AUSGELESEN! [2]

Schachinformator 115 – Eine persönliche Empfehlung von RAYMUND STOLZE

 

Am 26. Februar diesen Jahres hatten wir angekündigt, dass der Schach-Ticker unter der Rubrik „Ausgelesen!“ künftig Besprechungen von empfehlenswerten Schachbüchern veröffentlichen wird. Es werden dabei nicht immer Neuerscheinungen sein, sondern auch Titel aus „längst vergangenen Zeiten“, wo es noch keine Computer gab, die eine Variante bis ins Endspiel vorhergesehen haben. Den Auftakt hatte Philipp Lins von der Tiroler Schachschule [ http://www.schachule.at ] mit seiner Rezension zu Kämpfen und Siegen mit Hikaru Nakamura  –  Eine amerikanische Schachkarriere auf den Spuren Bobby Fischers. [EDITION OLMS 2012] gemacht. Ich möchte Ihnen heute Band 115 vom SCHACHINFORMATOR vorstellen, der im November 2012 in Belgrad unter Federführung von Chefredakteur Branko Tadic erschienen ist. Kaufen, lesen, in der eigenen Schachpraxis nutzen und auf jeden Fall sammeln, so lautet meine persönliche Empfehlung!!!

 

 

Ich gebe zu, dass ich vor allem in letzter Hinsicht ein absoluter Glückspilz bin. Als ich in den 1990er-Jahren Cheflektor des Berliner Sportverlages war, hatte ich auch ein sehr anspruchsvolles Schachbuch-Programm zu verantworten. Ja, es war in der schwierigen Startphase nach der deutschen Wiedervereinigung fast eine Überlebensversicherung für unsere nun im rauen Fahrwasser der Marktwirtschaft agierendes Unternehmen. So konnten wir uns damals sogar den Luxus eines Schachlektors leisten. Und dieser Mann hatte einen Schatz in seinem Bücherschrank, nämlich sämtliche bis dahin erschienenen Ausgabe des SCHACHINFORMATORS, dessen erster Band 1974 im Verlag DAS SCHACH-ARCHIV in Hamburg-Billstedt erschien und in Berlin (West) von gedruckt wurde.

 

 

Im Vorwort zur 2. Auflage der von Aleksandar Matanovic geleiteten Redaktion heißt es da: „Der SCHACHINFORMATOR stellt den ersten Versuch dar, das gesamte Schachleben in der Welt zu verfolgen und wissenschaftlich auszuwerten. Alle Partien, die zur Eröffnungstheorie beitragen oder mit ihrem Inhalt die Geheimnisse und Schönheiten des Schachspiels offenbaren, sollten ihren Platz in unserer Publikation finden.

 

Dass eine 2. Auflage dieses Bandes nötig geworden ist, darf als augenfälliges Zeichen für den Beifall angesehen werden, den der SCHACHINFORMATOR bei den Schachspielern der ganzen Welt gefunden hat. Die Idee, auf der dieses Buch beruht, hat sich als gesund und ausbaufähig erwiesen.“

 

Als mein Schachlektor in schwierigen Zeiten seinen Arbeitsplatz „aufgeben musste“ und er seine persönlichen Sachen räumte, wollte es der Zufall, dass ich ihn dabei antraf, wie er gerade im Begriff war, die stattliche Sammlung der SCHACHINFORMATOREN einzupacken. Ich musste ihn schweren Herzens daran erinnern, dass die Bände ja nicht sein Eigentum wären und im Sportverlag auch ohne seine geschätzte Mitarbeit weiterhin Schachbücher erscheinen würden. Deshalb könnte ich auf keinen Fall auf die unentbehrlichen Nachlagewerke verzichten.

 

Wenige Jahre später, im Juni 1999 wurde der Sportverlag nur noch als Imprint-Unternehmen, also ohne festangestellt Lektoren, weitergeführt. Was auch mich überflüssig machte. So war es nun an mir, meine Sachen zu packen. Dass die nunmehr 75 SCHACHINFORMATOREN in meinen Privatbesitz übergingen, versteht sich – es gab für mich ja zum Glück keinen Nachfolger, der wie ich seinerzeit die Rechte reklamierte…

 

Inzwischen zähle ich allerdings längst zu den stolzen Abonnenten, und in meinem Schachinformator-Bücherregal nehmen die inzwischen 115 Ausgaben bereits eine Länge von 2,50 Metern ein – ein Ende dieser Sammlung habe ich nicht im Auge, und auch die Möglichkeit, anstatt des jeweiligen Bandes lieber eine platzsparende DVZ erwerben, habe ich immer verworfen.

