 hätte testen können.

 

Prins war rein schachlich gesehen ein wirklich starken Niederländer, der von 1937 an sein Land bei zwölf Schacholympiaden bis einschließlich 1968 vertrat. Seine individuelle Bilanz bei diesem Welttreffen der Nationen kann sich bei 166 gespielten Partien mit 97,5 Punkten (+74 – 47 – 46) durchaus sehen lassen.

 

In einschlägigen Datenbanken finden wir mehr als 600 Partien von dem gebürtigen Amsterdamer, wobei gleich seine erste dokumentierte sehr interessant ist. Im Jahre 1933 nahm der damals 20-Jährige nämlich an einer Simultanvorstellung des amtierenden Weltmeisters Alexander Aljechin teil. Wie zu sehen ist, wählte Lodowijk, der in seinem späteren Berufsleben in verschiedenen Zeitungen für die Schachkolumnen verantwortlich zeichnete, eine überaus originelle Eröffnung und gewann sogar diese turbulente Begegnung, die am Ende ein reines Bauernendspiel war.

 

Aljechin, A. – Prins, L.

Simultanveranstaltung, Amsterdam 1933

Unregelmäßig [A40]

1.d4 b5 2.a4 b4 3.e4 Lb7 4.Lb5 f5 5.exf5 Lxg2 6.Dh5+ g6 7.fxg6 Lg7 8.gxh7+ Kf8 9.hxg8D+ Kxg8 10.Dg4 Lxh1 11.Lf4 Sc6 12.Se2 e6 13.Sd2 Dh4 14.Dg1 Ld5 15.0–0–0 Sxd4 16.Le5 Sxe2+ 17.Lxe2 Dh6 18.Dg4 d6 19.Lxg7 Dxg7 20.Dxb4 a5 21.Df4 Tb8 22.c3 Tf8 23.De3 Txh2 24.Lf3 Th3 25.De2 Tfxf3 26.Sxf3 Txf3 27.Txd5 Txc3+ 28.Kd2 exd5 29.De8+ Kh7 30.bxc3 Dg5+ 31.De3 Dxe3+ 32.Kxe3

Kg6 33.Kf4 Kf6 34.Kg4 c6 35.Kf4 c5 36.Kg4 d4 37.cxd4 c4 38.Kf4 d5 39.Ke3 Kg5 40.Kf3 Kf5 41.Ke3 Kg4 42.f3+ Kg3 43.Ke2 Kf4 44.Kf2 c3 45.Ke2 c2 46.Kd2 Kxf3 47.Kxc2 Ke4 [0–1]

 

1936 spielte Prins in Rotterdam seine erste Landesmeisterschaft und belegte hinter Salo Landau und Gerrit van Doesburgh gemeinsam mit dem ein Jahr jüngeren Tjeerd D. van Scheltinga Platz 3. Damit hat er sich zugleich für die Nationalmannschaft qualifiziert und wird die Niederlande an Brett 2 bei der inoffiziellen Schacholympiade in München vertreten. Aus der ist er fortan über drei Jahrzehnte nicht mehr wegzudenken, obwohl sein zeitweiliger Rivale Jan Hein Donner, wie ich der erwähnten Ausgabe des Schachkalenders entnehmen kann, behaupte, „er könne einen Läufer nicht von einem Springer unterscheiden…“

 

Nun, Lodowijk hat seine Antwort stets auf dem Brett gegeben. Dazu zählen seine Siege beim 10. Hoogoven-Turnier 1948 in Beverwijk oder in Madrid 1951. Beim Zonenturnier in Bad Pyrmont im gleichen Jahr, wo er sich von Donner remis trennte, qualifizierte er sich im Gegensatz zu seinem Kritiker für das Interzonenturnier im schwedischen Saltsjöbaden. Das sollte sich für ihn allerdings als eine zu große Herausforderung erweisen. Die Dominanz der fünf sowjetischen Großmeister Kotow, Petrosjan, Taimanow, Geller und Awerbach war erdrückend, und Prins wurde unter den 21 Teilnehmern mit 4,5 Punkten Letzter. Was ihm in Erinnerung geblieben sein dürfte, sind die Remisen gegen den späteren Weltmeister Tigran Petrosjan, gegen das „Schach-Schwergewicht“ Jefim Geller und gegen Jugoslawiens Ausnahmekönner Svetozar Gligoric, der hinter dem Quintett der Sowjets Platz 6 belegte.