 

Meinen Schachschülern freilich leihe ich den jeweils aktuellen Band gern aus, um dann von ihnen zu erfahren, was sie sich als besonders wichtige Anregungen herausgesucht haben.

 

Und in der Tat, die „Bibel der Schachspieler“, die dreimal jährlich erscheint, ist in der Tat trotz aller Datenbanken und Internetangebote wohl nicht nur für mich die wichtigste Informationsquelle geblieben. Zumal sich mit dem neuen Chefredakteur Branko Tadic seit der Nummer 113 inhaltlich ein „Quantensprung“ abzeichnet. Neben den bekannten Rubriken „die zehn besten Partien aus dem vorigen Band“, „Die zehn wichtigsten theoretischen Neuerungen…“ dem Partienteil, geordnet nach dem Informatorschlüssel von A00 bis E99, den Kombinations-, Problem- und Studienkapiteln, dem Statistikteil mit Tabellen und Ergebnissen von allen wichtigen Turnieren weltweit, den aktuellen Eröffnungstrends, Beiträgen zur Schachgeschichte, oder zum Thema „Frauen und Schach“, den Porträts prominenter und vor allem kreativer Schachspieler anhand ihrer besten Partien, wichtigsten theoretischen Neuerungen. Überraschender Züge und Kombinationen sowie eindrucksvoller Endspiele und Spezialstatistiken, ist Garri Kasparow wieder im „Informator-Boot“. In seiner Kolumne „Garry’s Choice“ („Garri’s Auswahl…“) kommentiert der 13. Weltmeister der Schachgeschichte Top-Partien des modernen Schachs. Im aktuellen Band 115 ist es die Partie Anna Musitschuk–Emil Sutovsky, die beim AP Golden Classic im Juli 2012 in Amsterdam gespielt wurde .

 

Als neuer Autor für das Schachinformator-Team konnte auch Mihail Marin gewonnen werden Ich bin sicher, dass er mit seiner ständigen Kolumne „Old wine in new bottles“ (Alter Wein in neuen Flaschen) ein echter Gewinn für das Kompendium ist.

 

Das trifft ganz sicher auch auf das folgende Kapitel „TOP THREE“, wo diesmal Sergej Movsesian, Andrej Wolotkin und Sahar Jefimenko exklusiv Partien vorstellen.

 

Neu ist auch die Serie „Whole Chess World – One Country“. Nach Schweden – hier wurde in Ausgabe 114 die Spieler Berg, Carlsson, Grandelius und Tikkanen vorgestellt – ist es diesmal Serbien mit Ivanisevic, Markus, Perunovic, Sedlak und Popovic.

 

Was die Eröffnungen angeht, sind Englisch (A11), die Pirc-Verteidigung (B07), Caro-Kann (B12), Sizilianisch (B22 und B94), Französisch(C11) und Spanisch (C63 und C80) im Angebot .

 

Weitere inhaltliche Highlights sind die Rubriken „Rising Stars“, die dem Juniorenweltmeister 2012 Alexander Ipatow gewidmet ist, und „In Memoriam“ – hier wird an den im August 2012 verstorbenen Svetozar Gligoric erinnert. Im Porträt wird schließlich der Russe Nikita Witjugow vorgestellt, der jüngst das äußerst stark besetzte Open in Gibraltar Stechen gegen Nigel Short gewann. Ich bin ziemlich sicher, dass wir von diesem 25-jährigen Supergroßmeister noch hören werden.

 

Alles in allem erwarten Sie 339 Druckseiten für 29,50 €. Bestellen kann man den Band 115 vom Schachinformator allen bekannten Schachbuchhändlern, also auch bei unserem Partner ChessWare [www.chessware.de ].

 

Ich würde Ihnen allerdings ein Abo empfehlen, denn dann erhalten Sie jede neue Ausgabe direkt nach Hause geschickt. Bequemer geht es wirklich nicht!

 

Herzliche Grüße, Raymund

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