 

Zunehmend macht sich der „stille“ Niederländer auch als Autor einen Namen. So hat er zwei Turnierbücher über den Schachkongress in Hastings herausgegeben, wobei er 1945/46 selbst teilgenommen hat und Platz 7 belegte. Bei Het Schaakphenomen Capablanca (Das Schachphänomen Capablanca) ist er Coautor seines berühmten Landsmannes Max Euwe.

 

Dass man auch jenseits der 40 noch schachlich erfolgreich sein kann, bewies Prins bei den Landesmeisterschaften 1965, denn er bezwang im Stichkampf Coen Zuidema und holt sich seinen ersten und einzigen Titel.

 

Seine herausragenden sportlichen Leistungen sind der FIDE nicht verborgen geblieben. Seit 1977 verleiht der Weltschachbund den Ehren-Großmeistertitel an Spieler, deren Karriere vor Beginn der offiziellen Vergabe des Großmeistertitels im Jahr 1950 bereits den Höhepunkt überschritten hatte. Diese Ehre wird 1982 Lodewijk Prins erwiesen, der sich im übrigen in guter Gesellschaft befindet. Zu dem auserwählen Kreis der Honoray Grandmaster gehören u.a. auch Carlos Torre Repetto (Mexiko), Arnold Denker (USA), Harry Golombek, (England), Vlada Mikenas (Litauen), George Koltanowski (USA), die beiden Deutschen Heinz Lehmann und Rudolf Teschner sowie Jonathan Penrose (England).

 

Dass der 100. Geburtstag von Mijnheer Prins ausgerechnet auf den 27.1. fällt, ist durchaus symbolisch zu werten. An jenem letzten Sonntag im Monat Januar findet beim Jubiläumsturnier in Wijk am Zee die letzte Runde statt. Und diese Veranstaltung hat unser Mann nicht nur einmal gewonnen, sondern er war insgesamt dreimal dabei (1948/1., 1954/3. und 1955/5.). Vorstellbar erscheint daher durchaus, dass man sich deshalb an ihn erinnern wird, was wir hiermit gern tun!

 

Raymund Stolze

 

 

[pgn height=300 initialHalfmove=16 autoplayMode=none] [Event "Amsterdam sim"] [Site "Amsterdam"] [Date "1933.??.??"] [Round "?"] [White "Alekhine, Alexander"] [Black "Prins, Lodewijk"] [Result "0-1"] [ECO "A40"] [PlyCount "94"] [EventDate "1933.??.??"] [EventType "simul"] [EventRounds "1"] [EventCountry "NED"] [Source ""] [SourceDate "1998.11.10"] 1. d4 b5 2. a4 b4 3. e4 Bb7 4. Bb5 f5 5. exf5 Bxg2 6. Qh5+ g6 7. fxg6 Bg7 8. gxh7+ Kf8 9. hxg8=Q+ Kxg8 10. Qg4 Bxh1 11. Bf4 Nc6 12. Ne2 e6 13. Nd2 Qh4 14. Qg1 Bd5 15. O-O-O Nxd4 16. Be5 Nxe2+ 17. Bxe2 Qh6 18. Qg4 d6 19. Bxg7 Qxg7 20. Qxb4 a5 21. Qf4 Rb8 22. c3 Rf8 23. Qe3 Rxh2 24. Bf3 Rh3 25. Qe2 Rfxf3 26. Nxf3 Rxf3 27. Rxd5 Rxc3+ 28. Kd2 exd5 29. Qe8+ Kh7 30. bxc3 Qg5+ 31. Qe3 Qxe3+ 32. Kxe3 Kg6 33. Kf4 Kf6 34. Kg4 c6 35. Kf4 c5 36. Kg4 d4 37. cxd4 c4 38. Kf4 d5 39. Ke3 Kg5 40. Kf3 Kf5 41. Ke3 Kg4 42. f3+ Kg3 43. Ke2 Kf4 44. Kf2 c3 45. Ke2 c2 46. Kd2 Kxf3 47. Kxc2 Ke4 0-1 [/pgn]